09.08.2010

VERLAGEVom Strohmann gelinkt

Unrühmliches Ende auf dem Balkan: Der WAZ-Konzern zieht sich aus Serbien zurück. Die Partner der Essener waren alles andere als seriös.
Er ist nicht gerade das, was man einen Sympathieträger nennt, aber der Sieger in diesem Spiel. Im weißen Blazer und mit dicker Zigarre sitzt Hadži Dragan Antić im Belgrader Restaurant "Madera", kaum ein Gast versäumt es, ihm wenigstens von weitem zuzunicken.
Wann er zuletzt von Mira gehört habe, fragt jemand. Jede Woche telefoniere er mit ihr, antwortet er, unlängst habe sein Verlag sogar ihr neuestes Buch veröffentlicht. Gemeint ist Mira Marković, die Witwe des verstorbenen Diktators Slobodan Milošević. In Serbien wird sie per Haftbefehl gesucht, 2003 floh sie ins politische Asyl nach Moskau. Der Mann mit der Zigarre hat da keine Berührungsängste. Er war ja selbst mal mit Milošević' Tochter Marija liiert und in dunklen Jahren Direktor und Chefredakteur der einst so renommierten Tageszeitung "Politika".
Dann baute er das Blatt zum Sprachrohr von Milošević' Kriegspolitik um und trug maßgeblich zum Machterhalt des Diktators bei. Am Tag, als Milošević stürzte, soll sich Antić über die rostige Feuerleiter seines Verlagshauses gerettet haben, auf der Flucht vor Hunderttausenden wütender Demonstranten.
Doch das ist lange her und lange vergessen. Seit Jahren mischt der umtriebige Serbe wieder dort mit, wo er vertrieben wurde - in der "Politika", diesmal nicht im Redaktionssessel, sondern im Vorstand der Aktionärsgemeinschaft des Verlagshauses. Und er steht vor einem großen Triumph, zu dem ihm ausgerechnet ein großer deutscher Verlag verhilft.
Seit Jahren arbeitet er daran, den Essener Zeitungskonzern WAZ außer Landes zu treiben und die Tageszeitung "Politika", an der die Deutschen zur Hälfte beteiligt sind, wieder zu 100 Prozent zum Staatsblatt zu machen. Das hat er jetzt - im Verein mit der Regierung - geschafft.
Nach jahrelangem Gezerre, nervenaufreibenden Machtspielchen und spielfilmreifem Getrickse gibt die WAZ auf. Sie werde sich aus Serbien zurückziehen, verkündete WAZ-Geschäftsführer Bodo Hombach, selbst ein nicht ungeübter Strippenzieher. Der Mann, der unter Gerhard Schröder einmal Chef des Bundeskanzleramts und später Balkan-Beauftragter der Europäischen Union war, ist schwer genervt, dass man ihn "zwei Jahre auf eine Weise an der Nase herumgeführt hat, die romanfüllend ist".
Hombach ist nicht nur von den serbischen Verhältnissen, sondern beinahe vom gesamten Balkan mittlerweile so enttäuscht, dass er sagt, das sei eine "Region, die wir neuerdings sehr kritisch sehen müssen". Südosteuropa sei definitiv "kein Zukunftsmarkt". Die engen Verflechtungen zwischen Oligarchen und der politischen Macht vergifteten den Markt. Nur Kroatien nimmt er bei seiner Anklage ausdrücklich aus.
Serbien jedenfalls könnte der Anfang vom Ende der WAZ auf dem Balkan sein. Dort tobt eine skurrile Schlammschlacht, in deren Verlauf sich beide Seiten seit Monaten mafiöse Kontakte, gebrochene Zusagen und Verlogenheit vorwerfen.
Hombach feuert Breitseiten gegen die serbische Regierung. Er sieht sich betrogen, weil dem Konzern eine angeblich zugesagte Aktienmehrheit am auflagenstarken serbischen Boulevardblatt "Večernje Novosti" bisher verwehrt wurde. Daraufhin poltert Serbiens Wirtschaftsminister Mlađan Dinkić, man werde sich von der Arroganz der Deutschen nicht einschüchtern lassen.
Die WAZ sei ohnehin ein schlechter Investor gewesen. Sie habe sich mit zwielichtigen Personen eingelassen, könne verschwinden, und man sollte ihr obendrein verbieten, jemals zurückzukehren.
Dabei hatte für die WAZ zunächst alles gut ausgesehen. 2001 erwarb der Konzern die Hälfte von "Politika" und signalisierte schon damals, dass man später gern auch die Aktienmehrheit an "Večernje Novosti" hätte. Mit dem Hombach-Freund und später ermordeten Premier Zoran Djindjic war man sich bereits einig.
Doch dann drehte der Wind. Djindjics Nachfolger Vojislav Koštunica sah die Projekte deutlich kritischer. Er mochte die mächtige "Novosti" nicht den Deutschen anvertrauen. Und weil die WAZ weiter wollte, die Regierung aber nicht, begann ein Hinterzimmerspiel, aus dem die deutschen Zeitungsprofis nicht mehr heil herausfanden.
Weil die WAZ die Mehrheit an "No-vosti" nicht direkt erwerben durfte, kaufte der Multimillionär und Ex-MiloševićMinister Milan Beko sie für die WAZ - angeblich auf Anraten der Regierung - als Strohmann. Er sollte sie nach einer Genehmigung durchs Kartellamt an die WAZ weiterreichen. Dazu wurden 26 Millionen Euro an Beko weitergeschoben, der dann über drei Briefkastenfirmen in Salzburg und auf Zypern die begehrten Zeitungsanteile kaufte.
Doch als der Coup glückte, stellte sich Beko plötzlich bockig und rückte weder Geld noch "Novosti"-Mehrheit an die WAZ heraus. Der Konzern sieht sich vom Strohmann gelinkt und den Betrug vom Staat auch noch gedeckt.
In der serbischen Bevölkerung ist man zwar sicher, dass die Essener geleimt wurden. Mitgefühl gibt es allerdings wenig. Die Deutschen hätten sich den Schlamassel durch ihre Arroganz und die eigenen zwielichtigen Kontakte selbst zuzuschreiben, lautet das Fazit der meisten Medien.
Eine der besonders dubiosen Figuren im Spiel ist etwa der serbische Geschäftsmann Stanko "Cane" Subotić. Er bestätigt die Darstellung der WAZ und behauptet, er habe für die 26 Millionen Euro gebürgt. Mehr noch: Er kündigte an, alle Namen von Personen zu veröffentlichen, die bei diesem schmutzigen Geschäft Bestechungsgelder kassiert hätten.
Doch der Leumund dieses WAZ-Zeugen ist ramponiert. Subotić wird per Interpol-Steckbrief seit 2007 gesucht, weil er beschuldigt wird, den Zigarettenschmuggel auf dem Balkan organisiert zu haben. Gemeinsam mit der WAZ betrieb er mal den Zeitungsvertrieb "Futura plus". In Serbien gilt er quasi als Staatsfeind.
Hombachs Fazit fällt vernichtend aus: "Politische Zusagen sind nichts wert." Und: "Ein Oligarch darf uns mit Staatshilfe veralbern." Keine Belege für ein angenehmes Investitionsklima.
Man kann auch sagen: Die WAZ hat sich verschätzt. "Hinterher ist man immer klüger", sagt Hombach auf solche Vorhaltungen. Außerdem könne man sich in Ländern wie Serbien die Partner nicht immer aussuchen.
"Wäre es besser, wenn wir von Anfang an gesagt hätten, wir versuchen es dort nicht einmal?"
Doch auch anderswo droht Ärger. In Mazedonien will ein Ex-Manager die WAZ verklagen: Goran Gavrilov, der im April 2010 nach gut dreimonatiger Tätigkeit gefeuert wurde. Der 44-Jährige hatte nicht nur sinnlose Investitionen und Bestechung von Redakteuren durch die Werbebranche beanstandet. Die WAZ fälsche auch ihre Auflagenzahlen, um höhere Einnahmen für Werbung und Zuschüsse zu erhalten, behauptet Gavrilov. So verkaufe "Dnevnik" täglich nicht 50 000 Exemplare, sondern weniger als 10 000. Die WAZ bestreitet die Vorwürfe vehement.
Vielleicht muss das bald ein Gericht klären, doch Gavrilovs Geschichte mit den Nescafé-Beutelchen klingt fast zu gut, um ausgedacht zu sein: "An meinem ersten Arbeitstag tranken alle Redaktionsmitglieder Nescafé aus kleinen Beutelchen. Die lagen zu riesigen Plastikbergen angehäuft auf allen Tischen. Ich fragte, um welchen Deal es sich dabei handle. Die Antwort war: Nestlé wollte jeder Kopie der Tageszeitung 'Dnevnik' einen Beutel als Werbegeschenk beilegen. Auf Anfrage, wie viele Exemplare zu bestücken seien, lautete die Antwort: 50 000. Mit den rund 40 000 überschüssigen Beuteln sind die jetzt auf Jahre eingedeckt."
Von Markus Brauck und Renate Flottau

DER SPIEGEL 32/2010
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