16.02.1998

ARCHITEKTURWunderbare Heimkehr

Der Thüringer Architekt Thilo Schoder war vergessen - jetzt fügt ihn die Berliner Akademie der Künste in die Ahnenreihe der großen Baukünstler ein.
Im September 1933 schrieb der Architekt Thilo Schoder an einen Freund: Er sei mit seiner norwegischen Frau in ihre Heimat gegangen, "auf kürzere oder längere Zeit - vielleicht auf immer - wer kann's wissen". Vielleicht auf immer war die richtige Prognose. Thilo Schoder sollte nie wieder aus dem Exil nach Deutschland zurückkehren. Doch so ahnungsvoll sein Brief von 1933 war, mit einem hat er nicht gerechnet: daß ihn die deutsche Architektur-Geschichtsschreibung schlichtweg vergessen würde. Im "Lexikon der Weltarchitektur": Fehlanzeige.
Erst Anfang der neunziger Jahre, als in Thüringen die ersten Häuser restauriert wurden, entdeckte die Direktorin der Geraer Kunstsammlung, Ulrike Rüdiger, 34, daß die schönsten Gebäude dort aus der Zeit der Weimarer Republik von ein und demselben Architekten stammen: von Schoder. Die Kunsthistorikerin Rüdiger folgte den Spuren des Thüringers bis in die norwegische Stadt Kristiansand. Dort traf sie seinen Sohn, auch ein Architekt. Der hatte den Nachlaß seines 1979 im Alter von 91 Jahren gestorbenen Vaters sortiert, gehütet und wartete nur darauf, daß endlich jemand aus Deutschland kommt, um das alles wiederzuentdecken.
Der Nachlaß wanderte bald von Kristiansand nach Gera, und vergangene Woche holte ihn die Berliner Akademie der Künste in ihr renommiertes Baukunst-Archiv. Mit einer Ausstellung am Hanseatenweg (bis zum 22. März; danach in Weimar) würdigt die Akademie das Werk des Architekten - der sich nun in feiner Gesellschaft befindet. Die Sammlungen der berühmten Baumeister Erich Mendelsohn, Ludwig Mies van der Rohe oder Hermann Muthesius sind ganz in seiner Nähe.
Wie die prominenten Kumpane war Schoder Repräsentant der Moderne - in moderater Form. Er bevorzugte zwar auch das flache Dach und die strengen Linien, aber er versuchte zugleich, die Traditionalisten nicht ganz zu vergrätzen: Ein Erker hier und da durfte schon sein und auch rustikaler Klinker statt kaltem Stahlbeton.
Schoder hatte sich die liebenswerten Extravaganzen aus seiner Lehrzeit bewahrt. Von 1912 bis 1914 war er Assistent des bedeutenden Weimarer Kulturreformers Henry van de Velde gewesen, fertigte ganz im Sinne des Art déco ornamentalen Silberschmuck, geschwungene Dosen aus Tropenholz und Stahlrohrsessel mit Sitzflächen aus Korb.
Doch ganz entkam auch er nicht den konstruktivistischen Zeittendenzen: Seine Arbeiten wurden sachlicher, geometrischer, und immer mehr ließ er das Kunsthandwerk schludern, brachte sich schließlich selbst das Bauen bei und fing an zu klotzen.
Er entwarf neben etlichen Privathäusern und Fabriken sechs Siedlungen, wovon die Hermsdorfer Wohnzeile am bekanntesten wurde: schlichte Backsteinkuben, die aber mit Dachgärten, Balkonen und Eckfenstern verziert waren. Auch seine monumentalen Fabrikanlagen inszenierte Schoder elegant. Der für ostthüringische Verhältnisse beispiellos moderne Indu-striebau GoldXe etwa ist an den Ecken kühn gerundet, die senkrechten Fensterbahnen liegen schmal zwischen markanten Betonpfeilern, überhaupt ist das Ganze kraftvoll gegliedert.
Aber selbst ein gemäßigter Vertreter der Moderne galt in den zwanziger Jahren - in der Provinz zumal - bestenfalls als Geisteskranker. So billigte etwa ein Thüringer Blättchen einem Doppelwohnhaus Schoders lediglich die Verwendbarkeit "als Krematorium oder als Heilanstalt für Irre" zu.
Hier konnte Schoder schon den Ungeist spüren, der sich wenig später in Deutschland breitmachen würde. Zunächst ließ er sich nicht beirren, im Gegenteil: Er wollte, daß sein Kompromiß zwischen Avantgarde und Tradition Schule macht.
Er, der Autodidakt, bewarb sich 1929 um den Direktorenposten der angesehenen Hochschule für Handwerk und Baukunst in Weimar, der Nachfolgeinstitution des dortigen Bauhauses. Aber die Bewerbung, die zunächst für einiges Aufsehen in der Fachwelt sorgte, verlief im Nichts.
Anfang 1930 übernahm eine Rechtskoalition in Thüringen die Macht, und flugs wurde der Nationalsozialist und Großinquisitor "entarteter" Kunst, Paul Schultze-Naumburg, der neue Direktor. Schoder hingegen verweigerte die Mitgliedschaft in der NSDAP, sah bald in Deutschland keine Zukunft mehr, packte die Koffer, verschwand aus Land und Bewußtsein.
Doch wie eine späte Rache der Geschichte trotzten die meisten seiner Bauten Krieg, Sozialismus, Wende und sorgten, wenn auch leicht verwundet, für die späte Rehabilitierung ihres Schöpfers.

DER SPIEGEL 8/1998
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