28.06.2010

PALÄOANTHROPOLOGIE„Er konnte sogar rennen“

Owen Lovejoy, 67, Anthropologe an der Kent State University in Ohio, über einen neuen Hominidenfund in Äthiopien
SPIEGEL: Sie haben die Entdeckung eines 3,6 Millionen Jahre alten Skeletts verkündet, das zur selben Art wie die berühmte "Lucy" gehört. Was zeichnet den "Kadanuumuu"-Mann, wie Sie ihn nennen, aus?
Lovejoy: Er ist teilweise besser erhalten als "Lucy" und mit rund 1,60 Meter deutlich größer. "Lucy" war vermutlich ungewöhnlich klein für ihre Art. Das neue Skelett zeigt uns nun, dass Australopithecus afarensis bereits sehr gut laufen und sogar schon rennen konnte. Das Längenverhältnis zwischen Armen und Beinen gleicht viel eher dem des Menschen als beispielsweise dem eines Schimpansen. Der aufrechte Gang wie beim heutigen Menschen wurde also viel früher erfunden als bislang angenommen.
SPIEGEL: Vergangenen Herbst haben Sie und Kollegen einen anderen Hominiden aus Äthiopien beschrieben, der noch 800 000 Jahre früher lebte. Was unterschied dieses Weibchen namens "Ardi" von "Kadanuumuu"?
Lovejoy: Zwar konnte "Ardi" auch schon gut aufrecht gehen, sie war aber noch keine effektive Läuferin. Sie hatte noch keine Fußwölbungen, um die Stöße beim Rennen abzufedern. Sie suchte noch Zuflucht auf Bäumen und schlief dort auch. "Kadanuumuu" dagegen zog schon durch die offene Savanne. Die Füße des Australopithecus afarensis waren den unsrigen bereits sehr ähnlich. Nur die Zehen waren länger.
SPIEGEL: Was trieb ihn aus dem Wald?
Lovejoy: Wahrscheinlich die Überbevölkerung. "Kadanuumuu" und seine Artgenossen haben sich sehr erfolgreich vermehrt. Ihre Knochen finden sich mehrfach in Nordost- und Ostafrika.
SPIEGEL: Woher kam der Erfolg?
Lovejoy: Die Art hatte vermutlich ein ausgeprägtes Sozialverhalten. Gegen Raubtiere kann sich nur zur Wehr setzen, wer kooperiert. Und auch die Jungenaufzucht geht gemeinsam besser. Menschen sind gut darin, weil Eltern kooperieren. Das war auch bei Australopithecus afarensis so. Ganz anders beispielsweise bei Schimpansen: Da sind die Männchen vorwiegend mit sich selbst beschäftigt.

DER SPIEGEL 26/2010
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