23.02.1998

KARRIERENBach-Partituren am Krankenbett

Der amerikanische Star-Pianist Murray Perahia, 50, über sein langes Karriere-Tief, Ärzte und Kritiker
SPIEGEL: Herr Perahia, gut zwei Jahrzehnte lang wurden Sie in aller Welt als Klaviervirtuose gefeiert. Dann waren Sie plötzlich von der Konzertbühne verschwunden. Was ist passiert?
Perahia: Ich hatte eine Infektion am rechten Daumen und konnte eineinhalb Jahre lang nicht spielen. Zwischendurch klappte es für neun Monate, und dann war wieder zwei Jahre lang ganz Schluß.
SPIEGEL: Der Alptraum eines Pianisten.
Perahia: Auf jeden Fall mein Alptraum. Ich hielt mich über Wasser, indem ich intensiv Partituren studierte, hauptsächlich die Musik von Bach. Ich habe die Zeit genutzt, mich zu entwickeln. Mein Verständnis von Musik ist ein anderes geworden.
SPIEGEL: Wie sind Sie mit der Existenzangst fertig geworden?
Perahia: Nun, meine Familie hat sich tatsächlich große Sorgen gemacht. Zum Glück hatten wir noch meine Einnahmen aus den Platten. Das einzig Gute war, daß ich nicht zu reisen brauchte und zusehen konnte, wie meine Kinder sich entwickeln.
SPIEGEL: Und dann wurde alles gut?
Perahia: Nach langem Hin und Her mit immer anderen Ärzten fand dann ein Doktor in den USA die wirkliche Ursache: eine Knochen-Anormalität, die sehr schwer zu lokalisieren war. Und dieser Arzt operierte mich dann auch erfolgreich.
SPIEGEL: Haben Sie wieder problemlos Anschluß an den Musikbetrieb bekommen?
Perahia: Ja, ziemlich gut.
SPIEGEL: Wie hat sich Ihr Spiel verändert?
Perahia: Es ist sicherlich tiefer geworden. Und es macht mir ungeheuer viel Spaß. Ich denke, daß mein Publikum das auch merkt. Und sogar die Kritiker - aber die bekommen so was ja immer erst als letzte mit.

DER SPIEGEL 9/1998
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