23.02.1998

SCHRIFTSTELLERAnarch des Jahrhunderts

Staatsmänner hofierten ihn, seine Gemeinde verehrt in ihm den unzeitgemäßen Denker und Stilkünstler, seine Gegner beschimpften ihn als Kriegstreiber und Demokratiefeind. Selbst nach seinem Tod mit 102 Jahren spaltet Ernst Jünger die Nation.
Gewiß habe jeder seinen eigenen Tod, schrieb er, "doch gibt es Unterschiede in der Großen Passage sowohl persönlicher wie allgemeiner Art". Hallende Sätze wie dieser von 1991 waren sein Markenzeichen, und ihr Klang, ob hohl, hehr oder herrisch, hat über nahezu 80 Jahre und zwei Kriege hinweg Leser gebannt. Ernst Jünger, Poseur und Kosmosrauner bis zuletzt, fand seinen Prosaton früh und schrieb ihn fort: Lebenslang von Nüchternheit und Notwendigkeit berauscht, von Naturgewalt und Traumrätseln wachgehalten, ein einsamer, hochmütiger Bedeutungssammler.
Schon sein Erstling, das Front-Tagebuch "In Stahlgewittern", hatte dem tollkühnen Stoßtruppführer 1920 gezeigt, daß er seine Jungenssehnsüchte nach "höherem Indianerspiel" (Thomas Mann) am sichersten als Gedankenartist verwirklichen könnte. So studierte der Apothekersohn, den sein Vater als Minderjährigen aus der Fremdenlegion zurückholen mußte, nach dem Abschied vom Heeresdienst im Jahre 1923 ein wenig Zoologie und Philosophie und lebte fortan als freier Publizist.
In immer neuen Variationen auf Nietzsches Formel vom Willen zur Macht schilderte er in weiteren Kriegsbüchern den "Kampf als inneres Erlebnis", wo "Feuer und Blut" magisch das Ego stählen, selbst wenn der Schuß aus dem Hinterhalt fällt, und wünschte zugleich in nationalistischen Blättern wie "Standarte" oder "Arminius" Männer herbei, "die gefährlich sind, weil es ihnen eine Lust ist, gefährlich zu sein". Führertum, "blutverbundene Gemeinschaft" und "totale Mobilmachung" verstanden sich von selbst für ein Weltbild, in dem "Krämer und Marzipanfabrikanten" gleich allen anderen verächtlichen Bürgern nur höhnisch abgetan wurden.
Doch so martialisch er schrieb, so direkt er auch 1929 "dem Nationalsozialismus von Herzen den Sieg" wünschte: Jünger war ein Papierkrieger, der die Verlockungen der Großstadt-Halbwelt von Berlin genoß. Schon äußerlich paßte der coole Dandy in die Welt der George Grosz, Oswald Spengler und Gottfried Benn, und mitten durch den Trubel der zwanziger Jahre flanierte er als ungerührter Beobachter - ein Selbstbild, das er lange danach zum entrückten "Waldgänger" und "Anarchen" mythisieren sollte.
Vorerst lieferte ihm die Schock-Ästhetik, mit der das expressionistische Jahrzehnt den Wilhelminismus erschreckte, Ausgangswerte seiner Weltsicht: Geschwindigkeitsrausch, Typenlehren, apokalyptische Massenbilder und die nüchterne Brutalität des Daseinskampfes verschmolzen für Jünger zu einer antibürgerlichen Vision technischer Zukunft, die er nach mehreren Anläufen 1932 in einem 300-Seiten-Werk auf den Begriff zu bringen versuchte: "Der Arbeiter. Herrschaft und Gestalt".
Ausgerechnet er, der Erzindividualist, sprach darin von "organischer Konstruktion" und "imperialer Einheit", die alles Persönliche abschleifen werde: "Je zynischer, spartanischer, preußischer oder bolschewistischer ... das Leben geführt werden kann, desto besser wird es sein." Uniformierung zum "höchsten, entscheidenden Sinn", der aus nacktem Tun entspringen sollte; Ermächtigungsdenken als Wegweiser zum kalten Kunstgebilde eines Lebens, das kein Bewußtsein und kein Humanum mehr nötig hat.
Schon im folgenden Jahr erwies sich, daß Jünger mit seiner brutalen Version des L'art pour l'art im Weltmaßstab dem Geiste seiner Zeit fatal nahe gekommen war: Hitlers Machtergreifung erstickte alle Diskussion und warf auch ihn, den verdächtig intelligenten, aber zum Offiziersdienst unwilligen Publizisten, ins Private zurück. Auf Reisen nach Dalmatien, Norwegen, Brasilien und Griechenland, oft mit seinem Bruder, dem Lyriker und Essayisten Friedrich Georg, trainierte Jünger bei kargen Einkünften sein Natur-Sensorium, baute die Käfersammlung aus und wurde des Einzelgängertums immer sicherer.
"Im Garten Wege vertieft. Die Würmer, die der Spaten beim Schürfen in Stücke schneidet, die sich tänzelnd krümmen - der Schmerz rührt uns in solchen Bildern kurz, wie mit dem Ätzstift, an", schrieb er am 18. April 1939, eben nach Kirchhorst bei Hannover umgezogen, in sein Tagebuch. "Es leuchtet ein, daß man im Wurme den Schmerz symbolisiert ..." Ungerührte Studienblicke dieser Art, ob über Würmer, Insekten oder Menschen, blieben die Basis seiner Prosawerke.
Selbst als Erzähler hielt er sich abseits der Katastrophen. Aus Sicht eines Eremiten, der samt Bruder und Anhang in der "Rauten-Klause" botanisiert, schilderte er 1939 in seinem bis heute berühmtesten Roman, "Auf den Marmorklippen", den grausamen Kampf zwischen den Uferstadtbewohnern der "Marina" und barbarischen Waldrotten der "Mauretanier" unter Führung eines gnadenlos diktatorischen "Oberförsters". Die entscheidenden Schlachten in dem von dunklen Anspielungen durchzogenen Buch tragen Tiere aus: Jagdhunde, Bluthunde und Schlangen, neben deren blinder Bestialität der denkende Mensch wie ein Relikt anmutet.
"Es ist sogar gut, wenn dunkle Stellen bleiben, die sich der Autor selbst nicht zu erklären vermag. Gerade solche sind, wie ich erfuhr, oft Keime späterer Fruchtbarkeit", notierte Jünger während des Schreibens. Er sollte recht behalten: Seine angestrengt symbolische Untergangsphantasie galt vielen sogleich als virtuos verschlüsselte Reaktion auf die jüngste Vergangenheit, ja die Gegenwart; und der Autor, seit Kriegsbeginn wieder beim Heer verpflichtet, wurde durch den Bucherfolg vollends unangreifbar.
So konnte er als Stabsoffizier in Paris Künstler treffen, hielt im Tagebuch Träume und Lektüren fest und besuchte neben seinem Dienst standesgemäß die Nachtclubs der besetzten Metropole: *___... dann im "Tabarin". Dort eine Revue mit nackten Frauen vor ____einem Parkett von Offizieren und Beamten der Besatzungsarmee ____mit einem Pelotonfeuer von Sektpfropfen. Die Körper gut ____gewachsen bis auf die Füße ... Auch tritt das Hahnen hafte der ____gallischen Rasse stark hervor. Les poules. *___Dann im "Monte Christo", einem Etablissement, in dem man auf ____niedrigen Polstern schwelgt. Silberne Kelche, Obstschalen und ____Flaschen funkelten im Halbdunkel wie in einer orthodoxen ____Kapelle; für Gesellschaft war durch junge Mädchen gesorgt, fast ____durchweg schon in Frankreich geborene Kinder russischer ____Emigranten ... Ich saß neben einer kleinen melancholischen Person ____von zwanzig Jahren und führte mit ihr in Champagnernebeln ____Gespräche über Puschkin, Aksakow, Andrejew, mit dessen Sohn sie ____befreundet gewesen war.
So notiert keine drei Monate vor Hitlers Überfall auf die Sowjetunion. Geradezu genießerisch kostete Jünger seine Privilegien aus. Obgleich er früh davon erfahren hatte, daß einige ranghohe Militärs sich gegen Hitler stellen wollten, blieb es für ihn nach dem 20. Juli 1944 bei Verhör und Entlassung: Sorgsam hatte Jünger vom aktiven Widerstand etwa seines Generals Karl Heinrich von Stülpnagel Abstand gehalten. Statt dessen feilte der frühere Tatenprediger weiter an einer Denkschrift über den Frieden, die er insgeheim schon Freunden wie den Generalen Rommel und Speidel zu lesen gegeben hatte.
Seine Mahnungen darin klangen wieder orakelnd: Der Krieg, diese "große Schmiede der Völker, wie der Herzen", müsse als "echte Spende" und "echtes Opfer" verstanden werden. "Der Zuwachs an Menschen und Energien", so Jünger weiter, habe zur "Sprengung des alten Rahmens" geführt. Solle "der Sieg für alle fruchtbar" werden, müsse nun ein europaweiter "heiliger Vertrag" zustande kommen.
Verständlich, daß sich der Elitäre nach dem wirklichen Zusammenbruch von Unheiligkeit umgeben sah - und nun, mit 50 Jahren, wie zuvor den Rückzug ins Private antrat. Vier Jahre lang durfte er ohnehin nicht veröffentlichen, da er ablehnte, per Fragebogen "entnazifiziert" zu werden.
1949 - Jünger war an den Bodensee gezogen, weil die Franzosen ihm dort das Publizieren erlaubten - erschien dann in einem eigens gegründeten Tübinger Verlag der utopische Staatsroman "Heliopolis. Rückblick auf eine Stadt". Er setzt die tierischen Machtkämpfe der "Marmorklippen" durch kafkaeske Rollenspiele zwischen "Prokonsul", "Landvogt", einem allmächtigen "Weltregenten" und vielen anderen Figuren fort.
Doch auf solche Einkleidungen kam es kaum noch an. Ob utopisch, wie etwa in den Romanen "Gläserne Bienen" (1957) und "Eumeswil" (1977), oder anders verbrämt, ob im Essay oder Interview: Was die Lesergemeinde, allen voran Jüngers treuer Verleger Ernst Klett, vom Autor wollte, war die Nachdenklichkeit des Unzeitgemäßen, Zeitfernen, ja Zeitlosen. Dem alten Sammler konnte es recht sein.
In seinen Tagebüchern, deren letzter, schmaler Band noch 1997 herausgekommen ist, hielt er statt Taten, Porträts und Plänen wertungslos verknappte Bilder seiner vielen Reisen und der heimischen Naturwelt fest, dazwischen Reflexionsbruchstücke und "Gedanken" - zum "Verlauf der nächsten Jahrhunderte", über die "Macht der Schriftzeichen" oder nur, ob "die Melone die Gurke an Geschmack überträfe". Für jede Kundschaft ist gesorgt. Nicht umsonst stehen die früheren Tagebücher am Anfang von Jüngers zweiter großer Werkausgabe.
Nur selten noch wurde die Ruhe des Lesers, Insektenkundlers und Antiquitätenfreundes gestört, der sich schon 1950 ins stattliche Forsthaus des oberschwäbischen Dorfes Wilflingen zurückgezogen hatte: 1970, als er mit Aphorismen und Erfahrungsberichten zum Thema Drogen plötzlich an die Seite der Haschisch-Generation zu rücken schien; 1982, als die Verleihung des Goethepreises aufs neue Anlaß wurde, Für und Wider seines pathetisch gestikulierenden Stils zu debattieren; 1993, als Helmut Kohl und François Mitterrand den Veteranen aufsuchten; schließlich 1995, zum Hundertsten.
So regelmäßig er über "Anbräuner" schimpfte: Wer nicht einsah, daß sein nihilistischer Widerstand viel grundsätzlicher gemeint war als nur politisch, den ignorierte er lieber. Sich selbst zum Kunstwerk geworden, schon durch sein Weiterleben ein Phänomen, ließ Jünger sich in Vorlieben und Äußerungen Jahr für Jahr weniger beirren. Abgeschirmt inmitten eines streng selektierten Freundeskreises, behütet vom "Stierlein" Liselotte, seiner zweiten Frau, die schon vor der Heirat 1962 seine Mitarbeiterin war, kreiste der Einsiedler-Heros auf immer engeren Bahnen um sich selbst.
So hätte der Mann, der zweimal den Halleyschen Kometen sah, friedlich entschwinden können. Aber die nächste Generation seiner Jünger steht schon bereit. Erst vor einem Monat hat ein bayerischer Filmproduzent sich die Rechte an allen Kriegsbüchern Jüngers gesichert. Mit Partnern aus Frankreich, wo seine Stilgebärden schon immer größeren Anklang fanden als in Deutschland, soll das Werk von angeblich "homerischer Wucht", die "Allegorie von der soldatischen Opferbereitschaft" endlich auch ins Kino gelangen: Keine Rede also von ewiger Ruhe.
... dann im "Tabarin". Dort eine Revue mit nackten Frauen vor
einem Parkett von Offizieren und Beamten der Besatzungsarmee mit
einem Pelotonfeuer von Sektpfropfen. Die Körper gut gewachsen bis
auf die Füße ... Auch tritt das Hahnen hafte der gallischen Rasse
stark hervor. Les poules.
Dann im "Monte Christo", einem Etablissement, in dem man auf
niedrigen Polstern schwelgt. Silberne Kelche, Obstschalen und
Flaschen funkelten im Halbdunkel wie in einer orthodoxen Kapelle;
für Gesellschaft war durch junge Mädchen gesorgt, fast durchweg
schon in Frankreich geborene Kinder russischer Emigranten ... Ich saß
neben einer kleinen melancholischen Person von zwanzig Jahren und
führte mit ihr in Champagnernebeln Gespräche über Puschkin,
Aksakow, Andrejew, mit dessen Sohn sie befreundet gewesen war.

DER SPIEGEL 9/1998
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