23.02.1998

LITERATURÜbermut unter Palmen

Lina kommt im Sauerland zur Welt, wo die Leute gottesfürchtig sind und wenig Verständnis haben für die Sehnsüchte einer jungen Frau. Doch in Lina steckt eine große Lust zum Aufbruch, sie wird getrieben von Fernweh und weiblichem Übermut. All dies schickt sich nicht für eine Frau, schon gar nicht um die Jahrhundertwende; deshalb beschließt die listige Lina, ihr Leben Gott zu widmen.
Das war die aussichtsreichste Möglichkeit für ein junges Mädchen, der häuslichen Enge zu entkommen und ein bißchen in der Welt herumzugondeln. Und so wird Lina als Missionarin im Jahr 1908 auf Ponape angespült, einer Insel in der Südsee.
"Die Missionarin" ist der siebte Roman von Sibylle Knauss, einer souveränen Erzählerin, die in Deutschland bislang unterschätzt wird. Knauss'' Roman basiert auf historischen Tatsachen: Die deutsche Kolonialmacht kaufte den Spaniern 1899 die kleine Insel Ponape ab, und während der damals üblichen Zivilisierungsversuche kam es zu blutigen Aufständen.
Genüßlich, mit feiner Ironie entwickelt Knauss vor diesem historischen Hintergrund ihre Geschichte: Missionare, Beamte und Offiziere sollen die "Wilden" von Geistern und freier Liebe abbringen und sie preußische Disziplin und Gottesglauben lehren. Den Inselbewohnern will das nicht so recht einleuchten - da sie keinen Begriff von Sünde haben, bedürfen sie auch nicht der Erlösung. Sie wehren sich gegen die fremden Eindringlinge - es kommt zum Kampf.
Es ist Lina, die den Leser durch dieses Abenteuer führt, eine wunderbar eigensinnige Heldin inmitten von Kolonialherren, deren Großmäuligkeit mit ihrem Leibesumfang wächst. Linas Geschichte ist auch die Geschichte einer Verwandlung, einer Befreiung: von Konventionen, weiblicher Opferbereitschaft, Prüderie. Linas Missionseifer erlahmt, bis sie nur noch der Logik ihres Herzens folgt: So entdeckt sie nicht nur ein anderes Leben in einem anderen Kontinent, sondern findet, als sie mutig bis ins Innerste der Insel vordringt, nichts Geringeres als sich selbst.
Knauss'' Stil ist elegant und einfach, trickreich variiert sie die Erzählperspektiven. Zugleich schildert sie, ohne jeden schrillen Ton der Entrüstung, die uralte Geschichte vom weiblichen Aufbegehren in einer selbstgefälligen Männerwelt.
* Sibylle Knauss: "Die Missionarin". Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 367 Seiten; 39,80 Mark.
* Sibylle Knauss: "Die Missionarin". Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 367 Seiten; 39,80 Mark.

DER SPIEGEL 9/1998
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