26.07.2010

KUNSTDie Jagd auf Jeff Koons

Seine Porno-Skulpturen machten den Amerikaner Anfang der neunziger Jahre zum Weltstar. Erschaffen wurden sie in einer Münchner Wohnung. Der Vermieter wartet noch heute auf sein Geld.
Er ist auf Verbrecherjagd, da kann man nicht lange fackeln. Vor der Knöbelstraße 6a ist alles zugeparkt, die feine Maximilianstraße nicht weit, kein Parkplatz, nirgendwo. Also stellt Peter Niedner, eigentlich ein Gentleman, weißes zurückgekämmtes Haar, 76 Jahre, seinen Audi Q7 auf den Bürgersteig davor. Er steigt aus und deutet auf den zweiten Stock des blassgelben Biedermeierhauses. Er hat dort gewohnt, Ende der achtziger Jahre, er besaß damals fast das gesamte Haus, "zehn Objekte", sagt Niedner. Die Duplex-Wohnung im ersten Stock und im Erdgeschoss vermietete er an einen aufstrebenden Künstler: Jeff Koons.
Heute ist Koons einer der zehn teuersten lebenden Künstler, seine Edelstahlskulptur "Hanging Heart" verkaufte Sotheby's 2007 zum Rekordpreis von 23,6 Millionen Dollar. Damals sagte Niedner der Name nichts. Koons hörte irgendwann auf, die Miete zu bezahlen, die Schulden haben sich mit Zinsen inzwischen von 137 190,03 Mark auf 186 366,99 Euro aufgebläht, also fast verdreifacht.
Seit 17 Jahren und drei Monaten jagt Peter Niedner dem Künstler Koons hinterher, es ist eine Geschichte fast wie im Film, eine Geschichte, die im Münchner Stadtteil Lehel beginnt und in der BMW-Zentrale in München-Milbertshofen möglicherweise endet. Sie spielt auch in Manhattan, Baden-Württemberg und Berlin. Jeff Koons, der Künstlerstar, hat viele Spuren hinterlassen.
In den achtziger Jahren war Niedner Vorstandschef von Triumph-Adler, Niedner sagt, die RAF habe ihn auf ihrer "Todesliste" geführt. In den neunziger Jahren investierte er sein Vermögen in Brandenburg, unter anderem in die Firma Deuba Glas, die eine Millionenpleite hinlegte. Die Miete von Koons könnte er also gut gebrauchen. Niedner, kein Mann, der flucht, sagt es so: "Wäre Jeff Koons kein Künstler, dann würde man ihn wohl einen Gauner nennen - er macht sich doch einen Sport daraus, nicht zu bezahlen, es ist für ihn ein Spiel." Niedner ärgert das, aber er spielt trotzdem mit.
Am 15. Oktober 1989 unterschrieb Jeff Koons den Mietvertrag, man kennt die Unterschrift, ein Häkchen mit einem langen Schwung. 260 Quadratmeter auf zwei Stockwerken im feinsten Lehel für 10 000 Mark Monatsmiete. Ein königlicher Staatsrat von Ludwig II. hat hier mal gewohnt, Koons war ein Fan des Märchenkönigs. Beim Vertragsabschluss trug er eine schwarze Lederjacke und Jeans. "Mein erster Eindruck war, dass er ein Halbstarker ist", sagt Peter Niedner und lacht.
Im Juni 1991 heiratete Koons die Porno-Queen Ilona Staller, die alle Welt nur "Cicciolina", Schnuckelchen, nannte. Sie zog bei ihm ein, in der Knöbelstraße 6a. Sie hatten vermutlich eine gute Zeit in Niedners Biedermeierwohnung, es gibt viele Fotos, die damals dort entstanden sind, der Boulevard druckte sie gern ab, die beiden trugen, so scheint es, nur selten Kleidung, Cicciolina höchstens mal ein Negligé.
Koons erschuf dort auch seine Serie "Made in Heaven", Fotos und lebensgroße Skulpturen, die ihn beim Sex mit ihr zeigen, von vorn, von hinten, Cicciolina oben, Cicciolina mit Sperma im Mundwinkel. Die Serie war das Fundament für seine Weltkarriere.
Schon 1992 kam es zur Trennung zwischen Jeff und Cicciolina. Im Februar 1993 erreichte Niedner ein Fax von Koons: "I will leave the apartment at knoebelstrasse 6a", er werde die Wohnung aufgeben. Niedner bat um eine ordentliche Kündigung, die nie kam. Als schließlich die Miete nicht mehr eingezogen werden konnte, schrieb Niedner einen Brief: "Dear Jeff", sicher sei alles nur ein Missverständnis, "best regards, Peter". Ende April war Koons weg, den Schlüssel gab er dem Hausmeister.
Die Wohnung war ramponiert, ein achtseitiges Gutachten stellte die Schäden fest. "Was mich am meisten schmerzte: die Seccomalereien vom Möbelschleppen zerlöchert, das Parkett ruiniert", sagt Niedner.
Koons hatte andere Sorgen. Es hatte sich bald schon ein hässlicher Streit um das Sorgerecht für den Sohn Ludwig entwickelt. Koons entführte ihn sogar nach New York, am Ende nahm Ilona Staller den Sohn mit nach Italien, wo er noch heute lebt. Die Scheidung und der jahrelange Sorgerechtsstreit waren eine Katastrophe für Koons, beruflich und privat. Koons sagte 2008, er habe sein Vermögen in diesen Prozessen verloren und auch den Verstand.
Den Streit vor Gericht um seine Mietschulden bei Niedner verlor Koons ebenfalls. Er zahlte trotzdem nicht. Zwei Jahre später ließ er über seine Anwältin ausrichten: Er habe kein Geld mehr. Man einigte sich zunächst auf Raten à 7500 Mark, zwei Raten zahlte Koons, der damals wieder in New York lebte, 600 Broadway, dann stellte er die Zahlungen ein.
Niedner überlegte daraufhin, seine Ansprüche in den USA durchzusetzen. Eine komplizierte Angelegenheit: Es gibt dort keine Meldepflicht, die Zeitverschiebung macht vieles kompliziert, die Anwaltskosten sind hoch, jede Korrespondenz muss übersetzt werden. Dann las er, dass die Berliner Galerie Max Hetzler den Verkauf von Koons-Skulpturen annoncierte.
Am 1. Dezember 1995 machte sich ein Gerichtsvollzieher in Berlin auf den Weg zur Galerie Max Hetzler in der Zimmerstraße 89, er hatte einen Beschluss des Amtsgerichts Berlin-Mitte in der Tasche: "Die Herausgabe der Kunstwerke an den Gerichtsvollzieher wird angeordnet." Es ging um zwei Skulpturen, die eine sollte sich im Lager befinden, die andere am Eingang ausgestellt sein. Doch bei der im Beschluss angegebenen Adresse gab es keine Skulpturen von Jeff Koons, es stellte sich heraus, dass Hetzler einen zweiten Standort in Berlin hatte, aber auch da waren keine Skulpturen mehr zu pfänden, so erinnert sich Niedner. Er lacht, als er von der Pleite erzählt: "Wie kann es sein, dass eine solch renommierte Galerie Jeff Koons in so einem Fall Rückendeckung gibt?" Der Galerist Hetzler streitet das ab, er habe zu dem Zeitpunkt keine Koons-Objekte gehabt.
Ähnliche Erfahrungen will Niedner noch häufiger gemacht haben. Dass Koons nicht zahlen könne, glaubt er nicht. Koons beschäftigt heute wieder an die hundert Mitarbeiter in seiner Kunstfabrik in New York, die einen geschätzten Jahresumsatz von fünf bis zehn Millionen Dollar hat. "Wieso ihm geholfen wird, kann ich mir nur so erklären, dass Künstler in unserer Gesellschaft einen Moralrabatt genießen."
Auf der Jagd nach Jeff Koons begegneten Niedner noch andere Schuldner. Beim Bildhauer Hans Volker Dursy in Ladenburg am Neckar hatte Koons vier Sex-Skulpturen in Auftrag gegeben. Kosten: jeweils 40 000 Mark. Die ersten zwei wanderten in Galerien, dann verlor Koons das Interesse an den zwei anderen Skulpturen, holte sie nie ab und bezahlte sie auch nie. Die Figuren müssten inzwischen eine Menge wert sein, dummerweise fehlt die Signatur.
In einem Brief, so erinnert sich Dursy, teilten seine Anwälte mit, dass der Künstler immer noch das Copyright auf die Figuren habe. Dursys Tochter Birgit sagt, dass sie Koons damals für einen "netten, lovely boy" gehalten habe, heute ist er für sie ein "böser, eiskalter Geschäftsmann".
So gingen Jahre ins Land. Niedners Pleite im Osten war wichtiger als die Jagd nach Jeff Koons. Dieses Jahr schließlich las Niedner, dass der Künstler, längst wieder zu Geld und Ruhm gekommen, für BMW ein Art Car gestalten soll.
Das hat eine lange Tradition bei dem Autokonzern: Schon seit den siebziger Jahren gestalten Künstler Autos für BMW, die ab und an beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans eingesetzt werden. Die Namen lesen sich wie ein Abriss aus der Kunstgeschichte der vergangenen Jahrzehnte: Frank Stella, Roy Lichtenstein, Andy Warhol, A. R. Penck, David Hockney, Jenny Holzer, Robert Rauschenberg. In einer Pressemitteilung verkündete BMW, dass Jeff Koons sein Honorar dem Internationalen Zentrum für vermisste und misshandelte Kinder sowie dem Koons Family Institute spenden wolle.
Niedner erwog, Koons festnehmen zu lassen, sobald er in Europa landet, er schaltete einen Privatdetektiv ein, ließ die Idee aber wieder fallen. Stattdessen entschloss er sich, das vermeintliche Honorar von Koons pfänden zu lassen, zwei nagelneue BMW-Limousinen. Vor Gericht erwirkt er einen Pfändungs- und Überweisungsbeschluss und auch ein vorläufiges Zahlungsverbot gegen BMW.
Bei BMW in München bedauert man es sehr, "dass die Differenzen zwischen Jeff Koons und Herrn Niedner immer noch andauern", aber man wolle keine Partei ergreifen. Zumal es "keine vertragliche Beziehung" zwischen der BMW AG in Deutschland und Koons gebe.
Was eigentlich nur heißen kann: Koons hat in Wahrheit einen Vertrag mit BMW Nordamerika. Das alte Problem.
Der Anspruch Niedners auf die entgangene Miete wird 2024 verjähren. Jeff Koons wäre dann 69 Jahre alt, Niedner 90. "Ich habe gute Gene", sagt Niedner, "Das halte ich schon noch durch."
Niedner steht vor dem Haus, die Sonne strahlt auf die Gedenktafel für den Staatsrat des Märchenkönigs Ludwig. Irgendwann könnte eine zweite Tafel angebracht werden: "Hier lebte zwischen 1989 und 1993 der US-amerikanische Künstler Jeff Koons, der allerdings seine Miete nicht immer zahlte."
Und Jeff Koons? Er ist inzwischen ein zweites Mal verheiratet und wartete vergangene Woche auf die Geburt seines sechsten Kindes. Er ließ mitteilen, er habe keine Zeit für eine Stellungnahme.
Von Nora Reinhardt

DER SPIEGEL 30/2010
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