23.02.1998

NACHRUFDas Selbst als inneres Erlebnis

Im Jahre 1914 in Langemarck wäre er ganz gern gefallen, bekannte der Schriftsteller Ernst Jünger 1982 in einem SPIEGEL-Gespräch. Der Erste Weltkrieg war sein Bildungserlebnis und glorios, zumal er vom Kaiser selbst und nicht von Hindenburg den Orden "Pour le mérite" verliehen bekam. Für ihn war dieser Krieg nicht nur der einzige, in dem er kämpfte, sondern der letzte aller Kriege überhaupt. Mit diesem Krieg verschwand der "Typus" des Soldaten aus der Geschichte.
Was aber war dann der Zweite Weltkrieg für Jünger? Eben kein richtiger Krieg mehr, denn im Zweiten Weltkrieg herrschte eine gewisse Automatik; die beiden Atombomben auf Japan zählten für ihn zu einem neuen Zeitalter.
Daß beide Kriege durch überlegenes Material entschieden worden sind, kam diesem Autor nie in den Sinn.
Man hätte diesen kriegsbrünstigen Abenteurer ("Der Kampf als inneres Erlebnis") als Beobachter nach Stalingrad schicken sollen, wo es auch dem besten Stilisten und Kitschisten die Sprache verschlagen hätte. Es ist ihm ja auch gleich gewesen, wo er abenteuern konnte. Auch bei Garibaldis Soldateska wäre er als Capitano gern dabeigewesen, so sah er es wenigstens.
Selbstverständlich hätte er, dieser Wähler der Hugenberg-Partei und Elite-Mensch den Zweiten Weltkrieg genauso begonnen, wenn er denn etwas zu sagen gehabt hätte - vielleicht sogar früher als Hitler.
Jünger konnte das Friedensdiktat von Versailles nicht verwinden. Hierin verstand er Hitler ganz und gar, kritisierte aber an ihm, "unlogisch" gehandelt zu haben, weil er zwecks Judenverfolgung dringend benötigte Waggons dem Heer entzog. Dies habe neben dem "irreparabel moralischen, auch zum ökonomischen und strategischen Verlust des Krieges beigetragen".
Antisemit war Jünger wohl, aber er macht mit Recht auf den Zeitpunkt aufmerksam. Will sagen: Nach der Pogromnacht 1938 sah er die Dinge beträchtlich anders.
Von den vier Regierungssystemen, die er erlebte, war ihm das Kaiserreich noch das genehmste; so lag es in seiner Natur, die Weimarer Republik zerschlagen zu helfen. (Auch ohne ihn hätte sie nicht überlebt.)
Von den Nazis, die sein Prestige vereinnahmen wollten, hielt sich der Einzelgänger konsequent fern. Ein Nazi war und wurde er nicht. Mit ihm sollte niemand paradieren können. Hitler ließ den "Pour le mérite"-Träger gewähren, obwohl dessen Diktion den Parteigrößen mißfiel.
Besonders der Fall war das bei dem kurz vor dem Hitler-Krieg geschriebenen Roman "Auf den Marmorklippen", der viel Grausiges und Grausames, viel Metaphorisches, aber keinerlei Hinweise auf das führende Personal des Dritten Reiches enthielt. Wahr ist: So durfte im Hitler-Reich niemand schreiben, aber Jünger tat es. So wie dieser Autor schrieb kein anderer, er hatte seine eigenen, in jeder Richtung auslegbaren Metaphern.
Jünger ging 1939 als Hauptmann zur Armee ab. In Paris zensierte er die Feldpost der Soldaten. Obwohl befreundet mit späteren Widerstandskämpfern, lehnte er das Mittel des Attentats prinzipiell ab. Als Beispiel nannte er das Attentat der Fanni Kaplan auf Lenin, das unermeßliches Leid über die Menschheit gebracht habe. Er wollte und konnte nicht politisch denken.
Man darf über Ernst Jünger sagen, was er selbst 1982 gesprächsweise über Thomas Mann sagte, daß er "Verantwortung für die Sprache" trage. Er war ein großer Stilist - freilich immer näher am Rande des Kitsches als die beiden Antipoden Brecht und Mann.
Es waren nun aber gerade jene Flächenbombardements Hamburgs und Dresdens, die der Verfasser des "Arbeiter" 1932 keineswegs warnend angekündigt hatte. Jünger erzählte unumwunden, daß er sich jedesmal geärgert habe, wenn wieder eine deutsche Stadt bombardiert worden sei und er im englischen Sender die Brandreden Thomas Manns dazu habe hören müssen. Der Kriegsverherrlicher später: Man zerschlage auch nicht das Barometer, das den Taifun ankündigt.
Sehr sonderbar ist es, daß der sterbliche Jünger dem unsterblichen Cervantes jeden Humor absprach, im übrigen aber meinte, nur ein Kriegsmann habe ein solches Buch wie "Don Quijote" abfassen können.
Ganz ohne Humor war aber auch Jünger nicht. Der Bundesrepublik wenig zugetan, befürchtete er im Gespräch mit den SPIEGEL-Leuten, "auf einem wackligen Gefährt in den Tod zu müssen".
Ernst Jünger besuchte den auf strikte Diät gesetzten Dramatiker Friedrich Dürrenmatt in der Schweiz. Verständnisvoller Kommentar Jüngers: "Na ja, da habe ich mir gedacht, der will ein Vierteljahr gut leben, anstatt drei Jahre lang so dahinzuschleichen, und so hat er es auch geschafft."
Der Anarch, wie er sich in Wilflingen selbst stilisierte, lebte ja höchst diszipliniert, wenn nicht gerade Champagner in der Nähe war. Er badete bis ins hohe Alter jeden Morgen kalt, was ihn hart ankam, und gab sich fast bis zuletzt ernsthaften zoologischen Studien hin - benannt nach ihm sind unter anderen Insekten, der Schwarzkäfer Leptonychoides juengeri, und eine Schnecke, die Chilosoma cingulatum juengeri.
1982 nahm er entgegen seinen Grundsätzen den Goethepreis der Stadt Frankfurt an, eine von schrillen Tönen begleitete, aber gleichwohl angemessene Ehrung. Von Jahr zu Jahr weniger umstritten, wird der Tote nun endgültig ins Pantheon erhoben werden. Mit fast 103 Jahren dürfte dies unvermeidlich sein.
Gedanke: Langemarck - verpaßte Chance.
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 9/1998
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