16.08.2010

ÖSTERREICHDer Hochseiltänzer

Er war die Schlüsselfigur in der Geiselkrise um den Israeli Rafael Haddad: Der Wiener Milliardär Martin Schlaff ist weltweit vernetzt und mit allen Wassern gewaschen.
Die Sache lief, aus operativer Sicht, wie geschmiert. Zuerst die geheime Mission in Libyen; dann die freundlichen Schlagzeilen in der Heimat; und das Foto, auf dem der eigentliche Geiselbefreier nicht zu sehen ist.
Martin Schlaff.
Einmal mehr hat der Milliardär und Wiener Wunderwuzzi seine Verbindungen nach Nahost spielen lassen. Wie schon 2007, im Fall der fünf bulgarischen Krankenschwestern, denen in Libyen die Todesstrafe drohte. Oder Jahre zuvor, als die von Jörg Haider mitgetragene Koalition unter Kanzler Wolfgang Schüssel von Jerusalem ins diplomatische Abseits gedrängt war. Schlaff regelt Probleme unauffällig. So auch jetzt die Sache mit dem in Libyen verschollenen Rafael Haddad.
Der rätselhafte Israeli war im März in das Reich des Muammar al-Gaddafi gereist, angeblich um dort bedrohte jüdische Kulturschätze zu fotografieren. Wenig später wurde er unter Spionageverdacht festgenommen. Als Haddad, dem Vernehmen nach ein Ex-Ermittler der israelischen Militärpolizei, nach fünfmonatiger Haft am vorletzten Sonntag in Wien landet und sich mit dem eigens eingeflogenen Außenminister Avigdor Lieberman ins Blitzlicht schiebt, bleibt der Drahtzieher der Geiselbefreiung im Hintergrund.
Ob die Rettung des Fotokünstlers in Schlaffs Privatjet direkt mit Libyens Revolutionsführer Gaddafi ausgehandelt wurde oder mit seinem Sohn Saif al-Islam, der einst in Wien studierte - Schlaff äußert sich dazu nicht.
Der eher lichtscheue Unternehmer mit einer Schwäche für echte Kandinskys gibt nur spärlich Auskunft über sich. Und wenn, dann in lässig genäseltem Wienerisch oder, auf größerer Bühne, auch in Jiddisch, Englisch, Italienisch, Hebräisch oder Französisch. Bevorzugt spricht Schlaff mit Regierungschefs, Strippenziehern, Steuerberatern und Bankern. Notfalls, als Zeuge, auch mit der Justiz. Selten mit Journalisten.
Schlaff zählt nicht nur zu den vermögendsten Österreichern, er ist auch eine Art Über-Außenminister der Alpenrepublik, ein Eisbrecher in heiklen Gewässern - zwischen West und Ost, aber auch zwischen jüdischer und arabischer Welt.
Wer, wenn nicht Schlaff, hätte es fertiggebracht, Bevollmächtigte von Israels Premier Ariel Scharon und von Palästinenserführer Jassir Arafat an einen Tisch zu bringen, damit sie ihm den Bau eines Spielcasinos im Westjordanland genehmigen? Oder, erstaunlicher noch, ein die ganze politische Landschaft Israels überspannendes Netzwerk von Freunden zu knüpfen? Der ermordete Premier Jitzchak Rabin von der Arbeitspartei wie sein heute im Koma liegender Rivale Scharon gehörten dazu. Die Rechtsaußen Arje Deri von der Schas-Partei und Avigdor Lieberman, inzwischen Außenminister, fliegen sogar zu Hochzeiten oder Beschneidungsfeiern nach Wien.
Die Chance zur Rettung des in Libyen verschwundenen Haddad kam für Schlaff, vor allem aber für Lieberman, wie gerufen. Dem israelischen Chefdiplomaten, so hat es Anfang Juli der Leitende Staatsanwalt Mosche Lador verkündet, droht demnächst eine Anklage wegen Betrugs, Bestechlichkeit und Geldwäsche - mehr als zwei Millionen Euro an Schmiergeldern, unter anderem von Martin Schlaff, soll Lieberman eingestrichen haben.
Er hat dies stets bestritten. Seine Zusammenarbeit mit Schlaff in der Haddad-Affäre ist dennoch bemerkenswert, da im Juni das israelische Betrugsdezernat bei der Staatsanwaltschaft auch gegen den Österreicher eine Anklage angemahnt hat: Schlaff hat Ermittlungen am Hals, in deren Zentrum Ex-Premier Ariel Scharon mit seinen Söhnen Omri und Gilad steht. Es geht um den Verdacht der Bestechung in Höhe von drei Millionen Dollar durch Strohmänner Schlaffs. "Ein Schlaff besticht nicht", ließ er mitteilen.
Weil Israels Justiz ihm auf den Fersen ist, hat Schlaff das Gelobte Land seit Jahren nicht mehr betreten. Selbst dem Begräbnis seines Vaters Chaim im April blieb er fern - Israels Polizei drohte, die Trauerzeremonie der Familie durch Einvernahme des berühmten Sohns zu stören.
Vater Chaim, in Auschwitz geborener Holocaust-Überlebender, strandete auf der Flucht vor Polens Kommunisten nach dem Krieg in Wien und legte dort mit Fleiß und Kontakten den Grundstein zum Vermögen des Sohns. Martin Schlaff selbst, 1953 geboren und von den Eltern zusätzlich mit den Vornamen Schlomo Mordechai Joschua bedacht, wuchs hinein in eine Familie, die unter dem Dach der Robert Placzek AG anfangs mit Bahnschwellen, Altwaren und Holz handelte. In den Achtzigern entdeckte der Sohn die DDR als Absatzmarkt für Hochtechnologie.
Im Osten begehrte Mangelware konnte der DDR-Devisenbeschaffer Alexander Schalck-Golodkowski dank Schlaff in den Arbeiter-und- Bauern-Staat schleusen. Ausdrücklich würdigte die Staatssicherheit die "Wendigkeit" ihres österreichischen Lieferanten in einem Bericht von 1988. Die Stasi-Hauptverwaltung Aufklärung soll Schlaff als Inoffiziellen Mitarbeiter "IM Landgraf" (Registrier-Nummer 3883/86) geführt haben: ein Verdacht, dem die Entschlüsselung des DDR-Agentenverzeichnisses Sira und der spätere Abgleich mit den bei der CIA lagernden "Rosenholz"-Daten zusätzlich Nahrung gab - der aber von Schlaff wiederholt und entschieden bestritten worden ist. Er hat alle Verfahren gewonnen.
Mit einer Armada erstklassiger Anwälte an seiner Seite gewann Schlaff in den Nach-Wendejahren mehrere Prozesse, in denen es vorrangig um verschwundenes SED-Vermögen ging. Die Forderung von Helmut Kohls Kanzleramtsminister Schmidbauer, den "Schlaff-Komplex" aufzuklären, blieb unerfüllt. Schlaff ist heute mit dem Goldenen Ehrenzeichen der Stadt Wien geadelt und wird auf zwei Milliarden Euro Privatvermögen taxiert.
Nur wer tief genug wühlt in den Büroschränken einiger Parlamentarier am Wiener Karl-Lueger-Ring, in den Aktenbergen, die sie da hüten, der erahnt, wie gekonnt der Hochseiltänzer Schlaff noch immer balanciert. Unter seinem Namen finden sich Vorgänge von unzähligen Seiten - Brandbriefe des FBI, Rechtshilfeersuchen der israelischen Generalstaatsanwaltschaft, Vernehmungsprotokolle des Bundeskriminalamts in Wien. In Untersuchungsausschüssen, Ermittlungsverfahren, Prozessen, immer ist Schlaff am Rande, nicht als Beschuldigter, mit von der Partie.
Der Mann ist vorstrafenfrei. Und seine Fürsprecher verteilen sich über so gut wie alle Lager österreichischer Innenpolitik: Der linke Ex-Kanzler Viktor Klima wie der christkonservative Ex-Vizekanzler Josef Taus und der freiheitliche Ex-Vizekanzler Hubert Gorbach - alle haben sie vorübergehend in Schlaffs Firmenimperium Zuflucht gefunden.
Seiner früheren Geschäfte mit den Kommunisten wegen galt der "Osthändler" Schlaff lange als schwerreiches Schmuddelkind der Wiener Gesellschaft. Heute findet der Unternehmer offene Türen vor. Oder offene Ohren. Wenn er sich mit dem Star-Tenor Neil Shicoff oder mit Anna Netrebko in Wien umgibt, ist Schlaff bei Austern und Roederer Cristal hochkarätiger Gesellschaft sicher.
Ob im himbeerfarbenen Gehrock auf dem Aids-Ball oder im dunklen Anzug neben der tief dekolletierten dritten Gattin - der neue Schlaff zeigt sich. Dass seine letzte Scheidung angeblich 200 Millionen Euro gekostet hat und sein Privatjet aus dem ehemaligen Fundus von Jassir Arafat stammt: Österreich weiß es inzwischen.
Andererseits, es wird auch einsamer um Schlaff. Da ist die traurige Geschichte vom "schönen Marcel", von Helmut Elsner also, dem ehemaligen Chef der österreichischen Gewerkschaftsbank Bawag, die gut drei Milliarden Euro verspekulierte. Schlaff war Großkunde bei Elsner. Er hat sogar, als es eng wurde, eine Million Euro Kaution für ihn hinterlegt und im Prozess ausgesagt - umsonst. Der Bankier wurde 2008, wenn auch bis heute nicht rechtskräftig, zu neuneinhalb Jahren Haft verurteilt.
Da ist die Sache mit Omri Scharon, Sohn des israelischen Ex-Premiers und Schlaff-Freund auch er. Bereits verurteilt wegen Korruption und nach nur vier Monaten wieder entlassen, droht ihm nun, wie auch seinem Bruder Gilad, in der Spendenaffäre eine neue Anklage.
Und Solomon Obstfeld? Der Freund und Geschäftspartner der Schlaff-Familie hat, wie diese, polnisch-jüdische Wurzeln und war nach der Wende Makler von Martin Schlaff auf dem US-Markt. Obstfeld hat sich am 9. Juni 2010 aus dem 19. Stock des Essex-House am New Yorker Central Park gestürzt. Selbstmord, sagt die Polizei; Israels Ex-Premier Ehud Olmert, zurzeit wegen Korruptionsverdachts vor Gericht, räumt ein, seinen "langjährigen Bekannten" Obstfeld kurz zuvor noch besucht zu haben.
Wer verstehen will, wie all das zusammenhängt, wie Schlaff vom diskreten Osthändler zum Milliardär, Wiener Society-Liebling und Unterhändler in Nahost-Fragen aufstieg, der findet Anhaltspunkte in den zehn Jahre alten Akten zum Prozess gegen Scholam Weiss, die dem SPIEGEL vorliegen. Der Brooklyner Finanzakrobat Weiss war ein Freund der Schlaff-Familie seit den Achtzigern. In den Neunzigern drehte er dem Wiener Unternehmer Wohnungen in Manhattan an und zwang ihn dadurch später als Zeugen vor ein New Yorker Gericht. Inzwischen sitzt Weiss im US-Bundesstaat Pennsylvania ein - wegen Versicherungsbetrugs im schwersten Fall der US-Geschichte zu 845 Jahren Haft verurteilt.
Schlaff hat in New York peinlich genau Rechenschaft ablegen müssen über sein Verhältnis zu Weiss, über die Herkunft des eigenen Vermögens und über Mittelsmänner. Auch Namen Vertrauter aus Zeiten der DDR-Embargogeschäfte kamen dabei zutage. Manche tauchen später im Umfeld des Bawag-Skandals wieder auf. Und finden sich bis in die Gegenwart unter den Geschäftskontakten des Wiener Milliardärs.
Die jüngste Ausschleusung des Israelis Haddad aus dem libyschen Schattenreich, so viel scheint sicher, zählte im Leben des Martin Schlaff zu den leichteren Übungen.
Von Walter Mayr

DER SPIEGEL 33/2010
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