05.07.2010

GENETIK„Ein Meilenstein der Altersforschung“

Matthias Platzer, 55, Genetiker am Leibniz-Institut für Altersforschung in Jena, über eine neue US-Studie, die genetische Ursachen der Langlebigkeit entdeckt hat
SPIEGEL: Herr Platzer, die Forscher um Paola Sebastiani von der Boston University haben das Erbgut von über 100-Jährigen untersucht. Anhand der Ergebnisse glauben sie, Langlebigkeit mit 77-prozentiger Treffsicherheit voraussagen zu können. Klingt das für Sie plausibel?
Platzer: Ja, absolut. Wir vermuten ja schon länger, dass nicht die Umwelt, sondern die Gene den stärksten Einfluss darauf haben, ob jemand ein sehr hohes Alter erreicht. Aber das muss man erst mal beweisen können. Das ist eine tolle Leistung der amerikanischen Kollegen.
SPIEGEL: Ein überraschendes Ergebnis war, dass die über 100-Jährigen ein kaum geringeres genetisches Risiko für bestimmte Volkskrankheiten wie Diabetes oder Bluthochdruck hatten.
Platzer: Das widerspricht in der Tat einer bisherigen Annahme der Altersforschung. Offenbar gibt es andere biologische Grundlagen, die für extreme Langlebigkeit die maßgebliche Rolle spielen.
SPIEGEL: Könnte es schon bald einen Langlebigkeitstest für alle geben?
Platzer: Es ist wohl unvermeidlich, dass kommerzielle Anbieter so etwas entwickeln - aber einen solchen Test zu machen wäre in den meisten Fällen nicht viel aussagekräftiger als zu würfeln. Die Trefferquote von 77 Prozent bezieht sich ja nicht auf Einzelne, sondern auf eine Gruppe von tausend Probanden, die zwischen 1890 und 1910 geboren und unter ähnlichen Umweltbedingungen aufgewachsen sind. Es könnte durchaus sein, dass die genetischen Varianten, die ein langes Leben begünstigen, vor hundert Jahren ganz andere waren als heute.
SPIEGEL: Worin sehen Sie den praktischen Nutzen dieser Studie?
Platzer: Von den 150 Varianten im Genom, welche die Forscher entdeckt haben, liegen nur 77 in den Genen - die übrigen befinden sich in DNA-Abschnitten zwischen den Genen. Niemand kennt bisher die genaue Funktion dieser Abschnitte. Deshalb werden wir sie jetzt ergründen müssen. Die Studie ist ein Meilenstein in der Altersforschung - und wie jede bedeutende Arbeit wirft sie unzählige neue Fragen auf.

DER SPIEGEL 27/2010
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