12.07.2010

GELDANLAGETotal transparent

Rüdiger Beuttenmüller sitzt wegen betrügerischer Börsengeschäfte im Gefängnis. Dort plant er schon den nächsten Coup - mit Sammelklagen in den USA.
Schlank und großgewachsen gibt Rüdiger Beuttenmüller den perfekten Schwiegersohn ab. Das Hemd ist blau-weiß gestreift, das Sakko dunkel, am Arm prangt eine teure Fliegeruhr. Der Börsenexperte mit dem vollen Haar tritt betont seriös und zurückhaltend auf. Seine Worte wählt er mit Bedacht.
Seine Erzählungen passen allerdings nicht ganz zu dem sauberen Erscheinungsbild, sie handeln von der "Anstaltsbücherei" und seiner grauenvollen Zeit in der "Einzelzelle". Das Landgericht Hamburg hatte Beuttenmüller im vergangenen Jahr wegen Kursmanipulationen bei der Werft Bremer Vulkan und der Gontard & Metallbank für fünfein-halb Jahre ins Gefängnis geschickt. Mit der Verbreitung falscher Meldungen über angebliche Sanierungspläne hatte er den Wert der Ramschaktien kräftig noch oben frisiert - um dann rechtzeitig und mit Gewinn auszusteigen. Die geprellten Anleger blieben auf wertlosen Papieren sitzen.
Der passionierte Börsenstrickser gibt sich inzwischen geläutert. Von einem inneren Reifungsprozess im Gefängnis spricht Beuttenmüller und vom Wertegerüst, das er überdacht habe. Manchmal sei wohl "der Drang, im Mittelpunkt zu stehen, zu groß gewesen", sagt er. Das einzig Wichtige sei seine Familie.
So mancher Branchenkenner zweifelt freilich an Beuttenmüllers Bekehrung zum Gutmenschentum. Offenbar hat er in seiner Zelle vor allem über profitable Neuprojekte nachgedacht. Seit März kann er als Freigänger jeden Tag Punkt acht Uhr das Gefängnis Glasmoor verlassen. Dann fährt er in das Büro einer Beteiligungsgesellschaft - und arbeitet dort bereits eifrig an seinem nächsten Börsencoup.
"Fair Litigation" heißt Beuttenmüllers jüngste Schöpfung. Diesmal sollen seine Aktionäre mit lukrativen Sammelklagen in den USA reich werden. Das Unternehmen will europäische Kläger, die gegen US-Institutionen vorgehen wollen, an US-Kanzleien vermitteln. Das Verfahren wird von Fair Litigation und den US-Anwälten vorfinanziert. Bei Erfolg teilen sie sich die Beute, so der schlichte Plan.
Die Idee kam Beuttenmüller während eines seiner letzten Abenteuer. Neben Scheinübernahmen des Kameraherstellers Leica und des Freizeitparks Euro Disney wollte er vor Jahren auch mit der wertlosen Aktie von I. G. Farben, abgewickeltes Industrieunternehmen des "Dritten Reichs", kräftig Geld machen. Also strickte er öffentlichkeitswirksam an einer knalligen Räubergeschichte um verschobene Nazi-Vermögen und die dunkle Rolle der UBS. Eine Klage gegen die Schweizer Großbank in den USA sollte Millionen in die Kasse der Aktionäre spülen. Millionen flossen schließlich keine, die I.G.-Farben-Aktie stürzte ab, aber Beuttenmüller hatte für die Funktionsweise des US-Rechtssystems "Feuer gefangen".
Angeblich konnte Fair Litigation bereits einen vielversprechenden Fall an Land ziehen. "Unser Mandant wurde nach achtjähriger Tätigkeit für eine US-Botschaft in Europa mehr oder weniger fristlos entlassen", sagt Beuttenmüller. Er verfüge über Unterlagen und Tonbandmitschnitte über die "fragwürdige Praxis" bei Beschaffungsmaßnahmen der Botschaft. Jetzt soll niemand Geringeres als der US-Staat für seine korrupten Diplomaten verklagt werden. Kleine Brötchen backen mochte Beuttenmüller noch nie.
Ganz zufällig kursieren nun im Internet bereits die abenteuerlichsten Jubelmeldungen zur Fair-Litigation-Aktie. Ein obskurer Börsenbrief sieht für die kommenden Monate gar "ein Kurspotential bis zu 300 Prozent" voraus - freilich auf bescheidenem Niveau. Derzeit dümpelt das Papier bei 0,019 Cent.
Mit dieser Aktienanalyse "haben wir nichts zu tun", beteuert Beuttenmüller. Dennoch erinnert das Drehbuch seiner Resozialisierung an frühere Mauscheleien. Die Aktien der im Schweizer Steuerparadies Zug ansässigen Firma notieren im Freiverkehr der Frankfurter Börse. Dort gibt es, im Gegensatz zum geregelten Markt, kaum Zutrittsregeln und noch weniger überprüfte Fakten. Nicht zuletzt die Schmuddelkinder der Finanzbranche lieben dieses Casino. Hier können sie beinahe ungestört die Aktienkurse blutleerer Firmen mit halbwahren Erfolgsmeldungen hochschummeln.
Auch die Firmengeschichte von Fair Litigation lässt wenig Gutes ahnen. Einst mit dem Namen Teakforest gegründet, wollte das Unternehmen, von Beuttenmüllers Mannschaft beraten, Teakbäume in Südamerika anbauen. Aus dem Geschäft wurde nichts, stattdessen hieß die Firma plötzlich Blue Chip Gourmet und stand angeblich kurz davor, "im Franchise-Verfahren in Europa Keksläden aufzubauen", sagt Beuttenmüller. Nach Holz und Keksen wird nun mit Sammelklagen alles anders?
Fair Litigation soll eine Bühne sein, "um meinen schlechten Ruf zu korrigieren", sagt Beuttenmüller. Im Gegensatz zu früher seien die Verlautbarungen sehr konservativ und sachlich abgefasst, seine Aktivitäten "total transparent".
Die Beteiligungsgesellschaft, für die Beuttenmüller täglich arbeitet, hält "etwa 40 Prozent" der Fair-Litigation-Aktien. Den Rest halten zwei Aufsichtsräte und drei Privatpersonen. Wer das ist, will er nicht sagen.
Von Beat Balzli

DER SPIEGEL 28/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 28/2010
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

GELDANLAGE:
Total transparent

  • Vulkaninsel Neuseeland: Angst vor weiterem Ausbruch verhindert Bergung
  • "Vertikale Stadt": Öko-Wohnzylinder fürs Emirat
  • Video aus Costa Rica: Bauchlandung mit Kleinflugzeug
  • Wahlkampffinale in Großbritannien: Johnson gewinnt! Oder?