12.07.2010

KIRCHEDie Küsse eines Hirten

Sexueller Missbrauch schien ein Problem des katholischen Milieus zu sein. Nun kommt der größte Fall der evangelischen Kirche ans Licht. Von Jürgen Dahlkamp und Ralf Hoppe
Als in der Nacht zum 4. Februar 1987 das Telefon klingelt, gegen 23 Uhr, ist Sebastian Kohn schon eingeschlafen. Der Apparat steht im Erdgeschoss, dort liegt das Arbeitszimmer seines Stiefvaters, Dieter K. Der hat den Hörer abgenommen, ein Anruf für Sebastian. Dieter K. sagt, dass er ihn holen werde. Dann steigt er die Treppe hoch.
Das Haus ist eine etwas heruntergewohnte Villa am Rand der kleinen Stadt Ahrensburg, im Nordosten von Hamburg. Vor der Tür erstrecken sich Erdbeerfelder, dahinter beginnt der Wald. Das Haus ist das evangelische Pastorat. Seit Sebastians Mutter mit ihren fünf Söhnen den Pastor geheiratet hat, was anfangs nach einer guten Partie aussah, wohnen sie hier.
Der Pastor ist damals Anfang 50, auf den ersten Blick der Phänotyp des allzeit freundlichen, fröhlichen Geistlichen, rothaarig, vollbärtig, ein Mann für Jugendgruppen und Lagerfeuer.
Sebastian Kohn, so erinnert er sich, erwachte, weil der Stiefvater an seinem Bett stand, seine Hände unter die Decke schob, sein Glied berührte, streichelte, ihn zu erregen versuchte.
Glaubt man Sebastian, sind Situationen wie diese beinahe Routine gewesen, eine von den Stiefsöhnen gefürchtete Routine. Auch Anselm Kohn, der jüngste der fünf Brüder, der ebenfalls noch im Haus wohnt und im Erdgeschoss schläft, kennt Momente, in denen der Stiefvater zum Getriebenen wird.
Oft habe er die Zudringlichkeiten schamhaft abgewehrt, zu oft aber auch über sich ergehen lassen, sagt Sebastian Kohn heute. Doch in jener Februarnacht ist es, als ob etwas in ihm zerreißt. Er springt aus dem Bett, wirft eine Lampe um, Splitter, Scherben. Sebastian Kohn ist da 19 Jahre alt, ein muskulöser junger Mann, seit seiner Kindheit turnt er, ist einer der Besten im Verein, Barren und Hochreck. Er stößt seinen Stiefvater heftig vor die Brust, der taumelt rückwärts gegen den Türrahmen, "aber er kriegte gleich diesen Hundeblick, dass man nicht zuschlagen mag".
Sebastian packt den Griff des Velux-Dachfensters, er reißt es krachend auf, die Nachtluft strömt ins Zimmer, er schlägt es zu, reißt es wieder auf, schlägt es zu, auf, zu, und er schreit in die Nacht: "Ich hau ab, ich hau ab, ich hau ab!" Anselm erwacht unten von dem Geschrei, er steht zitternd auf, doch er traut sich nicht aus seinem Zimmer.
Abzuhauen sei ihm damals, sagt Sebastian Kohn heute, wie ein erlösender Gedanke vorgekommen. Leider sei er seither immer nur abgehauen und nie irgendwo angekommen.
23 Jahre und fünf Monate nach dieser Nacht, an einem glutheißen Sonntagvormittag im Juli 2010, haben sich die ehrbaren Bürger von Ahrensburg am Rande eines Friedhofs versammelt. Eine Wildblumenwiese soll eingeweiht werden. Hier kann man sich unter Klatschmohn und Sauerampfer beerdigen lassen. Der Landrat ist gekommen, zwei Dutzend Pastoren, Gemeindemitglieder. Die Damen tragen Sommerkleider, die Herren schwitzen, die Weiherede hält die Bischöfin Maria Jepsen. Wie schön doch so eine Wildwiese ist, sagt sie, die Farben, der Duft, die summenden Käferchen, die flatternden Schmetterlinge, wenn das kein Sinnbild ist, dass Gott es unterm Strich gut meint.
Aber dann marschieren die schwarzen Schafe auf.
Die Demonstranten sind zu sechst und als Schafe maskiert, sie tragen außerdem weiße T-Shirts, auf denen steht: "Vorwurf: sexueller Missbrauch von Kindern". So schreiten sie im Gänsemarsch durch die Versammlung der Feiernden. Getuschel, Geräusper, jetzt stellen sich die Maskierten neben dem Rednerpult der Bischöfin auf, in stummer Anklage.
Der zweite Demonstrant von links ist der Sebastian Kohn jener Nacht - inzwischen ein Mann von 43 Jahren, getrieben von einer nicht versiegenden Wut. Denn die Demonstration gilt dem dramatischsten Fall von Missbrauch in der Geschichte der evangelischen Kirche in Deutschland. Die sechs Demonstranten wollen Gerechtigkeit. Auch wenn die mutmaßlichen Taten verjährt sind, sie sollen nicht vergessen sein.
Zu erzählen ist die Geschichte eines Pastors - jenes Dieter K. -, der eine Familie geheiratet hat, eine Frau mit fünf Söhnen, von denen er drei missbrauchte und es bei den beiden anderen versuchte. Es gibt darüber hinaus weitere Opfer, und es gibt einen zweiten Pfarrer, der den mutmaßlichen Täter deckte.
Fälle von Missbrauch in der Kirche sind in den vergangenen Monaten immer wieder ans Licht gekommen, mit jedem neuen Fall wurden die Abgründe tiefer, und irgendwann hatte man den Eindruck, es handle sich um Abgründe ausschließlich aus katholisch-bürgerlichem Milieu. Nun zeigt sich, dass die evangelische Kirche nach sehr ähnlichen Mechanismen funktioniert. Auch sie, das belegt der Fall aus Ahrensburg, verheimlichte solche Fälle unter dem Vorwand seelsorgerlicher Schweigepflicht, vernachlässigte die Aufklärung und riskierte so weitere Missbrauchsfälle.
Ihre Würdenträger müssen nun erklären, warum ein Pastor, belastet von schweren Vorwürfen, im Jahr 1999 Ahrensburg verlassen sollte - aber in einem Jugendgefängnis als Seelsorger landete. Sie müssen erklären, wieso er weiterhin am örtlichen Gymnasium unterrichten durfte, wieso Eltern und Lehrer nicht erfuhren, welch ein Mann ihren Kindern Religionsunterricht gab. Unangenehme Fragen sind das; und antworten, sich verantworten, muss auch eine Frau, die an diesem Tag hinterm Rednerpult steht, auf dem Ahrensburger Friedhof, und über die Schönheit von Wiesenblumen spricht. Die Bischöfin Jepsen.
In der Februarnacht 1987 verlässt Sebastian Kohn das Haus seines Stiefvaters in Richtung Hamburg. Er findet Unterschlupf bei seinem Bruder Ulrich, in dessen Wohngemeinschaft. In jener Nacht leeren Sebastian und Ulrich am WG-Küchentisch alle Bierflaschen, die vorrätig sind, und gestehen sich, was ihr Stiefvater mit ihnen getan hat. Nicht nur mit Sebastian und Ulrich, auch mit Markus, dem dritten Bruder. Sie hatten in all den Jahren nie darüber gesprochen.
Der Morgen graut bereits, als Sebastian auf eine stinkende Matratze niedersinkt. Er ist erschöpft, trotzdem fühlt er sich befreit, er ist dem Pastor und Stiefvater entkommen, denkt er, aber hier irrt er.
Gert Dietrich K., Dieter genannt, hatte seine Pastorenstelle in Ahrensburg 1973 angetreten, im III. Pfarrbezirk Hagen. Zwei Seelsorger sind damals zuständig für das Neubaugebiet südlich der Bahnlinie: neben K. auch Pastor Friedrich Hasselmann.
Hasselmann entstammt, im Unterschied zu K., einer evangelischen Patrizierfamilie, sein Vater war Propst in Hamburg-Blankenese. Äußerlich ist er eine soignierte Erscheinung, hochgewachsen, charismatisch, nicht der Typ, der sich in Frage stellt.
K. ordnet sich dem Kollegen unter: Hasselmann bekommt die Gymnasiasten und Schüler aus den besseren Familien in die Jugendgruppen, die Kinder der Fabrikanten und Geschäftsleute. Zu K. geht der Rest.
In den siebziger Jahren bleibt auch eine wohlanständige Stadt wie Ahrensburg vom gesellschaftlichen Wandel nicht verschont. Die Kirche, zumal die evangelische, scheint geeignet, die soziale Aufbruchstimmung zu moderieren. Freche Theaterstücke im Gemeindehaus. Jugendfreizeiten, auf denen barfuß getanzt, Chianti getrunken, geknutscht werden darf. Pastoren mit Vollbart und Sandalen, die mit ihren Konfirmanden "Blowin' in the Wind" zur Gitarre singen. Möglich, dass diese neue Kirche vielen Eltern nicht geheuer ist. Aber die handzahme Revolte, die der Pastor anbietet, ist allemal besser als der Drogensumpf, der die Vorstadtkinder am Hauptbahnhof erwartet.
Bald gelten die beiden Pastoren als Meister aller Klassen, sie ergänzen sich und herrschen über ihr Reich zwischen Ginsterweg und Hopfenbach, und auch die Gefühlslandschaften der Anvertrauten liegen offen vor ihnen.
Einer der maskierten Demonstranten auf der Friedhofswiese, Götz Meinke, ist heute Mitte vierzig, er hat sich jetzt erst entschlossen, seine lange verschwiegenen Erlebnisse aktenkundig zu machen, bei der Kirche, bei der Kripo.
Als K. ihn zu betreuen begann, war Meinke knapp zehn, ein Junge mit einer sehr kalten, schwierigen Beziehung zu seinem Vater, mit einer überforderten Mutter. Aber Pastor K. war für ihn da, kümmerte sich, half bei Hausaufgaben, fuhr ihn mit dem Auto zum Posaunenchor, ließ ihn ein Glas Wein trinken, was er daheim nicht durfte, alles war harmlos - bis der Mann angeblich sexuell zudringlich wurde. Meinke kann ein System darin erkennen, "er spielte den perfekten Kümmerer, um dann zuzuschlagen". Da es immer mehrere Jugendgruppen gab, die K. gleichzeitig betreute, wie ein Schachprofi, der ein Dutzend Partien simultan spielt, "gab es wohl immer einen, bei dem er es probieren konnte".
Angeblich bereits Mitte der Siebziger soll sein Kollege Hasselmann zum ersten Mal etwas von homoerotischen Übergriffen gehört haben. Ein Junge hat sich seiner Mutter anvertraut, Frau S. Der Pastor habe nicht nur ihrem Sohn, sondern auch einem Schulkameraden nachgestellt, erinnert sich Frau S. heute. Aber beide Jungs haben ihre Erlebnisse nur gestanden unter der striktesten Bedingung, dass die Mutter schweigen wird - Frau S. hat es ihrem Sohn versprochen. Deshalb wählt sie einen Mittelweg - sie geht nicht zur Polizei, erzählt jedoch Hasselmanns Frau von den Vorwürfen. Sie solle das bitte an Hasselmann weitergeben. Danach sei allerdings nichts passiert, erinnert sich Frau S. heute, und sie bereut, seinerzeit die Polizei nicht eingeschaltet zu haben.
Hasselmann, mit dieser Schilderung konfrontiert, lässt über seinen Anwalt bestreiten, dass es solch ein Gespräch gab. Allerdings, und zumindest das ist unbestritten, erreichen ihn später andere, eindeutige Hinweise. Etwa in den achtziger Jahren, als drei Eltern zu ihm kamen. Pastor K. habe ihre Söhne gestreichelt, angefasst. Die seelsorgerliche Schweigepflicht habe ihn abgehalten, so etwas weiterzumelden, erzählte Hasselmann kürzlich im Tonfall des Zerknirschten dem "Hamburger Abendblatt". Ja, er habe sich "schuldig gemacht", sagte er.
Hasselmann rechtfertigte sich, er habe Pastor K. ins Gewissen zu reden versucht, er riet ihm zu einer Therapie, wie er sagt - aber falls es eine Therapie gab, für die Stiefsöhne kam sie jedenfalls zu spät. Heute fragen sich die noch lebenden Brüder Sebastian, Anselm und Stephan, ob K. nicht einen sehr speziellen Grund hatte, weshalb er ihre Mutter geheiratet hatte - weil er nämlich Sebastian nahe sein wollte. Einem Jungen, der ihm aus dem Weg ging, seit drei Jahren, mit gutem Grund.
Die sexuelle Beziehung zwischen K. und den Stiefsöhnen begann im Juni 1982. Da unternahm K. mit Jugendlichen aus seiner Gemeinde eine Reise ins Elsass. Man hatte Fahrräder dabei, übernachtete auf Campingplätzen. Aber in einer Sturmnacht wurde das Zelt, in dem Sebastian Kohn, damals 14, schlief, weggerissen und zerschlitzt. Sebastian durfte deshalb zum Pfarrer ins Zelt. Dort soll sich Pastor K. an dem Jungen vergangen haben, in dieser Nacht und in anderen, die folgten. Und ebendiesen Mann stellte ihm seine Mutter ein paar Jahre später als künftigen Vater vor. "Ich hätte kotzen können", sagt Sebastian Kohn.
Da die Übergriffe folgenlos bleiben, nimmt sich K. Anfang der Achtziger immer mehr heraus, in alle Richtungen. Sein Interesse gilt nicht nur Jünglingen. Claudia Berner(*), ein Mädchen aus einer Jugendgruppe, ist ebenfalls auf der Reise ins Elsass dabei, bei den abendlichen Rotweinrunden kommt es vor, dass K. sie auf seinen Schoß zieht, sie vor den Augen aller anderen abschmatzt. Zu Claudia Berner unterhält K. etwa fünf Jahre hindurch ein sexuelles Verhältnis, obwohl die junge Frau den älteren Mann körperlich abstoßend findet. Aber er beteuert, einzig sie könne ihn von seiner Neigung
zu Jungs heilen, so notiert es Berner in ihrem Tagebuch. Das schmeichelt ihr.
Doch die Neigung von K. zu Jungs wird nicht geheilt. 1986 macht er sich auch an Stephan Kohn heran, den ältesten der Brüder. Der wehrt ihn ab. Danach geht Stephan zu Pastor Hasselmann, begleitet von seiner Freundin. Er vertraut Hasselmann an, was K. mit ihnen macht. "Wie kannst du es wagen, so ein Gerücht in die Welt zu setzen?", habe Hasselmann ihm geantwortet. "Und denk an deine Mutter, welche Chance es für sie ist, mit Pastor K. verheiratet zu sein!" So erinnert sich Stephan Kohn, heute Beamter im Bundesinnenministerium in Berlin.
Hasselmann lässt ausrichten, er habe so etwas nicht gesagt. Aber dass Stephan Kohn damals bei ihm war und ihm erzählte, Pastor K. habe seine Brüder sexuell missbraucht, das ist unstrittig.
Schließlich, 1989, verlässt Brunhilde Kohn, die Mutter der fünf Söhne, endlich den mutmaßlichen Verführer und Vergewaltiger ihrer Kinder. Damit ergibt sich eine Gelegenheit, in der - zumindest theoretisch - die sozialen Kontrollmechanismen der Kirche greifen könnten.
Nach einer Scheidung muss ein Pastor
durch den Kirchenvorstand bestätigt werden. Der Kirchenvorstand ist eine Art Parlament der Gemeinde, es setzt sich zusammen aus engagierten Bürgern und Pastoren. Im Januar 1990 findet die Sitzung statt. K. will trotz Scheidung im Pfarrbezirk bleiben. Dies ist eine Gelegenheit, in der Hasselmann das Wort hätte ergreifen können, er hat genug Hinweise. Außerdem einen Anlass: Einer der Anwesenden spricht lange Reisen an, die K. gemeinsam mit einem jungen Mann unternimmt.
Spätestens jetzt hätte es um alles gehen können, alle Gerüchte, Fragen, die seit Jahren kursierten - aber Hasselmann soll Wert darauf gelegt haben, seinen Kollegen K. möglichst im Schnelldurchlauf zu bestätigen. Nach der Wahl habe sich ein Kollege, der Pastor Wilfried Pioch, noch in der Sitzung an den damaligen Propst Karl Ludwig Kohlwage gewandt - bitte, so könne man die Sache doch nicht stehen lassen! Kohlwage habe daraufhin versprochen, sich zu kümmern. Es blieb aber offenbar folgenlos. Propst Kohlwage war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Hasselmann erinnert sich nicht an die Sitzung, und außerdem verhindere er grundsätzlich keine Aussprache.
So läuft es ständig: Hier ein Hinweis, da ein Ansatz, aber dann will man's zu genau doch nicht wissen. Der Fall K. zeigt auch, wie mühelos man im kirchlichen Apparat etwas verschweigen konnte - nur sehr ungern wendet man sich gegen einen ordinierten Kollegen, viel lieber hofft man auf das Beste und verschließt die Augen vor dem Schlechtesten.
Es bedarf einer zornigen, verzweifelten Frau, bis es zu einem neuen Vorstoß gegen K. kommt. Jene Claudia Berner, die laut eigener Aussage zwischen 1979 und 1984 mit K. schlief, hat irgendwann ihre Therapie hinter sich; im Sommer 1999 entschließt sie sich zum Handeln.
Sie bittet um einen Termin bei der neuen Pröpstin, sie heißt Heide Emse.
Claudia Berner erzählt ihr von dem Verhältnis, erzählt, wie K. sie verführte. Emse erinnert sich heute noch an eine "total verletzte Frau". Und sie erfährt damals, dass es noch mehr Opfer gegeben haben soll, junge Männer.
Pröpstin Emse, so Claudia Berner, habe scheinbar verständnisvoll, mütterlich reagiert - sie werde sich um den Fall kümmern, Berner könne sich hundertprozentig auf sie verlassen. Tatsächlich ruft Emse etwa drei Wochen später bei Claudia Berner an, aber ihr Vorschlag ist eine Zumutung: ob sie ihre Aussagen im Beisein von K. wiederholen würde, von Angesicht zu Angesicht. Emse wollte sehen, wie glaubwürdig die Frau war, wie sie und Pastor K. aufeinander reagieren würden. Schwerer kann man es einem mutmaßlichen Opfer kaum machen. Aber Claudia Berner sagt zu.
Die Täter-Opfer-Konfrontation mit der Pröpstin findet statt in den Amtsräumen an der Schulstraße in Ahrensburg, drei Personen sitzen an einem Tisch: Heide Emse, Claudia Berner, Pastor K. Es gibt Tee, Kaffee, Kekse.
Claudia Berner hat eine sehr präzise Erinnerung an das Gespräch, sie erinnert sich, sechs Namen genannt zu haben, mutmaßliche Opfer von K., darunter auch zwei der Kohn-Brüder. Sie sagt heute, dass K. bei fünf von sechs Fällen umfassend und reuig gestanden habe. Für die Pröpstin lag der Sachverhalt demnach offen da, auch hätte sie weiter nachforschen können.
Heide Emse hat hingegen deutliche Schwierigkeiten, sich zu erinnern. Die Kalender und Terminaufzeichnungen habe sie weggeworfen, schriftliche Notizen wurden seinerzeit nicht angefertigt. Richtig, sagt sie, das Verhältnis zu Claudia Berner habe der Kollege zugegeben. Aber zu den Jungen? Das Ganze sei ja schon elf Jahre her. Allerdings war von einem Sebastian die Rede - darauf immerhin kann sie sich dann doch besinnen. Natürlich sei sie tief betroffen gewesen von dem, was sie über K. gehört hatte. "Aber ich wollte ihm seine Existenz nicht kaputtmachen." Ihr lag es daran, "zu unterscheiden zwischen Tätern und Taten".
Von dem pastoralen Phrasendeutsch abgesehen - müsste man nicht vor allem unterscheiden zwischen Tätern und Opfern? Und müsste man nicht alles, wirklich alles unternehmen, um herauszufinden, ob es noch mehr Opfer gab?
Zwischen Claudia Berner und Emse kommt es zu einem weiteren Gespräch. Emse beteuert, dass sie voll auf Claudia Berners Seite stehe. Berner erklärt sich einverstanden: Wenn K. aus der Seelsorge herausgenommen wird, nichts mehr mit Jugendlichen zu tun hat, will sie keinen Skandal anzetteln.
Tatsächlich setzt Heide Emse, die als Pröpstin die direkte Vorgesetzte K.s ist, nun alles daran, den Pastor diskret versetzen zu lassen. Dazu braucht sie das Landeskirchenamt in Kiel. Das dortige Personaldezernat verwaltet und bestimmt, wo welcher Pastor arbeitet - im Krankenhaus, in einer Gemeinde, in einem Gefängnis.
Also ruft Emse in Kiel an. Pastor K. sei in Ahrensburg nicht mehr zu halten.
Das Personaldezernat der Nordelbischen Kirche ist eine Behörde. Und Behörden sind dazu bestimmt, Vorgänge anzulegen, mit Aktennotizen, Gesprächsprotokollen, Bescheiden. Versetzungen sind solche Vorgänge, sie müssen deshalb protokolliert werden. Eigentlich.
Im Fall von Pastor K. gibt es aber angeblich keine Unterlagen. Und es gab nie ein Disziplinarverfahren.
K. wird in die Gefängnisseelsorge abgeschoben, angeblich auf einen reinen Schreibtischposten, wo er Konzepte schreiben soll. Emse sagt, darauf habe sie bestanden: alles, nur keine Seelsorge, auf gar keinen Fall. Seltsam nur, dass der Geistliche, der wegen sexueller Übergriffe aus der Gemeinde abgezogen wird, dennoch seinen Posten als Religionslehrer behält, am ehrwürdigen Gymnasium Stormarnschule - was ihn zwei bis vier Stunden pro Woche in Kontakt mit Halbwüchsigen bringt. Für vier weitere Jahre.
Pröpstin Emse sagt, sie habe von dem Lehrerjob nichts gewusst. Pastoren aus Ahrensburg halten diese Behauptung für "schlichtweg lachhaft". Pastor Helgo Matthias Haak, ein jüngerer Kollege von K., sagt: "Dass K. Religionsunterricht gab, seit Jahrzehnten schon, das konnte man in Ahrensburg gar nicht nicht wissen."
Die Leiter der Schule erfahren von der Kirche kein Wort darüber, warum ihr Religionslehrer seine Kirchengemeinde verlassen musste.
Nun wurde die evangelische Kirche eigentlich mal erfunden als Gegenmodell zum katholischen Klerus, sie ist gedacht als Kirche von unten. Dieses demokratische System von Gremien und Abstimmungen stellte die damalige Pröpstin Heide Emse in jenem Spätsommer 1999 vor mehrere Probleme: Sie brauchte nicht nur den Apparat in Kiel, um Pastor K. aus der Gemeinde abzuziehen, ohne viel Aufsehen. Sie musste diese Entscheidung auch durch zwei Gremien manövrieren: durch den Kirchenvorstand, der sich aus 29 Mitgliedern zusammensetzte, aus Laien und Pastoren, und durch den Kirchenkreisvorstand, das übergeordnete Gremium. Außerdem bespricht die Pröpstin die Vorfälle in einer Pastorenrunde, an der vor allem jüngere Pastoren aus Ahrensburg teilnehmen.
So wie es aussieht, war Emses Strategie damals, gerade so viel zu erzählen wie nötig, um kein Gerede aufkommen zu lassen. Sie spricht also von einem Verdacht, und von "groben Verfehlungen", in einem kleineren Kreis auch von sexueller Belästigung einer Frau. Sobald jemand nachfragt, betont Emse den Schutz des Opfers - mehr könne sie wirklich nicht sagen. Das war deutlich genug, sagt Hei-de Emse heute. Es habe doch jedem klar sein müssen, dass es um mehr als kleine Unregelmäßigkeiten gegangen sei.
Worum ging es wirklich? Um den Schutz der Opfer? Oder um das Image der Kirche? Das Image der Pröpstin? Im Jahr darauf sollte ein neuer Bischof für Holstein-Lübeck, den Nachbarsprengel, gewählt werden; Emse wollte kandidieren. Der Gedanke liegt nahe, dass ein solcher Sexskandal für die Kandidatur nicht hilfreich wäre. Laut Emse hat das eine mit dem anderen dagegen nichts zu tun.
Und was wusste die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen? Emse sagt, sie habe alle wichtigen Personen informiert. Ja, auch die Bischöfin, im Herbst 1999. "Ich habe mit ihr gesprochen, in der Pause eines Konvents. Ich habe gesagt, dass es Anschuldigungen gegen Pastor K. gibt. Ich könne ihn hier in Ahrensburg nicht mehr halten. Es gebe diese Geschichte von der Frau, und es gebe andere Dinge. Die könne ich aber nicht verifizieren."
Kürzlich erklärte Bischöfin Jepsen in einem Interview, sie habe damals von den Vorfällen leider nichts erfahren. Als Reaktion schrieb ihr Emse einen geharnischten Brief: Wenn die Bischöfin noch einmal behaupte, sie sei nicht informiert gewesen, werde Emse ihr öffentlich widersprechen.
Die Bischöfin ist eine Frau mit blassem Teint und sanfter Stimme. Sie sitzt in ihrer Kanzlei an der Esplanade in Hamburg, das Büro ist abgedunkelt, und sie seufzt viel, aber mit dem Erinnern tut sie sich schwer. Kann sein, dass sie informiert wurde, sagt Jepsen, wenn, dann habe sie es vergessen.
Allerdings war Bischöfin Jepsen auch noch von anderer Seite über die Vorfälle unterrichtet worden, ebenfalls 1999. Auf einer Tagung in Lübeck trat eine Frau aus Ahrensburg auf die Bischöfin zu und sprach sie explizit an: In Ahrensburg sind mehrere Fälle von sexuellem Missbrauch vorgekommen, es geht um Pastor K., um Jugendliche, bitte, gehen Sie dem nach. Aber wieder kann sich Jepsen nicht erinnern. Eindeutige Hinweise auf einen Missbrauch von Jugendlichen könne es aber nicht gegeben haben. Andernfalls, sagt sie, hätte sie doch sofort etwas unternommen.
Ganz ohne Ahnung kann sie aber doch nicht geblieben sein. Tatsächlich brachte die Bischöfin nämlich das Thema von sich aus zur Sprache, bei einem Treffen des Bischofskollegiums mit Beamten aus dem Personaldezernat am 1. November 1999. Auf Nachfragen des SPIEGEL präsentiert Jepsen dazu einen protokollarischen Eintrag: "Frau Bischöfin Jepsen fragt nach, ob Herr Pastor K. möglicherweise intime Verhältnisse mit jüngeren Frauen hatte. Den Anwesenden ist darüber nicht Näheres bekannt."
Und dann geht es weiter zum nächsten Tagesordnungspunkt.
Das ist die ganze Reaktion? Wieso hakt man da nicht nach?
"Es ist für mich unbegreiflich", sagt die Bischöfin.
Alles ist unergründlich, unbegreiflich, keine Akten, nur allumfassende Vergesslichkeit. Begreiflicher wird der Fall, wenn man ihn aus dem System der Kirche heraus nachvollzieht. Kein Aufhebens! Keine schwiemeligen Details! "Ich war nicht traurig darüber, dass das hier nicht öffentlich wurde", sagt Emse. "Das wäre ja ganz schön blöde."
Im September 1999 las Claudia Berner in der Zeitung, dass K. im Strafvollzug arbeite. Sie erschrak - wie konnte man den Mann mit seiner irrlichternden Sexualität auf junge Gefangene loslassen? Sie wandte sich an Emse, die beruhigte sie: Pastor K. habe keinen Kontakt mit Inhaftierten, es sei ein Bürojob, Konzepte schreiben, irgendwas Harmloses. Später bügelte Emse die Frau ab, sie führe sich auf wie "ein Racheengel", der echt nerve.
Aber Pastor K. hatte mitnichten einen harmlosen Schreibtischjob. Er war regulärer Seelsorger des Gefängnisses in Neumünster, später sogar der Jugendanstalt in Schleswig. Und an Kontakten zu Inhaftierten litt er keinen Mangel.
Die Geschichte vom "reinen Schreibtischjob" wurde vom Nordelbischen Kirchenamt trotzdem noch offensiv vertreten, nachdem im März 2010, also gut zehn Jahres später, Claudia Berner alles wieder aufzurollen begann, diesmal mit einem Brief an Bischöfin Jepsen. Die Welle der Berichte über Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche hatte sie ermutigt, und Jepsen leitete eine Aufarbeitung ein - endlich. Doch sehr gründlich kann die Aufklärung nicht gewesen sein. Erst als der SPIEGEL jetzt im Juli die Wahrheit über den "Schreibtischjob" herausfand, wollte es plötzlich auch das Kirchenamt gemerkt haben.
Ende 2000 war K. schließlich in den Ruhestand gegangen. Pröbstin Emse will dafür höchstpersönlich im Kirchenamt gesorgt haben, empört darüber, dass K. doch weiter Seelsorger sei. Die Aktenlage für ihren Vorstoß: keine, wie üblich.
Die Kirche ist ein eigenes System, ein Staat im Staat, und die Handelnden oder Nichthandelnden agieren ihr Leben lang schon in der Gewissheit, die Wahrheit gepachtet zu haben. Nur so ist vielleicht zu verstehen, warum ihnen die seelsorgerliche Schweigepflicht über alles ging, auch über die weltliche Strafverfolgung.
Für das Opfer Sebastian Kohn wirkte das Gefühl, missbraucht worden zu sein, wie ein schleichendes Gift in seinem Leben. Auf den ersten Blick lief es nicht schlecht. Er ging weiter zur Schule, machte sein Abitur, absolvierte den Zivildienst, wollte Chemielehrer werden, eigentlich hätte sein Leben gelingen können.
Doch er wurde nie das Gefühl los, dass mit ihm etwas nicht stimmte, er fühlte eine bodenlose Einsamkeit. Er litt unter Prüfungsangst, fiel durchs Examen. Er begann zu trinken, er wurde zum Alkoholiker. Immer wieder träumte er davon, Pastor K. aufzusuchen, ihm seine Wut ins Gesicht zu schreien - doch er dachte: Wer bin ich, um mir so etwas zuzutrauen?
Sebastian Kohn schluckte im Juni 2009 eine Überdosis der Antidepressiva Doxepin und Cymbalta und versuchte, sich zu erhängen. Im Januar 2010 unternahm er den zweiten Suizidversuch. Er wachte im Krankenhaus auf, Intensivstation, Therapien, Kliniken, Depressionen. Erst seit kurzem, seit sich Sebastian Kohn entschloss, seine Geschichte nicht für sich zu behalten, geht es ihm besser.
Die ehemaligen Stiefsöhne und mutmaßlichen Opfer des Pastor K. haben einen Verein gegründet, sie sammeln Material, angeblich sind es bereits 30, 40 Hinweise, Fälle. Immer mehr Opfer melden sich, sagt Sebastian Kohn. Zwei aber können sich nicht mehr melden: Markus und Ulrich Kohn, zwei der fünf Kohn-Brüder, sind gestorben. Der eine an Aids, der andere an Drogen, sie hatten nie einen festen Boden in ihr Leben bekommen.
Anders als Dieter K., ihr mutmaßlicher Verführer. Wenn man bei ihm klingelt, an der Haustür seines Reihenhauses in einer ruhigen Sackgasse, sagt er: "Ich bin tief verwundet." Ich. Mehr sagt er nicht. ◆
----------------------------------------------
DER SPIEGEL 29/2010 vom 19.7.10:

Der SPIEGEL berichtete ...

... in Nr. 28/2010 "Kirche - Die Küsse eines Hirten" über Hinweise, wonach die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen schon 1999 von Missbrauchsvorwürfen gegen einen Ahrensburger Pastor gewusst haben soll, ohne diesen ausreichend nachzugehen.
Am vergangenen Freitag erklärte Jepsen ihren Rücktritt. Sie begründete den Schritt damit, dass ihre Glaubwürdigkeit angezweifelt werde und sie sich daher nicht mehr in der Lage sehe, die "Frohe Botschaft" so zu vermitteln, wie sie es bei ihrer Bischofseinführung versprochen habe.
(*) Name von der Redaktion geändert.
Von Jürgen Dahlkamp und Ralf Hoppe

DER SPIEGEL 28/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 28/2010
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KIRCHE:
Die Küsse eines Hirten

  • Die Ü50-Mütter: Schwangerschaft statt Menopause
  • Filmstarts: Im Auftrag der Gerechtigkeit
  • Emotionaler Moment im EU-Parlament: Abgeordneter spielt "Ode an die Freude"
  • Seltene Ultraschallaufnahmen: Zwillinge "boxen" im Mutterleib