19.01.1998

LITERATURWas das Herz nicht weiß

Der Spanier Javier Marías gilt als wichtigste Schriftstellerentdeckung der vergangenen Jahre. Auf seinen Sensationserfolg „Mein Herz so weiß“ läßt er nun einen Schauerroman folgen: „Morgen in der Schlacht denk an mich“. Von Wolfgang Höbel
Zuallererst ist dieses Buch eine Unverschämtheit: Auch wenn jedem Schulbuben heutzutage die Binsenweisheit vertraut ist, daß alle großen Schriftsteller immer wieder ein und dasselbe Buch schreiben - das hier, so scheint es, ist dann doch ein dreister Fall von Selbstplagiat.
Wieder ist der Titel ein Shakespeare-Zitat, eine magische Beschwörungs- und Fluchformel des großen Meisters aus Stratford; wieder erfährt man auf den ersten Seiten vom zunächst ganz und gar unverständlichen Tod einer jungen, noch blühenden Frau; und wieder wird der Leser am Ende des Buchs durch den Tod einer weiteren schönen und jungen Frau auf die Spur des Geheimnisses gebracht, ohne daß alle Rätsel sich wirklich verflüchtigen.
Es ist der gleiche Ton; der gleiche, sich in langen, windungsreichen Sätzen ergießende Wortfluß aus akribischen Beobachtungen und locker eingestreuten Aphorismen; das gleiche Thema menschlicher Schuld und mal willentlicher, mal ohnmächtiger Verstrickung; ja, es ist tatsächlich so, als habe sich Javier Marías eines Tages an seinem Schreibtisch niedergelassen, um einen zwei Jahre zuvor verfaßten Roman einfach noch mal zu schreiben.
"Mein Herz so weiß" hieß das Erfolgswerk des Spaniers, das, im Original 1992 veröffentlicht, vor anderthalb Jahren in Deutschland ein sensationeller, in der deutschen Übersetzung über 700 000mal verkaufter Bestseller wurde. "Morgen in der Schlacht denk an mich" heißt der in Spanien 1994 erschienene, nun auf deutsch aufgelegte Nachfolgeroman.
Und wer beide Bücher gelesen hat, der zweifelt keinen Augenblick daran, daß der 46jährige Autor jederzeit imstande ist, ein weiteres Modell dieser Serienproduktion zu verfertigen: Statt von den Lippen der ruchlosen Lady Macbeth ("Mein Herz so weiß") oder aus den wutverzerrten Mäulern der Geister am Nachtlager des Mörderkönigs Richard III. ("Morgen in der Schlacht denk an mich") käme der Titel dann womöglich aus der Kehle des zarten Prinzen Hamlet - Vorschlag zum Fortsetzungstitel: "Empfehl ich euch mit aller Liebe mich".
Doch weil der neue Roman die Geschichte einer verwegenen Täuschung ist, weil er vom Verrat handelt und davon, daß der Mensch sich allezeit etwas vormacht, kann man fürs erste Entwarnung geben: Natürlich erzählt das neue Buch bei aller motivischen und sprachlichen Ähnlichkeit eine völlig neue Geschichte; seine Helden haben andere Namen, sie gehen durch andere Straßen und, teils, durch andere Städte. Neben Madrid ist diesmal nicht Havanna, sondern London Hauptspielort.
Natürlich wird auch dieser Roman ein Hit auf dem Buchmarkt sein; die "FAZ" hat ihn vorabgedruckt, und fürs "Literarische Quartett", dessen Jubel dem Vorläufer "Mein Herz so weiß" erst zum Durchbruch verhalf, ist "Morgen in der Schlacht denk an mich" bereits fest gebucht.
Und die schönste Nachricht: Der vorhersehbare Rummel um das neue Werk des spanischen Autors, der einst zwei Jahre lang Literaturwissenschaft in Oxford lehrte und bislang acht Romane verfaßt hat, ist durchaus berechtigt. Denn die ersten 80 Seiten von "Morgen in der Schlacht ..." sind, wie soll man anders sagen: zum Fürchten gelungen, wunderbar, perfekt.
Marías schildert eine ebenso banale wie ungeheuerliche Geschichte. Marta Téllez, Ehefrau eines wohlhabenden Aufsteigers und Mutter eines knapp zweijährigen Sohnes, stirbt in ihrem Ehebett: in den Armen eines Fremden, den sie erst seit ein paar Tagen kennt und mit dem sie - der Gatte ist verreist und das Kind schläft - gerade im Begriff war, den Ehebruch zu vollziehen.
Der Fremde ist der Ich-Erzähler dieses Romans, und die rauschhafte Präzision, mit der Marías dessen Empfindungen und Handlungen beschreibt, macht ihm unter den Gegenwartsautoren so schnell keiner nach: die Bestürzung, als die eben noch Begehrte sich plötzlich halb nackt und schmerzgepeinigt auf dem Laken krümmt und "halte mich, halte mich, bitte halte mich" wimmert; die Selbstbeschwichtigungen des Gastes, daß es sich unmöglich um einen Ernstfall handeln kann; sein Impuls, Hilfe zu rufen; und sein Versuch, im Angesicht der Katastrophe nicht in Panik zu verfallen, sondern einen klaren Kopf zu bewahren - all das ist hier so eindringlich geschildert, mit einem solchen Tempo, in fiebrigen, nervösen Sätzen und zugleich mit einer derart kalten Detailtreue ("ein Nacken wie aus dem neunzehnten Jahrhundert, an dem Strähnen oder Fäden schwarzen Haars klebten wie halbgetrocknetes Blut"), daß sich diese Stunde des Todes ins Gehirn des Lesers einbrennt, als sei er selbst der gelähmte Zeuge gewesen.
Dumm nur, daß auf diese im Wortsinn überwältigende Eröffnung noch ein paar hundert Seiten folgen. Auf denen teilt der Autor mit, daß sein Held ein Drehbuchschreiber mit Namen Víctor Francés Sanz ist, der sich nun - warum auch immer - listig in die Welt seiner verhinderten, weil vorzeitig verstorbenen Bettgefährtin schleicht: Víctor nimmt als Gaffer an der Beerdigung der "armen Marta" teil, er läßt sich ihrem Vater vorstellen, becirct ihre Schwester und wird schließlich zum Beichtbruder ihres Ehemanns, der in ganz ähnlicher Weise schuldig geworden ist am Tod einer anderen jungen Frau.
Aber wieso kann man Víctor überhaupt Schuld vorwerfen am Ableben seiner Beinahe-Gespielin? Hätte der Ruf eines Krankenwagens womöglich doch ihr Leben retten können (die Ärzte sagen nein, wobei die genaue Todesursache bis zuletzt ungenannt bleibt)? Und existiert Víctor überhaupt wirklich, wo er doch mehrmals betont, er sei "ein Niemand", durchaus "daran gewöhnt, mich häufig in Luft aufzulösen"?
Nicht nur der Titel dieses Romans stammt aus Geistermund, das ganze Buch ist eine Gespenstergeschichte: eine mit vielen gelehrten Verweisen auf historische Vorbilder gespickte Schauermär, ein Gruselstück aus jenem traditionsreichen Genre, das die Angelsachsen als "gothic novel" bezeichnen.
Die Täuschung ist Marías' unermüdlich variiertes Grundmotiv, und manche seiner Einfälle sind höchst verblüffend: So lädt sich Víctor einmal eine junge Prostituierte ins Auto, weil sie seiner eigenen Ex-Frau gleicht - und selbst nach vollzogenem Beischlaf vermag er nicht zu sagen, ob es sich um eben diese Ex-Frau handelt, die da auf den Strich geht, oder nicht.
Seltsamer Spuk. Da gibt es eine vom Blitz erhellte Geistererscheinung am Lager eines Liebespaars, eine mit rätselhafter Zuverlässigkeit eintreffende Pferdewette, das magische Monstergesicht des "Falstaff"-Darstellers Orson Welles auf dem Fernsehschirm und allerhand mehr. Viel wird zudem über den aus alter Zeit überlieferten Aberglauben spekuliert, wonach alle Männer, die mit derselben Frau schlafen, einen geheimen Verwandtschaftsbund eingehen - im Zeitalter von Aids ein durchaus aktuelles Gruselmotiv.
Aber genug: Es ist ein heilloses Durcheinander von nur scheinbar raffinierten Handlungsgespinsten, die hier miteinander verwoben sind.
Denn in all diesem Wust erweist sich Marías nicht als der gerissene Erzähler, der er gern sein möchte, sondern bloß als leidlich geschickter; so großartig ihm einzelne Szenen gelingen, so kläglich verliert er sich in plattfüßig ironischen Eskapaden:
Wie schon in "Mein Herz so weiß", wo der Held als Dolmetscher zwischen Margaret Thatcher und Felipe González vermittelt, gibt es auch in "Morgen in der Schlacht denk an mich" einen Prominentenauftritt. Víctor, der Trickser, erhält unter falschem Namen eine Audienz beim spanischen König Juan Carlos, für den er eine Rede schreiben soll - und ergeht sich seitenlang in matten Scherzen über die Eigenheiten dieses Königs. Er nennt ihn "Only The Lonely", und er beschreibt das "gedankenverlorene Streicheln" des Herrschers über ein vieldeutiges, nicht sehr nobles "Pflaster am rechten Zeigefinger".
Der wirkliche Fluch dieses mit Fluch und Verdammnis kokettierenden Romans aber ist der falsche Glanz von Marías' Parlando. In Interviews posiert der Autor gern als belesener Dandy, der genialisch vor sich hin fabuliert, ohne das Geschriebene hinterher noch eines korrigierenden Blickes zu würdigen. Leider lesen sich seine Sätze auch so: Alle paar Seiten hält der Erzähler inne für ein tiefgründelndes Diktum, und dabei kommt allemal ein Kalenderspruch heraus. "Einer Sache, an die man sich gewöhnt, schenken wir nicht viel Beachtung", heißt es dann, oder "die emotionale, sexuelle Versöhnung ist sehr nützlich, sofern sie möglich ist", oder, noch schlichter, "Anrufbeantworter lügen oft".
Um Widersprüche und die Richtigkeit solcher Merksätze schert sich der Autor offenbar wenig; er wolle, so sagt er, immer ganz Augenblicksmensch sein, ganz Gefühl. Weil es aber auch Dinge gibt, von denen das Herz nichts weiß, könnten ein wenig mehr Hirn und Logik seinen Büchern nicht schaden.
Es soll Kritiker geben, die sich nach dem Erfolg von "Mein Herz so weiß" wehklagend an die Brust schlugen und gestanden, sie hätten leider die Genialität von Marías verkannt, auch die seiner bereits vor Jahren ins Deutsche übersetzten Romane "Alle Seelen" und "Der Gefühlsmensch". Vielleicht sollten sich nach der Lektüre des neuen Buchs (und dem Wiederlesen der alten) ein paar der vor anderthalb Jahren so hymnischen Rezensenten zu der Erkenntnis durchringen, daß der Spanier zwar mit einem staunenswerten Erzähltalent gesegnet ist - nur leider versank es bislang noch jedesmal im Schwall seines ungefilterten Allerweltsgeschwätzes.
Dabei läßt schon Shakespeare, den Javier Marías so liebt, seinen Hamlet alle überambitionierten Künstler warnen: "Sägt nicht zuviel mit euren Händen durch die Luft!"
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 4/1998
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