02.08.2010

„Wir konnten nichts mehr machen“

Protokoll eines Versagens: In Duisburg starben 21 Menschen, weil es geltungsbedürftige Stadtväter gab, einen zu ehrgeizigen Veranstalter und fatale Pannen bei der Polizei. Nun zeigt sich, dass die Love Parade über Stunden keinen funktionierenden Ausgang hatte, obwohl Zehntausende nach Hause gehen wollten.
Warten. Schon seit Stunden nur Warten. Stefanie M. ging in die Küche, irgendetwas tun, es war jetzt ein Uhr nachts, und noch immer hatten sie und ihr Mann keine Nachricht von Eike. Am Abend hatten seine Freunde angerufen: dass sie ihn verloren hatten, bei der Love Parade, im Gedränge. Stefanie M. und ihr Mann wussten, es hatte Tote gegeben, Hunderte Verletzte, wo war ihr Sohn? Keine Antwort. Warum kam kein Anruf aus Duisburg? Warum meldete sich kein Arzt, dass Eike bei ihm in der Klinik lag? Verletzt, bewusstlos, was auch immer, aber am Leben. Keine Antwort. Wenn sie anrufen, dachte die Mutter, wenn sie nur anrufen, dann wird noch alles gut. Aber wenn sie einen vorbeischicken …
Ein Uhr nachts, sie stand in ihrer Küche, ein Ort bei Osnabrück, eine ruhige Wohnstraße, das Telefon immer noch stumm. Dann klingelte es. Die Türschelle. Sie ging in den Flur, sah durch das Fenster neben der Tür. Draußen stand ein Streifenwagen.
Eike M. war tot. Gestorben in Duisburg am 24. Juli um 18.28 Uhr. Er wurde 21 Jahre alt, er hatte sein Abitur gemacht, seinen Zivildienst in einem Altenheim, er hatte mit dem Studium angefangen, zweites Semester Politikwissenschaft und Geschichte an der Uni Osnabrück. Er wusste schon, was er mal werden wollte: Journalist. Weiter kam sein Leben nicht.
Stattdessen endete es so wie das von 20 anderen Frauen und Männern: ihre Körper zertreten, zerquetscht, vor einer Tunnelanlage auf dem Weg zur Love Parade in Duisburg. 21 Menschen, die noch ihr Leben vor sich hatten, und nicht nur das: Die an diesem Tag die Lebenslust selbst waren - gerade das macht ihren Tod so tragisch, all die Fehler, die dazu führten, schier unerträglich. Die Raver waren zur Love Parade gefahren, um zu tanzen, zu singen, zu trinken, zu feiern. Sie waren ausgelassen, übermütig, sie wollten den Augenblick surfen, das Glück fühlen mit 135 Beats per Minute.
Dann aber ließ man sie in einen Überlebenskampf hineinlaufen, in einen Tunnel, auf eine Rampe, die hinterher aussahen wie ein Schlachtfeld. Mit Schwerverwundeten, mit wimmernden, traumatisierten Überlebenden, die zu viel durchgemacht, zu viel gesehen hatten. Und mit Gefallenen. Das Wort "gefallen", in Duisburg hatte es an diesem Tag seine eigentliche Bedeutung zurückerlangt.
Auch Eike M. war gefallen, in der Masse, hatte das Bewusstsein verloren, war nicht wieder hochgekommen aus dem Pulk der gestürzten Körper. Es war wie im Krieg gewesen, wenn jeder um sein Leben kämpft und selbst Kameradschaft, Freundschaft den Tod nicht aufhalten können. Und wie jede Mutter, die die Nachricht erhält, dass ihr Sohn nicht überlebt hat, fragt sich nun auch Stefanie M.: warum?
Sie und ihr Mann Klaus-Peter haben recht - das Recht auf eine Antwort: Wie konnte so etwas passieren? In einer Gesellschaft mit einer wohlgeordneten Bürokratie, mit Organisationsstäben und Ablaufplänen, mit einer Sonderbauverordnung des Landes Nordrhein-Westfalen, in der gesetzlich geregelt ist, dass bei Großveranstaltungen auf 100 männliche Besucher 0,3 Klos und 0,6 Urinale entfallen müssen. Ausgerechnet hier soll keiner geahnt und deshalb auch keiner verhindert haben können, dass Menschen sterben, wenn man sie zu Abertausenden in einen Betonschlauch hineinschickt? Wenn man ihnen den Weg abschneidet, wenn man sie eine Dreiviertelstunde lang gegeneinander wogen, pressen, schieben lässt, am Fuß einer mickrigen Seitentreppe, die hier allen wie der Notausgang aus der Hölle vorgekommen sein muss?
Die Stadt, die Polizei, die Landesregierung, der Veranstalter Rainer Schaller - sie alle hatten die Raver in diese Katastrophe laufen lassen, aber nicht erst am Tag, als es passierte. Denn sie hatten es schon seit Monaten bei der Planung so laufen lassen. Die Stadt Duisburg mit ihrem Oberbürgermeister Adolf Sauerland, weil sie - wenn schon arm -, dann aber wenigstens auch mal sexy sein wollte. Die Landesregierung, die meinte, das Ruhrgebiet müsse gegen die Metropolen Hamburg, München, Berlin antreten können. Die Polizei als Freund und Helfer dieser Ambitionen und Schaller, der Veranstalter, als Mister Hyper-Hyper für seine Fitnessstudio-Kette McFit.
Zusammen drückten sie alle Warnungen weg, alle Genehmigungen durch, alle Augen zu, statt die Love Parade ausfallen zu lassen, was aus Sicht von Eikes Vater Klaus-Peter M. die einzig mögliche Entscheidung gewesen wäre. In einem Brief an NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft schrieb der Ingenieur: "Eine Veranstaltung wie diese Love Parade hätte niemals genehmigt werden dürfen."
Doch nicht mal jetzt, nach 21 Toten, will einer der Verantwortlichen diesen offenbar selbstverständlichen Satz unterschreiben. Erst schob Schaller die Schuld auf die Polizei. Dann Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger im Namen der Polizei die Schuld auf Schaller und die Stadt. Schließlich Oberbürgermeister Adolf Sauerland zurück auf die Polizei.
Und wer hatte recht? Alle. Denn versagt hat jeder von ihnen.
"Eine solche Veranstaltung wie diese Love Parade hätte niemals genehmigt werden dürfen."
Selten hat Fahrlässigkeit so emsige Unterstützer gefunden, selten ist deshalb so viel Vertrauen zerstört worden in den Staat. Und wenn es noch einen Beweis gebraucht hätte, wie kopf- und verantwortungslos die Duisburger Love-Parade-Planer waren, dann diesen: Das Love-Parade-Gelände hatte zum Zeitpunkt der Massenpanik keinen vernünftigen Ausgang. Keinen zumindest, der ausreichend ausgeschildert war, keinen, den mehrere tausend Menschen hätten nutzen können - der größte Schwachpunkt eines geradezu irrsinnig anmutenden Zu- und Abgangssystems.
"Es gab Phasen zwischen 15 und 17 Uhr, wo es keinen richtigen Ausgang gab", räumt der wohl wichtigste Mann an der Unglücksstelle ein, der sogenannte Crowd-Manager des Veranstalters, der in seinem fensterlosen Container an der Stirnwand der Todesrampe saß und von dort aus über 16 Kameras den Zu- und Abfluss steuern sollte. Mit dem SPIEGEL sprach er erstmals über die Organisationsfehler in der Todeszone. Obwohl der Veranstalter vor der Love Parade Zahlen vorgelegt hatte, wonach zwischen 16 und 18 Uhr 100 000 Besucher schon wieder gehen würden, hatte er für diese Massen in Wahrheit gar keinen Rückweg offen. So drängten Gäste, die nach Hause wollten, auf der Hauptrampe gegen Raver, die gerade aus dem Tunnel Richtung Parade strebten.
Deshalb, und wegen einer fatalen Sperrkette der Polizei, kam es zu einer Massenpanik mit Toten, wie man sie sonst nur aus Saudi-Arabien kennt, aus Indien, nicht aber aus dem TÜV-geprüften und Iso-zertifizierten Deutschland. Ein Verbrechen, so sieht es nicht nur der Konzert-Großveranstalter Marek Lieberberg - es war eine amtlich genehmigte Katastrophe.
Und wenn nun mit Bundespräsident Christian Wulff und Kanzlerin Angela Merkel die Spitzen des Staates für die Trauerfeier zugesagt hatten, dann sicher nicht nur, um zu trauern. Sondern um sich im Namen des Staates zu entschuldigen, sich zu schämen für alle, die dazu aus Angst vor dem Staatsanwalt oder aus Sorge um ihre Staatspensionen selbst nicht in der Lage scheinen.
Duisburg: Wenn schon Bochum tief im Westen liegt, wo die Sonne verstaubt, dann liegt Duisburg noch tiefer, und das nicht nur im Westen. Noch eine Stadt im Ruhrgebiet, wo sich das Aschegrau aus den Schloten nicht nur seit Jahrzehnten in die Hausfassaden gefressen hat, sondern auch ins Image. Man war nicht reich wie Essen, das immer die schönere Weihnachtsbeleuchtung in der Fußgängerzone hatte, man hatte kein gigantisches Einkaufszentrum bekommen wie Oberhausen, eine Stadt, die früher auch nicht besser dastand. Man hatte keinen großen Fußballclub wie Dortmund oder Gelsenkirchen, nur den MSV, eine Fahrstuhl-Mannschaft.
Das Einzige, was man hatte, war der größte Binnenhafen Europas, etwas, womit man keine Image-Broschüren auf Hochglanz polieren kann. Und deshalb wollte es Duisburg nicht vermasseln, als man nun endlich auch mal eine Chance bekam, grell statt grau zu wirken, modern statt marode, schick statt schäbig. Die Love Parade. Dieses Techno-Spektakel mit Hunderttausenden jungen Menschen, das sich in Berlin überlebt hatte, für das Ruhrgebiet seit 2007 aber noch allemal Leben genug mitbrachte.
Die Party war nicht mehr das, was sie am Anfang war, ein Selbstzweck, erfunden von Spontis für Spontis, die ihre Spaßguerilla unter das Motto "Friede, Freude, Eierkuchen" gestellt hatte. Sie war jetzt mit ihren kreiselnden Techno-Lastern vor allem ein Zweckmittel: für die Stadt. Für die Region. Und für Rainer Schaller, 41, den Mann, der sie wiedererweckt hatte.
Als Schaller die Großstadt-Party adoptierte und mit rund drei Millionen Euro im Jahr finanzierte, hatte er sich nicht daran gestört, dass sich bei der Love Parade viele Jugendliche nicht nur von der Musik zudröhnen ließen, sondern auch von Alkohol und Drogen. Ihm ging es um den Körperkult, um Bilder von schlanken, gutgebauten Tänzern, viel Haut, viele Muskeln. Solange alles gutgehen würde, würde es auch für seine Mucki-Buden gut sein.
Es schien eine logische Kombination: Schaller, der Mann aus kleinen Verhältnissen, der mit seiner Billig-Kette nach oben wollte, und das Ruhrgebiet, eine Gegend der armen Verhältnisse, die unter ihrem Billig-Image litt. So fuhr die Parade 2007 durch Essen, 2008 durch Dortmund, sollte 2009 durch Bochum cruisen. Daraus aber wurde nichts. "Was denken sich eigentlich Politiker und Journalisten, die die Metropole Ruhr als Monstranz ihrer Popularität vor sich hertragen, wenn es um die Verantwortung derer geht, die … mit ihrem Tun die öffentliche Sicherheit zu gewährleisten haben?", fragte der damalige Bochumer Polizeipräsident Thomas Wenner im Januar 2009 in einem offenen Brief. Er warnte schon damals vor den Auswirkungen einer "Panik unter so vielen Menschen", sein letzter Satz las sich wie ein Menetekel für alle, die es bei der Planung in Duisburg später verdrängen sollten: "Überleben ist wichtiger" als der "Spaßfaktor".
Kurz zuvor hatte die Stadt Bochum die Sause abgesagt. Und leitete mit dieser richtigen Entscheidung die Katastrophe von Duisburg ein.
Sollte man schon wieder absagen? Nein, nicht in Duisburg. Dafür würde er schon sorgen: Adolf Sauerland, der Oberbürgermeister, seit 2004 im Amt, einer, der auch von ganz unten kam, nämlich aus der CDU, die hier seit fast 60 Jahren nichts mehr zu sagen gehabt hatte. Auch er hatte etwas zu beweisen. Seiner Landesregierung, seiner Stadt, vielleicht auch sich selbst. "Wir wollen die Love Parade und setzen alles dran, dass sie hierherkommt", sagte Sauerland im Februar 2009 und legte sich fest: "Von uns wird das Fest nicht abgesagt."
"Auf keinen Fall", mit diesen drei Worten hatte sich auch noch sein wichtigster Verwaltungsmann einbetoniert: Wolfgang Rabe, 56, der Ordnungsdezernent. Alles, bloß keinen Rückzieher. Egal was kommt. Und dass sein Ordnungsamt 2007 bei einer ersten Überlegung zu dem Schluss gekommen war, Duisburg sei für so eine Veranstaltung ungeeignet - unerheblich. Die Party musste steigen.
Was auch sonst, bei diesem Druck. Als Bochum absagte, ätzte der Kommentator des WAZ-Portals "Der Westen": "Bochum reißt die ganze Region mit rein. Wie stehen wir jetzt da? Das ist ein echtes Armutszeugnis." Druck. Aus Düsseldorf meldete sich NRW-Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff (CDU) mit der klaren Ansage: "Ich hoffe nicht, dass nun auch noch die Love Parade 2010 ausfällt - zumindest die muss jetzt stattfinden." Druck. Druck. Auch von der heutigen Ministerpräsidentin Kraft (SPD): "Die Love Parade ist ein Stück Jugendkultur, die ins Jahr der Kulturhauptstadt gehört." Richtig, denn da war ja noch das Leuchtturm-Projekt des Ruhrgebiets, Essen als europäische Kulturhauptstadt 2010, eingebettet in die Region. Da sollte die Love Parade mitleuchten: "Es müssen alle Anstrengungen unternommen werden, um dieses Fest der Szenekultur mit seiner internationalen Strahlkraft auf die Beine zu stellen", forderte Fritz Pleitgen, der frühere WDR-Intendant und heutige Kulturhauptstadt-Manager, von den Love-Parade-Planern. Druck. Druck. Druck.
Und unter diesem Druck standen Sauerland und seine Verwaltung, die aber ohnehin das Spiel mitgewinnen, nicht absagen wollten. "Im letzten Jahr hat es ja nicht geklappt", sagte der Oberbürgermeister noch am Mittag der Love Parade dem WDR, "und in diesem Jahr waren wir einfach im Zwang, es hinkriegen zu müssen. Sonst wäre wahrscheinlich die Love Parade endgültig gestorben gewesen für das Ruhrgebiet." Dass dafür Menschen sterben würden, konnte er da noch nicht wissen. Aber hätte er es nicht wenigstens ahnen müssen? Bei all den Warnungen, Mahnungen?
Eigentlich wäre die Entscheidung ganz einfach gewesen. Sonderbauverordnung des Landes Nordrhein-Westfalen vom 17. November 2009, Paragraf 1: "Die Anzahl der Besucher ist wie folgt zu bemessen: für Stehplätze: zwei Besucher je Quadratmeter Grundfläche." Eine simple Rechnung also: Wenn die Freiflächen des Festgeländes am Alten Güterbahnhof 110 000 Quadratmeter groß sind, wie es in einer internen Veranstaltungsbeschreibung der Lopavent vom 16. Juli heißt, dann dürfen höchstens doppelt so viele Besucher aufs Gelände. Deshalb also hatte die Stadt die Genehmigung nur für 250 000 Gäste erteilt - und auch damit schon die zulässige Grenze überschritten.
Der Veranstalter aber plante laut seinem vertraulichen Konzept, das dem SPIEGEL vorliegt, mit insgesamt 485 000 und brüstete sich mit Millionen-Zahlen aus Dortmund und Essen, auch wenn die wohl weit überhöht waren. "Im Normalfall hätte schon im Moment, wo der Veranstalter von gut 500 000 Besuchern redet, die Genehmigungsbehörde das Gespräch beenden müssen", sagt Sebastian Hellwig, Inhaber der Hamburger Firma Bühnenwerk, die Veranstaltungstechniker weiterbildet, auch für Groß-Events.
"Ich lehne aufgrund dieser Problemstellung eine Zuständigkeit und Verantwortung … ab."
Und weiter im Gesetz: Für jeweils 600 Personen sind 1,20 Meter Breite für die Fluchtwege vorgesehen. Bei 220 000 Besuchern hätten alle Fluchtwege also insgesamt 440 Meter breit sein müssen, bei 250 000 Besuchern 500 Meter. Doch Lopavent, die Schaller-Firma, hielt das in einer Besprechung im Juni mit Stadtverwaltung und Feuerwehr für überzogen. 155 Meter sollten genug sein, mehr als ein Drittel der Besucher müsse man erfahrungsgemäß ohnehin nicht "entfluchten". Und von dem, was da in der Bauordnung stehe, seien sie bei der Lopavent doch "überrascht". Daran hätten sie sich auf jeden Fall noch nie halten müssen.
Baudezernent Jürgen Dressler schrieb hinterher unter das Protokoll: "Ich lehne aufgrund dieser Problemstellung eine Zuständigkeit und Verantwortung … ab. Dieses entspricht in keinerlei Hinsicht einem ordentlichen Verwaltungshandeln und einer sachgerechten Projektstellung."
Ordnungsdezernent Rabe war anderer Meinung. "Die Anforderung der Bauordnung, dass der Veranstalter ein taugliches Konzept vorlegen müsse, ließ er nicht gelten", heißt es in der Mitschrift. Stattdessen forderte er das Baurechtsamt auf, "an dem Rettungswegekonzept konstruktiv mitzuarbeiten". So erteilte die Behörde am 21. Juli, nur drei Tage vor der Love Parade, die Genehmigung, das eingezäunte Gelände für die Party zu nutzen - mit den schmaleren Fluchtwegen.
Offenbar verließ man sich blind auf die Beteuerungen der Love-Parade-Macher, dass "auch für die bisher einmalige Veranstaltungssituation in Duisburg nicht von einer Großgefährdung" auszugehen sei, wie es in einem Lopavent-Papier lapidar heißt. Schon Anfang des vergangenen Jahres hatte der damalige Polizeipräsident von Duisburg aber gewagt, sich gegen die große "Geht nicht gibt's nicht"-Fraktion zu stellen. "Eklatante Sicherheitsmängel" sah Rolf Cebin. Der damalige Bundestagsabgeordnete Thomas Mahlberg konterte die Kritik mit einem Brief an den seinerzeit amtierenden Landesinnenminister Ingo Wolf, schwärzte Cebin als Miesmacher an und legte Wolf nahe, Duisburg doch "von einer schweren Bürde zu befreien" - Herrn Cebin nämlich. Im Jahr darauf ging Cebin ohnehin in den Ruhestand.
Mehrfach sollen Polizei und Feuerwehr das Sicherheitskonzept gerügt haben, das die Lopavent vorgelegt hatte und die Stadt genehmigen wollte. Doch auch das gehört zur Wahrheit: Irgendwann hatten die Kritiker resigniert. Ein Veto der Duisburger Polizei, der Duisburger Feuerwehr, ein klares "Das machen wir nicht mit" - nirgendwo ist so etwas vermerkt.
Kuschten sie, weil sie keinen Ärger mehr wollten? Oder ließen sie sich einlullen von der Abwiegelungs-Prosa der Schaller-Truppe? "Der Veranstaltungsort ist in weiten Teilen gefahrenarm", heißt es in dem Sicherheitskonzept, "bestehende Gefährdungspotentiale werden durch geeignete Maßnahmen beherrscht." Das galt aus Lopavent-Sicht auch für die "Hauptgefährdungen": eine hohe Dichte von Veranstaltungsbesuchern an Stellen "mit besonderer Attraktivität". Von überfüllten Zugängen war da nicht die Rede.
Am 15. Juli hatte Ordnungsdezernent Rabe bei einer Besprechung mit allen Verantwortlichen noch mal herausfordernd in die Runde geschaut, so erinnert sich ein Teilnehmer. Ob noch einer Einwände habe, er habe nämlich keine Lust auf "irgendwelche Schlaumeier, die hinterher alles besser wissen". "Es gab keine Meldungen", steht im Protokoll.
Keine Meldung, aber nur fünf Tage später konstatierte die Duisburger Polizei - Aktenzeichen 60.11.01 - durchaus "Gefährdungsmomente". Nämlich die "Problemstellung eines gefüllten Veranstaltungsraums mit möglichen Auswirkungen auf die Zuwege" (Unzufriedenheit, Druck auf Einlässe, Be-/Überfüllung von Zuwegen …).
So lud Duisburg, schlecht vorbereitet, aber bester Hoffnung, am 24. Juli die Jugend der Welt zu sich ein, und am Abend dieses Tages sollten auch Australien, China, Italien, die Niederlande, Bosnien-Herzegowina und Spanien Opfer zu beklagen haben. Ihr Tod war vielleicht nicht zwangsläufig, aber wer sich nun den Ablauf der Ereignisse anschaut, nach so einer Planung, kommt nicht an dem Schluss vorbei, dass diesem Unglück keine besondere Verkettung unglücklicher Umstände zugrunde lag. Höchstens das Fehlen von besonders viel Glück.
Es gibt an diesem Tag Tausende Perspektiven auf die Katastrophe, nicht alle fügen sich zueinander, sie alle sind gefärbt durch den Schock - manche auch verfälscht durch die Schuld, die Einzelne auf sich geladen haben könnten. Aber aus vier Perspektiven ergibt sich nun ein Bild, was passiert sein dürfte.
Die erste: von oben. Den ganzen Tag über hat Dirk Oberhagemann mit seiner Amateurkamera von einem Hochhaus aus die Love Parade gefilmt. Oberhagemann beobachtet für ein Projekt des Bundesforschungsministeriums, wie sich die Risiken von Großveranstaltungen bewältigen lassen - vor allem, wenn es eng wird.
Die zweite: am Tunnel. Es ist die Perspektive eines Polizisten, der mit seiner Hundertschaft, Funkrufname Jupiter, nachmittags als Verstärkung eintrifft. Er steht auf einer Böschung zwischen zwei Tunnelenden und erlebt, wie Besucher genervt einen Weg nach draußen suchen, weil Wege versperrt sind - oder es sie gar nicht gibt.
Die dritte: aus der Menge. Eike M. und seine Gruppe, die Studentin Amalia Milch, der Dürener Raver Robert, sie alle geraten ab 16.30 Uhr in den lebensgefährlichen Flaschenhals des Tunnelsystems, der zur Love Parade führt.
Und dann ist da noch die vierte Perspektive: die aus dem Container, der auf der Stirnseite der Hauptrampe stand, ganz nah an der Todeszone. In ihm saß ein Mann, der seinen Namen an dieser Stelle nicht lesen will, aber nun erstmals öffentlich spricht: der Crowd-Manager, der aus diesem Container den Zustrom aus den Tunneln auf die Rampe steuern sollte. Und der an seinen Monitoren erleben musste, wie das System versagte. Wie er nicht mehr gegensteuern konnte, weil das System unter den Bedingungen einer Love Parade gar nicht funktionieren konnte - und weil offenbar auch die Polizeitaktik vollends versagte.
Oberhagemann, der Katastrophenforscher, wollte seine Kamera für diesen Tag eigentlich auf dem Love-Parade-Gelände aufbauen, doch schon im Juni schrieb ihm die Lopavent, sie könne ihm leider keine Drehgenehmigung geben. "Die Bildrechte (insbes. vom diesjährigen Eingangsbereich) werden hausintern als äußerst sensibel eingestuft", las er in der Absage, deshalb stand er nun in der 14. Etage eines Hochhauses und filmte.
Kurz nach 11 Uhr wunderte er sich, warum noch kaum jemand das Gelände betreten hatte; es war die erste Panne: Der Veranstalter sei auf dem Gelände mit ein paar Planierarbeiten nicht rechtzeitig fertig geworden, erklärte Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger vergangene Woche. Noch mehr wunderte sich Oberhagemann aber über das Zu- und Abgangssystem dieser Love Parade.
Die meisten Raver, das wusste man von der Love Parade in Essen und Dortmund, würden mit dem Zug und deshalb am Hauptbahnhof ankommen, an der Nordseite des Party-Geländes. Dort gab es aber keinen regulären Zugang zur Love Parade, sondern nur einen VIP-Eingang - zu groß die Angst, die Besuchermasse könnte sich bis in den ohnehin überlasteten Bahnhof zurückstauen. Deshalb sollte sie in einer Zangenbewegung rechts und links um das komplett eingezäunte Gelände herumgeführt und dann im Süden in einen Tunnel geschickt werden - die linke Zangenseite durch die Weströhre, die rechte durch die Oströhre.
Etwa in der Tunnelmitte würden sich beide Ströme treffen, auf eine Rampe einbiegen, die aus dem Tunnel nach oben zur Parade führt. Schon dass so viele Menschen durch einen Tunnel laufen sollen, dessen Kapazität mit 30 000 Besuchern in der Stunde berechnet war, hatte seine Risiken. Aber damit nicht genug: Das System enthielt auch noch eine Problemstelle, so deutlich sichtbar, dass sie eigentlich unübersehbar hätte sein müssen.
Denn die beiden einzigen regulären Ausgänge des Festgeländes endeten ausgerechnet im selben Tunnel, durch den alle Besucher hereinströmen sollten. Das gilt für die kleine Rampe im Westen, die die Lopavent in ihrer Veranstaltungsbeschreibung vom 16. Juli als reinen Ausgang ausgewiesen hat. Und das gilt auch für die Hauptrampe, 26 Meter breit, 130 Meter lang, über die alle Besucher kommen - aber viele gleichzeitig auch wieder gehen sollten. "Der breite, mittlere Zugang wird sowohl als Ein- wie auch als Ausgang genutzt", heißt es nämlich in dem Papier.
Die kleine Rampe war am Tag der Love Parade die meiste Zeit nicht in Gebrauch.
"Man hätte niemals zulassen dürfen, dass der eine Weg als Zu- und Abgang genommen wird", sagt Oberhagemann heute, "das Ganze konnte ja nicht gutgehen."
Damit es trotzdem gutgeht, dafür saß um diese Uhrzeit schon der Crowd-Manager in seinem Container. Der Mann ist Psychologe, ein Experte für Extremsituationen, an diesem Tag aber musste er im Auftrag der Lopavent eher so etwas wie ein Schleusenwärter sein. Ein virtuoser Schleusenwärter, einer, der sich keinen Fehler erlauben darf. Und neben ihm im Container: ein Verbindungsbeamter der Polizei. Zu zweit schauten sie auf ihre Monitore. Sie konnten sich die Bilder von 16 Kameras ansehen, sie hatten beide Zugänge im Blick, Osttunnel, Westtunnel, die Ausgänge aus den Tunneln auf die Rampe, die Rampe selbst, einfach alles.
Von hier aus sollte der Crowd-Manager den Strom der Raver steuern, sollte Anweisungen geben, wann die Security-Kräfte und notfalls auch Polizisten eine Schleuse schließen mussten, damit nicht zu viele Besucher in den Tunnel drängten, und wann die Schleusen wieder aufgehen konnten.
Seine wohl schwierigste Aufgabe bestand aber darin, Raver aus dem Gelände herauszulassen, solange andere noch zu Tausenden hineindrängten. Dazu hätte er immer mal wieder stoßweise den Fluss an einer Schleuse drosseln müssen. So wäre es leerer geworden, wäre Platz geblieben für den Gegenverkehr der Abwanderer. Doch gleichzeitig verlängerte der Crowd-Manager damit natürlich auch den Stau vor den Eingangsschleusen. Ein Dilemma - und bei Hunderttausenden Besuchern eine schier übermenschliche Aufgabe. Fest steht: Die kleine Rampe, die Ausgangsrampe, war am Tag der Love Parade die meiste Zeit nicht in Gebrauch. Damit blieb nur noch die große Rampe. Die Zugangsrampe.
Um 14 Uhr waren die "Floats" oben auf dem Love-Parade-Areal losgefahren, die schweren Lastwagen mit ihren offenen Ladeflächen, auf denen Discjockeys auflegten und Raver sich zum Wummern der Techno-Bässe in Ekstase tanzten. Jetzt ging die Party richtig los, aber draußen vor den Einlassschleusen standen noch Zehntausende Schlange, und es wurden immer mehr, die immer schlechtere Laune bekamen.
Robert, der Raver aus Düren, sah einige Betrunkene, die zu schubsen begannen, zu drängeln, die Polizisten am Straßenrand als "Bullenschweine" beschimpften. "Das waren keine Raver, sondern zugedröhnte junge Leute und besoffene Erwachsene", sagt er. In der Schlange luden sie sich mit Aggressionen auf, auch das sollte sich an diesem Tag noch fatal auswirken.
Um 14.30 Uhr hörte Oberhagemann in seinem Hochsitz, 14. Etage, die ersten Durchsagen der Polizei: "Wir haben Staus auf dem Gelände." Und immer mehr Menschen strömten herbei. Schon um 13 Uhr hatten Zähler des Ordnungsamts für den Sektor "W3", also nur kurz vor dem westlichen Tunnel, eine Auslastung von 100 Prozent registriert; die Polizei ging zu diesem Zeitpunkt von lediglich 50 Prozent aus, ganz easy also aus deren Sicht. Gegen 15 Uhr waren sich beide Behörden einig: Gefahrenstufe rot - heißt: Alarm.
Auch dem Crowd-Manager wurde in seinem Container ziemlich mulmig. Zwar war die Love-Parade-Fläche noch relativ leer, aber oben, am Ende der großen Rampe, stauten sich schon Hunderte Menschen. Sie waren dort einfach stehen geblieben, weil die Floats ganz nah an ihnen vorbeifuhren. Warum überhaupt noch weitergehen, auf den Platz, wenn sie auch hier sehen, tanzen, feiern konnten?
Von "Pfropfbildung" sprechen Panikforscher in solchen Fällen, eigentlich sollten sogenannte Pusher genau das verhindern. Pusher, die immer wieder "Weitergehen" rufen oder "Hier nicht stehen bleiben". Aber offenbar schafften sie es nicht. Deshalb erkannte der Crowd-Manager: Die Eingangsschleusen draußen vor den Tunneln müssen geschlossen werden.
Dazu brauchte er seiner Einschätzung nach aber die Hilfe der Polizei. "Sie können Ordner nicht gegen eine Masse brüllender Jugendlicher stellen, die reinwollen", sagt der Psychologe. Dafür gab es angeblich auch eine klare Absprache mit der Polizeiführung.
Tatsächlich hatte die Duisburger Polizei ein solches Szenario im Vorfeld bereits theoretisch durchgespielt - während einer Konferenz mit dem Veranstalter, der Stadt und der Feuerwehr am 8. Juli, 9 bis 14 Uhr. Bei "starkem Gedränge unter den Besuchern" sei der Veranstalter für die "Schließung der Einlassstellen Karl-Lehr-Straße" verantwortlich, "gegebenenfalls" mit Unterstützung von Polizei, Feuerwehr und Ordnungsbehörde.
Nur dass die Absprache jetzt, im Ernstfall, offenbar nicht einsatztauglich war. "Ich hatte keinen direkten Draht zu den Polizisten. Ich hatte nur meinen Polizisten im Container", so der Crowd-Manager. Der war nun allerdings nur der Verbindungsbeamte, nicht entscheidungsbefugt, also der falsche Mann an dieser Stelle: "Ich hab mir von der Polizei gewünscht, in den Vorgesprächen, dass ich die ganze Zeit jemanden bei mir habe, der Entscheidungskompetenz hat." Der fehlte nun. Und dann kam es offenbar auch noch zu einer schier unglaublichen Panne.
Der Polizist habe nämlich kein Funkgerät dabeigehabt. Weil auch das Handy-Netz wegen Überlastung schon lange vorher zusammengebrochen war, verging wertvolle Zeit, bis ein Polizeiführer erfuhr, dass der Crowd-Manager im Container Hilfe angefordert hatte. In der Polizeiführung heißt es heute, möglicherweise habe es tatsächlich eine Verspätung gegeben, um die 30 Minuten. Dann aber soll der Verbindungsbeamte aus dem Container einen entscheidungsbefugten Vorgesetzten herangeholt haben. Zu diesem Zeitpunkt sei der Pfropf auch immer noch so klein gewesen, dass die Verzögerung nicht ins Gewicht gefallen sei.
Doch es gab erneut Probleme: Der Vorgesetzte wollte sich mit anderen Abschnittsleitern abstimmen, kam nicht durch - Funkstörung. In der Zwischenzeit wurde der Pfropf oben an der Rampe größer, jetzt in dramatischer Geschwindigkeit.
Wer zu diesem Zeitpunkt die Befehlsgewalt hatte, darüber gibt es unterschiedliche Aussagen: Der Crowd-Manager beteuert, ab 16 Uhr habe die Polizei das Kommando übernommen. Die Polizei betont dagegen, sie habe nur geholfen - auf Bitten des Veranstalters. Er habe auf dem gesamten Gelände weiterhin die Verantwortung gehabt.
Wieder vergingen Minuten, der Crowd-Manager drängte den Polizisten, schließlich entschied der, auch ohne Rücksprachen, die Sicherheitsleute zu unterstützen. Aber während im Osttunnel schließlich um 15.45 Uhr eine Polizeikette stand, dauerte es im Westtunnel noch mal zehn Minuten länger.
Auch die Clique aus der Nähe von Osnabrück stand jetzt im Tunnelbereich. Eike, seine Freunde Marius, Andi, Nils, Patrick, Daniel, Bianca. Sie waren von Westen gekommen, am Anfang noch schnell, alle hatten im Tunnel gesungen, weil es so schön hallte, dann wurde es voller, enger, aber es war noch nicht bedrohlich gewesen.
Und es hätte jetzt auch nicht mehr bedrohlich werden müssen: Im Tunnel standen die Polizeiketten sicher. Vor dem Tunnel sollten die Sicherheitsdienste auf Anweisung des Crowd-Managers die Schleusen schließen. Um 16.01 Uhr stellte sich dann noch eine dritte Polizeikette auf: diesmal draußen auf der großen Rampe, weit unten, damit nicht noch mehr Menschen nach oben zu den Floats drängten, den Pfropf vergrößerten.
Also hätten die Pusher jetzt oben an der Rampe die Menschentraube auflösen können. Die Polizei danach ihre Sperrkette auf der Rampe. Und alle Besucher, die davorstanden, hätten sich aufs Festgelände verteilt, bevor dann die Polizei die Ketten in den Tunneln wieder aufgehoben hätte. Das Ergebnis: Keine Toten, keine Verletzten, es wäre gerade noch mal gutgegangen.
Wäre. Denn nun kamen, so schildert es der Crowd-Manager, zwei Dinge zusammen: der Systemfehler - keine separaten Ausgänge; und ein menschlicher Faktor. Die Einlasssperre West brach offenbar komplett zusammen, weil jemand einen Krankenwagen durchließ. Eine Augenzeugin bestätigte dies dem SPIEGEL.
Der Crowd-Manager saß in seinem Container, er konnte alles ganz genau verfolgen, Kamera 13, Kamera 14, Kamera 15, er konnte sehen, wie die Katastrophe sich anbahnte.
Zunächst der Systemfehler. Oberhagemann hatte schon um 15.15 Uhr von seinem Hochhaus beobachtet, wie Scharen von Besuchern das Gelände wieder verlassen wollten. Jetzt, etwa eine Stunde später, erschienen sie auch im Blickfeld von Kamera 13, die auf die Hauptrampe ausgerichtet war.
Wer gehen wollte, hätte es zwar auch noch über die Nebenrampe versuchen können. Doch die lag mit ihrer Öffnung ganz im Westen des Geländes, war schlecht ausgeschildert, und wer den Eingang trotzdem fand, kam nicht weit. So wie Gisela Ortwein, 59, aus Neuss. Sie versuchte es mit ihrem Mann gegen 16 Uhr.
Unten, am Fuß des Abgangs, stießen beide auf eine Absperrung, dahinter blockierte der dichtgedrängte Pulk von Menschen den Ausgang, die darauf warteten, aus dem Tunnel aufs Festgelände zu kommen. Gisela Ortwein fragte einen Polizisten, wie sie jetzt nach Hause kommen sollten - er konnte es ihnen auch nicht sagen.
Dabei waren es inzwischen immer mehr, die gehen wollten, und das war Schallers Lopavent auch vorher bereits klar gewesen. Sie hatte das sogar genau berechnet. In ihrer Veranstaltungsbeschreibung vom 16. Juli heißt es: "Im Zeitfenster 15 bis 16 Uhr werden sich Zu- und Abstrom die Waage halten." Also: Tausende hinein, Tausende hinaus. Wie aber diese Menschen rauskommen sollten, wenn die Wege verstopft waren, davon kein Wort.
Das, auch das, führte nun zur Katastrophe. Immer mehr Besucher wollten die Hauptrampe nehmen, um nach Hause zu gehen, lange hinderte sie keiner daran, die Schräge so weit hinunterzulaufen, wie sie kamen. Diese Rampe war schließlich sogar als Ausgang vorgesehen. Und als hätten die Veranstalter ihre fatale Magnetkraft noch verstärken wollen, hatten sie an der Stirnseite der Rampe Plakate aufgehängt, mit Hinweisen für die Rückfahrt: Krefeld und Düsseldorf nach rechts, Oberhausen und Essen nach links.
Um 16.05 Uhr waren auf dem Monitor des Crowd-Managers nur einige wenige zu sehen, die den Heimweg antraten. Die Polizeikette auf der Rampe stand noch locker. 16.14 Uhr: Nun rückten die Polizisten schon dichter zusammen, um dagegenzuhalten, denn in ihrem Rücken schwoll die Menge langsam an. Noch stärker aber die Menge vor ihnen, die von unten auf sie zukam. Wie konnte das sein?
Die Antwort lieferte Kamera 15, Blickrichtung Westtunnel. Schon seit 16.08 Uhr strömten zahlreiche Besucher auf die dortige Polizeikette zu, um 16.14 Uhr konnte die Polizei sie nicht mehr halten. So wenig wie ihre Kette im Osttunnel.
Schon das war schlimm, aber noch nichts gegen das, was dann um 16.20 Uhr im Westen geschah, draußen vor dem Tunnel. Kamera 14, Blickrichtung Einlassschleuse West: Zuvor muss ein Krankenwagen die Schleuse passiert haben und steckte seitdem in der Menge fest. Schließlich gab der Fahrer auf. Umständlich drehte er um, fuhr langsam zur Schleuse zurück; sie wurde nun erneut für ihn aufgemacht. Und nur eine Minute später war auf dem Bildschirm zu sehen, wie eine riesige Menschenmenge in den Tunnel Richtung Hauptrampe lief.
"Die waren nicht in Panik. Die waren nur völlig genervt und wollten einfach raus."
Aufgeputscht und angefressen vom langen Warten, hatte die Menge die Öffnung für den Krankenwagen genutzt, um durch die Absperrung zu brechen, sie unbrauchbar zu machen. Jetzt gab es nichts mehr, was den Ansturm aus dem Westtunnel auf die Hauptrampe stoppen konnte.
Umstritten ist, wer den Krankenwagen vorher in den Tunnel gelassen und die westliche Eingangssperre damit preisgegeben hatte. Für den Crowd-Manager war es ein Polizist, für die Polizei Security-Leute, die die Schleuse West entgegen der Anweisung ihres Chefs nie richtig geschlossen hatten.
Besucherin Amalia Milch, 20, passierte die Schleuse am westlichen Eingang gegen 16 Uhr. Die junge Frau aus Düren erinnert sich, wie ein Polizist ruft: Macht die Schleusen auf und lasst die Leute durch. "Der wollte wohl, dass der Krankenwagen, der vor der Schleuse stand, Platz bekommt, um durchzufahren", sagt sie. Sicher ist nur das Ergebnis: "Dann sind die Massen von 16.30 Uhr bis 17 Uhr, als es wirklich knallte, von hinten durch den Tunnel auf die Rampe geströmt. Wir konnten nichts mehr machen", sagt der Crowd-Manager.
Um 16.21 Uhr lieferte Kamera 13 ein Bild von der Hauptrampe, auf der nun von beiden Seiten gewaltige Menschenmengen gegen die Polizeikette brandeten. Menschen, die heraufwollten, hinauswollten. Nur wie? Wohin? Die Treppe.
Schon um 16.16 Uhr war Kamera 13 nach links geschwenkt, zu der schmalen Stiege an der Westmauer, die eine halbe Stunde später zur Todesfalle werden sollte. Noch war sie von Bauzäunen umgeben, bewacht von einem Security-Mann, der sich gerade mit einem Polizisten unterhielt. Sie achteten nicht auf einen Mann, der über den Zaun kletterte, die Treppe hochlief, aufs Veranstaltungsgelände. Die Menge unten applaudierte.
Eine Minute später schon der Nächste. Ein Raver, rosafarbenes T-Shirt, stieg über den Zaun, auf die Treppe, riss oben jubelnd die Arme hoch und winkte seinen Freunden zu, sie sollten nachkommen. Kurz danach ließ der Security-Mann drei weitere Raver passieren, die Treppe hochlaufen, triumphierend in die Masse winken. Eine junge Frau zeigte das Victory-Zeichen. Nun wollten immer mehr zur Treppe, sie drängten, drückten den Zaun vor der Treppe weg.
Um 16.40 Uhr, nach einer Ewigkeit von 39 Minuten, gab die Polizei dann auch die Kette auf der Rampe auf, sie war sinnlos geworden, selbst die Polizisten waren jetzt nur noch eine Wellenlinie in der Masse, die zur Treppe schob.
In diesem Moment bekam der Polizist mit seiner Einsatzhundertschaft, Funkrufname Jupiter, den Marschbefehl. Bis dahin hatten sie als Reserve in der Nähe gestanden, Routineeinsatz, dachten sie, nun sollten sie eine Böschung sichern, in einer Lücke zwischen zwei Stücken des Westtunnels. Es war wie die Verlegung in eine Kampfzone. Vor sich, oben auf der Böschung, liefen ihnen umherirrende Menschen entgegen, auf der Suche nach einem Ausgang. "Die waren nicht in Panik", sagt der Polizist, "die waren nur völlig genervt und wollten einfach raus. Das waren Hunderte."
Eike, Marius, ihre Freunde, kamen in diesen Minuten gerade heraus aus dem Tunnel, standen am Fuß der Rampe, sie konnten diese Treppe sehen. Vielleicht 10, 15 Meter entfernt. Sie wussten nicht, wo sie hinsollten. Hatten sie eigentlich schon den Aufgang erreicht? Oder mussten sie weiter, in den gegenüberliegenden Osttunnel? Sie sahen keine Schilder, hörten keine Ansagen, der einzige Ausgang, den sie sehen konnten, war diese Treppe, dann hatten sie sowieso keine Wahl mehr.
Denn die Menge wogte, wankte, der Druck wurde immer stärker. "Alle haben versucht, sich gegenseitig zu halten, Männer, Jungs, Mädchen, aber irgendwann ging es nicht mehr", erinnert sich Marius. Sie fielen wie Dominosteine. Eike hätte links hinter ihm sein müssen, aber er entdeckte ihn nicht mehr. Alle und alles waren ineinander verkeilt, verwinkelt, übereinander, durcheinander, ein Mädchen rief: "Ich will noch nicht sterben." Und am schlimmsten war es für die, die den Kopf nicht oben behalten konnten, nach unten rutschten. So wie Patrik, dem sein Freund Nils immer wieder Luft zufächelte, zupustete, weil der Sauerstoff unten immer knapper wurde.
Bis zu zehn Menschen lagen auf einem Quadratmeter, hieß es hinterher, und was das bedeutete für die ganz unten, weiß Oberhagemann, der Wissenschaftler, ziemlich genau: "Die Betroffenen fühlen sich wie Taucher in 150 Meter Tiefe - ohne Druckausgleich."
Wie lange sie so lagen? Marius hatte das Zeitgefühl verloren. Eine halbe Stunde? Eine ganze? Er weiß es nicht mehr. Irgendwann ließ der Druck nach, packten ihn Hände, zogen ihn aus dem Knäuel. Später sah er seine Freunde Andreas, Bianca, auch Patrik wieder. Ihnen hingen Pappkarten um den Hals. Die Ärzte hatten sie eingeteilt nach Schwere ihrer Verletzungen, in Stufen von Grün bis Rot, wie im Krieg. Sie hatten alle Grün. Leicht verletzt. Eike aber hatten sie nicht gesehen. Sie wussten nicht, was aus ihm geworden, wo er geblieben war.
Eike starb in einem Duisburger Krankenhaus. Sie hatten ihn bewusstlos eingeliefert, er war nicht mehr aufgewacht, die Ärztin sagte später, er habe deshalb auch nicht mehr gelitten. Wenigstens das.
Aber so ein Trost kann Stefanie und Klaus-Peter M. nicht reichen. Sie verlangen Erklärungen, sie wollen Aufklärung. Verhindern, dass sich so eine Katastrophe jemals wiederholen kann. Und herausfinden, wer Schuld hat: Das sind sie ihrem Sohn schuldig, und allen anderen Opfern. "Ich hoffe nur, dass der Tod meines Sohnes bis in alle Einzelheiten aufgeklärt wird", schrieb der Vater der nordrhein-westfälischen Ministerpräsidentin Kraft, "ich sehe hier nicht nur die Alleinschuld beim Veranstalter, sondern auch bei der Genehmigungsbehörde und den dort Verantwortlichen."
Bisher hat allerdings keiner der Verantwortlichen erkennen lassen, dass er die Verantwortung für irgendetwas übernehmen will. Die Staatsanwaltschaft Duisburg ermittelt, entsprechend groß ist der Hang, für sich selbst pauschal die Unschuldsvermutung anzunehmen. Wenn er für die Tragödie die Verantwortung übernähme, dann würde er doch für den Rest seines Lebens für 21 Tote verantwortlich gemacht werden, sagte Oberbürgermeister Sauerland; nicht mal zur moralischen Verantwortung reicht es deshalb, er will ganz offenbar nicht zurücktreten, sondern sich vom Stadtrat abwählen lassen.
Er habe keine einzige Genehmigung unterschrieben. Er habe keine einzige Warnung gekannt. Er habe keine Fehler begangen, "ich muss das durchhalten", sagte Sauerland der "WAZ". Solche Sätze im Angesicht des Todes von 21 Menschen wirken peinlich. Sie oder gar sich selbst dem SPIEGEL zu erklären, dazu war Sauerland allerdings nicht bereit.
Rainer Schaller, der Veranstalter, versteht sich wenigstens darauf, nicht ganz so ungeschickt zu reden. Es werde keine Love Parade mehr geben; was wie eine Ehrerbietung an die Toten und Hinterbliebenen wirkt, ist andererseits eine Selbstverständlichkeit: Als PR-Mittel wäre eine Love Parade ohnehin nicht mehr zu gebrauchen - je schneller sein Name damit nicht mehr in Verbindung gebracht wird, umso besser für McFit. Schuld haben auch aus seiner Sicht vor allem die anderen, besonders die Polizei.
Und was ist mit all denen, die jahrelang auf Duisburg Druck gemacht hatten, die Love Parade auszurichten? Fritz Pleitgen hat gesagt, er fühle sich moralisch mitverantwortlich, immerhin. Hat sich sonst noch einer gemeldet? NRW-Kulturpromoter Dieter Gorny? Ruhr-CDU-Chef Oliver Wittke? Hannelore Kraft? Alle, die sagten, man müsse, solle, dürfe nicht, weil ohne Love Parade das Land Schaden nehme.
Jetzt hat das Land Schaden genommen, mit der Love Parade, und der schwerste ist nicht der Imageschaden. Es ist der Schaden, der angerichtet ist, wenn die Mutter und der Vater eines totes Kindes nicht zur Trauerfeier kommen wollen, weil sie die nur noch als Hohn empfinden nach dem, was ihrem Sohn geschehen ist.
"Die Umstände, die zum Tod von Eike führten, bewegen uns dazu, die Teilnahme an dieser Veranstaltung abzusagen", schrieb Klaus-Peter M. Sollten sie doch ohne sie trauern, am vergangenen Samstag in Duisburg, bei der zentralen Gedenkfeier. Sie würden für sich trauern, auch in Duisburg. Ohne die anderen.
Von Sven Becker, Georg Bönisch, Andrea Brandt, Jürgen Dahlkamp, Ansbert Kneip, Martin U. Müller, Tobias Rapp, Sven Röbel und Christoph Scheuermann

DER SPIEGEL 31/2010
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