28.06.2010

Grüner wird's nicht

Filmkritik: „Für immer Shrek“, das Ende eines Hollywood-Märchens
Es war einmal ein Königreich mit einer Trutzburg im Wappen, einem Alleinherrscher auf dem Thron und ein paar ehrgeizigen Kronprinzen dahinter, die darauf hofften, dass der König irgendwann vom Aufsichtsrat gefeuert werden würde. Das Königreich war der Disney-Konzern, und der Kronprinz mit dem größten Ego hieß Jeffrey Katzenberg. Prinz Jeffrey produzierte bei Disney Zeichentrickfilme wie "Der König der Löwen", und alle glaubten, dass er es bis auf den Thron schaffen würde, er selbst erst recht.
Das Märchen endete 1994 mit einem Riesenkrach. Erst wurde Jeffrey Katzenberg bei einer Beförderung übergangen, schließlich flog er ganz bei Disney raus. Er erkämpfte sich eine Abfindung von mehr als 300 Millionen Dollar, aber vor allem wollte er Rache nehmen an Disney für die erlittene Demütigung. Noch im selben Jahr gründete Katzenberg gemeinsam mit dem Regisseur Steven Spielberg und dem Musikmanager David Geffen ein eigenes Studio, Dreamworks, wo er sich vor allem um Trickfilme kümmerte.
Katzenbergs große Revanche kam 2001 in Gestalt von Shrek, einem grünen Monster, das furzend und rülpsend durch eine Fabelwelt zog, um eine schöne Prinzessin zu retten. "Shrek" war einer der ersten komplett am Computer erstellten Animationsfilme, der auch Erwachsene begeisterte, eine Märchenparodie, die die Konkurrenz von Disney sehr alt aussehen ließ und mit bösen Gags auch noch deren Heile-Welt-Ideologie verhöhnte.
Der Gegner von Shrek, ein kleiner Despot, hatte verblüffende Ähnlichkeit mit Katzenbergs ehemaligem Chef und wohnte in einem Schloss, das dem Disney-Logo nachempfunden war.
Am Ende durfte gefeiert werden, bei Shrek und bei Dreamworks: Das grüne Monster heiratete die Prinzessin, der Film gewann einen Oscar, spielte mehrere hundert Millionen Dollar ein, und Katzenberg konnte vor Kraft kaum noch laufen.
"Es wird nach einem Happy End / Im Film jewöhnlich abjeblendt", schrieb einst Kurt Tucholsky, ein Dichter also, kein Studiomanager wie Katzenberg, der bei Disney gelernt hatte, wie man Filme in langlebige Markenartikel verwandelt. Shrek musste immer neue Kinoabenteuer bestehen, in Singapur baute man einen "Shrek"-Themenpark, und am New Yorker Broadway wandelte sich Shrek - wie "Der König der Löwen" - zum Helden eines Musicals, das wiederum abgefilmt wurde für die "Shrek"-Musical-DVD. Sogar ein "Shrek"-Ketchup, grün natürlich, kam in die Supermärkte.
Diese Woche startet der vierte "Shrek"-Spielfilm in den Kinos, es soll, dem Titel "Für immer Shrek" zum Trotz, angeblich der letzte sein. Doch wie erzählt man ein Märchen neu, das schon drei Happy Ends hinter sich hat?
Die Macher von "Für immer Shrek" um Regisseur Mike Mitchell sind selbstbewusst genug, sich über den Ausverkauf der eigenen Figur lustig zu machen. Im Film ist Shrek, das furchterregende Monster von einst, endgültig domestiziert, die Märchenwelt eine Touristenattraktion. Mit einer Kutsche werden Besucher durch Shreks Sumpf gefahren und schießen Fotos von ihm und seiner Familie.
Ansonsten erleidet Shrek das Schicksal vieler normaler Ehemänner und Väter mit Kleinkindern: notorische Übermüdung, verbunden mit einer stumpfen Routine aus Chaosmanagement und Windelnwechseln (eine unwiderstehliche Gelegenheit für die Drehbuchautoren, noch ein paar Flatulenzwitze unterzubringen), bisweilen ins Unerträgliche gesteigert durch das Genörgel der Gattin. Fiona, die Geliebte von einst, erweist sich als Shrek-Schraube, eine Ehekrise bahnt sich an.
Knapp zehn Jahre nach seinem Debüt ist Shrek ein Ex-Monster in der Midlife-Crisis. Ein paar Szenen lang scheint es so, als habe jemand ein Remake von Ingmar Bergmans "Szenen einer Ehe" gedreht, diesmal mit grünen Männchen aus dem Computer.
Das hält man nicht lange aus, als Zuschauer nicht und als Shrek schon gar nicht. Bei einer Kinderparty dreht er durch und zermatscht eine Torte. Shrek will sein wildes altes Leben zurück, er bekommt es, fast jedenfalls, nach einem faustischen Pakt mit Rumpelstilzchen.
Rumpelstilzchen ist in diesem Fall kein Kose-name für ein Mitglied der Bundesregierung, sondern ein kleinwüchsiger Trickser, der mit allen Mitteln König werden will. Shrek verliert das Bewusstsein, und als er wieder zu sich kommt, muss er ein paar der in den alten Filmen bereits absolvierten Prüfungen erneut bestehen.
Fast jeder Fortsetzungsfilm beruht auf der Idee: das Gleiche noch einmal, aber größer, bunter und am besten in 3-D! "Für immer Shrek" macht aus dem Déjà-vu ein dramaturgisches Prinzip. Das kann man, vornehm ausgedrückt, selbstreferentiell nennen oder einfallslos. Vom scharfen Witz insbesondere des ersten "Shrek"- Films ist nicht mehr viel übrig, Attacken auf Disney fehlen ganz.
Im Dezember wird Jeffrey Katzenberg 60 Jahre alt. Den Thron bei Disney wird er nicht mehr besteigen, aber sonst hat er in Hollywood alles erreicht.
Er könnte jetzt aufhören, wie Shrek - solange die Nachrufe noch hymnisch ausfallen.
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 26/2010
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