05.07.2010

AFGHANISTANDruck von oben

Viele Milliarden Dollar werden in Kisten und Koffern nach Dubai transportiert. Der Westen hat den Überblick über seine Hilfsgelder verloren.
Es sind nur wenige Schritte von Brigadegeneral Mohammed Asif Jabarkhels Büro zur Sicherheitskontrolle im Kabuler Flughafen. Der 59-jährige Chef der Grenzpolizei hat die Arme verschränkt, ein Ventilator surrt. "Ich weiß natürlich, was hier los ist, aber wer in diesem Land darf schon die Wahrheit sagen?", knurrt der Offizier unter seinem dichten Schnauzbart hervor.
Es geht um riesige Geldmengen, die regelmäßig in Kisten und Koffern per Flugzeug außer Landes geschafft werden - über drei Milliarden Dollar in bar waren es, mindestens, seit 2007. Der bevorzugte Bestimmungsort: die Steueroase Dubai. Bei dem Geldabfluss kann es sich nicht nur um Gewinne aus legalen Geschäften handeln: Das gesamte Bruttoinlandsprodukt des Landes beläuft sich umgerechnet auf gerade mal 13,5 Milliarden Dollar.
Seine Versuche, diesen Aderlass zu stoppen, seien immer wieder gescheitert, klagt Jabarkhel. "Die Zentralbank hat ein Abkommen mit der Regierung geschlossen, nachdem solche Transfers angeblich legal sind, und wenn wir versuchen zu prüfen, woher das Geld stammt, kommt Druck von ganz oben."
Fast 300 Milliarden Dollar investierten bislang allein die USA in Krieg und Aufbau Afghanistans, die erhofften Fortschritte aber bleiben weit hinter den Erwartungen zurück. Ein wesentlicher Grund dafür dürfte sein, dass immer wieder große Teile der Aufbau-Millionen abgezweigt werden. Profiteure sind häufig engste Geschäftspartner der Geberländer.
Tatsächlich aber sind die offiziellen Zoll-bilanzen bei weitem nicht vollständig. Sie enthalten nicht jene undeklarierten Geldmengen, die an den Sicherheitskontrollen vorbei ins Ausland geschleust werden. Oft steigen im Kabuler Flughafen wichtige Politiker und Unternehmer unkontrolliert über den VIP-Zugang ins Flugzeug. Sollten doch mal Koffer mit Millionen Dollar vom Sicherheitsdienst abgefangen werden, dann sorgen einflussreiche Leute dafür, dass das Gepäckstück doch mit seinem Begleiter unbehelligt ausfliegen kann. "Ein paar Anrufe, und der Mann kann passieren", erinnert sich General Jabarkhel frustriert.
Die Krisenregion Afghanistan ist in den vergangenen neun Jahren zur Goldgrube für eine ganze Reihe abenteuerlustiger Unternehmer geworden. Die erfolgreichsten Geschäftsleute sind häufig genug Verwandte von Regierungsmitgliedern und verfügen über beste Kontakte in die Entscheidungsspitzen. Ihre Finanzbewegungen sind kaum zu durchschauen.
Viele afghanische Geschäftsleute besitzen inzwischen teure Immobilien im einstigen Golfwunderland Dubai, darunter ein Bruder und ein Cousin von Staatschef Hamid Karzai. Auch der ehemalige Vizepräsident und der Bruder des derzeitigen Vizepräsidenten Mohammed Fahim haben im Emirat eine Villa. Die schicken Häuser im römischen Stil am Strand der künstlich erbauten Insel Palm Jumeirah kosten ab zwei Millionen Dollar aufwärts, viele ihrer Besitzer waren bis vor wenigen Jahren keineswegs wohlhabend.
Als Eigentümer ist, wie die "Washington Post" herausfand, oft nur der Kreditgeber eingetragen, zum Beispiel der Gründer und Vorsitzende der Kabul Bank, Sherkhan Farnood, der auch den Wahlkampf des Präsidenten unterstützt hat. Wie viele seiner Kunden lebt er die meiste Zeit in Dubai. Der geschäftstüchtige Karzai-Bruder Mahmoud und der Bruder des Vizepräsidenten Fahim halten Anteile an Farnoods Kabul Bank.
Die meisten Geldgeschäfte in Afghanistan werden ohnehin über sogenannte Hawala-Unternehmen abgewickelt, ein altes orientalisches Überweisungssystem, das ohne Quittungen auskommt und dafür auf Ehre und gutem Glauben beruht. Für die Korruptionsermittler des Westens sind diese Geldströme so gut wie nicht nachzuvollziehen.
Auch der Banker Farnood verfügt in Kabul über ein in Dubai registriertes Hawala-Unternehmen, das nach Auskunft eines Wirtschaftsprüfers half, Hunderte Millionen Dollar aus Afghanistan nach Dubai zu transferieren. Das wären auf jeden Fall deutlich mehr als jene 150 Millionen Dollar, die Kreditnehmer seiner Bank laut der "Washington Post" offiziell in Dubai-Immobilien investierten.
Ein wenig transparenter wurde der Geldabfluss immerhin, als im Sommer 2009 die internationale Sicherheitsfirma Global Strategies Group die Sicherheitskontrollen am Kabuler Flughafen übernahm. Das Unternehmen arbeitete eng mit dem afghanischen Geheimdienst zusammen. Doch der Datenabgleich mit den Geheimen wurde laut "Washington Post" bereits im September wieder eingestellt, er war an höherer Stelle offenbar nicht erwünscht.
Wegen der Berichte über die anhaltende Korruption wollen empörte US-Politiker nun die 3,9 Milliarden Dollar Hilfsgelder zurückhalten, die für das Haushaltsjahr 2011 bereits genehmigt sind. Nita Lowey, die Vorsitzende des Bewilligungsausschusses im Washingtoner Repräsentantenhaus, erklärte ihren Kollegen: "Bevor nicht sichergestellt ist, dass amerikanisches Steuergeld nicht in den Taschen korrupter afghanischer Regierungsmitglieder, Drogenbarone und Terroristen landet, gebe ich keinen einzigen Cent frei."
Von Susanne Koelbl

DER SPIEGEL 27/2010
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