16.08.2010

AUTORENDas Kind im Gespensterwald

Als er zwei Jahre alt war, verließ ihn die Mutter. Peter Wawerzinek kam in ein Kinderheim. Erst nachdem er seine Geschichte aufgeschrieben hatte, war er fähig, dorthin zurückzukehren.
Der wichtigste Ort seiner Kindheit trägt einen geheimnisvollen, poetischen Namen: Gespensterwald. Das klingt nach einer Märchen- und Zauberwelt, nach Spielen, Kinderfreundschaften und intakter Familie.
Doch Peter Wawerzineks Kindheit war nicht verzaubert, sie war unglücklich und so einsam, dass er als Erwachsener lange Zeit nicht mehr in den Gespensterwald fahren wollte. Seine Kindheit war die eines Jungen, der von seiner Mutter verlassen wurde. Ohne Erklärung, ohne Entschuldigung, ohne Erbarmen.
In seinem neuen Buch rechnet der Schriftsteller Wawerzinek mit seiner Mutter ab. Das Buch heißt "Rabenliebe", es erscheint am Donnerstag dieser Woche und wird als Roman verkauft(*). Aber Peter
Wawerzinek, 55, hat seine eigene Lebensgeschichte in der Ich-Form literarisiert. Im Juni las er Auszüge aus "Rabenliebe" beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt und gewann sowohl den Preis der Jury als auch den des Publikums.
Sein Lebensroman beginnt mit einer Fahrt im Schnee. Ein Kind sitzt in einem Wagen und weiß nicht, wohin es geht. Für dieses Kind ist diese Fahrt wie sein bisheriges Leben: Irgendetwas widerfährt ihm, es hat keinen Einfluss darauf. Als dieses Kind, ein Junge, zwei Jahre alt war, im Jahr 1956, ist es von seiner Mutter verlassen worden, der Vater war bereits verschwunden. Sie hatte die Wohnungstür abgeschlossen und ihre beiden Kinder, den Jungen und dessen jüngere Schwester, zurückgelassen. Der Junge wird das vergessen, er wird erst mit 18 erfahren, dass er eine Schwester hat, er wird der Mutter erst wieder mit Anfang fünfzig begegnen.
Die abgeschlossene Wohnung lag in Rostock, in der DDR, die Mutter ging in den Westen, von 1961 an stand für Jahrzehnte eine Mauer zwischen Mutter und Sohn. Die Geschwister waren aus der Wohnung gerettet worden, Nachbarn ließen die Tür aufbrechen, der Junge und seine Schwester wurden ins Krankenhaus gebracht. Die Schwester blieb noch viele Jahre in der Klinik, sie entwickelte sich nicht ganz normal, war wohl von der Mutter schlecht ernährt und versorgt worden.
Der Junge erholte sich besser, er kam vom Krankenhaus in ein Kinderheim an der Ostsee. Dort beobachtete er, dass alle Kinder vor allem ein Ziel hatten: abgeholt zu werden, am besten von den eigenen Eltern, von denen sie sich ein großartiges Bild machten. Und wenn schon nicht die eigenen Eltern kommen konnten, dann wollten sie von Adoptiveltern auserwählt werden. Manchmal kamen solche Paare ins Heim, die Kinder strengten sich an: nett sein, hübsch sein, klug sein. Erzieher winkten die Kinder heran und nannten deren Vor- und Nachteile.
Der Junge war zwar intelligent, aber mal lebhaft, mal zurückgezogen, schwer einzuschätzen - Vorteile, Nachteile. Doch die Köchin des Kinderheims mochte ihn und nahm ihn mit nach Hause, wollte ihn bei sich aufnehmen. Der Junge wird sich später erinnern, wie er an der Hand der Köchin durch den Wald ging.
Aber der Mann der Köchin wollte kein Kind. Die Frau brachte es wieder durch den Wald ins Heim. Zurückgebracht zu werden war schlimmer als das erste Mal hinzukommen. Der Junge fühlte: Er war geprüft und für nicht gut befunden worden. Er war gescheitert.
Es wiederholte sich. Der Junge kam zu einer Tischlerfamilie, der Tischlermeister hatte nur Töchter und wollte einen Nachfolger für seinen Betrieb. Der Junge erlebte ein herrliches Weihnachtsfest, doch er setzte sich über ein Verbot hinweg und musste zurück ins Heim. Nun wollte er nicht mehr adoptiert werden. Von niemandem.
Doch er war gut in der Schule, sein Zeugnis lag im Schaukasten des Heims. Eines Tages wollte ein Lehrerpaar den Jungen haben. In seinem Buch nennt Peter Wawerzinek die Menschen, mit denen er nun mitgehen musste, "Adoptionsmutter" und "Adoptionsvater". Auch wenn er lieber im Heim geblieben wäre, wollte er nicht ein drittes Mal zurückgegeben werden. Also passte er sich an. Er tat, als wäre er dankbar.
Als er 19 Jahre alt war, erfuhr er von der Adoptivmutter, dass seine leibliche Mutter wahrscheinlich noch lebe, drüben, im Westen. Als die Mauer fiel, war sein erster Gedanke, jetzt dieser Frau ausgeliefert zu sein. Als er 47 war, wusste er, wo sie wohnte, ein paar Jahre später fuhr er hin. Er fand eine teilnahmslose Frau vor, die die gleichen Gesichtszüge hat wie er, und er lernte acht Halbgeschwister kennen.
Das ernüchternde Treffen mit der Mutter ist das Finale von Peter Wawerzineks wütendem Buch. Ein Buch mit Stärken und Schwächen. Stark ist seine Geschichte, stark sind die Gefühle, mit denen er sie erzählt. Als Schwäche erweist sich Wawerzineks literarischer Anspruch, er suchte für sein Leben, in dem nichts zusammenpasst, eine Sprache, bei der nichts zusammenpasst, manchmal wechselt er den Stil in einem Absatz. Und für seinen Schmerz sucht er schmerzhafte Bilder, einmal vergleicht der Ich-Erzähler sich mit einer Knospe und schreibt: "Meine Blütenblätter sind zu ungelenk." Solcherlei Angestrengtheiten braucht eine starke Geschichte nicht.
Wawerzinek schöpft einzig aus seinen Erinnerungen, er hat für das Buch, das zwar als Roman verpackt, aber als authentische Geschichte beworben wird, nicht recherchiert, offenbar wollte er seine Gefühle nicht durch abweichende Tatsachen in Frage stellen lassen. Das gibt dem Buch Wucht, doch Erinnerungen trügen, die Personen, von denen der Autor erzählt, gibt es oder gab es, manche können sich, wenn sie noch leben, erkennen und von anderen erkannt werden, auch wenn sie nicht mit Klarnamen benannt werden. Und sie werden in "Rabenliebe" konfrontiert mit einer Erzählung, die so nur für einen stimmt, für Peter Wawerzinek.
Doch sein Buch soll gar nicht abgewogen sein, sondern ein Statement, auch gegen Adoptionen. Dass es Adoptionen gibt, die glücklich verlaufen, interessiert ihn nicht, ihm geht es ums Prinzip. Der Druck, immer dankbar sein zu müssen, so sagt er, sei schädlich für die Entwicklung eines Kindes.
Samenbanken, Leihmütter - alles, was es Menschen ermöglicht, gegen biologische Widerstände doch noch Eltern zu werden, lehnt Wawerzinek vehement ab. Er sagt, ein Kind werde existentiell verunsichert, wenn es nicht wisse, woher es komme. Er nennt ein Beispiel: "Ich bin ja klein, 1,60 Meter, und habe immer gedacht, das läge daran, dass ich in den ers-
ten Lebensjahren schlecht versorgt gewesen bin." Als er seine Mutter traf, eine Frau, viel kleiner als er, hat er seinen Frieden mit seiner geringen Körpergröße endlich machen können.
Wenn man ihm entgegenhält, dass Elternschaft immer auch Scheitern bedeute, dann nimmt er es hin, er weiß es ja, hat selbst vier Kinder aus verschiedenen Beziehungen, doch er will sich von seiner Wut nichts nehmen lassen.
Vor "Rabenliebe" hat Wawerzinek neun Jahre lang kaum mehr etwas veröffentlicht. Im Jahr 2003 war er weggegangen aus Berlin, hatte ein Stipendium bekommen, das ihn verpflichtete, für ein paar Monate in den kleinen Ort Wewelsfleth in Schleswig-Holstein zu ziehen. Er blieb einige Jahre dort. Er war erschöpft, hatte seit dem Mauerfall über ein Dutzend Bücher geschrieben, und vor allem hatte er zu viel getrunken. Im Ort gibt es eine Einrichtung für Alkoholkranke. Wawerzinek fing an, mit den Patienten eine Zeitung zu machen. Und er sah in ihnen lauter Zerrbilder seiner selbst. Viele waren nah am Exitus, Wawerzinek wollte nicht sterben am Alkohol. Er nahm sich vor, weniger zu trinken. Der Leiter der Einrichtung half ihm dabei. Wawerzinek fing auch wieder an zu schreiben, er lernte eine Frau kennen, beide, sein Therapeut und die Frau, rieten ihm, dem Schreiben und dem Leben ein Ziel zu geben, sich an den mutmaßlichen Ursprung seiner vielen Probleme zu begeben. Er sollte endlich seine Mutter treffen.
Erst als sein Buch fertig war, traute er sich zu, seine Erinnerungen mit der Wirklichkeit abzugleichen. Er war bereit zu einer Reise in den Gespensterwald. Der Wald liegt an der Ostseeküste, direkt am Meer. Am Rand des Waldes steht in einem kleinen Ort das Kinderheim. Das Haus ist kein Heim mehr. Auf den Pfaden, die durch den Wald zum Meer führen, waren die Heimkinder entlanggegangen. "Habt ihr Angst vorm Gespensterwald?", hätten die Erzieher bei den Ausflügen immer gerufen, "neiiiiiiin", antworteten die Kinder.
Die Bäume hier haben hochaufschie-ßende Stämme mit verkrümmten Zweigen. Wawerzinek blickt an ihnen hoch und sieht in ihnen Sinnbilder: Für ihn sind die Bäume Kinder, die zwar wachsen, aber nicht werden, was sie eigentlich sind. Es rauscht und pfeift hier tatsächlich, als wären Geister unterwegs - liegt es an den Wellen und dem Wind, der an den verkrüppelten Baumkronen zerrt?
Der Schriftsteller lässt sich hier fotografieren, sein Schulranzen baumelt an seiner Schulter. Diesen Ranzen hat er aufgehoben, hat ihn mitgenommen von Wohnung zu Wohnung, es waren etliche. Der Tornister begleitete ihn durch eine Ehe und viele Beziehungen, sein unstetes Leben.
Nun ist der Schulranzen auch auf der Reise in die Vergangenheit dabei, so als verleihe er ihm Sicherheit. Wawerzineks Schulhefte sind darin, vollgeschrieben mit einer sauberen Schrift, die er als Anpassungsschrift an die ehrgeizigen Ziele seiner Adoptivmutter empfindet. Das Kind schrieb fehlerfrei: "Die Genossenschaftsbauern sind fleißig."
Wawerzinek redet gern, doch jetzt wird er still, nur noch das Rauschen und Pfeifen ist zu hören. "Gehen wir", sagt er plötzlich, er hat sich entschieden. Er möchte zum Haus der Tischlerfamilie fahren, die ihn aufnahm und dann, so jedenfalls denkt er, wieder verstieß.
Das Haus des Tischlers ist ein stattliches Gebäude, dem man beinahe ansieht, dass hier selbstbewusste Handwerker leben, die ihre Selbständigkeit durch die gesamte DDR-Zeit hinweg behaupten konnten. 1960 muss es gewesen sein, als der sechsjährige Peter hier aufgenommen wurde. Ein Herr mittleren Alters geht über den Hof und antwortet freundlich, ja, er sei der Neffe des alten Tischlers, habe den Betrieb übernommen. Eine geplante Adoption? Ein Peter? Kann sein, dunkel, dunkel erinnere er sich an etwas. Er zeigt auf ein Haus, da wohne die Tochter des Tischlers, die müsse das wissen.
Die Tochter des Tischlers kommt vor in "Rabenliebe", sie und eine Schwester. Wawerzinek läuft so eilig hinüber, als wolle er es sich auf keinen Fall anders überlegen. Eine Dame öffnet. "Ja, natürlich, Peter, komm herein." Es beginnt ein Gespräch, ein Kreisen. Wawerzinek spricht nicht an, dass er sich von dem alten Tischler verstoßen fühlte, und die Frau, dessen Tochter, sagt auch nichts davon, sie erinnert sich eher daran, dass Peter an Wochenenden kam und verwöhnt werden sollte und dann nicht mehr kam, weil er ins Schulheim in den nächsten Ort musste. Die Erinnerungen der beiden passen nicht ganz zueinander. Doch die Frau erzählt auch, wie intelligent der Peter gewesen sei und wie arm dran. Das wiederum passt. Wawerzinek siezt und duzt die Frau, die er kennt und doch nicht kennt, und sie sagt: "Du ist ganz richtig." Sie winkt ihm nach, als er das Haus verlässt.
Peter Wawerzinek geht noch einmal zum Meer. Er lässt sich in einem Strandkorb nieder. Er sagt, er werde immer sicherer, dass es richtig war, das Buch zu schreiben. Er brauche die Mutter nicht mehr. Und das Buch bedeute für ihn nicht nur ein Ende, sondern auch einen Anfang. Die Begegnung mit der Tischlertochter sei doch ein Anfang.
(*) Peter Wawerzinek: "Rabenliebe". Verlag Galiani, Berlin; 228 Seiten; 22,95 Euro.
Von Susanne Beyer

DER SPIEGEL 33/2010
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