02.08.2010

KARRIERENLand ohne Lächeln

Ulrich Wilhelm wird Intendant des Bayerischen Rundfunks, der Ex-Regierungssprecher soll sich um einen unabhängigen Journalismus kümmern. Kann das gutgehen? Von Dirk Kurbjuweit
Hilfe! Die Lage in Berlin ist mal wieder düster. Die Union streitet um die Wehrpflicht, auch beim Thema Atomkraft schlagen sie sich die Köpfe ein, und Wirtschaftsminister Brüderle möchte die Rentengarantie abschaffen, was der Bundeskanzlerin gar nicht gefällt, und der Krieg in Afghanistan läuft noch schlechter als gedacht.
Jetzt kann nur noch einer helfen. Jetzt muss Regierungssprecher Ulrich Wilhelm das Wort ergreifen. Wer ihm bislang zuhörte, erlebte eine Labung, als würde er auf ein Feld mit tausend Sonnenblumen blicken. Optimismus, Fröhlichkeit, alles nicht so schlimm. Bundeskanzlerin Merkel wird's schon richten, wie immer.
Aber Wilhelm ist weg. Wilhelm, 49, ist nicht mehr Regierungssprecher. Am Mittwoch vergangener Woche trat er zum 328. Mal vor der Bundespressekonferenz auf, und es war sein Abschied. Vom 1. Februar 2011 an wird er Intendant des Bayerischen Rundfunks sein.
Die Journalisten waren traurig an jenem Mittwoch. Wer mag sich schon die schwarz-gelbe Koalition ohne Wilhelm vorstellen, ohne diesen klugen, liebenswürdigen und ewig zuversichtlichen Menschen, ohne das leuchtende Blond und die schwungvolle Haartolle, ohne dieses bubenhafte Gesicht. Wilhelm ist ja schon optisch eine Aufforderung, nicht niedergeschlagen zu sein. Sein großes Lächeln hat noch fast jedem gute Laune gemacht.
Und doch gab es bei seinem Abschied auch eine raue Stelle in mancher Journalistenseele. Fast jeder gönnt Wilhelm seinen neuen Job, aber es stellt sich die Frage, ob es schicklich ist, dass ein ehemaliger Regierungssprecher Intendant einer Rundfunkanstalt wird, also Chef von vielen Journalisten.
Wilhelms Nachfolger wird Steffen Seibert, 50, bislang Journalist beim ZDF. Das zusammen wirkt so, als seien sich Journalismus und die Öffentlichkeitsarbeit für eine Bundesregierung so ähnlich, dass man munter hin- und herwechseln kann.
Nach vier Jahren und neun Monaten mit Ulrich Wilhelm, nach vielen, vielen Begegnungen, muss man allerdings sagen, dass die strukturellen Unterschiede zwischen einem Journalisten und einem Regierungssprecher groß sind, dass sie gegensätzliche Weltsichten haben. Was also sind die Unterschiede?
Einmal war er nicht optimistisch, nicht fröhlich. Es war ein heißer Donnerstagabend im Juni dieses Jahres, bis dahin war es eine desolate Woche für die Bundesregierung gewesen. Eine Klausur war missglückt, Merkels Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten, Christian Wulff, schwer umstritten, Union und FDP hetzten fleißig gegeneinander. Selbst Bundesminister redeten über ein vorzeitiges Ende von Merkels Regierung.
Wilhelms Lächeln war nicht ganz so groß und fest wie sonst, aber er begann wie immer: Wirtschaftsdaten gut, Probleme haben auch die Regierungen anderer Länder und so weiter. Die ersten Sonnenblumen blühten, aber dann hat er nicht gesagt, dass sich eigentlich alle in der Bundesregierung ganz gut verstehen; was er sonst immer gesagt hat.
Er wirkte sogar ein bisschen deprimiert. Es war fast atemberaubend: Schwarz-Gelb hatte die Zuversicht von Zuversichts-Weltmeister Ulrich Wilhelm bezwungen. Schwarz-Rot hatte das nicht geschafft. Als er nach dem Gespräch auf seinem Dienstfahrrad davonfuhr, zu Merkel, dachte man, nun ist die Welt endgültig ohne Trost. Wenn schon Wilhelm nicht mehr mit Bestimmtheit sagen kann, dass alles gut wird, haben sich die Propheten des Weltuntergangs 2012 wahrscheinlich um zwei Jahre verrechnet.
Eigentlich arbeitet ein Regierungssprecher heraus, was gut läuft. Das ist sein Job, und Wilhelm hat ihn besonders gewissenhaft erledigt. In seiner Amtszeit hat er eine lange und schöne Erzählung vom harmonischen Gelingen vorgelegt, bis zu diesem kleinen Einbruch im Juni, von dem er sich aber rasch erholt hat. Seine Erzählung deckte sich allerdings nicht mit dem Eindruck, den die Medien von Schwarz-Rot und Schwarz-Gelb vermittelt haben.
Die meisten politischen Journalisten suchen vor allem nach dem, was schlecht läuft. Das wird ihnen von den Politikern oft zur Last gelegt, als Miesepetrigkeit, als Verdrussförderung bei den Bürgern. In Wahrheit aber ist es ein edler Teil ihres Jobs. Eine Regierung hat genug Möglichkeiten, sich zu preisen, in Reden, in Interviews, in Anzeigen, auf WebSeiten, durch Inszenierungen, die Bilder der Tatkraft schaffen, bei Gipfeln zum Beispiel.
Politik macht da meist einen prima Eindruck. Das ganze Bild entsteht aber nur, wenn Journalisten davon berichten, was nicht gut läuft.
Deshalb war ein Gespräch mit Wilhelm meist von einer Stimmung geprägt, die man bekömmliches Misstrauen nennen könnte. Der schildert die Lage mal wieder besser, als sie sein kann, dachte man selbst. Der schreibt ja eh wieder was Schlechtes, dachte wahrscheinlich Wilhelm. Bekömmlich war dieses Misstrauen, weil sich fast immer ein interessanter, angenehmer Dialog entwickelte.
Allerdings war es nicht einmal leicht, sich mit Wilhelm darauf zu einigen, worüber man eigentlich redet. Er redete am liebsten über Ergebnisse. Journalisten dagegen sind stark an Prozessen interessiert.
Bundeskanzlerin Merkel und ihr Sprecher Wilhelm neigen dazu, die Bedeutung von Prozessen geringzuschätzen. Der Weg zu einem Gesetz ist in einer Demokratie fast immer holprig, es wird gekämpft, geschimpft, es fallen Wörter wie "Wildsau" oder "Gurkentruppe". Politik ist dann nicht schön, sondern hässlich. Merkel und Wilhelm sehen das auch, sie sind ja nicht blind und taub, also reden sie nicht gern über Prozesse.
Journalisten dagegen malen die Prozesse der Politik sehr genau ab, sie sind in erster Linie die Chronisten des Hässlichen, und auch das ist ein edler Teil ihres Jobs. Die Demokratie ist eine Staatsform, die den Prozess mindestens so hoch einschätzt wie das Ergebnis. Die Politik soll nicht um jeden Preis gute Ergebnisse erzielen, sie soll Regeln einhalten, sie soll den Prozess bis zu einem Ergebnis unbedingt demokratisch organisieren. Deshalb kann man nicht falschliegen, wenn man Prozessen eine hohe Bedeutung zumisst.
Wilhelms Weltsicht, die eine Sichtweise regierender Politiker ist, führte dazu, dass man sich in einem Gespräch mit ihm ständig in zwei Zeiten befand. Wer über Prozesse redet, redet über die Politik der Gegenwart. Wer über Ergebnisse redet, redet über die Politik der Vergangenheit.
Frank Schirrmacher, Herausgeber der "FAZ", hat kürzlich bei einem Abendessen zu Ehren Wilhelms gesagt, dieser habe "den Blick des Historikers". Das sind die richtigen Worte für eine Stärke von Wilhelm. Er denkt in langen Linien, und im Gespräch versuchte er einen immer wieder entlang diesen langen Linien zu führen.
Natürlich ist es interessant, über Geschichte zu reden. Aber Wilhelm und Merkel haben es so intensiv getan, dass einem der Zweck nicht entgehen konnte. Es war auch eine Flucht aus der kruden Gegenwart mit ihren hässlichen Prozessen, oft eine Flucht nach vorn.
So hielt sich Wilhelm gedanklich gern in einer strahlenden Zukunft auf, in der er auf die schönen Wirkungen von Merkels Politik blickte. Die Zukunft ist für einen Regierungssprecher oder Politiker der angenehmste Ort. Man kann für die Zukunft alles vorhersehen oder versprechen, man kann nichts überprüfen oder belegen, nichts recherchieren. Das ist schlecht für Journalisten, in Zukunftsräumen sind sie aufgeschmissen, was wiederum ganz nett ist für Politiker. Nickelige Fragen können sie leicht abbügeln: Wartet's doch mal ab.
Als die Konjunktur bald nach der Finanzkrise ansprang, gab es kein Gespräch mit Wilhelm, in dem er nicht die schönen Zahlen aus den Unternehmen und vom Arbeitsmarkt erwähnte. Für ihn sind sie vor allem das Ergebnis von Merkels Politik rund um den Jahreswechsel 2008/09. Das lässt sich kaum bestreiten.
Doch das Praktische am Blick des Historikers ist, dass sich die Genauigkeit dieses Blicks in Grenzen hält. Je weiter etwas zurückliegt, desto mehr Chancen haben Verklärung und Verniedlichung. Julius Cäsar ist bis heute ein Idol, obwohl er der Totengräber der römischen Republik war und für den Völkermord an den Usipetern und Tenkterern verantwortlich ist.
Bei Merkel ist es natürlich längst nicht so schlimm. Aber die unschönen Prozesse ihrer Krisenpolitik sind auch schon fast vergessen. Sie musste lange zu einem Konjunkturprogramm gedrängt werden, und die meisten Ideen kamen damals vom Koalitionspartner SPD, zum Beispiel die großzügige Regelung für Kurzarbeit und die Abwrackprämie.
Das ging immer verloren bei Wilhelms Blick auf die langen Linien. Das Gleiche galt für Ergebnisse von Merkels Politik, die nicht berauschend sind, zum Beispiel die Gesundheitsreform. Für dieses Thema nutzte Wilhelm das Mittel des internationalen Vergleichs: Anderswo läuft es auch nicht besser, eher schlechter. Klar, wenn schon schlimm krank werden, dann lieber in Deutschland als in Italien. So behielt er irgendwie immer recht, was man ja nur einem wirklich netten Menschen wie Wilhelm verzeihen kann.
Sein Ansatz war: Es könnte auch schlechter sein. Der journalistische Ansatz ist: Es könnte auch besser sein. Ohne Frage übertreiben auch Journalisten manchmal mit ihrer Weltsicht, aber ihr Blick ist notwendig für ihre Rolle als Kontrolleure der Politik, als vierte Gewalt also. Kann sich Wilhelm diesen Blick aneignen? Will er?
Es war köstlich zu hören, was er zu seinem Abschiedsgeschenk gesagt hat. Von den Journalisten der Bundespressekonferenz bekam er ein Fernrohr, und Wilhelm wies gleich darauf hin, dass man es auch umdrehen kann. Schaut man ins Ende der dicken Seite, geht der Blick fürs womöglich hässliche Detail verloren, man sieht nur Umrisse. Ein umgedrehtes Fernrohr - besser lässt sich Wilhelms Amtszeit als Regierungssprecher nicht symbolisieren.
Eine seiner angenehmsten Eigenschaften war seine unbedingte Loyalität zu Angela Merkel. Für manchen Parteifreund, auch aus der engeren Umgebung, ist nichts schöner, als mal knackig über die Bundeskanzlerin abzulästern. Wilhelm hat das nie getan. Wenn ihm ein Aperçu über Merkel treffend vorkam, gönnte er sich ein kleines Grinsen - das war das Äußerste.
Er mag und schätzt diese Frau, und umgekehrt gilt das Gleiche. Sie waren fast fünf Jahre lang ein politisches Paar, ständig zusammen, sie immer wieder auf der Suche nach seinem Blick, und er nickte, sobald sie sprach. Im wilhelmschen Nicken fand Merkel Sicherheit.
Als Wilhelm auf einer Flugreise lange bei den Journalisten weilte, ließ sie ihn holen. Wahrscheinlich hat sie ihn vermisst. Er war ihr Berater und ihr Schutzschild gegen diese prozess- und gegenwartsvernarrten Journalisten. Vor allem der eine oder andere Porträtschreiber mit seinem, so Wilhelm, "sengenden Blick" geht Merkel schwer auf den Geist.
Diese Loyalität, die sich bei Wilhelm auch noch auf seine Partei, die CSU, erstreckt, hat ihn zu einem guten Regierungssprecher für Merkel gemacht. Aber Loyalität zu einem Politiker oder einer Partei ist das Letzte, was ein Journalist haben sollte, und das gilt auch für einen Intendanten des Bayerischen Rundfunks.
In dieser Rolle ist Wilhelm weiter von Merkel und CSU-Chef Horst Seehofer abhängig, nicht mehr so direkt, aber der Einfluss der Politik auf die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ist groß, wie sich auch jüngst beim ZDF gezeigt hat. Chefredakteur Nikolaus Brender wurde abgelöst, weil er Politikern der Union nicht passte.
Ulrich Wilhelm wird nun Intendant in München, weil er in erster Linie Politikern der Union passt. Es ist, als spielten Bundeskanzlerin Angela Merkel und die anderen schamlos Schach auf dem Feld des Journalismus. Sie machen und stürzen Könige.
Wilhelm ist nicht so wahnsinnig, als dass er die Interessen von Merkel und der CSU in seiner neuen Rolle platt vertreten würde. Aber es ist fraglich, ob er sich eine journalistische Weltsicht aneignen kann, kritisch also, prozess- und gegenwartsbezogen, offen. Bei Steffen Seibert ist die Frage, ob er sich Wilhelms Weltsicht zulegen kann und will.
Denn was ein guter Journalist braucht, braucht kein guter Regierungssprecher. Und umgekehrt. Da stehen also größere Metamorphosen an.
Wilhelm hat seine Weltsicht nun ziemlich lange und, wie er immer wieder beteuerte, überzeugt vertreten. Wenn ihm der Wandel gelingt, entfernt er sich weit von dem, was er bislang war. Wenn ihm der Wandel nicht gelingt, wird unter seiner Führung aus dem Bayerischen Rundfunk sicher nicht ein Hort des unabhängigen Journalismus, was nötig wäre.
Als Erstes müsste Wilhelm etwas ganz Banales tun: einfach normal durch sein Fernrohr schauen. ◆
(*) Beim informellen EU-Gipfel in Lahti 2006.
Von Dirk Kurbjuweit

DER SPIEGEL 31/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 31/2010
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KARRIEREN:
Land ohne Lächeln