28.06.2010

AUSWANDERERKegeln und Skat

In Kapstadt leben ungefähr so viele Deutsche wie auf Mallorca. Sie bleiben gern unter sich, die Weltmeisterschaft ist für die meisten von ihnen nur ein Fernsehereignis.
Als Mesut Özil die deutsche Mannschaft ins Achtelfinale schießt, bebt der Deutsche Klub in Kapstadt. "Steht auf, wenn ihr Deutsche seid", grölen die Fans. Sie steigen auf die Bänke, Flaschen kippen um, ein Teller mit Jägerschnitzel fällt vom Tisch. Die Gesichter der Gäste glühen, es riecht nach Bier und Zigaretten. Der Wirt schüttet einen Schnaps in seinen roten Schädel und grinst wie der Teufel. An der Wand neben der Theke hängt ein "Jägermeister"-Hirsch aus Plastik.
Seit 1930 gibt es den Deutschen Klub in Kapstadt, Karl-Heinz Sittlinger, 76, war mal im Vorstand, ein kleiner Mann mit schlohweißem Haar. Er ist mit einer Frau aus Simbabwe verheiratet, "20 Jahre jünger als ich ist die, aber keine Schwatte, das nicht. Meine Mary spricht fließend Deutsch".
Sittlinger kommt aus Bocholt, lebt aber seit 47 Jahren in Südafrika, er hat als Textilingenieur gearbeitet, ordentlich verdient und sich früh zur Ruhe gesetzt. Sittlinger wohnt in Camps Bay, im Nobelviertel von Kapstadt, er taucht viel, trinkt gern Sekt und war fünfmal Stadtmeister im Skat. Er sagt, die Apartheid sei nicht richtig gewesen, "aber das mit der Kriminalität hatten die Buren besser im Griff". Man möge ihn nicht falsch verstehen, er habe nichts gegen Schwarze, "aber woanders sind die Neger freundlicher zu den Weißen als hier".
Sittlinger kauft ein beim deutschen Bäcker, beim deutschen Metzger, er sieht "Punkt 12" auf RTL und "Kreuzfahrt ins Glück" im Zweiten. Und die WM, "jedes Spiel". Ins Stadion in Kapstadt geht er nicht. Er spielt lieber Golf. Dreimal in der Woche.
Kapstadt ist die schönste Stadt in Südafrika, die sauberste und die europäischste, rund 30 000 Deutsche wohnen dauerhaft dort, das sind ungefähr so viele wie auf Mallorca. Die Stadt ist ein Sehnsuchtsort, mit atemberaubender Natur, angenehmem Klima. Man kann hier ein Leben führen wie an der Côte d'Azur, und alles ist viel billiger. Aber Kapstadt hat auch seinen Preis: die Kriminalität. Die Armut der Schwarzen schlägt einem täglich ins Gesicht. Deshalb ziehen sich viele der deutschen Auswanderer zurück, sie führen ein Leben unter einer Glocke.
Freitags wird geknobelt in Kapstadt, donnerstags gekegelt. Hans ist da, Xenia, Annette, Herbert, sieben Leute. Die Bahn ist dekoriert mit den Wappen von Westpreußen, Oberschlesien und dem Sudetenland. Zwei Schwarze stellen die umgefallenen Kegel immer wieder auf und rollen die Kugeln zurück, drei Stunden lang tun sie das, 100 Rand, knapp 11 Euro, bekommt jeder dafür.
"Ich würde das nicht machen", sagt Enrico Schmidt.
Er ist vor vier Jahren nach Südafrika gekommen, um eine Maschine aufzustellen. Er blieb am Kap hängen. Mittlerweile ist er technischer Manager einer Glasfirma. Schmidt sagt, man könne mit den Schwarzen im Betrieb zurzeit nichts anfangen, wegen der WM: "Die wollen nur mit ihrer Tröte blasen."
"Ganz schlimm ist das", sagt eine Kegelschwester, "schlimm, schlimm."
Fast alle Deutschen, die nach Südafrika ausgewandert sind, sind Rentner oder Selbständige. Es gibt einen deutschen Friseur in Kapstadt, die "Deutsche Buchhandlung", einen deutschen Zahnarzt, einen Automechaniker und den "Baumeister deutscher Prägung". Das Hamburger Maklerbüro Engel & Völkers hat vier Filialen in der Stadt, Wasserlage ist besonders beliebt.
Christoph von Kalckreuth ist Anwalt, spezialisiert auf Gesellschaftsrecht, 41 Jahre alt, den Kopf fast kahl geschoren, rundes Gesicht, Siegelring. Als Student war er Mitglied der Burschenschaft Ghibellinia-Leipzig zu Hannover, seit zwölf Jahren lebt er in Kapstadt, er ist Mitglied im örtlichen Johanniterorden, der Mitte August seinen Ritter-Tag feiert. Sein Bruder hat einen Rotary Club in Kapstadt gegründet, der einmal im Jahr einlädt zum "Fest der deutschsprachigen Gemeinschaft am Kap".
Kalckreuth sitzt in seinem Haus auf dem Sofa. Er hat schlechte Laune, letzte Nacht hat jemand eine Scheibe seines Audi TT eingeschlagen und seine Deutschlandfahne vom Rücksitz geklaut. "Jetzt habe ich die Rennerei: Polizei, Versicherung. Das nervt."
Er berät Deutsche in Kapstadt, die eine Aufenthaltsgenehmigung beantragen, eine Firma gründen oder Devisen transferieren wollen. Sein Geschäft läuft gut. Er arbeitet meist von zu Hause aus, hat aber auch ein Büro in der Innenstadt mit Blick auf den Tafelberg.
Kalckreuth inseriert in der Zeitschrift "Kapstadt auf gut deutsch", aber an seine Mandanten gerät er in der Regel über Mundpropaganda. "Die deutsche Community hilft sich gegenseitig sehr gut. Das ist ein hervorragendes Netzwerk."
Am Anfang, als er noch neu in Südafrika war, wollte er gar nicht so viel mit den Deutschen zu tun haben, aber am Ende "ist es für mich natürlich extrem nützlich". Er war noch nie in einer Township, "keine Ahnung, warum ich es noch nicht geschafft habe", er geht nicht in Kapstadt ins Stadion. Er schaut sich die Spiele der Deutschen im Paulaner Bräuhaus an, "das ist die beste Kontaktbörse, die es gibt".
Die Probleme Südafrikas sind in Kapstadt nicht zu übersehen. Die Rassentrennung ist abgeschafft, aber die Folgen sind längst nicht überwunden. Zwölf Prozent der Bevölkerung Südafrikas sind Analphabeten, in den Townships leben Hunderttausende in Elendshütten, es gibt 2,5 Millionen Waisenkinder im Land.
Die meisten Auswanderer blenden die Realität einfach aus. So lebt es sich leichter.
Im Hafenbecken an der Victoria & Alfred Waterfront, der guten Stube Kapstadts, manövrieren Segelschiffe und Motoryachten, Musik spielt auf den Promenaden. Deutschland spielt gegen Serbien, und das Bräuhaus ist brechend voll.
Die Gäste haben Girlanden um den Hals, zwischen den Tischen hasten dunkelhäutige Frauen im grünen Dirndl mit schweren Biergläsern und Haxen, die so groß sind wie Fußbälle.
Seit neun Jahren gibt es das Paulaner, hier trifft sich der Stammtisch von Siemens, von Daimler. An den ersten drei WM-Tagen gingen 10 000 Liter Bier über den Tresen, gebraut nach dem deutschen Reinheitsgebot, das Malz importiert aus Bamberg, der Hopfen aus der Hallertau.
Christoph von Kalckreuth trägt eine schwarz-rot-goldene Zipfelmütze, eine abgeschnittene Bundeswehrhose und eine Armbinde mit der Aufschrift "Spielführer". Er prostet einem Mitarbeiter des Generalkonsulats zu. "Alle sind sie da heute", sagt er.
An einem Ecktisch sitzt der ehemalige Schlagermoderator Dieter Thomas Heck. Er macht Urlaub in Südafrika, sein Sohn Nils lebt seit 19 Jahren in Kapstadt, managt dort ein Hotel. Heck passt gut in das Bräuhaus, er verkörpert diese Welt hier perfekt, er ist so deutsch, so sehr alte Bundesrepublik. Heck steckt in einem weißen T-Shirt mit dem Emblem des Deutschen Fußball-Bundes und seinen Initialen, "DTH". Als die Nationalhymne gespielt wird, steht er auf und singt mit. "Gehört sich so." Afrika ist gerade weit weg.
Am Ende verliert die Nationalmannschaft. Ein paar ältere Damen lassen sich noch mit Dieter Thomas Heck fotografieren. Dann verabschiedet er sich: "Kinder, macht es gut, tschüs, ciao."
Es gibt deutsche Auswanderer in Kapstadt, die einen anderen Weg gehen als die Landsleute aus dem Bräuhaus. Guido Schöldgen kommt aus Neuss, ein Künstler, Maler und Fotograf, er hat seine Werke in Tokio und Mailand ausgestellt. Seine Frau Annette ist Modedesignerin. Die beiden sind vor zehn Jahren nach Kapstadt gezogen. Sie sind stolz auf Südafrika, "die Apartheid ist erst 16 Jahre vorbei, und es ist schon so viel passiert, so viel hat sich positiv entwickelt".
Sie waren noch nie im Paulaner, nur einmal im Deutschen Klub. "Da passen wir nicht hin", sagt Schöldgen.
Das Ehepaar spendet für die Oper in Kapstadt, sie haben einen schwarzen Haushelfer, den sie überdurchschnittlich bezahlen, sie haben ihm Geld gegeben, damit er den Führerschein machen kann. Schöldgen fotografiert oft junge Frauen aus den Townships, er gibt ihnen einen Teil des Geldes, das er mit den Bildern verdient, er hat schon ein Buch rausgebracht, es trägt den Titel "Cape Town Girls". Er setzt sich nach den Shootings an den Computer und produziert für die Frauen Sed-Karten, mit denen sie sich für andere Modeljobs bewerben können. Drei seiner Entdeckungen arbeiten inzwischen in New York.
Guido und Annette Schöldgen fühlen sich ihrer Wahlheimat nah. Sie haben mitgelitten, als Südafrikas Mannschaft gegen Uruguay verlor, und sie waren glücklich, als Bafana Bafana Frankreich besiegte.
Vergangenen Donnerstag saßen sie zum ersten Mal im Stadion, das wie ein Raumschiff am Meer liegt. Am Samstag, zum Viertelfinale, gehen sie wieder hin.
Von Maik Grossekathöfer

DER SPIEGEL 26/2010
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