16.08.2010

AUSSTELLUNGEN„Prinzip der Verknappung“

Der Münchner Psychologe Stephan Lermer, 61, über den außergewöhnlichen Publikumserfolg der Berliner Frida-Kahlo-Schau und die Lust am Anstehen für Kunst-Events
SPIEGEL: Herr Lermer, in den vergangenen drei Monaten haben 235 000 Menschen die Frida-Kahlo-Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau besucht, die nun nach Wien weiterzieht. Wie erklärt sich dieser Rekordandrang?
Lermer: Natürlich sind Frida Kahlos Gemälde beeindruckend, sie war ein Genie. Es steckt aber nicht allein die Kunst hinter einem so großen Hype. Die meisten Besucher sind auch über ihre Lebensgeschichte informiert. Das erhöht den Reiz enorm. Kahlos immense Stärke war ja zum Beispiel auch, wie sie mit ihrem Wirbelsäulenleiden umging, das sie in den Rollstuhl zwang. So etwas fasziniert die Menschen genauso wie ihre plakativen Bilder.
SPIEGEL: Besonders offenbar Frauen. Warum ist die Kahlo eine Lichtgestalt der feministischen Kunstbetrachtung?
Lermer: Weil sie ein für viele beispielhaft unabhängiges Leben geführt hat. Sie hatte eine konfliktreiche Ehe, ließ sich scheiden und heiratete denselben Mann ein zweites Mal. Sie, die 1954 starb, war ihrer Zeit voraus. Das empfinden die Menschen noch heute.
SPIEGEL: Und deshalb stehen sie bis zu sieben Stunden lang an?
Lermer: Die langen Schlangen sind sicher auch typisch für eine Touristenstadt wie Berlin. Man will bei einem zeitlich begrenzten Event dabei sein. Aber so haben wir Menschen schon immer funktioniert. Was rar ist, ist wertvoll. Das ist das Prinzip der Verknappung: Am Ende gab es in Berlin einen regelrechten Sog. Übrigens eine beliebte Werbestrategie, in den USA gibt es eine Bekleidungshauskette, die immer nur 50 Kunden gleichzeitig in ihre Läden lässt.
SPIEGEL: Wer so lange ansteht - verweilt der auch länger im Museum?
Lermer: Darüber kann man keine seriösen Aussagen treffen. Sicher gibt es Besucher, die sich jedes Bild eine halbe Stunde lang anschauen, damit sich das Warten gelohnt hat. Andere sind nach dem Anstehen bereits so erschöpft, dass sie nur noch schnell durchgehen.

DER SPIEGEL 33/2010
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