09.08.2010

FUSSBALLStuttgarter Gschmäckle

Fredi Bobic, der neue VfB-Sportdirektor, muss demnächst mit dem Spielerberater Jürgen Schwab um Verträge pokern. Zusammen führen sie eine florierende Firma.
An Kandidaten aus dem Ländle herrschte kein Mangel, als Fußball-Bundesligist VfB Stuttgart unlängst einen Nachfolger für den nach Gelsenkirchen abgewanderten Sportdirektor Horst Heldt suchte.
Mit in der engeren Auswahl: der Schwabe Andreas Müller, 47, jahrelang Manager beim FC Schalke; der eingebürgerte Schwabe Gerhard Poschner, 40, der als Sportdirektor beim spanischen Erstligisten Real Saragossa auf sich aufmerksam gemacht hat; und der Allgäuer Karlheinz Riedle, 44, der beim Schweizer Erstligisten Grasshopper Zürich tätig war.
Den Job bekam, für viele überraschend, der frühere Nationalspieler Fredi Bobic, 38. Es waren wohl weniger seine Verdienste als Manager des bulgarischen Erstligisten Tschernomorez Burgas, mit denen Bobic die Verantwortlichen des VfB Stuttgart für sich einnahm.
Entscheidend war eher seine Vergangenheit als Vereinsikone: Bei dem schwäbischen Traditionsclub war Bobic einst als treffsicherer Stürmer zu einer großen Nummer aufgestiegen. Keiner seiner Mitbewerber ist derart vernetzt im Roten Haus, dem Vereinsheim des VfB, keiner hat so viel Stallgeruch.
Doch kaum ist Bobic im Amt, stellt sich die Frage, ob seine guten Beziehungen in einem Fall nicht vielleicht ein bisschen zu gut sind. Es geht um sein Verhältnis zu Jürgen Schwab, 51, einem der einflussreichsten Spielerberater im Umfeld der Mercedes-Benz-Arena, der beim VfB Stuttgart die Interessen einer Handvoll Fußballer wie des Mittelfeldspielers Christian Gentner oder des Torwarts Sven Ulreich vertritt. Und es geht darum, ob Bobic für seinen Arbeitgeber nach bestem Wissen und Gewissen mit einem verhandeln kann, mit dem er im Nebenberuf verbandelt ist.
Seit sieben Jahren sind Bobic und Schwab zu jeweils 50 Prozent an einem florierenden Sportfachgeschäft in Winterbach beteiligt, einem Ort im Remstal vor den Toren Stuttgarts. Beide sind in dem Unternehmen, laut Eigenwerbung "eines der größten Sporthäuser Süddeutschlands", die einzigen Geschäftsführer. Sie beschäftigen 25 Festangestellte und mehr als doppelt so viele Teilzeitkräfte. Über den Umsatz und den Gewinn ihres Betriebes erteilen die zwei Eigentümer aus Prinzip keine Auskunft. Das Sportgeschäft firmiert als eine Gesellschaft bürgerlichen Rechts - und ist deshalb nicht publizitätspflichtig.
Bei Personalien in der Bundesliga kommt es immer wieder zu Interessenkonflikten. Der FC Bayern München und sein Angestellter Roman Grill trennten sich vor einigen Jahren auch deshalb, weil der Mitarbeiter der Presseabteilung plötzlich auch Spieler des Vereins wie Philipp Lahm oder Owen Hargreaves beriet. Der Hamburger SV konnte kürzlich Urs Siegenthaler nicht verpflichten, der weiterhin für den Trainerstab der deutschen Fußball-Nationalmannschaft arbeiten wollte. Ligakonkurrenten hatten protestiert, der HSV könnte mit dem Insiderwissen des Schweizers einen Wettbewerbsvorteil erlangen.
Bei der Liaison der beiden Stuttgarter Kumpel ist die Überschneidung nicht so deutlich. Dennoch kennt das Wörterbuch des Schwaben eine schöne Redewendung für Verbindungen dieser Art: Die Sache hat ein Gschmäckle.
Bobic sagt, er habe die Vorstände des VfB Stuttgart bei seiner Vorstellung ausdrücklich über seine Geschäftsverbindung zum Spielerberater Schwab informiert: "Die Herren haben darin kein Thema gesehen." Auch Schwab sagt, er könne nicht das geringste Problem erkennen, sollten Bobic auf der einen und er auf der anderen Seite um den Vertrag eines Spielers feilschen. Er findet eher die Frage danach verdächtig: "Wer von sich aus Schlechtes denkt, handelt auch schlecht."
Von Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 32/2010
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