28.06.2010

WELTMEISTERSCHAFTDie Elefanten sind tot

Bei der ersten WM auf afrikanischem Boden wollten die besten Nationalmannschaften des Kontinents endlich einmal um den Titel mitspielen. Doch schon nach der Vorrunde dominieren wieder die Teams aus Europa und Südamerika das Turnier. Von Alexander Osang
Irgendwann in der zweiten Woche der Weltmeisterschaft verblasste der Eindruck, dass wir in Afrika waren. Schwer zu sagen, wann genau das passierte und wo, aber in den Minuten, nachdem die Gastgeber in der unscheinbaren Stadt Bloemfontein aus dem Turnier ausgeschieden waren, spürte man es deutlich. Etwa hundert Journalisten rannten im Bauch des Stadions nach unten, wo ein Zelt aufgebaut worden war, in dem die Pressekonferenz mit den Trainern Frankreichs und Südafrikas stattfinden sollte, sowie mit dem Budweiser-"Man of the Match". Als sie angekommen waren, versperrten ihnen ein paar Sicherheitskräfte den Weg.
Was ist denn los, riefen die Journalis-ten, und die südafrikanischen Sicherheitskräfte, zwei Männer und eine Frau in blauen Uniformen, weigerten sich zunächst, eine Antwort zu geben. Aber die Journalisten wurden immer ungehaltener, bis die Frau in der Uniform sagte: "Unser Präsident Zuma war noch bei der Mannschaft und verlässt in diesem Moment das Stadion. Wir sichern hier seinen Rückweg. Haben Sie Geduld. Sie können gleich weiter."
Da wurden die Journalisten richtig sauer. Wir sind hier bei einer Weltmeisterschaft und nicht bei einem Staatsempfang, schrie einer. Lassen Sie uns durch, ein anderer. Wir müssen hier unsere Arbeit machen. Wir sind hier nicht zum Vergnügen. Die Ersten drängelten gegen die Sicherheitsbeamten, die Glastüren bogen sich leicht, und dann kam der Präsident. Ein kleiner Mann mit einer grün-rot-gelben Schärpe geschmückt, umspült von seiner Entourage, zehn Männern in Anzügen und zwei Frauen in bunten, wehenden Gewändern. Sie liefen mit schnellen Schritten vorbei und verschwanden in der Dunkelheit, unauffällig und geschlagen. Sie sind die ersten WM-Gastgeber der Geschichte, die bereits in der Vorrunde ausgeschieden sind. Sie haben sich hoch verschuldet, um diese WM ausrichten zu können, und es ist fraglich, ob das Geld jemals zurückkommt, aber ihre Gäste hatten bald Redaktionsschluss.
Die Türen öffneten sich, und die Journalisten drängten in das weiße Zelt, um sich einen beleidigten, älteren französischen Fußballtrainer anzusehen und danach einen älteren, zufriedenen Brasilianer. Dazwischen erschien ganz kurz der todtraurige südafrikanische "Man of the Match" Katlego Mphela, um sich seinen Budweiser-Pokal abzuholen, eine Art Buschtrommel. Er hatte die Hoffnungen seines Landes lange Zeit hochgehalten, er hatte das 2:0 geschossen und beinahe das 3:0. Es gab zwei Fragen an ihn, Verlegenheitsfragen, dann nahm er seine Budweiser-Buschtrommel und ging.
All die gutgemeinten, volkstümlichen Südafrika-Berichte, die Zeitungen und Fernsehsender in den Wochen vor der Weltmeisterschaft verstopften, waren in diesem Moment vergessen, es ging jetzt nur noch um Fußball. Wir hätten überall sein können. So wie der Brasilianer Carlos Alberto Parreira, der die südafrikanische Mannschaft auf diese Weltmeisterschaft vorbereitet hatte.
Parreira hat Mannschaften aus fünf verschiedenen Ländern zur WM geführt, 1994 gewann er mit Brasilien den Titel, meist aber ist er in der Vorrunde ausgeschieden. 1998 war es Saudi-Arabien, davor Kuwait, diesmal Südafrika. Sie haben ihn gemocht hier, weil er nach einer Pause zurückkam zu ihnen, nach einer schweren Krankheit seiner Frau. Er schämt sich für die arroganten südamerikanischen Neureichen, die sich hier teilweise benehmen, als gehörte ihnen Südafrika. Er hat aus einem niedergeschlagenen Team eine Mannschaft geformt, die Frankreich vom Platz fegte. Er hat versucht, das Land zu verstehen, aber es ist eben nicht sein Land. Er geht nach Brasilien zurück, wo er in seinem Landhaus impressionistische Bilder malen will. Wenn sich Bafana Bafana für die WM 2014 in Brasilien qualifizieren sollten, führe ich sie gern ein bisschen rum, sagt Parreira zum Abschied. Ein alter Mann, der völlig mit sich im Reinen scheint.
Eine halbe Stunde später schlichen die letzten südafrikanischen Spieler zum Mannschaftsbus, sie trugen schwarze Anzüge und riesige, goldene Krawatten, die aus ihren Hemdkragen quollen. Siphiwe Tshabalala, der im ersten Spiel das vorerst berühmteste Tor Afrikas schoss, sieht winzig aus. Fünf Tage lang war er ein Held. Ein Junge aus Soweto, der das erste Tor dieser WM schoss, eine märchenhafte Figur. Der Moment, in dem sein Ball in die lange Ecke segelte, bescherte Südafrika endlich einmal eine große Geschichte, die nichts mit dem Kampf gegen die Apartheid zu tun hatte. Tshabalala hätte zu einem Volkshelden werden können beim Spiel gegen Uruguay, das am 16. Juni stattfand, dem Tag, an dem Südafrika Hector Pietersons gedenkt, des zwölfjährigen Jungen aus Soweto, der beim Schüleraufstand 1976 von der Polizei erschossen wurde. Aber sie verloren das Spiel, Siphiwe Tshabalala rannte vergebens, das Märchen war zu Ende.
Was hat ihnen denn Präsident Jacob Zuma in der Kabine gesagt?
"Er hat uns Mut zugesprochen", sagt Tshabalala. "Er hat gesagt, dass wir jetzt nach vorn schauen müssen."
Draußen auf den Straßen jaulen die Vuvuzelas, die vorhin im Stadion noch einmal so laut waren wie am Anfang, aber sie werden bereits leiser. Zwei Stunden später hört man sie im Zentrum von Bloemfontein nur noch vereinzelt krähen. Es ist, als löse sich all die Hoffnung in wenigen Stunden auf.
In einer Kneipe in der Innenstadt sitzen zwölf schwarze Männer, die aus Johannesburg angereist sind, um ihre Mannschaft anzufeuern, und sehen sich das Nigeria-Spiel im Fernsehen an. Ihre Vuvuzelas liegen in ihrem Schoß, und als Nigeria in Führung geht, blasen sie hinein, aber dann gleicht Südkorea aus, geht in Führung, und sie verlieren das Interesse. Als die Nigerianer in der zweiten Halbzeit um den Sieg kämpfen wie um ihr Leben, streiten die Männer über die Rolle der schwarzen Mittelschicht sowie die Vor- und Nachteile eines sozialistischen Südafrikas. Dann ist auch Nigeria nicht mehr dabei. Die Superadler sind abgestürzt, und auch den Löwen aus Kamerun und den Elefanten von der Elfenbeinküste geht es nicht gut. Die Männer trinken noch ein Abschlussbier und gehen ins Bett.
Am nächsten Tag loben die Zeitungen ihre tapfer kämpfenden Fußballer. Aber an der schnurgeraden Straße nach Johannesburg stehen diesmal keine Kinder und Landarbeiter mit südafrikanischen Fahnen und strahlen die Autofahrer an, die jetzt nur noch nach Hause fahren und nicht mehr in die Zukunft. Als die Sportjournalisten der großen südafrikanischen Zeitungen vor zwei Wochen ihre Tipps abgaben, waren einige dabei, die Südafrika im Halbfinale sahen, manche sogar im Finale. Es gab Weltmeistertipps für Kamerun, für Ghana und die Elfenbeinküste. Die Gäste aus Europa und Südamerika mussten lächeln, als sie das lasen. Und dieses Lächeln sagt genauso viel über diese WM aus wie der grenzenlose Optimismus der Gastgeber.
In Soweto, der größten und berühmtesten Township des Landes, sind die Straßen mit den wackeligsten Häusern am buntesten geschmückt. Die Menschen hier können sich vielleicht kein Ticket leisten, aber sie haben riesige WM-Maskottchen auf ihre Straßen gemalt. An den Hütten stecken amerikanische, brasilianische und deutsche Fahnen. Romae Kesimolotse hat die italienische Fahne am Zaun, er sagt, dass er jetzt, da Bafana Bafana ausgeschieden ist, Italien unterstützt, den Weltmeister. Er hat wieder aufs falsche Pferd gesetzt, aber so wie er lächelt, weiß er das noch nicht, und es ist die Frage, ob es darauf ankommt.
Auf einem sandigen Platz in Sowetos White City, die so heißt, weil hier einst die Unterkünfte weißer Polizisten standen, spielen ein paar Jungs Fußball auf Bierkästen. Eine der Mannschaften heißt Black Aces, und dies ist eine Art Meisterschaftsspiel, was überrascht, weil kaum Luft im Ball ist, weil der Platz mit Knochen und Glassplittern übersät ist und alle Spieler unterschiedliche T-Shirts tragen. Meistens sind es nur Unterhemden oder Pullover, einer trägt ein Phantasietrikot der argentinischen Mannschaft mit Messis Namen auf dem Rücken, Bafana-Bafana-Jerseys gibt es nicht. Aufgeschlossene Soweto-Touristen denken sofort, dass sich die Jungs nicht mal die Trikots der eigenen Mannschaft leisten können, aber das stimmt nicht, sagt Ruw Mundli.
Ruw Mundli ist 17 und der Captain der Black Aces. Er lacht, wobei man sieht, dass ihm ein Einser im Oberkiefer fehlt. Sein Held ist Mphela, der unglückliche Torschütze gegen Frankreich, der auch hier in der Gegend groß wurde, sagt er, und der nun einen Brillanten im Ohr trägt.
"Natürlich haben wir alle Bafana-Bafana-Trikots. Aber an einem solchen Tag können wir die nicht tragen. Wir sind frustriert. Das ist alles", sagt Ruw Mundli.
Wird er dennoch weiter die Weltmeisterschaft verfolgen?
Ruw Mundli zuckt mit den Schultern und sagt: "Klar".
Sein Präsident Zuma hat das Volk aufgefordert weiterzufeiern, nachdem die eigene Mannschaft ausgeschieden ist. Sie sind ja immer noch Gastgeber. Aber es ist nicht einfach. Der größte Fanpark von Soweto, in Rockville, ist an diesem Tag wie ausgestorben. Nicht eine Vuvuzela unterbricht den Mann, der auf der Großbildleinwand das Spiel England gegen Slowenien kommentiert. Als Südafrika spielte, waren hier Zehntausende, heute sind es 500. Vielleicht 400 davon sind weiß. Sie sind in englische Fahnen gehüllt oder in die praktische, hochwertige Kleidung, an der man Deutsche im Ausland erkennt. Später, als es dunkel wird, als England sich ins Achtelfinale gewurstelt hat, und die Deutschen ihren Mannschaftsbus besteigen, um zum Soccer-City-Stadion zu fahren, wo sie Ghana besiegen werden, kommen ein paar wenige Zuschauer aus den umliegenden Vierteln in den Fanpark. Sie schauen irritiert auf die deutschen und englischen Grüppchen, die verloren zwischen den Plastikzelten der Sponsoren herumstehen und über die Aussichten ihrer Teams philosophieren. Es sieht aus, als gäbe es hier, mitten in Soweto, gerade wieder eine weiße Stadt.
An den Laternenpfählen, die am Rande der Straßen stehen, die aus Soweto zum nahen Soccer City führen, kleben die Werbeplakate der Boulevardzeitungen. Der "Star" ruft: "Ghana, rette die Hoffnung Afrikas!"
Das klappt fast. Aber die ghanaischen Spieler, die nach dem Spiel durch die Mixed Zone laufen, sehen aus, als erdrücke sie all die afrikanische Hoffnung. Philipp Lahm, Sami Khedira und Per Mertesacker geben, nass gescheitelt, den Kulturbeutel unterm Arm Interviews für die deutsche Presse, die Ghanaer huschen im Hintergrund vorbei. Es hat auch kaum jemand eine Frage an sie. Natürlich gibt es Interesse an der Meinung von Kevin-Prince Boateng, dem afrikanischen Berliner, aber der will nicht reden, obwohl er einer der stärksten Spieler seiner Mannschaft war. Er marschiert mit entschlossenem Gesicht an den Mikrofonen vorbei.
Der Generalsekretär des ghanaischen Fußballverbandes dagegen gibt gern Auskunft. Ein großer, schwerer Funktionär mit blutunterlaufenen Augen und dem Namen Kofi Nsiah. Er erzählt von der Solidarität der afrikanischen Mannschaften, von der einzigartigen Gelegenheit. Er ist stolz, dass sie Afrika in der Endrunde repräsentieren können.
Stört es ihn, wenn sich andere Afrikaner darüber beschweren, dass Ghana nicht mehr afrikanisch spiele, seit der serbische Trainer da ist?
"Nein", sagt der Generalsekretär. "Der Trainer hat unseren Spielern Disziplin beigebracht. Das ist gut, vor allem in der Abwehr. Darüber hinaus werden wir immer afrikanisch spielen, der Rhythmus, die Leichtigkeit, das bleibt. Und wissen Sie, unser Trainer will das auch. Er ist ein Ghanaer geworden. Er isst unser Essen, er betet mit uns, und gestern hat er sogar mit der Mannschaft getanzt."
Wenn man Milovan Rajevac so anschaut, kann man ihn sich kaum tanzend vorstellen. Er sieht müde, ungekämmt und immer ein wenig verzweifelt aus, wenn er an der Trainerbank steht. Er scheint die Frage nach dem Tanz mit der Mannschaft auch nicht zu verstehen, was aber auch an seinem Übersetzer liegen mag, einem runden, aufgeregten Mann, der an ihm klebt wie eine Handpuppe an einem Bauchredner. Rajevac spricht nur Serbisch, und sein Dolmetscher spielt auch Emotionen mit, die der Trainer nicht vermittelt. Er redet davon, wie sich Rajevac auf Ghana eingestellt hat, wie er die Mannschaft verjüngte, die Abwehr verstärkte und fasst seine Gesprächspartner dabei an den Unterarm. Milovan Rajevac ist jetzt seit fast zwei Jahren in Ghana, natürlich nie die ganze Zeit, aber sooft, wie es geht, sagt sein Dolmetscher. Der Serbe lächelt verständnislos und freundlich, er ist das Gesicht des afrikanischen Gasttrainers. Ein Fremder, der europäische Tugenden nach Afrika bringen will. Ein Missionar.
Es ist offenbar schwer, eine wirklich afrikanische Weltmeisterschaft zu veranstalten, selbst in Afrika.
Der ghanaische Verband hat zum Spiel gegen Deutschland 3000 Landsleute nach Johannesburg einfliegen lassen, damit überhaupt jemand da ist. Mit ein paar von ihnen hat sich Dirk Niebel, der deutsche Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, in der Halbzeitpause fotografieren lassen. Niebel ist für zwei Tage nach Südafrika gekommen, um den, wie er sagt, "Omnibuseffekt" der Weltmeisterschaft zu nutzen. In diesen Tagen habe er riesengroße Aufmerksamkeit für seine Projekte, sagt Niebel. Seine Delegation hat sich das Spiel angesehen, einen Bolzplatz eingeweiht und rollt am nächsten Tag mit riesigem Omnibuseffekt in Soweto ein. Drei schwarze deutsche Limousinen, davor zwei südafrikanische Polizeiwagen mit Blaulicht und hintendran noch mal zwei. Die Leute am Straßenrand staunen, als treffe der König von Sambia ein.
Niebel besucht ein Berufsausbildungszentrum, das mit deutschen Entwicklungshilfegeldern gefördert wird. Seine Wagenkolonne blockiert den ganzen Hof, auf dem ein paar Lehrlinge Fliesen legen, Wände putzen und Dächer decken. Es sind kleine Häuser, die sie hier bauen, Häuser, wie sie in Soweto stehen. Die Bundestagsabgeordnete der Grünen, Priska Hinz, möchte gern wissen, welche Techniken für energiesparende Häuser hier erlernt werden.
Alle schauen sich verstört an, bevor ein deutscher Entwicklungshelfer sagt: Das Wetter ist natürlich anders hier, und es gibt auch weniger Geld. Priska Hinz nickt nachdenklich.
Nach dem Rundgang sagt Niebel stolz, er habe Sepp Blatter gestern Abend auf der Ehrentribüne gesagt, dass es besser gewesen wäre, die WM-Maskottchen in Afrika und nicht in China produzieren zu lassen. Sie wollten das Know-how voriger Weltmeisterschaften, natürlich vor allem der perfekten deutschen Sommermärchenweltmeisterschaft hierher transportieren, sagt er. Aber es sollte doch ein afrikanisches Turnier bleiben.
Ist es das?
Absolut, sagt Niebel.
Aber was ist denn so afrikanisch an dieser Weltmeisterschaft?
Niebel überlegt einen Moment. Dann sagt er: "Bunt. Sie ist so bunt."
Er hat eine Aids-Schleife am Revers und ein Abzeichen, das den afrikanischen Kontinent zeigt und mittendrin, im Herzen Afrikas gewissermaßen, den deutschen Bundesadler. Etwa zur gleichen Zeit erklärt Arne Friedrich auf der Pressekonferenz im deutschen Mannschaftsquartier: "Ich hoffe für die Menschen hier, dass es bergauf geht, weil ich glaube, dass sie es absolut verdient haben."
Die Welt ist wieder in Ordnung. Die Afrikaner sind die Farbtupfer, die sie immer waren. Die Südamerikaner und Europäer sind weitgehend unter sich. Das südafrikanische Fernsehen preist das letzte, bedeutungslose Spiel Kameruns als "Spiel der Ehre" an, als ermuntere es eine Kindermannschaft, nicht den Kopf hängen zu lassen. Man kann im Gesicht von Samuel Eto'o gut lesen, was hier mit ihnen passiert ist. Als er den Ausgleich gegen Holland schießt, schaut er ernst, beinahe niedergeschlagen. Vor knapp einer Woche, als er im Stadion von Pretoria das Führungstor gegen Dänemark erzielte, rannte er entfesselt in die Stadionecke, wo die kleine Gruppe von Fans saß, die aus seinem Heimatland Kamerun angereist war, schrie und ballte die Fäuste, als wollte er die Welt einreißen. Er hatte gerade die Champions League gewonnen, aber das hier war wichtiger. Es war mehr als Fußball. Dann konterten die Dänen zweimal, und die Revolution des Samuel Eto'o war vorbei. Die unbezähmbaren Löwen waren gestorben.
Die "Daily Sun", Südafrikas größte Boulevardzeitung, behauptet gleich unter ihrer Titelzeile, das WM-Blatt Nummer eins zu sein, aber seit Bafana Bafana aus dem Turnier flog, hatten sie keinen Fußball-Titel mehr. Heute haben sie einen Mann auf der ersten Seite, der im Bordell nicht bezahlen wollte und deswegen nackt ausgezogen und auf die Straße geschickt wurde. Die erste Fußballnachricht erscheint im Mittelteil.
"Dieser verdammte Fußball verkauft sich einfach beschissen", sagt Deon du Plessis, der Herausgeber der "Daily Sun". "Gestern ist Italien rausgeflogen, aber das interessiert hier keine Sau. Wenn Brasilien ausscheidet, machen wir wieder einen Titel. Vielleicht." Du Plessis ist einer der Blattmacher, von denen man glaubte, sie seien ausgestorben. Er sieht aus wie eine 150-Kilogramm-Variante von Mister Magoo, er baut in jeden zweiten Satz ein "Fuck" ein, seine Nase ist rot, aber sein Herz ist riesengroß.
Er kennt all die Argumente, die gegen die WM sprechen. Die teuren Karten, die Schulden, die sie machen mussten, um die Fifa-Bedingungen zu erfüllen, die schwachen Afrikaner, die nachlassende Begeisterung, aber es interessiert ihn nicht. Er hat keine Ahnung von Fußball, aber er findet diese Weltmeisterschaft wunderbar.
"Wissen Sie, wir waren jahrelang durch die beschissene Apartheid isoliert. 95 Prozent der Südafrikaner waren nie im Ausland. Und jetzt ist die Welt hier. England, Brasilien und von mir aus auch das durchgeknallte Frankreich. Sie sind hier. Wir sehen sie. Das ist alles ungeheuer gut für unser Selbstbewusstsein. Natürlich haben alle gedacht, die kriegen das nicht hin. Aber jetzt sehen sie: Wir kriegen das hin. Und am Ende ist es auch gut für den Fußball. Die afrikanischen Jungs scheiden vielleicht aus, aber sie können auch zuschauen, wie es die anderen machen. Sie müssen in die Welt. Ein Junge aus Sambia hat vielleicht Talent, aber er hat keine Erfahrung. Aber das kommt schon. Der Verband hat jetzt eine Menge Geld in die Hand bekommen. Es ist wichtig, dass das nicht wieder in irgendwelchen Privattaschen verschwindet. Dann haben wir in vier Jahren in Brasilien vielleicht eine Chance, unter die letzten 16 zu kommen", sagt du Plessis.
Bis dahin machen sie das, was die Leute lesen wollen. In der Konferenz für die Sonntagsausgabe der "Sun" sind die wichtigsten Fußballthemen Patrick Vieira, der beim Feiern in einem Johannesburger Club fotografiert worden ist, jetzt, wo Frankreich trauert, und ein allerletztes Interview mit dem scheidenden Trainer Parreira. Die größte WM-Story der Wochenend-"Sun" werden die Johannesburger Prostituierten sein, die sich über schlechte Geschäfte beklagen. Die WM-Touristen gehen zu wenig in den Puff.
Am Abend fliegt die Elfenbeinküste aus dem Turnier. Die Elefanten sind tot. Aber das ist wieder kein Titel für die "Sun".
Es überrascht niemanden.
(*1) Nach dem Ausscheiden Südafrikas am 22. Juni.
Von Alexander Osang

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