28.06.2010

SPIEGEL-GESPRÄCH„Weil ich eine Stinkwut hatte“

Klaus Wagenbach über die Toskana-Fraktion und Otto Schily, über Ulrike Meinhof und den Aufstand der 68er, über Liebschaften auf dem Autorücksitz und die Kunst, einen linken Verlag zu leiten, der auch nach 46 Jahren noch nicht pleite ist
SPIEGEL: Herr Wagenbach, Sie haben einen legendären Ruf als linker Verleger und als 68er-Aktivist, weil Sie sich ein Leben lang an der Bundesrepublik abgearbeitet haben. Sie werden nun 80 Jahre alt und könnten heute doch ganz zufrieden sein mit diesem Land, oder?
Wagenbach: Sie wollen natürlich, dass ich jetzt den Heldentenor spiele.
SPIEGEL: Warum nicht?
Wagenbach: Die Bundesrepublik hat einen interessanten Weg zurückgelegt, das ist wohl wahr. Aber: Auch wenn wir Linke immer etwas übertrieben haben mit unseren Forderungen nach mehr Gleichheit, ist heute die Ungleichheit in diesem Land, auf dieser Welt peinlich. Das muss die Gesellschaft auseinanderreißen.
SPIEGEL: Sie wollten mit Ihren Büchern Politik und Gesellschaft verändern. 1964 haben Sie den Wagenbach-Verlag gegründet, der seither politische und literarische Titel veröffentlicht, um etwas zu bewirken. Geht das überhaupt mit Büchern?
Wagenbach: Ich glaube schon. Man kann doch mit Büchern auf manches aufmerksam machen. Und dass uns das oft gelang, lässt sich doch allein schon an den vielen Verfahren und Prozessen gegen uns erkennen. Vom Ermittlungsverfahren wegen Aufforderung zum Verrat militärischer Geheimnisse …
SPIEGEL: … Sie hatten 1962 eine Resolution gegen die Besetzung des SPIEGEL unterzeichnet …
Wagenbach: … bis zur Verurteilung wegen Beleidigung der Polizei. Ich kann mich heute rühmen, der meistangeklagte noch lebende deutsche Verleger zu sein.
SPIEGEL: In Ihrem Verlag hier sieht es recht bürgerlich aus: Ihr Büro mit dem Ohrensessel in Kornblumenblau, Zeichnungen an den Wänden und auf dem Flur. Sie wirken nicht gerade wie ein Revoluzzer.
Wagenbach: Ach, jetzt seien Sie mal nicht so enttäuscht, alles hat seine Zeit. Ich selber bin zwar noch fast jeden Tag hier, aber der Verlag wird ja seit acht Jahren von meiner Frau Susanne Schüssler geleitet …
SPIEGEL: … über 30 Jahre jünger als Sie.
Wagenbach: Ja, und da sie es nun macht, hat sich natürlich manches geändert. Aber meine Frau ist ein durch und durch politisch denkender Mensch, und deswegen haben wir seit drei Jahren auch wieder eine neue politische Reihe im Programm.
SPIEGEL: Sie haben 1969 Ihren Mitarbeitern 50 Prozent des Verlags übergeben. Das Wagenbach-Kollektiv funktionierte allerdings nur wenige Jahre. Warum?
Wagenbach: Die Erklärung ist einfach: Wir haben uns damals alle übernommen. Es wurde Tag und Nacht gearbeitet, es gab überhaupt keinen Unterschied zwischen der Arbeit und der privaten Existenz. Bei den Sitzungen und während des Lektorierens sprangen unsere Kinder herum, wir mussten ständig Leute aus dem Untergrund tage- und nächteweise verstecken, das gehörte dazu, natürlich, aber es brachte auch viel Anspannung mit sich. Dann wurde der Verlag immer wieder von Polizisten gestürmt. Es war alles zu viel. Irgendwann ging das nicht mehr. Es musste ruhiger werden, auch um der Bücher willen.
SPIEGEL: Wie kam es, dass Sie ein Linker wurden?
Wagenbach: Weil ich eine Stinkwut auf diesen Staat hatte, auf den Fehlstart dieses Staates. Die Bundesrepublik war noch Mitte der sechziger Jahre ein entsetzliches Land, grauenhaft. Heute schauen Westdeutsche ja immer mit so einer Herablassung auf die DDR. Aber ich kann Ihnen sagen, die Bevölkerung der Bundesrepublik war in den fünfziger und sechziger Jahren ganz genau so unterwerfungsbereit. 80 Prozent dieser Leute waren immer noch Nazis. Von Adenauer, gewiss kein Nazi, aber ein autoritärer Säckel, gibt es einen Spruch, der mir später eingeleuchtet hat: "Wenn Sie keine saubere Suppe haben, müssen Sie eben eine schmutzige Suppe essen." Es gab ja nur dieses eine Volk.
SPIEGEL: Im Rückblick hat Adenauer seine Sache gar nicht so schlecht gemacht.
Wagenbach: Es ist ihm ganz bestimmt nicht gelungen, dieses Volk besser zu machen.
SPIEGEL: Was genau war so entsetzlich und grauenhaft?
Wagenbach: Da kann ich Ihnen viele Geschichten erzählen. Haben Sie Zeit?
SPIEGEL: Bitte.
Wagenbach: Okay. Autorücksitze zum Beispiel. Die fünfziger Jahre waren eine Ära der Autorücksitze. Wenn man mal ein Ding drehen wollte, war der Autorücksitz der einzige Ort, wo das ging. Wir fuhren tief hinein in den Wald, und dort waren, Sie werden es nicht glauben, Polizisten auf Streife, und wenn die einen erwischten, musste man Strafe zahlen. Erregung öffentlichen Ärgernisses. Und das im Dunkeln!
SPIEGEL: Das klingt auch romantisch.
Wagenbach: Romantisch? Während die Sittenwächter zugucken? Und dann gab es noch das Problem mit den Kondomen. Wissen Sie, wie schwierig es war, an Kondome zu kommen? Selbst in der Apotheke mussten die immer erst aus dem Keller geholt werden. Das war lächerlich und natürlich auch tragisch. Ständig waren Frauen schwanger und mussten
abtreiben. Ich kann mich an eine Geschichte von Romy Schneider erinnern, die sich mal mit einem bekannten Schauspieler im Hotel am Steinplatz in Berlin amüsieren wollte. Der Portier wies die beiden ab. Der Schauspieler ist dann über den Tresen gehüpft und hat den Portier verprügelt. So war das damals. Abenteuerlich.
SPIEGEL: Aber reicht das als Erklärung dafür aus, dass eine ganze Generation auf die Straße ging und ein Teil davon sogar in den Untergrund?
Wagenbach: Nein, die Hauptwut richtete sich gegen das Schweigen der Älteren. Die eigentliche Eskalation kam von außen. Ich war ja dabei, als es begann. Das war im Februar 1966, eine lächerliche Demonstration. Wir waren wohl einige hundert Leute, da flogen dann die ersten berühmten Farbeier auf das Amerika-Haus. Das waren, glaube ich, die Leute, die später die Kommune gegründet haben, schließlich wollten sie auch noch die amerikanische Fahne runterholen. Ich habe denen gesagt: "Nein, das geht nicht, sie waren immerhin unsere Befreier. Aber ich schlage vor, die Fahne auf Halbmast zu hängen." So wurde es gemacht. Am nächsten Tag standen hasserfüllte Berichte in den Zeitungen, allen voran in der Springer-Presse. Drei Farbeier, ein paar Hetzartikel, und die Revolte ging los.
SPIEGEL: Sie waren viel älter als die meisten Demonstranten. In der Presse galten Sie später als der Baader-Meinhof-Verleger, weil Sie das "Bambule"-Buch von Ulrike Meinhof veröffentlicht haben. Wie denken Sie heute über Ihre damalige Rolle?
Wagenbach: Vor allem Ulrike Meinhof war mir nahe, aber ich habe nie verstanden, wie sie auf diesen Weg geraten ist. Ich habe ihr gesagt: "Du kannst schreiben, wir brauchen dich oben, nicht unten, was willst du im Untergrund?" Sie hat leider nicht auf mich gehört. Wenige Wochen vor ihrer Verhaftung war ich bei ihr in Hamburg, ich hatte einen fertigen Fluchtplan. Aber sie wollte nicht.
SPIEGEL: Nach dem Selbstmord von Meinhof 1976 haben Sie eine der Trauerreden auf der Beerdigung gehalten.
Wagenbach: Ich weiß auch nicht mehr, wer mich angerufen und gebeten hat, da eine Rede zu halten. Der Anruf erreichte mich ziemlich spät am Abend vorher. Und bei der Beerdigung selbst kam ich gar nicht richtig ran ans Grab, weil etwa tausend Polizisten uns eingekesselt hatten, man kam nicht vor und zurück. Sogar die Frauen, die mal mussten, durften nicht raus und haben dann im Stehen gepinkelt.
SPIEGEL: Viele Sympathisanten der RAF glaubten, dass der Staat ihr Mörder gewesen sei. Sie teilten schon damals diese Ansicht nicht, gaben aber immerhin den "deutschen Verhältnissen" die Schuld am Tod von Ulrike Meinhof.
Wagenbach: Ja, so habe ich es empfunden.
SPIEGEL: Am Ende Ihrer Rede zitierten Sie Bertolt Brecht: "Ach, wir / Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit / Konnten selber nicht freundlich sein." Funktioniert das: Freundlichkeit durch Unfreundlichkeit erzwingen? Mögen Sie den Satz noch?
Wagenbach: Nein. Kommandos führen zu nichts. Freundlichkeit führt zu vielem.
SPIEGEL: In Ihrer Rede am Grab der Meinhof machten Sie eine merkwürdige Rechnung auf: Sie sagten, die RAF habe fünf Menschen umgebracht, die Polizei aber habe während der Fahndung mehr Leute getötet.
Wagenbach: Das ist mir heute peinlich. Ich wusste eigentlich damals schon, wie verrückt das alles war: sowohl die Reaktion des Staates als auch die Aktionen derjenigen, die im Untergrund agierten.
SPIEGEL: Sie wurden nach der Grabrede von der RAF bedroht. Hatten Sie Angst?
Wagenbach: Natürlich. Mit Gudrun Ensslin
war ja nicht zu spaßen. Ich habe mir damals einen Schlagring in die Tasche gesteckt, der von meinem Urgroßvater stammte. Und bin jeden Tag einen anderen Weg gegangen. Aber es passierte zum Glück nichts.
SPIEGEL: Warum haben Sie dem allen nie abgeschworen?
Wagenbach: Weil die Eskalation auch vom Staat betrieben wurde. Das wird heute gern übersehen. Otto Schily hat in einem Buch, das ich 1976 herausgegeben habe, diese Toten einmal aufgelistet. Augenblick, ich lese Ihnen das mal kurzgefasst vor: Im Juli 1972 fand in Duisburg ein 18-jähriger Lehrling durch Polizeikugeln den Tod. Im Februar 1973 erschoss ein Polizist in Hildesheim einen Lehrling, der trotz Lokalverbots sein Bier austrinken wollte. Im Mai 1973 wurde in Eschwege ein 14-jähriger Junge durch einen Feuerstoß aus einer Maschinenpistole getötet, ein zweiter verletzt. Und weitere fünf Erschießungen. Am Ende steht jedes Mal, typisch Otto, typisch Rechtsanwalt: "Strafrechtliche Folgen für den Schützen: keine. Strafrechtliche Folgen für den Polizeibeamten: keine."
SPIEGEL: Schily hat Sie damals in diversen Verfahren verteidigt, er hat auch RAF-Angeklagte vertreten. Er wurde Jahrzehnte später Innenminister dieses Landes für die SPD. Sind Sie noch befreundet?
Wagenbach: Zu Otto ist hauptsächlich zu sagen, dass er meinen Verlag gerettet hat. Ich war ja dauernd wegen irgendetwas angeklagt. Ich habe den Verlag nur behalten können, weil Otto mich immer wieder rausgehauen hat. Darin war er außerordentlich, auch noch später als Grüner. Mit meiner Italienleidenschaft habe ich ihn in die Toskana-Fraktion gelockt. Dann geriet er ins Innenministerium. Tja.
SPIEGEL: Tja?
Wagenbach: In Italien habe ich gelernt, freundlich auch zum politisch Andersdenkenden zu sein.
SPIEGEL: Sie sind nicht einverstanden mit seiner Entwicklung?
Wagenbach: Ich drücke das jetzt mal ganz höflich aus: Jedes Innenministerium ist qua definitionem ein Haus der Polizei, und Polizisten denken nicht in Freiräumen, sie denken in Verboten.
SPIEGEL: Sie und Ihre Mitstreiter waren 1968 angetreten, um auf die Reste der nationalsozialistischen Ideologie im Staat und im Denken der Bevölkerung aufmerksam zu machen. Der Literaturnobelpreisträger Günter Grass - fast drei Jahre älter als Sie - hat erst spät zugegeben, bei der Waffen-SS gewesen zu sein. Der Germanist Walter Jens musste sich wegen Karteikarten, die ihn als NSDAP-Mitglied auswiesen, rechtfertigen. Erschreckt es Sie, dass Ihre Generation nun selber unter Nazi-Verdacht steht?
Wagenbach: Sie reden hier von Leuten, die während der Nazi-Zeit ganz jung waren: 15, 16, 17. Die haben als Kanonenfutter gedient. Mehr war das doch nicht. Dass darauf heute so herumgeritten wird, das ist typisch für diese Event-Kultur. Da geht es doch nur um Schlagzeilen, um den Effekt, um den Skandal. Grass in der Waffen-SS - das war der "Frankfurter Allgemeinen" eine Titelzeile wert. Ich war ja schon in den fünfziger Jahren sehr mit Grass befreundet und kann bezeugen, dass er damals keinen Hehl daraus gemacht hat, statt der Marine der Waffen-SS zugeteilt worden zu sein.
SPIEGEL: Warum hat er später nicht mehr davon geredet, erst wieder 2006 in seinem Buch "Beim Häuten der Zwiebel"?
Wagenbach: Darüber kann man lange nachdenken. Man weiß nicht immer alles über sich selbst. Man weiß auch nicht immer, warum man erst etwas sagt und es dann unterlässt. Man darf auch nicht vergessen, dass vielen in den sechziger Jahren erst durch die Auschwitz-Prozesse die
Dimension des NS-Grauens klargewor-
den ist. Vielleicht hat Grass dann angefangen, sich zu schämen.
SPIEGEL: Hätte er diese Scham nicht thematisieren müssen?
Wagenbach: Es muss nicht jeder über alles reden. Aber wenn man es schon fordert, dann muss man es auch von allen fordern, übrigens auch von so hohen "FAZ"-Herrschaften wie dem langjährigen Mitherausgeber Joachim Fest, der doch auch zu dieser Generation gehörte. Ich habe nichts von einer Entkleidung aller seiner Würden gehört, gar nichts. Dabei hat er sich auf allerschlimmste Weise hinters Licht führen lassen von diesem Dreckschwein Albert Speer, Hitlers Architekt und Rüstungsminister …
SPIEGEL: Fest hatte mit Speer an dessen "Erinnerungen" gearbeitet.
Wagenbach: Und Fest war ein erwachsener Mann. Wenn man also diesen Fall gegen den Fall Grass hält, dann wird der Fall Grass sehr klein.
SPIEGEL: Sind Sie heute noch mit Grass befreundet?
Wagenbach: Günter und ich hatten uns mal böse zerstritten. Wir sind politisch auseinandergeraten, haben viele Jahre nicht miteinander gesprochen. Er war, wie ich immer gern sage, ein unverbesserlicher Sozialdemokrat und ich ein unverbesserlicher Anarchist. Irgendwann bin ich darauf gekommen, dass der Lyriker Grass etwas unterschätzt wird. Und ich wollte eine kleine persönliche Ausgabe von Grass-Gedichten machen. Also habe ich durch Freunde vorfühlen lassen, und dann kamen positive Nachrichten. Ich bin hingefahren zu ihm und habe gesagt: Wo waren wir stehengeblieben? Er hat gelacht, und die Sache war erledigt. Es wurde ein sehr schönes Buch.
SPIEGEL: Wenn Sie von Grass sagen, dass er während der Nazi-Zeit zu jung gewesen war, um das Regime wirklich beurteilen zu können - wie war denn das für Sie? Sie sind Jahrgang 1930. Sind Sie auch den Verlockungen des NS-Reichs erlegen?
Wagenbach: Gute Frage. Da muss ich nachdenken. Doch, ein Fahrtenmesser wollte ich gern haben, wie alle Pimpfe. Und das habe ich auch gekriegt, natürlich. Aber als ich es hatte, habe ich mich einfach gedrückt und war weg.
SPIEGEL: Waren Ihre Eltern in der NSDAP?
Wagenbach: Nein. Mein Vater, der bei einer Bank angestellt war, hat immer auf meine Mutter gehört, nur einmal nicht. Sie wollte, wie viele Frauen, dass ihr Mann Karriere macht, obgleich sie selbst einen Beruf hatte: als Telefonistin. Irgendwann sagte sie zu meinem Vater: Jetzt tritt mal in die Partei ein! Da hat mein Vater nein gesagt. Ich weiß noch genau, wie er sich dabei mit beiden Händen an den Tisch klammerte und seine Knöchel ganz weiß wurden. Sonst hat er wirklich immer auf sie gehört. Meine Mutter hatte zu Hause die Hosen an. Als sie alt wurden, erfuhr mein Vater vom Arzt, dass meine Mutter sterbenskrank war. Mein Vater sagte es ihr, da hat sie erwidert: Aber Joseph, es war doch ausgemacht, dass du zuerst stirbst! Kurz darauf starb mein Vater, der wirklich kerngesund war, und meine Mutter konnte dann auch in Frieden sterben.
SPIEGEL: Was hielten Ihre Eltern von den Plänen, einen Verlag zu gründen?
Wagenbach: Sie haben sich schon ein bisschen gefürchtet, mich aber nicht gehindert. Mein Vater hat mir sogar ein Grundstück geschenkt, eine Wiese, die ich dann verkauft habe, um das Startkapital zu haben. Heute kann man sagen: Ist ja noch mal alles gutgegangen.
SPIEGEL: Aber zwischendurch war der Verlag fast schon einmal pleite.
Wagenbach: Ja, 1975 standen wir vor dem Konkurs. Die ewigen Prozesskosten hätten uns fast ruiniert. Ich kam zwar nie ins Gefängnis, aber die Gerichte haben uns mit Vergnügen die Kosten des Verfahrens aufgebrummt, das sie dann gern ein wenig in die Länge zogen. Da waren dann schnell 40 000 Mark zusammen. Für uns viel Geld.
SPIEGEL: Es ging in diesen Prozessen oft um vermeintliche Ehrverletzungen.
Wagenbach: Nehmen Sie den Fall des Polizisten Kurras, der 1967 Benno Ohnesorg angeblich aus Notwehr erschossen hat. Ich habe das damals Mord genannt. Die Pointe ist, dass ich bis heute als Einziger in dieser Sache bestraft worden bin. Kurras ist freigesprochen worden. Aber der Kritiker des Vorgangs nicht. Man muss
sich das wirklich auf der Zunge zergehen lassen: Ich wurde wegen der verletzten Ehre eines, wie sich jetzt herausstellt, schießwütigen Herrn im Dienst der Stasi verurteilt.
SPIEGEL: Wie ist es Ihnen trotz dieser Schwierigkeiten gelungen, diesen kleinen, unabhängigen Verlag am Leben zu erhalten?
Wagenbach: Das werde ich dauernd gefragt. Es geht seit 46 Jahren, und das spricht eigentlich für sich. Sie brauchen sich keine Sorgen um uns zu machen.
SPIEGEL: Mit dem Roman "Die souveräne Leserin" von Alan Bennett haben Sie vor zwei Jahren einen echten Bestseller gelandet. Was war das für ein Gefühl?
Wagenbach: Unsere Bücher sind ja mit ihrem Leineneinband, den Prägungen und den mit den per Hand aufgeklebten Bildern sehr aufwendig gefertigt. Und es war gar nicht so leicht, die hohen Auflagen rechtzeitig herzustellen. Einmal habe ich das Buch auf dem Bestsellerregal bei Thalia besucht. Ich glaube, es fror. Es fühlte sich fremd, weil es so anders war als die anderen, die ja dafür gemacht sind, nach drei Monaten wieder aus den Buchhandelsregalen zu fliegen. Meine Bücher sollen hundert Jahre halten. Das ist der Anspruch.
SPIEGEL: Ihr Traum von einem gesamtdeutschen Literaturverlag platzte allerdings schon früh, nachdem Sie Mitte der sechziger Jahre als Erster Bücher von Wolf Biermann druckten. Die DDR, wo der Dichter damals lebte, reagierte mit einem Einreiseverbot für Sie.
Wagenbach: Ich hatte sogar ein Durchreiseverbot, das heißt, ich bekam nicht nur keine Lizenzen mehr aus der DDR, sondern ich musste auch mit dem Flugzeug hier raus, sieben Jahre lang.
SPIEGEL: Und kaum war Biermann im Westen, hat er den Verlag gewechselt. Ist das immer noch eine Wunde?
Wagenbach: Dieser unhöfliche Patron hat seinen Verlag, in dem seine ersten Bücher erschienen sind, nie betreten, nie. Das muss man sich mal vorstellen. Er hätte ja wenigstens sagen können: Hier bin ich, tschüs, ich gehe zu einem anderen Verlag.
SPIEGEL: Sie haben 2001 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse erhalten. Kann so einer wirklich ein echter Linker sein?
Wagenbach: Der Orden, der ist wunderbar. Ich dachte mir, wenn mal wieder ganz schlimme Zeiten kommen und man etwas tun muss gegen den Staat, dann demonstriere ich in der ersten Reihe mit dem Verdienstkreuz an der Brust. Ich will wirklich, dass dies ein gerechter und freier Staat ist. Und nichts anderes.
SPIEGEL: Und Ihre roten Socken tragen Sie dann auch?
Wagenbach: Natürlich, ich bin doch die personifizierte rote Socke. Deswegen macht mir das Bundesverdienstkreuz Freude.
SPIEGEL: Herr Wagenbach, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Literatur und linke Politik
wusste der Verleger, Revoluzzer und Lebenskünstler Klaus Wagenbach, geboren am 11. Juli 1930 in Berlin, immer zu verbinden. Die Bücher des 1964 gegründeten Wagenbach-Verlags zogen sowohl den Zorn der DDRObrigkeit als auch der West-Berliner Justiz auf sich. Wagenbachs besondere Liebe galt von früh an Franz Kafka, dessen Leben und Werk er mehrere Bücher gewidmet hat. Jetzt ist seine Lebensbilanz "Die Freiheit des Verlegers" (352 Seiten; 19,90 Euro) erschienen.
(*1) Bei einer vorläufigen Festnahme in West-Berlin.
(*2) Mit seiner ersten Ehefrau Katharina und dem Schriftsteller Christoph Meckel (2. v. l.) in West-Berlin.
(*3) Mit den Redakteuren Susanne Beyer und Volker Hage im Wagenbach-Verlag in Berlin.
Von Susanne Beyer und Volker Hage

DER SPIEGEL 26/2010
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