12.07.2010

Wer und Wen

Deutsche Forscher arbeiten an Wissensmaschinen, die verstehen, wonach der Nutzer fragt.
Die Eingabe "Wer hat Steuern hinterzogen?" fördert bei Google allerlei zutage, nur keinen Steuerhinterzieher unter den ersten zehn Treffern - stattdessen etwa einen Zeitungsartikel über Tarnfirmen und den Paragrafen 235 der Abgabenordnung, der regelt, wie hinterzogene Steuern verzinst werden.
Das war aber nicht die Frage. Die Suchmaschine Sempria macht es besser: Sie liefert eine hübsche Liste einschlägiger Sünder, angeführt vom vormaligen Post-Chef Klaus Zumwinkel.
Auch hier gibt es noch Fehltreffer, doch Sempria versteht offenbar, dass man tunlichst nach Personen suchen sollte, wenn die Frage mit "Wer" beginnt. "Google wirft Fragewörter gleich weg, wir aber nutzen sie", sagt Hermann Helbig, pensionierter Professor der Fernuni Hagen. Im vergangenen Herbst gründete er mit ein paar langjährigen Mitarbeitern die Firma Sempria. Die gleichnamige Suchmaschine steht vor der Markteinführung.
Anders als Google weiß Sempria auch, dass Zumwinkel eine Person ist, die Leine hingegen ein Fluss, wenn eine Stadt an ihr liegt, nicht aber, wenn ein Hund an ihr zerrt.
Das ganze Internet könnte Sempria nicht bewältigen - weil die Software versucht, die Texte auch inhaltlich im Ansatz zu verstehen, taugt sie vorerst eher für begrenzte Bestände, etwa zum Durchsuchen von Firmen-Web-Seiten oder Archiven. Eine Testversion läuft auf Basis der Wikipedia und etlicher Nachrichtenquellen.
Auf manche Fragen kommen da schon Antworten, die verständig erscheinen: Wo hat Oliver Bierhoff studiert? "An der Fernuniversität in Hagen." Sempria versucht sogar, zwischen "Wer" und "Wen" zu unterschieden, zwischen Akteur und Objekt: Wen hat Lee Harvey Oswald ermordet? "John F. Kennedy." Wer hat Lee Harvey Oswald ermordet? "Jack Ruby."
In Berlin ist unterdessen eine Wissensmaschine namens Alexandria in Arbeit, die noch einen Schritt weitergeht: Sie stellt Berechnungen und Vergleiche an. Man kann von ihr erfahren, wer in der Formel 1 mehr Rennen gewonnen hat als Niki Lauda. Und welcher Schauspieler in den meisten Filmen überhaupt mitgespielt hat.
Freilich muss man der Software alles einzeln beibringen: Menschen können etwas gewinnen, Menschen können irgendwo mitspielen. Dass sie auch Hirnzellen haben, ist offenbar noch nicht im Programm. Die Frage, wie viele das sein mögen, weist Alexandria zurück: "Ein Mensch hat keine Gehirnzellen."
Daran wird derzeit gearbeitet.
Die Software gehört zum weitläufigen Forschungsprogramm Theseus, wo intelligente Suchtechnik entstehen soll. "Wir sind auf dem Weg zur Antwortmaschine", sagt der Informatiker Wolfgang Wahlster, einer der Koordinatoren.
Die größte Dynamik sieht Wahlster bei den mobilen Anwendungen. Der Mensch unterwegs hat immer mal wieder dringende Bedürfnisse, tippt nicht gern auf den winzigen Geräten und hätte wohl am liebsten ein Handy, das ihn einfach versteht, was immer er sagt: "Wann fährt die letzte S-Bahn retour?" Oder vielleicht auch nur: "Bring mich hier weg!"
"In drei Jahren haben wir Frage-Antwort-Systeme, die für den Hausgebrauch taugen", sagt Wahlster. "Bei philosophischen Fragen wäre ich mir aber nicht so sicher - das schaffen wir vielleicht in 50 Jahren nicht."

DER SPIEGEL 28/2010
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