28.06.2010

KINOGlamour zum Schleuderpreis

Die Studios MGM und Miramax stehen zum Verkauf - und finden keine neuen Besitzer. Nun sind der nächste Bond-Film und die „Herr der Ringe“-Fortsetzung „Der kleine Hobbit“ gefährdet.
Er war das mächtigste Wappentier Hollywoods. Leo, der Löwe, brüllte im Vorspann Tausender Filme des Studios MGM, das sich einst rühmte, mehr Stars zu haben als der Himmel Sterne. Doch heute kann Leo kaum noch röcheln, und wenn es ganz übel kommt, werden ihm bald auch noch die letzten Zähne gezogen. MGM ist nahe-zu pleite.
Das 1924 gegründete Studio Metro-Goldwyn-Mayer, das Greta Garbo und Clark Gable zu Weltruhm führte, hat 3,7 Milliarden Dollar Schulden. Neuproduktionen wie das Remake des Musicals "Fame" floppten, weitere Filme wurden zurückgestellt. Seit mehr als einem halben Jahr steht MGM zum Verkauf, doch bislang fand sich kein neuer Eigentümer.
Immer wieder wurde die Bieterfrist für MGM verlängert, zuletzt bis Mitte Juli. Danach droht die Insolvenz. MGM werfe "seine sterblichen Überreste auf den Markt", schreibt die "New York Times". Filmstudios, so das Blatt, drohen zu einer "Fußnote" der Finanzwelt zu verkommen. Für MGM hat die Stunde der Spekulanten geschlagen.
Dabei müsste es dem Studio eigentlich blendend gehen. Denn es besitzt Rechte an der James-Bond-Reihe und an dem Roman "Der kleine Hobbit" von J. R. R. Tolkien, dem Autor der "Herr der Ringe"-Trilogie. Damit hat MGM zwei der größten Dukatenesel des Kinos im Stall. Doch dummerweise fehlt das Geld, sie zu füttern.
Weil die Kassen des Studios leer sind, gaben die Produzenten der Bond-Reihe Ende April bekannt, sie müssten die Produktion des neuen 007-Abenteuers auf unbestimmte Zeit verschieben. Ursprünglich sollten die Dreharbeiten noch in diesem Jahr beginnen.
Ende Mai kam der nächste Schock für MGM: Guillermo del Toro, Regisseur der lange geplanten "Hobbit"-Verfilmung, ließ verlautbaren, er müsse nach fast zwei Jahren Arbeit leider aus dem Projekt aussteigen. Solange das Studio keine neuen Eigentümer gefunden hat, besteht keine Hoffnung, dass das gewaltige Budget von 300 Millionen Dollar für das auf zwei Teile angelegte "Hobbit"-Projekt zur Verfügung gestellt wird.
"Das war die härteste Entscheidung meines Lebens", sagte der 45-jährige Regisseur von Filmen wie "Hellboy". "Aber der Druck, der auf diesem Projekt lastete, wurde immer größer. Aber wir bekamen kein grünes Licht."
Hollywood macht sich große Sorgen um die Zukunft seiner Studios, denn MGM ist kein Einzelfall. Auch die Firma Miramax steckt in schweren Turbulenzen und sucht einen Käufer. Das Studio wurde 1979 von den Brüdern Harvey und Bob Weinstein gegründet, schuf Welterfolge wie "Pulp Fiction", "Der englische Patient" oder "Shakespeare in Love" und gewann mehr als 50 Oscars.
Die Gründer verkauften ihre Firma 1993 für 80 Millionen Dollar an den Disney-Konzern. Zehn Jahre später war das Studio mehr als das Zwanzigfache wert. 300 Millionen Dollar weltweit spielte allein das Musical "Chicago" ein. Doch unter dem Dach von Disney explodierten die Budgets der gefeierten Billigfilmer Weinstein plötzlich.
Martin Scorseses Epos "Gangs of New York" verschlang knapp hundert Millionen Dollar, tat sich aber schwer, seine Kosten wieder einzuspielen. Das Zerwürfnis mit dem Disney-Konzern begann schon, als dessen damaliger Chef Michael Eisner den Weinstein-Brüdern verwehrte, eines ihrer Lieblingsprojekte zu realisieren, weil er es für zu aufwendig hielt: die Verfilmung von Tolkiens "Herr der Ringe"-Romanen.
Später gingen die Brüder auf strikte Opposition zu ihrem Mutterkonzern, brachten Michael Moores Dokumentarfilm "Fahrenheit 9/11" in Eigenregie heraus und schieden schließlich gegen eine üppige Abfindung bei Miramax aus. Seither ist es mit Miramax immer mehr bergab gegangen, zum Anfang des Jahres entließ Disney den Großteil des Personals und bietet die Tochterfirma nun zum Verkauf an.
Miramax wurde vor fünf Jahren noch auf einen Wert von etwa zwei Milliarden Dollar taxiert. Inzwischen verlangt Disney für das Studio rund 700 Millionen Dollar. Noch schlimmer erwischte es MGM. 2004 wurde das Studio vom Elektronik- und Medienkonzern Sony mit Hilfe von Finanzinvestoren für fünf Milliarden Dollar erworben, heute findet das Studio nicht mal für ein Drittel dieser Summe einen Käufer.
Dieser Werteverfall zweier Studios ist bedrohlich und hat weniger mit der Finanzkrise zu tun, die sich mit mehr als einem Jahr Verzögerung nun auch auf das Kino auswirkt. Tatsächlich geht es darum, dass sich die Geschäftsmodelle Hollywoods gerade radikal verändern.
MGM war lange ein begehrtes Objekt. Der Milliardär Kirk Kerkorian kaufte und verkaufte das Studio zwischen 1969 und 2005 gleich dreimal, und während er daran verdiente, erhöhte sich der Schuldenberg des Unternehmens. Doch der Wert von MGM stieg weiter. Der Grund dafür war die rund 4000 Titel umfassende Filmbibliothek, an der MGM die Rechte besitzt.
Dazu zählen Klassiker wie "Mata Hari" und "Ein Amerikaner in Paris", "Ben Hur" und "2001: Odyssee im Weltraum". Und dazu zählen auch die Produktionen des früheren Konkurrenten United Artists, den MGM in den achtziger Jahren übernahm: die James-Bond-Reihe, die "Rocky"-Filme. Zu Zeiten des DVD-Booms mit zweistelligen Zuwachsraten waren diese Rechte Gold wert.
Viele Jahre lang zehrte MGM von seiner Backlist, die glorreiche Vergangenheit finanzierte die trostlose Gegenwart. Die Einnahmen aus dem DVD-Geschäft und dem Verkauf der TV-Ausstrahlungsrechte ermöglichte dem Studio große Produktionen wie die Neuauflage der "Rosarote Panther"-Reihe.
Doch Filmrechte haben in den vergangenen Jahren rasant an Wert verloren. Fernsehsender zahlen inzwischen deutlich weniger, weil alte, gar schwarzweiße Filme immer geringere Einschaltquoten erzielen und selbst die TV-Premieren neuer Blockbuster keine Straßenfeger mehr garantieren.
Und die Einnahmen aus dem Verkauf und Verleih von DVDs sanken in den USA von 2006 bis 2009 um alarmierende 18 Prozent. Der DVD-Umsatz von MGM ging von fast 400 Millionen Dollar im Geschäftsjahr 2008 auf zuletzt nur noch 70 Millionen zurück. Der Markt war übersättigt, weil jeder Kinofan seine Lieblingsfilme schon im Regal hatte.
Sony, der neue Besitzer von MGM, entwickelte das Blu-ray-System, um deren Filme in dem hochauflösenden Format abermals auszuwerten. Doch die Blu-ray-Verkäufe blieben weit unter den Erwartungen.
Eine jüngst veröffentlichte Studie des Marktforschungsinstituts Screen Digest prognostiziert, dass die Erlöse aus den DVD- und Blu-ray-Verkäufen außerhalb Nordamerikas kontinuierlich sinken werden.
Wohl zum ersten Mal in der Geschichte der Unterhaltungselektronik wirkte ein Produkt bereits in dem Moment, als es auf den Markt kam, wie von gestern, denn schon heute können sich Kinofans Filme über das Internet frei Haus liefern lassen. Warum sollten sie sich eine Blu-ray-Disc ins Regal stellen?
"Die Menschen kaufen keine klassischen Filme mehr, weil sie glauben, dass DVDs aussterben", sagt Joe Patrick, der bei MGM für Lizenzverkäufe in Nordamerika zuständig ist. "Das wird eine sich selbst erfüllende Prophezeiung."
Zunehmend ratlos registrieren die Studios, wie ihre Archive, auf die sie so stolz sind und mit deren Schätzen sie viele Jahre lang wuchern konnten, an Wert verlieren. Miramax, das im Vergleich zu MGM noch relativ jung ist, verfügt immerhin auch schon über rund 700 Titel.
Jetzt treten Finanzjongleure wie David Bergstein auf den Plan, der Miramax zusammen mit Investoren erwerben will und offen bekennt: "Ich habe 60 Filme finanziert - war aber noch nie bei Dreharbeiten." Der Versuch der Brüder Weinstein, ihre Firma zurückzukaufen, ist jedenfalls vorerst gescheitert.
Dies scheint ein vorläufiger Endpunkt der vielleicht traurigsten Geschichte in der jüngeren Vergangenheit Hollywoods zu sein. Sie handelt von einer erfolgreichen Independent-Firma, die von einem Großkonzern aufgekauft wird, sich übernimmt, ihre Unabhängigkeit verliert und fast als Konkursmasse auf den Markt geworfen wird.
Nun steht Hollywood mit sinkenden Einnahmen und wachsenden Kosten da und muss mitansehen, wie jene beiden Studios, die stets als Synonym für erfolgreiches Qualitätskino galten, zu Schleuderpreisen feilgeboten werden.
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 26/2010
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