26.07.2010

KAUKASUS„Tragt Chaos in ihre Reihen“

Nirgendwo in Russland ist die Lage so bedrohlich wie in der Vielvölkerrepublik Dagestan, in deren Nähe 2014 die Olympischen Winterspiele stattfinden. Islamistische Rebellen und Kriminelle verüben täglich Anschläge, der Staat versinkt in Korruption und Polizeigewalt.
Durch die staubigen Gassen von Gubden schleppt sich ein Greis nach Hause, in der Hosentasche das letzte Andenken an den ermordeten Sohn. Auf einem Mobiltelefon hat er das Foto seines Ältesten gespeichert: Neben dem linken erloschenen Auge klafft ein Loch. "Sie haben ihn umgebracht, als er sich nicht mehr wehren konnte", sagt Magomedschapi Wagabow.
Der alte Mann setzt seine Mütze aus grauer Schafwolle ab. Sein Haus liegt im Schatten einer Moschee, die einer Festung gleich über Gubden thront, einem Dorf in den Bergen der Kaukasusrepublik Dagestan. Hierher trauen sich die Vertreter der Moskauer Zentralgewalt meist nur im Schutz von Panzerwagen und Hubschraubern. Statt des russischen Strafgesetzbuchs gilt die Scharia: Viele der 4000 Einwohner sympathisieren mit den islamistischen Untergrundkämpfern, die seit mehr als einem Jahrzehnt versuchen, einen Gottesstaat zu errichten, der vom Schwarzen bis zum Kaspischen Meer reichen soll.
Knapp neun Millionen Menschen leben in den sechs Teilrepubliken des russischen Nordkaukasus. Jede von ihnen wurde seit dem Zerfall der Sowjetunion von Terror oder Krieg heimgesucht, allen voran die Republik der Tschetschenen. Aber nirgendwo ist die Lage heute so brisant wie in Dagestan. Der Landstreifen am Westufer der Kaspi-See, kaum größer als Niedersachsen und bettelarm, ist die Heimat von mehreren Dutzend Völkern, die sich erbittert um Posten oder Weideland streiten, während der islamistisch geprägte Untergrund einen Krieg gegen Moskau und dessen Statthalter in Dagestan führt.
Von Dagestan ging vor über 150 Jahren der Widerstand gegen die Eroberungszüge der zaristischen Truppen aus. 300 000 Krieger benötigte Russland, um die Region nach rund 30 Jahre währendem Kampf zu unterwerfen. Der Geist des Widerstands prägt noch heute das Land: Zwei Jahrzehnte nach dem Zerfall der Sowjetunion herrscht Chaos in Dagestan, und schuld daran sind vor allem radikale Islamisten. Die Kaukasusrepublik ist nahezu unregierbar geworden.
In knapp vier Jahren trifft sich die Welt in dieser Region zu den Olympischen Winterspielen. Das werde keine Probleme bereiten, behauptet hartnäckig Russlands Premier Wladimir Putin. Dabei vermeldete sein Innenministerium gerade, dass sich die Zahl der Terroraktionen im Nordkaukasus mehr als verdoppelt hat; erst Mittwoch voriger Woche stürmten Bewaffnete ein Wasserkraftwerk in der Republik Kabardino-Balkarien und zündeten dort drei Sprengsätze. Manchmal treffen die Anschläge sogar die ferne russische Hauptstadt: Aus Dagestan stammten die jungen Selbstmordattentäterinnen, die sich Ende März in der Moskauer Metro in die Luft sprengten und 40 Menschen mit in den Tod rissen.
Jeden Tag kommen Hiobsbotschaften aus der dagestanischen Hauptstadt Machatschkala: In den letzten zwei Wochen wurden unter anderen ein ranghoher Richter, ein christlicher Geistlicher, drei Polizisten und ein Bürgermeister erschossen, weitere Polizisten bei der Explosion einer Bombe verletzt, und per Sprengsatz wurde ein Zug zum Entgleisen gebracht.
Auch Magomedali, der Sohn des alten Wagabow, wurde Opfer des verdeckten Bürgerkriegs. Am 18. Juli 2007 geriet er in einen Hinterhalt. Die Polizei hatte ihn in Verdacht, ein Untergrundkämpfer zu sein, und zum Verhör in die Kreisstadt Karabudachkent zitiert. Auf dem Rückweg eröffneten Unbekannte das Feuer auf seinen klapprigen Lada.
Magomedali wurde verwundet, nicht schwer, wie Ärzte hinterher berichteten. Man brachte ihn ins Krankenhaus von Karabudachkent, Polizisten riegelten es ab, sie ließen selbst den Vater nicht vor. Als der alte Wagabow seinen Sohn endlich zu sehen bekam, war er bereits tot - mit einem Einschuss neben dem Auge.
"Mein Junge hat nur den reinen Islam gepredigt", sagt Wagabow, "er war kein Untergrundkämpfer."
Seit Magomedali Wagabow starb, gibt es in Gubden nicht nur den Konflikt zwischen der Staatsmacht und den Islamisten, jetzt herrscht auch noch Krieg zwischen den örtlichen Clans.
Wagabow zeigt auf ein faustgroßes Loch in der Wohnzimmerwand. Kurz nach dem Tod seines Sohnes war der Dorfpolizist erschossen worden. Dessen Familie hielt sofort den Wagabow-Clan für die Täter und übte kurzerhand Selbstjustiz: Der Sohn des Polizisten feuerte eine Granate auf Wagabows Haus. Die Druckwelle der Explosion war so stark, dass auch in sechs Nachbarhäusern die Scheiben zersplitterten.
Kurz darauf fackelte der Polizistensohn ein neuerbautes Haus von Wagabows Verwandten ab. Dann wiederum zerriss eine Mine Witwe und Tochter des Polizisten, als beide dessen Grab besuchten.
"Das war nicht unser Werk", behauptet Wagabow. Er ist 85, ein im Ort geachteter Mann. Aber die Finger seiner Hand reichen nicht aus, um die Toten seines Clans zu zählen; erst kürzlich haben Elitetruppen aus Moskau bei einem Anti-TerrorEinsatz einen seiner Neffen liquidiert.
Ist die Lage im Kaukasus noch in den Griff zu bekommen? Putins Präsidentenkollege Dmitrij Medwedew ersann jetzt ein neues Rezept: Die Bevölkerung, die sich zu 90 Prozent zum Islam bekennt, soll von Moskau mehr umworben werden.
Für den Kreml ist Dagestan die wichtigste Frontlinie im Kampf um die Köpfe und Herzen der Kaukasier. Die Republik mit ihren 2,7 Millionen Einwohnern galt einst als die lebensfreudigste im nördlichen Kaukasus. Vor einem Jahrzehnt noch gab es dort mehr Casinos und Bordelle als Moscheen oder Islamschulen. Nur wenige junge Frauen trugen ein Kopftuch, jetzt sind sie in der Mehrheit.
Magomedsalam Magomedow, der von Moskau neueingesetzte Präsident, dessen Vater Dagestan fast 20 Jahre lang regierte, mimt heute den eifrigsten Glaubenskämpfer im Land. Er preist den dagestanischen Islam als "einen der reinsten der Welt". Das sehe man an "unseren Anstrengungen, Spielhöllen, Drogensucht und Alkoholismus auszumerzen", sagt Magomedow. Er will durch eine staatlich geförderte Aufwertung des Islam den Untergrund-Islamisten das Wasser abgraben. Der neue Kurs ist riskant, denn die Machthaber könnten so erst den Nährboden für eine weitere Radikalisierung schaffen.
Aber Moskau wirkt bereits wie eine Besatzungsmacht auf dem Rückzug. An den Ausfallstraßen von Machatschkala stehen Verkehrspolizisten, die von Eliteeinheiten des Innenministeriums mit Panzerwagen bewacht werden müssen. 58 Polizisten wurden allein vergangenes Jahr getötet. Weil die Staatsdiener beliebte Zielscheiben der Aufständischen geworden sind, hat das Innenministerium ihnen erlaubt, den Weg von und zu der Arbeit in Zivilkleidung zurückzulegen. Trotzdem klagen Verwandte ermordeter Polizisten über "die Untätigkeit der Behörden", auf anonymen Flugblättern kündigten sie an, Polizistenmörder selbst zur Strecke bringen zu wollen.
"Sie haben meinen Mann Jussup getötet, nur weil er Verkehrspolizist war", erzählt Sumrud Wasirchanowa, sie hält ihren elfmonatigen Sohn auf dem Arm. Jussup starb mit fünf Kollegen, als sich im Januar ein Selbstmordattentäter vor einer Kaserne der Verkehrspolizei in die Luft sprengte. Die Witwe erhielt umgerechnet 3500 Euro. Sie weiß nicht, was werden soll, wenn das Geld zu Ende geht.
Am anderen Stadtrand sitzt Gulnara Ramasanowa zwischen den wenigen Habseligkeiten ihres Zweizimmerhäuschens. Immer wieder fällt der Strom aus, dann verschmilzt ihr schwarzer Hidschab, der Ganzkörperschleier, mit der Dunkelheit im Raum.
Eine große Boulevardzeitung hat jüngst ihr Foto abgedruckt, sie sei, so stand in dem Blatt zu lesen, "die Handlangerin von Terroristen". Seitdem will Gulnara Ramasanowa weg. Draußen am Zaun hängt ein Schild: "Haus zu verkaufen".
Der Zeitung war von den Untersuchungsbehörden eine Liste "Schwarzer Witwen" zugespielt worden. So nennen die Russen Frauen, deren Ehemänner oder Brüder von Sicherheitskräften getötet wurden und die deshalb im Verdacht stehen, sich aus Rache den Islamisten als lebende Bomben zur Verfügung zu stellen. "Schwarze Witwen" waren in den vergangenen zehn Jahren für mindestens 16 Anschläge verantwortlich; zwei davon brachten Flugzeuge zum Absturz.
Ramasanowa geriet wegen ihres Bruders Wadim ins Visier der Ermittler. Er war vor zwei Jahren bei einer Polizeirazzia in Machatschkala getötet worden. "Sie geben uns nicht einmal die Leichname zurück", sagt sie, "angeblich verkaufen sie sogar die Organe der Getöteten."
Sie erzählt von Polizeigewalt und Folter gegen Verwandte und Freunde, von Elektroschocks und der "Baklaschka", einer mit Wasser gefüllten Plastikflasche, mit der die Polizisten besonders schmerzhaft zuschlagen. "Mein Bruder hatte keine Wahl", sagt Ramasanowa. Die ständigen Verdächtigungen und Schikanen der Behörden hätten ihn in den Untergrund getrieben.
Es gibt ein Video, das russische Staatsschützer aufspürten. Auf dem Film ist Wadim in einer konspirativen Wohnung zu sehen. 16 Minuten und 7 Sekunden lang liefert er detaillierte Instruktionen für einen Selbstmordanschlag. Er zählt die Zutaten für den Sprengstoffgürtel auf, verrät, in welchem Geschäft in Machatschkala das Aceton gekauft werden kann und wo die Teile für den Zünder. "Das Wichtigste ist, dass ihr es für Allah tut. Tragt Chaos in die Reihen der Ungläubigen, tötet so viele von ihnen, wie ihr könnt", lautet Wadims Aufruf zum Mord.
"Jeder hier besitzt seine eigene Wahrheit", sagt ein hoher russischer General, der jahrelang den Kampf gegen die Islamisten im Kaukasus befehligte, seinen Namen aber nicht genannt wissen möchte. Er hat den Glauben daran verloren, dass der Kampf gegen die Extremisten schnell zu gewinnen ist, auch wenn inzwischen mehrere zehntausend Elitesoldaten, Polizisten und Agenten in der Unruheregion im Einsatz sind. Für jeden toten Terroristen wachsen zwei neue nach, seufzt der General: "Es wird Jahrzehnte dauern, die Lage hier zu ändern."
Allein mit rechtsstaatlichen Mitteln sei den Islamisten jedenfalls nicht beizukommen; die Hoffnung der Westeuropäer, den radikalen Islam durch eine Verbesserung der sozialen Bedingungen zurückdrängen zu können, hält er für naiv. "Wenn diese Leute die Macht ergreifen, bekommen wir einen religiös verbrämten Faschismus", prophezeit der General.
Erschwerend kommt hinzu, dass die Fronten in der Vielvölkerrepublik Dagestan besonders unübersichtlich sind. Im Untergrund sammeln sich neben Islamisten gewöhnliche Kriminelle, Abenteurer und Betrüger. Dorthin flüchten sich aber auch Drogenabhängige, die ihre Schulden nicht bezahlen können, und ganz gemeine Mörder, die die Blutrache der Hinterbliebenen ihrer Opfer fürchten.
Die russische Propaganda wird nicht müde zu behaupten, die Islamisten würden aus dem Ausland finanziert. Doch in Wahrheit versorgen sie sich meist selbst: Sie überfallen Banken und Geschäfte. Dem SPIEGEL liegt ein Video vor, das eine Gruppe von Rebellen zeigt, die nach dem Überfall auf einen Mobiltelefonladen ihre Beute aufteilt.
Wichtigste Einnahmequelle der Islamisten ist die Schutzgelderpressung. Oft genügt eine SMS mit dem Hinweis auf die Sakat, die im Koran vorgeschriebene Abgabe an Bedürftige. Besitzer von Bäckereien, Kiosken oder Sportgeschäften zahlen dann ebenso wie die lokalen Oligarchen. Sie fürchten um ihr Leben - und sichern sich zugleich für jenen Fall ab, dass Islamisten tatsächlich irgendwann einmal die Macht in ihrem Dorf oder in der Region übernehmen.
Moskaus Agenten versuchen umgekehrt, Islamisten mit Geld zu bestechen und sie so wieder für Russland zu gewinnen. Der Erfolg allerdings ist dürftig, zumal der säkulare Staat an Anziehungskraft verliert. Denn Dagestan ist schon lange nicht mehr in der Lage, seinen Bürgern Wohlstand und Sicherheit zu gewährleisten.
"Reichen Ihnen 15 Minuten?", hatte Russlands Innenminister, Raschid Nurgalijew, jüngst einen seiner Offiziere gefragt, als der über die Lage in Dagestan berichten wollte. Der Oberst brauchte dreimal so viel Zeit. Er erzählte vom allgegenwärtigen Ämterkauf, von Auftragsmorden, Geiselnahmen, Schutzgelderpressung, Drogen- und Waffenhandel - und beschrieb damit nicht etwa das Wirken krimineller Banden, sondern die Zustände im Innenministerium von Dagestan.
Russlands oberster Strafverfolger, Generalstaatsanwalt Jurij Tschaika, erklärte in Moskau hinter verschlossenen Türen, nicht- aufgeklärte Verbrechen würden einfach den Islamisten in die Schuhe geschoben und Statistiken manipuliert. Er machte ein "beispielloses Niveau der Korruption" aus.
In Dagestan unterschlug Oberstleutnant Schamil Omarow, Chef einer Polizeieinheit in Machatschkala, die Entschädigungsgelder für seine im Dienst getöteten Polizisten, wie Untergebene berichten. Er verkaufte das Benzin für die Dienstwagen weiter und versorgte Verwandte, die nicht mal zum Dienst erscheinen mussten, mit festen Gehältern.
Polizisten, die an der Fernstraße stationiert sind, die quer durch den Nordkaukasus führt, mussten pro Kopf 2000 Dollar der von ihnen eingetriebenen Bestechungsgelder an Vorgesetzte abliefern. Selbst die Justiz ist von Korruption zersetzt. Ende 2008 wurde den Geschworenengerichten die Zuständigkeit für Fälle mit terroristischem Hintergrund entzogen - Verwandten und Hintermännern von Angeklagten war es ein Leichtes gewesen, Geschworene zu kaufen oder einzuschüchtern.
Auch die sozialen Probleme in Dagestan wachsen Russland über den Kopf. 18 500 Studenten beenden jährlich örtliche Universitäten, einen Job aber findet nur jeder sechste. Die registrierte Arbeitslosigkeit liegt bei 20 Prozent, das bedeutet Platz 79 von 83 russischen Landesteilen. Die Lage ist inzwischen so aussichtslos, dass sich die jungen Männer in Dagestan nicht etwa vom Wehrdienst freikaufen - wie überall im Land üblich. Sie zahlen im Gegenteil bis zu 500 Euro dafür, eingezogen zu werden.
Im Zentrum von Machatschkala befindet sich das wohl modernste Café Dagestans, es heißt "Bon appétit". Um die Mittagszeit nehmen junge Männer die Tische nahe am Fenster ein. Gut gekleidet und sorgfältig frisiert warten sie darauf, dass die Studentinnen aus der Pädagogischen Universität nebenan kommen. Die jungen Frauen tragen zur Hälfte Kopftuch, die anderen aber kurzen Rock und Schuhe mit hohen Absätzen.
Auch Amina, die Geschäftsführerin des Cafés, trägt ein graues Kopftuch. Vor einem Jahr arbeitete sie noch für einen Restaurant-Multimillionär im aufgeklärten Moskau, dann zog sie nach Dagestan um. Selbst hier im "Bon appétit", dieser Insel weltlichen Lebensstils in Machatschkala, scheint Russland auf der Verliererstraße: Amina, die orthodoxe Christin, hat den Islam angenommen.
Von Matthias Schepp

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