28.06.2010

ESSAYHurensöhne unter sich

Frankreich schämt sich seiner Fussballer. Von Ullrich Fichtner
Im Jahr 1882, als sich das Fußballspiel seine Regeln gerade erst erfand, hielt der große französische Gelehrte Ernest Renan an der Pariser Sorbonne einen hellsichtigen und bald berühmten Vortrag über die Frage, was eigentlich eine Nation sei. "Wie der Einzelne", sagte Renan damals, "ist die Nation der Endpunkt einer langen Vergangenheit von Anstrengungen, von Opfern und von Hingabe." Die Nation drehe sich um den gemeinsamen Ruhm in der Vergangenheit, sie speise sich aus einem "gemeinsamen Wollen" in der Gegenwart. Renan sagte: "Gemeinsam Großes vollbracht zu haben und es noch vollbringen wollen - das sind die wesentlichen Voraussetzungen, um ein Volk zu sein."
Das französische Volk fragt sich gerade, nach einer guten Woche tragikomischer Wirren, ob zumindest den Mitgliedern seiner Fußball-Nationalmannschaft das "gemeinsame Wollen" abhanden gekommen ist. Der klägliche Auftritt der Equipe Tricolore in Südafrika wird als kollektive Schmach empfunden, als nationale Blamage, aufgeführt vor Hunderten Millionen Zuschauern in aller Welt. Frankreichs berühmte Botschafter in kurzen Hosen finden sich, gelinde gesagt, entzaubert, ihrem rätselhaften Trainer Raymond Domenech schlägt endgültig blanker Hass entgegen, und insgesamt entlädt sich in Frankreich eine lange schon angestaute Wut auf eine Nationalelf, die den Ehrendienst am Vaterland vorsätzlich zu verweigern scheint.
Es geht um Fußball, also um die Nation. Und die Franzosen erleben gerade das schwarze Gegenteil eines Moments, wie ihn Deutschland 1954 im legendären Berner Wankdorf-Stadion erlebte. Nach einem 0:0 gegen Uruguay, einem 0:2 gegen Mexiko und einem 1:2 gegen Südafrika musste ihre Nationalelf vergangene Woche das Turnier sieglos verlassen. Dieses sportliche Scheitern, allein schmerzlich genug, erklärt allerdings nicht den Gefühlssturm, der darüber in der Heimat losgebrochen ist. Es geht um mehr, um viel mehr.
Schwer zu sagen, welche Szene aus dem französischen Lager die eindrücklichste war in den vergangenen Tagen, in denen sich "les Bleus" vor aller Welt zerlegten.
Das Bild vom Mannschaftsbus am Rande eines Trainingsgeländes, in dem bockig die Spieler sitzen und die Arbeit verweigern, zählt noch zu den lustigeren, und ein Studiogast von Canal+ kommentierte es zum hysterischen Gelächter des Publikums mit den Worten, man könnte meinen, der Live-Berichterstattung über eine Entführung oder einen Amoklauf beizuwohnen.
Eine Art Amoklauf hatte sich drei Tage zuvor, am vorvergangenen Donnerstag, tatsächlich abgespielt, als der für den FC Chelsea stürmende Nicolas Anelka seinen Trainer Domenech in der Halbzeit des Mexiko-Spiels einen "dreckigen Hurensohn" nannte und ihm ansonsten Dinge empfahl, die man nicht zu wiederholen wagt - die am übernächsten Morgen aber riesengroß auf Seite eins der Sportzeitung "L'Equipe" standen.
Danach reihten sich die Szenen aneinander wie im burlesken Boulevardtheater, und sie steigerten sich zum Psychodrama, so als zöge ein geschickter Regisseur die Fäden der Handlung. Hektische Pressekonferenzen folgten, Krisengespräche, viel Gerenne auf Fluren, eine Erklärung wurde öffentlich verlesen, in der sich die Mannschaft mit Anelka solidarisierte und die doch nicht von der Mannschaft allein stammen konnte, weil sie, wie ein Funktionär fein bemerkte, "keinen einzigen Rechtschreibfehler" enthielt.
Patrice Evra, der Kapitän und Streikführer, blies zur Jagd auf den Verräter, der die Interna aus der Kabine getragen hatte. Domenech, der Trainer, wusste am Vorabend des Südafrika-Spiels nicht mehr mit Sicherheit zu sagen, welche seiner Spieler für das Match überhaupt zur Verfügung stünden. Aufrechte Konditionstrainer sprachen von "nationaler Schande", und Fußballfunktionäre bekannten sich zu ihrer Scham. Bald besuchte eine demonstrativ besorgte Sportministerin Roselyne Bachelot die Mannschaft, appellierte an die Ehre der Spieler, nur um sie wenige Tage später als "caïds", als üble Gangster, zu verunglimpfen.
Zu Hause, weit weg, verging dem Volk das Lachen. Der anfängliche Spott schlug um in Wut und Trauer, und diese Gefühle bekamen ein Gesicht: Domenechs Vorgänger Aimé Jacquet, der die Equipe 1998 zum WM-Titel geführt hatte, stand nun regelmäßig und mit offenkundig verweinten Augen vor den Kameras und sang immer neue Strophen einer nationalen Trauerballade, in der es um Ehre und Anstand, Moral und Werte geht.
Nicolas Anelka wurde zum ersten Franzosen, der Südafrika wieder Richtung Heimat verließ. Der Fußballverband verstieß ihn aus dem Kader, das Fernsehen zeigte ihn beim vorzeitigen Einchecken am Flughafen mit schwarzer Kapuze und dicker Sonnenbrille wie einen modernen, dunklen Ritter. Aber Anelkas Rolle war eigentlich die des Rächers. In jener Halbzeitpause hatte er im Grunde nur ausgesprochen, was viele Franzosen ihrem arroganten Nationaltrainer schon lange gern selbst ins Gesicht gesagt hätten.
Unter Raymond Domenechs Führung war es der französischen Mannschaft zwar auf holprigen Wegen noch einmal gelungen, das WM-Finale von 2006 zu erreichen, anschließend aber ging es mit dem Team derart bergab, dass Domenech zweifellos als der schlechteste Nationaltrainer in die Annalen des französischen Fußballs eingehen wird. Er war in all den Jahren stets unfähig, seine Aufstellungen zu begründen, er war nie in der Lage, über taktische Erwägungen Auskunft zu geben und überhaupt: irgendeinen vernünftigen Satz über Fußball zu sagen.
Stattdessen redete er Niederlagen schön, zeigte sich glücklich in den unglücklichsten Momenten, und für immer wird den Franzosen jener Abend im Jahr 2008 im Gedächtnis bleiben, an dem die Nationalelf im entscheidenden Vorrundenspiel der Europameisterschaft gerade an Italien gescheitert war und Domenech nichts Besseres einfiel, als seiner Freundin direkt nach Abpfiff der Partie vor laufenden Kameras einen Heiratsantrag zu machen.
Domenech ist, was die Franzosen einen "emmerdeur" nennen, ein Stänkerer, eine Nervensäge, eigenwillig bis zum Starrsinn und stets bereit, eigene Fehler anderen in die Schuhe zu schieben. Als er am vergangenen Dienstag, nach der finalen Niederlage gegen Südafrika, seinem Kollegen Parreira den Handschlag verweigerte, trat sein schräger Charakter ein letztes Mal offen zutage: Statt einfach der Form zu genügen, die sportsmännische Geste einfach auszuführen, zog er seine Hand weg und brach mit dem Kollegen auch noch einen Streit vom Zaun. Es waren die letzten Minuten seines öffentlichen Lebens, Domenech verdarb auch sie - und wieder musste sich Frankreich schämen für ihn.
Die Scham steht im Zentrum dieser nationalen Affäre, und dabei waren immer, buchstäblich, viele Hände im Spiel. Nicht nur Fußballfans wissen, dass Frankreich auf dem Weg zu dieser WM die Ethik des Sports in flagranter Weise verletzte. Am 18. November des vergangenen Jahres, in der 103. Minute des entscheidenden Qualifikationsspiels gegen Irland, legte Thierry Henry, der bis dahin zu den großen Idolen der Franzosen gezählt hatte, seinem Mitspieler William Gallas den Ball zum 1:1-Ausgleich vor - nur benutzte er dazu nicht seine Füße, sondern die linke Hand. Frankreich qualifizierte sich, die Franzosen schämten sich.
Denn dass Henrys Hand auch an den Kern des französischen Selbstverständnisses rührte, die Heimstatt der republikanischen Tugenden und höchster Moralansprüche zu sein, machte in Frankreich schnell die Runde. Und bald war allen klar, Fußballfan oder nicht, dass Henrys Schuld nur durch herausragende Leistungen der Nationalmannschaft in der Folgezeit wo nicht zu rechtfertigen, so doch wenigstens zu überdecken wäre.
Dieses Projekt einer Wiedergutmachung schlug auf dramatische Weise fehl. In den folgenden Partien präsentierte sich die Mannschaft weiterhin desolat, bis man kurz vor der WM sogar gegen China 0:1 verlor. Das heimische Publikum war vor allem regelmäßig darüber erschüttert, mit welcher Leichtigkeit die Gegner siegten. Die Spieler in Blau, ohnehin unfähig, Spiele zu bestimmen, sie kämpften noch nicht einmal, sie ergaben sich wehrlos, und dabei blieb es. Frankreich erwies sich als illegitimer Teilnehmer der WM, und sein Ausscheiden wirkte, angesichts der irischen Vorgeschichte, wie der wohltuende Ausdruck einer höheren Gerechtigkeit.
Nur blieben eben die Franzosen daheim auf ihren Scham- und Schuldgefühlen sitzen. Die Spieler heilten die Wunden nicht, die sie geschlagen hatten, sie versuchten es noch nicht einmal. Deshalb trifft sie nun die geballte Wut einer ganzen Nation.
Es ist eine regelmäßige Übung der Feuilletons, die Welt des Sports zu betrachten und Rückschlüsse auf Gesellschaft, Politik und Kultur zu ziehen. Im Fall Frankreichs ist das spiegelbildliche Gedankenspiel verlockender. Hier könnte man zu dem Schluss kommen, dass die Politik und ihre Tonlagen die Kultur des Sports stärker verändert haben als umgekehrt. Das Land wird von einem Präsidenten geführt, zu dessen Karriere es immer gehört hat, seine Bürger zu beschimpfen. Es war Sarkozy, der die schwarze und arabische Jugend in den Vorstädten als "Abschaum" titulierte, er war es, der versprach, die Pariser Banlieue mit dem "Kärcher" dampfzustrahlen.
Es wäre kein Wunder, wenn angesichts solcher präsidialer Vorlagen der Umgangston auch ein paar Etagen tiefer, in Umkleidekabinen und auf Sportplätzen, rauer wird. Wenn die politische Klasse, die von den Nationalspielern in diesen Tagen lautstark exemplarisches Verhalten einfordert, selbst die guten Sitten schleifen lässt, kann sie vom Volk und seinen Sport-Ikonen unmöglich Besseres erwarten. Von Sarkozys "Abschaum" bis zu Anelkas "Hurensohn" ist der Weg nicht weit.
Und die Konsequenzen wachsen sich aus: Der skandalöse Verlauf der französischen WM-Teilnahme markiert auch das Ende eines Traums. 1998, als das Team den Titel errang, wurde die aus allen Rassen und Herkünften zusammengewürfelte Mannschaft zum Symbol eines geglückten multikulturellen Gesellschaftsmodells. "Black-blanc-beur" wurde zur stolzen Formel des Erfolgs und widerlegte Rassisten vom Schlage eines Jean-Marie Le Pen, der es gewagt hatte, von der Nationalmannschaft als einer "kickenden Negertruppe" zu reden.
Das WM-Team des Jahres 2010 war nun tatsächlich mehr "black" als alles andere, eine Versammlung hochtalentierter farbiger Aufsteiger, die am Ende in geradezu kindischer Manier vermissen ließen, was den Franzosen am heiligsten ist: die "Contenance", die schöne Haltung. Sie droht nun allerorten verloren- zugehen. Die Nation schmückt sich wohl gern mit erfolgreichen Zuwanderern; im Augenblick großer Niederlagen aber kriechen alte Ressentiments an die Oberfläche zurück, und die unglückliche Sportministerin Bachelot hat mit ihrem Gangster-Vergleich den Ton künftiger Debatten schon vorgegeben.
Es darf als wahrscheinlich gelten, dass politische Redner die mageren Vorstellungen der Equipe bald auch damit erklären werden, dass mit den zu Multimillionären aufgestiegenen Vorstadtkindern im Nationaltrikot eben doch kein Staat zu machen sei. Dass es den schwarzen Nationalspielern am zugehörigen Nationalstolz mangele. Dass sie doch nicht so richtig zum französischen Volk gehörten. Dies wäre die schlimmstmögliche Wendung der Dinge, ein wahrhaft tragischer Fallout eines Fußballturniers, das die Menschen einander näherbringen will.
Um sie zu vermeiden, sollten die Franzosen auf ihre eigenen Gelehrten hören, auf Ernest Renan, der in seiner Rede über die Nation auch den tröstlichen Gedanken äußerte, dass das gemeinsame Leiden ein Volk am Ende mehr eint als die Freude. "Die nationalen Erinnerungen und die Trauer", sagte Renan, "wiegen mehr als die Triumphe, denn sie erlegen Pflichten auf, sie gebieten gemeinschaftliche Anstrengungen."
Davon stehen nun viele an in Frankreich. Im Fußball zuerst, und dann in Politik und Gesellschaft. ◆
Von Ullrich Fichtner

DER SPIEGEL 26/2010
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