09.08.2010

ÖSTERREICHLosungswort „Jörg“

Wo sind Haiders Millionen? Mit einem Notizbuch voller Gerüchte mischt ein alter FPÖ-Spezi die Alpenrepublik auf.
Es ist eine Geschichte, die von attraktiven Männern handelt: von Franz Koloini, 32, Jörg Haiders ehemaligem Protokollchef, in Klagenfurt auch als "der schöne Franz" bekannt; von Haiders Freund Saif al-Islam al-Gaddafi, 38, dem hochgewachsenen libyschen Diktatorensohn - und von Jörg Haider selbst, dem 2008 ums Leben gekommenen Kärntner Landeshauptmann, heute noch berühmt für seinen jugendlichen Charme.
Und sie handelt von Walter, "Meischi", Meischberger, 50, der gleichzeitig auch der Autor der Geschichte ist. Meischi gilt in Wien als Bonvivant und "Feschak vom Dienst". Im Augenblick lebe er nach dem Motto "Hier ein Schampus, dort ein Glaserl", berichtet eine, die ihn kürzlich traf.
Die Frage ist: Wie lange noch? Meischi droht Ungemach von der österreichischen Justiz. Der Lobbyist und ehemalige FPÖ-Abgeordnete hat Selbstanzeige wegen Steuerhinterziehung erstattet. Es geht um fast sieben Millionen.
Um Millionen geht es auch in dem Notizbuch, das Ermittler im Februar bei ihm gefunden haben - allerdings nicht um ein paar läppische Beträge aus Österreich, sondern um viele Millionen aus dem fernen Arabien. Allein "45 Millionen" Euro, so Meischbergers Notizen, aus denen die Wiener Stadtzeitung "Falter" vorige Woche lange Passagen veröffentlichte, seien aus Libyen an Haider und seine Freunde überwiesen worden, weitere Millionen kamen angeblich aus dem Irak des Saddam Hussein.
Er sei zwar vorsichtig, was die genauen Summen in Meischbergers Notizbuch angehe, sagt der österreichische Grünen-Abgeordnete und Haider-Gegner Peter Pilz - "aber nicht, was die Sache selbst betrifft". Die Regime in Tripolis und Bagdad hätten Zugang nach Europa gesucht, Haiders "Buberlpartie" habe da gern geholfen.
Doch wo ist das Geld geblieben? 45 Millionen Euro, genau die Zahl, die auch in Meischbergers Notizen auftaucht, sollen zu Lebzeiten Haiders auf ihm zugerechneten Konten in Liechtenstein geparkt gewesen sein, hat das Magazin "profil" berichtet; nur 5 Millionen davon seien heute noch verfügbar, drei - bislang ungenannte - Vertraute hätten Zugriff darauf, und das Losungswort laute: "Jörg".
Über den rätselhaften Schwund der Millionen spekuliert auch Meischberger in seinen Aufzeichnungen: Projekte in Kärnten seien damit finanziert worden, eine Bühne auf dem Wörthersee zum Beispiel, Freunde und Gesinnungsgenossen seien versorgt worden - von denen einer dann aber mit 32 Millionen "abgehaut" sei und "den Haider ordentlich hereingelegt" habe.
Kurz bevor die Ermittler sein Notizbuch fanden, hatte sich Meischberger noch mit Koloini, Haiders einstigem Vertrauten, getroffen. Was der "Franzi" seinem Freund Meischi erzählte, führt zurück in eines der bizarrsten Kapitel der Haider-Jahre, zu den Besuchen des Kärntner Landeshauptmanns bei den Diktatoren Muammar al-Gaddafi (1999 und 2000) und Saddam Hussein (2002).
Koloini, schrieb Meischberger anschließend in seine Notizen, habe ihm "die Sache mit dem Saddam-Geld" bestätigt. Fünf Millionen Euro zum Beispiel, die ein Haider-Vertrauter aus der Schweiz nach München gebracht habe, stammten "vom Konto der ermordeten Söhne von Saddam Hussein". Franz Koloini sagt, das seien alles nur Gerüchte; sogar Meischberger selbst sagt das inzwischen.
Tatsächlich war Jörg Haider 2002 drei- mal in den Irak gefahren. Vermögende Iraker, so der Wiener Politologe und Irak-Kenner Thomas Schmidinger, seien vor der 2002 bereits absehbaren Invasion der Amerikaner sehr daran interessiert gewesen, ihr Geld - an den Uno-Sanktionen vorbei - ins sichere Europa zu bringen.
Nirgendwo schienen sie willkommener gewesen zu sein als im sonnigen Kärnten, wo Haider damals Saddams letzten Außenminister Nadschi Sabri empfing, oder in Wien, wo er 2002 mit einer irakischen Delegation essen ging - der "schöne Franz" bezahlte, angeblich aus der Kärntner Landeskasse.
In seine Opernball-Loge lud Haider im Februar 2002 auch den besten seiner arabischen Freunde ein, Saif al-Islam al-Gaddafi. Der Sohn des libyschen Revolutionsführers hatte in Wien studiert und im Gegensatz zu seinen Brüdern Saif al-Arab und Hannibal kaum Schlagzeilen gemacht. Dass die beiden Freunde waren, war nicht zu übersehen.
Doch dann muss Meischberger, ein Zeuge, der alles zu bestätigen scheint, was viele Österreicher ohnehin über die Mauscheleien der Haider-Spezis befürchtet haben, gleich dermaßen übertreiben, dass die ganzen schönen Erklärungen um die Haider-Millionen schnell wieder ins Zwielicht geraten. In Meischbergers Notizbuch ist nämlich eine umstrittene Episode zu finden, die sich 2007 in einer Villa in Wien-Döbling zugetragen hat: Dort sei, berichteten damals die Zeitungen, eine "bildhübsche" Ukrainerin in Strümpfen auf einen Baum geklettert, heruntergefallen und habe sich lebensgefährlich verletzt.
Mit Geld aus einer "Überweisung von Gaddafi", so steht es bei Meischberger, sei einem Wiener Verlag daraufhin "die Titelgeschichte weggekauft worden" - angeblich, um die Sache mit dem "Sahib" und dem Mädchen, das zu Tode gekommen sei, zu vertuschen.
Nur leider, leider hat die betreffende Tageszeitung damals durchaus über den peinlichen Vorfall berichtet. Und, so sagt die Wiener Staatsanwaltschaft heute, die "bildhübsche" Ukrainerin sei auch gar nicht umgekommen. Sie lebe und sei inzwischen nach Moskau ausgereist.
Der smarte Libyer muss wohl einen anderen Grund für seine Großzügigkeit gehabt haben.
Von Bernhard Zand

DER SPIEGEL 32/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 32/2010
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ÖSTERREICH:
Losungswort „Jörg“

  • "Schmerzgriff"-Vorwürfe: Hamburger Polizei verteidigt Einsatz bei Klimaprotesten
  • Klima-Demo in Berlin: "Ab jetzt gilt es!"
  • Parteitag in Brighton: Labour streitet über Corbyns Brexit-Kurs
  • Tropensturm in Houston: Passanten retten Lkw-Fahrer das Leben