23.02.1998

„Wir sind alle mitschuldig“

Aus dem Tagebuch des Wehrmachtsoffiziers Wilm Hosenfeld
Warschau, 17. April 1942. Ich lebe hier in der Sportschule einen friedlichen Tag nach dem anderen. Von dem Kriegsgeschehen merke ich nichts, aber froh werden kann ich auch nicht.
23. Juli 1942. Wenn man die Zeitungen liest und den Rundfunkberichten zuhört, dann glaubt man, es sei alles in bester Ordnung, der Frieden sei gesichert, der Krieg schon gewonnen und die Zukunft für das deutsche Volk sei voller Hoffnung. Aber ich kann und kann nicht daran glauben. Überall herrscht Terror, Schrecken, Gewalt. Nun kommt noch das entsetzliche Unrecht der Blutschuld an der Ermordung der jüdischen Bewohner auf unsere Rechnung.
25. Juli 1942. Wenn das wahr ist, was in der Stadt erzählt wird, dann ist es keine Ehre, deutscher Offizier zu sein, dann kann man nicht mehr mitmachen.
13. August 1942. Bosheit und Tierhaftigkeit treten offen zutage, wenn sie sich hemmungslos entfalten dürfen. Ja, man braucht solche niedrigen Triebe, um dies Morden, Töten an den Juden und Polen zu verüben.
6. September 1942. In Treblinka werden die Züge mit den Viehwaggons ausgeladen, viele der transportierten Menschen sind schon tot. Die Toten werden neben den Gleisen aufgeschichtet, die gesunden Männer müssen die Leichenberge wegschaffen, neue Gruben graben und die gefüllten zuwerfen. Dann werden sie erschossen. Frauen und Kinder müssen sich entkleiden, werden in eine fahrbare Baracke getrieben und werden da vergast ... So geht das nun schon lange. Ein furchtbarer Leichengeruch liegt über der ganzen Gegend.
14. Februar 1943. Als die Hinschlachtung von Kindern und Frauen geschah, da wußte ich, jetzt verlieren wir den Krieg, denn damit hatte der noch zu rechtfertigende Kampf um Nahrungsfreiheit, um Volksboden seinen Sinn verloren, er artete aus in ein unmenschliches, kulturwidriges Massenschlachten, das niemals zu rechtfertigen ist und von dem gesamten deutschen Volk zutiefst verurteilt wird. Auch die ganzen Quälereien der verhafteten Polen, die Erschießungen der Kriegsgefangenen, die bestialische Behandlung sind niemals zu rechtfertigen.
16. Juni 1943. Jetzt ist der letzte Rest der jüdischen Einwohner im Ghetto ausgetilgt. Ein SS-Sturmführer prahlte damit, wie sie die Juden, die aus den brennenden Häusern stürzten, zusammengeknallt hätten. Das ganze Ghetto ist eine Brandruine ... Wir haben eine unaustilgbare Schande, einen unauslöschlichen Fluch auf uns geladen. Ich schäme mich, in die Stadt zu gehen, jeder Pole hat das Recht, vor uns auszuspucken.
5. Dezember 1943. Im Heimatgebiet wird keine Revolution entstehen, weil niemand den Mut hat, gegen die G.Sta.Po. aufzutreten und seinen Kopf zu riskieren. Auch von der Armee ist ein Umsturz nicht zu erwarten. Sie läßt sich willig in den Tod treiben.
11. August 1944. Es soll ein Führerbefehl erlassen sein, daß Warschau dem Erdboden gleichgemacht werden soll. Das ist der Bankrott. Mit der Zerstörung von Warschau setzen wir unserer Ostpolitik das Abschlußdenkmal.

DER SPIEGEL 9/1998
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