09.08.2010

SPANIENVerborgene Seite des Mondes

Seit im Baskenland der Sozialist Patxi López regiert, hoffen viele auf das Ende des Eta-Terrorismus. Der Politiker könnte sogar Nachfolger von Regierungschef Zapatero werden.
Der Mann in Jeans und weißem Hemd nimmt an einem schattigen Tisch auf der Terrasse des Cafés Espejo am Madrider Boulevard Castellana Platz. Die Rentner, die ihr Eis löffeln, beginnen zu tuscheln. Pärchen, die an diesem frühen Freitagabend hier das Wochenende beginnen, schauen herüber.
"Ist er das?"- "Ja, das ist er. Aber wo sind seine Leibwächter?"
Patxi López, 50, Regierungschef des Baskenlandes, macht die Spanier in der Hauptstadt neugierig. Der Sozialist ist angetreten, der terrorgeplagten Region im spanischen Norden Frieden zu bringen - und damit dem gesamten Land.
Jeder weiß, dass der Job dieses Mannes lebensgefährlich ist. Die Eta, die vor gut 50 Jahren gegründete separatistische Terrororganisation "Baskenland und Freiheit", hat schon viele ermordet, auch wohlmeinende Sozialisten.
Doch hier in Madrid gilt der Mann aus dem Norden als Lichtgestalt, er könnte der Erste sein, der das scheinbar Unmögliche im Baskenland schafft. Und der vielleicht sogar seinen Parteifreund José Luis Rodríguez Zapatero, 50, beerbt, den Ministerpräsidenten, der seit Beginn der Wirtschaftskrise unter enormen Druck geraten ist.
Der Sommer, in dem die Hauptstädter gern auf der Terrasse des Espejo sitzen, ist eigentlich die hohe Zeit der Eta. In diesen Wochen gilt es, den Touristen zu beweisen, wie lebendig der Terror aus dem Baskenland noch ist. 829 Morde hat die Eta seit 1968 begangen. Die Bürger von Madrid haben sich seit langem an die Polizisten gewöhnt, die in dieser Jahreszeit mit ihren Schäferhunden geparkte Autos untersuchen.
Die Kaffeegäste nicken López zu, er lächelt und prostet mit dem Bierkrug zurück. Eine Dame erhebt sich und sagt: "Lehendakari, Glückwunsch! Sie machen einen ausgezeichneten Job."
Ein Lehendakari, also ein baskischer Regierungschef, der den Sozialisten angehört - das ist nicht nur in Madrid etwas Neues, sondern auch in der baskischen Hauptstadt Vitoria. Es ist eine Herausforderung für die Separatisten dort.
In dem Landstrich, den sie Euskadi nennen, haben nach Francos Tod 1975 immer Männer von der Baskischen Nationalistischen Partei (PNV) das Sagen gehabt, Politiker also, die zumindest in einem Punkt mit den Terroristen übereinstimmen: dass das Baskenland vom Rest des iberischen Staates abgetrennt werden müsse. Seit Francisco Javier López Álvarez, Kosename Patxi, vor gut einem Jahr die Geschäfte in der Autonomen Region zwischen Atlantik und der französischen Grenze übernahm, ist das anders.
López ist ein gewagtes Bündnis eingegangen, mit dem er den Extremismus in der Region bekämpfen will. Er lässt sein Minderheitskabinett von der konservativen Volkspartei stützen, jenem Partido Popular, der in Madrid den sozialistischen Ministerpräsidenten Zapatero am liebsten schon morgen aus dem Amt vertreiben würde.
In nur einem Jahr hat er geschafft, was er sich vorgenommen hatte - "einen ruhigen Wandel", wie López in seinem kleinen, schmucklosen Büro im Parlament von Vitoria sagt. Sein Vorgänger lebte in ständiger Konfrontation mit der nichtnationalistischen Opposition und mit Madrid, er aber setzt auf Dialog: "Jeden Donnerstag sitzen wir im Parlamentsplenum zusammen und stimmen über Gesetze ab. Wir haben keine Mehrheit, da müssen wir verhandeln."
Der Baske López ist der Gegenentwurf zum spanischen Polit-Macho. Jeden Morgen geht er zu Fuß zum Frühstücken in die Bar. Bei Milchkaffee und einem "Pintxo", einem Häppchen Kartoffel-Omelett, liest er Zeitungen und diskutiert an der Theke, ohne gepanzerte Limousinen vor der Tür. Seinen Amtseid leistete er nicht, wie in der erzkatholischen Region üblich, auf die Bibel, sondern auf die von den Nationalisten bekämpfte baskische Verfassung.
Mit solch kleinen Gesten hat López eine neue Normalität geschaffen. Im Baskenland, das sich seit Jahrzehnten im Ausnahmezustand befindet, geprägt von Verbitterung, Verblendung, Angst und Gewalt, wächst Hoffnung. Die neue Normalität lässt sich überall beobachten, in der Calle Cuchillería zum Beispiel, in Vitorias Altstadt, in der sich Bar an Bar reiht. Jugendliche mit Ketten um die Hüften und Ringen in der Nase feiern hier die Nächte durch. Die Graffiti an den Häuserwänden, die früher den Ruhm der Eta-Terroristen verkündeten, sind übermalt.
Null Toleranz gegenüber der Eta, das ist López' Devise seit seiner Amtsübernahme. Die Fotos der Etarras sind aus den Rathäusern ebenso verschwunden wie aus den Tavernen der Sympathisanten. An den öffentlichen Gebäuden weht nun einträchtig die spanische Fahne neben der Ikurriña, der baskischen Flagge mit dem grünen und dem weißen Kreuz auf rotem Grund. "Anfangs haben sie nachts wiederhergestellt, was wir tagsüber beseitigt hatten", erzählt López, "aber wir haben einfach nicht nachgelassen. Der öffentliche Raum ist nur für demokratische Bürger da."
Was das bedeutet, weiß Anwältin Rafaela Romero, 38, gut. Die Sozialistin ist Präsidentin des Provinzparlaments in Guipúzcoa, der Hochburg der Terroristen. "In den Dörfern hier leben wir Tür an Tür mit den radikalen Linken", sagt Romero, "der Riss geht oft durch die Familien." Doch seit ihre Partei regiert, gibt es keine gewaltsamen Auseinandersetzungen mehr zwischen Eta-Anhängern und der Baskenpolizei Ertzaintza. Erst am vergangenen Dienstag wurden in Hernani zwei Eta-Leute verhaftet, die 2003 den sozialistischen Polizeichef des Nachbarorts erschossen hatten, von der Ertzaintza. "Wir lassen uns nicht mehr das Hirn auffressen von der Frage um die baskische Identität", sagt die Juristin.
Die Nationalisten pflegten einst einen schwülstigen Kult um das baskische Blut und die baskische Sprache. López, so bestätigt in Madrid der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Sozialisten, Eduardo Madina, der bei einem Eta-Anschlag ein Bein verlor, habe die ganze Debatte einfach tiefer gehängt: "Um Baske zu sein, genügt der Wohnsitz."
López glaubt, "dass wir im Endspurt sind im Kampf gegen die Bande", jedenfalls sage ihm das sein "Bauchgefühl". Tatsächlich hat es schon lange nicht mehr solche Fahndungserfolge gegeben wie in letzter Zeit, noch nie war es nach der Verhaftung ihrer Führer für Etarras so schwierig, sich neu zu organisieren. Seit einem Jahr haben sie in Spanien kein tödliches Attentat mehr verübt. Einige Aktivisten haben sich im Gefängnis gar losgesagt von der Gruppe. Und selbst der politische Arm der Eta scheint einzusehen, dass mit Gewalt nichts zu erreichen ist.
López habe den Basken "die verborgene Seite des Mondes gezeigt", umschreibt der Publizist José Luis Zubizarreta die Leistung des Sozialisten. Die Bürger sähen jetzt, dass man mit der Gewalt in den Straßen "Schluss machen kann, dass andere Ideen über das Baskenland möglich sind und dass trotzdem die öffentlichen Einrichtungen, die Schulen und die Krankenhäuser weiter funktionieren". Noch aber habe López das traditionelle Mehrheitslager nicht für sich gewinnen können, sagt der Kenner der PNV auch.
Für López ist das die Herausforderung: Er muss die Haltung jener Menschen ändern, die den nationalistischen Terror überhaupt erst ermöglicht haben. Obwohl seine Familie seit Generationen in der Gegend von Bilbao lebt, sprach man bei ihm zu Hause Spanisch. Erst jetzt lernt der Regierungschef "Euskera" und leitet seine Reden auf Baskisch ein.
Sein Vater war Werftarbeiter und sozialistischer Gewerkschafter. Er organisierte Streiks in den schlimmsten Jahren der Diktatur. Er wurde verhaftet, in die Verbannung geschickt, ebenso die Mutter. López blieb als Siebenjähriger bei den Großeltern zurück, mit 16 - gleich nach Francos Tod - ging er zu den Jungsozialisten im Baskenland. Sein Ingenieurstudium brach er ab, um deren Generalsekretär zu werden.
Heute ist Parteichef Zapatero auf López angewiesen: Mit der erfolgreichen Friedenspolitik im Baskenland ist der zu einem der beliebtesten Sozialisten Spaniens geworden. Und weil Zapatero im Parlament die Mehrheit fehlt, braucht er auch die Unterstützung der Baskenpartei PNV, wenn er im Herbst seinen Haushalt durchbringen will. Doch die hat López in Vitoria kaltgestellt und paktiert lieber mit Zapateros ärgstem Gegner, der Volkspartei. "Die Sozialisten-Zentrale wird versuchen, López' Regierungsbündnis zu zerstören", fürchtet Publizist Zubizarreta. Doch der Vize-Fraktionschef der Sozialisten in Madrid, Madina, beruhigt: "Die Regierung im Baskenland ist für uns strategisch hoch bedeutsam, die steht nicht zur Disposition."
Ist die Zusammenarbeit über Parteigrenzen hinweg, wie sie López in Vitoria praktiziert, ein Modell für ganz Spanien, gerade in wirtschaftlich schweren Zeiten wie diesen? Allenfalls wohl als Notkoalition. In den Polit-Blogs wird spekuliert, Patxi López könnte Zapatero ersetzen, wenn der wegen der lange verschleppten Krise vorzeitig Wahlen ausrufen muss oder 2012 nicht mehr kandidiert.
López weist solche Gedankenspiele weit von sich. Aber die Gäste im Café Espejo wollen für die Zukunft nichts ausschließen. Denn auf einmal scheint es nicht mehr unmöglich, dass irgendwann ein Baske in Madrid regieren wird.
Von Helene Zuber

DER SPIEGEL 32/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 32/2010
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SPANIEN:
Verborgene Seite des Mondes

  • Veranstalter Scumeck Sabottka: Vom Blumenverkäufer zum Konzertdealer
  • Manipuliertes US-Video: Die "betrunkene" Nancy Pelosi
  • Trump vs. "Crazy Nancy": "Habe ich geschrien?"
  • Spektakuläre Verfolgungsjagd: Flucht mit gestohlenem Wohnmobil