16.08.2010

GROSSBRITANNIENClever & Smart

Zwei Brüder kämpfen um die Führung der britischen Linken. David Miliband, Sohn eines legendären Marxisten, will New Labour beerdigen. Ed Miliband will das auch.
Noch weiß keiner, wer diesen Sommer zum Chef der britischen Labour-Partei gewählt wird. Trotzdem ist über den Mann, der es schließlich werden wird, erstaunlich viel bekannt.
Er ist in jedem Fall 1,80 Meter groß, er ist Oxford-Absolvent und trägt volles dunkles Haar. Er kommt aus einem jüdischen, vor allem aber heißblütig marxistischen Elternhaus. Vater und Mutter sind polnischer Herkunft und nur knapp den Nazis entronnen. Viele seiner Verwandten sind in Auschwitz ermordet worden.
Wer immer zum Nachfolger des gescheiterten Gordon Brown gewählt wird - er ist in Londons Reichenviertel Primrose Hill aufgewachsen, weitab vom britischen Arbeitermilieu. Doch er besuchte eine Schule in der Nähe des früheren Wohnhauses von Karl Marx. Er hat eine Blitzkarriere gemacht, mit noch nicht 40 Jahren saß er im Kabinett. Und er wird "Miliband" mit Nachnamen heißen, doch wie lautet sein Vorname?
Nur diese Frage ist noch offen, denn es bewerben sich zwei Milibands. Wird der clevere David, 45, das Rennen machen, der bis zum Regierungswechsel im Mai Außenminister war?
Oder der smarte Ed, 40, der unter Gordon Brown zuletzt als Minister für Energie und Klimawandel diente? Seit drei Monaten zehrt ein Bruderkampf an Labour und den Milibands. Jetzt naht der Tag der Entscheidung.
Von dieser Woche an wird nach den archaischen Regeln der Partei abgestimmt. In quälender Prozedur wählen die Labour-Abgeordneten in Westminster und im EU-Parlament, die rund 190 000 Mitglieder sowie die großen Gewerkschaften und verschiedene sozialistische Clubs. Welcher Miliband unter den insgesamt fünf Kandidaten gewonnen hat, wird die Partei erst Ende September verraten, unmittelbar vor dem Parteitag.
Doch bis dahin könnte es noch unterhaltsam werden. Jeder Miliband hält sich selbst für den besseren. Keiner gibt auf.
Bisher standen sich David und Ed so nahe, dass sie über Jahre mit Partnerinnen und Kindern sogar im selben Haus in Primrose Hill wohnten. Den Parteibürgerkrieg zwischen den Truppen der Labour-Granden Tony Blair und Gordon Brown haben sie an gegnerischen Fronten überlebt, ohne dabei Schaden zu nehmen.
Nun aber scheint der Führungszwist ihr Verhältnis doch getrübt haben. Sie streiten zwar nicht in der Öffentlichkeit und beteuern stets ihre unverbrüchliche Bruderliebe - doch kürzlich ist Ed mit seiner schwangeren Lebensgefährtin und beider Sohn aus der Primrose-Hill-Kommune ausgezogen.
Der Oppositionschef Miliband, wie immer er mit Vornamen heißt, wird einen Kurswechsel vollziehen müssen - weg vom triumphalen New-Labour-Projekt, das in Tränen und Rekordschulden endete, weg von Blair und Brown, beide nunmehr Hassfiguren, doch wohin?
Einen Vorgeschmack lieferte Ed jetzt in der Industriestadt Coventry. In einem brüchigen Gewerkschaftshaus voll von Vereinspokalen sprach er zu 300 Sozialisten. "New Labour", sagte er da, "war doch im Wesentlichen das Werk von ganz wenigen Leuten, die unsere Partei in eine bestimmte Richtung gedrängt haben."
Das hörte sein Publikum gern. Alles, was in den letzten 13 Jahren schiefgegangen ist - allein die Schuld von Blair und Co. Jetzt kommt der Neuanfang. Als Labour-Chef, versprach Ed, würde er vor allem der Basis zuhören: weniger Spin, mehr Substanz, mehr Teilhabe an der Macht für alle.
Bei seinem Bruder David hört sich die Abkehr so an: "New Labour", sagt er, "ist ja längst nicht mehr neu." Das habe sich überlebt. Was das Land jetzt brauche, das sei Phase zwei: "Next Labour", Politik müsse "fairer" sein, reformfreudiger, mutiger, "mehr ausgerichtet auf Chancengleichheit". Fürs Erste schlägt er, ziemlich Old Labour, eine Sondersteuer auf Villen vor - und stellt eine 50-Prozent-Quote von Ministerinnen in Aussicht, wenn er irgendwann Premier sei.
Ist dies radikal genug für den Neubeginn? Muss Tory-Premier David Cameron, 43, einen Miliband fürchten? Ihren Vater würden die beiden Brüder gewiss nicht beeindrucken.
Ralph Miliband, in Belgien geboren als Sohn jüdischer Einwanderer aus Warschau, rettete sich 1940 vor den Nazis nach London. Kaum angekommen, noch keine 17 Jahre alt, stürmte er auf den Highgate-Friedhof zum Grab von Karl Marx. Dort habe er, so sagte er später, "mit geballter Faust den feierlichen Eid geleistet, dass ich die Sache der Arbeiterklasse niemals verraten werde".
Vater Miliband wurde in den sechziger und siebziger Jahren zur Ikone der "New Left". Er war Hochschullehrer und ein Weltstar in seinen Kreisen. Die Jungs wuchsen in einem Haushalt auf, in dem führende Intellektuelle und Revolutionäre aus der Dritten Welt ein und aus gingen.
Über Politik und den Kampf um Gerechtigkeit hörten sie die Eltern zum Frühstück, zum Mittagessen und zum Abendbrot reden, und Labour kam bei diesen Diskussionen schlecht weg. Für Ralph, den Marxisten, war die Partei opportunistisch und nie sozialistisch genug. Der Vater starb 1994 und wurde in Highgate beigesetzt wie Marx. Er musste nicht mitansehen, wie die Nichtsozialisten von New Labour aufstiegen und mit ihnen sein Nachwuchs. Drei Monate nach dem Begräbnis wurde David Planungschef von Tony Blair. Gleichzeitig heuerte Ed bei Brown an.
Dass jetzt aber gleich beide Söhne ohne Revolutionsplan als Labour-Chefs antreten wollen, das hätte Ralph Miliband wohl als Kränkung und bitteren Erziehungsfehler empfunden. "Ich glaube", scherzt Ed, "er würde uns als konservative Karrieristen beschimpfen."
Marion Kozak, die Mutter der beiden, schweigt. Auch sie wohnt in Primrose Hill, sie sieht ihre Söhne regelmäßig, aber sie hütet sich, auch nur anzudeuten, welchen der beiden sie für besser hält. Ed behauptet, sie werde ihre Stimme Diane Abbott geben, einer chancenlosen Parteilinken, die stets Blair bekämpfte und stets gegen den Irak-Krieg war.
Irak - das ist eine von Davids Schwachstellen. Als ehemals Blair-Getreuer hat er die Invasion unterstützt, Ed hingegen war zur fraglichen Zeit weit weg von der Partei als Gastdozent in Harvard. Was er damals dachte, ist nicht belegbar; heute aber behauptet er, stets gegen den Krieg gewesen zu sein.
In welche Richtung genau die Milibands ihre Partei lenken würden, ist trotz des dreimonatigen Wahlkampfs schwer auszumachen. David gilt vielen als der pragmatischere Kandidat. Ed dagegen hat seine Machtposition bei den großen Gewerkschaften gefunden. Beide sind beliebt bei den zuletzt arg verdrossenen Labour-Wählern. Besonders Ed hat die Gabe, offen, freundlich, fast niedlich zu wirken, ein Politiker zum Knuddeln, kein Wadenbeißer wie sein Förderer Brown. Er sei ein Mann von "emotionaler Intelligenz", lobte der "Evening Standard".
Manchmal kommt Ed allerdings etwas harmlos daher - anders als sein Bruder, der auf geschmeidige Weise bösartig sein kann und daher mehr Talent zum Oppositionsführer erkennen lässt.
Der eloquente David hat mehr Wahlkampfspenden eingesammelt als alle Konkurrenten zusammen. Außerdem sieht er staatsmännischer aus, wenn er vorfährt. Als Ex-Außenminister hat er noch Anspruch auf einen Jaguar mit Polizei-Eskorte. Londons Buchmacher tippen auch daher auf einen David-Sieg - doch seit Wochen verringert der kleine Bruder seinen Rückstand.
Im Zweifel kann David sich damit trösten, dass er in aller Welt Verehrer hat. Besonders angetan ist US-Außenministerin Hillary Clinton. In einem Interview pries sie ihn wie eine Verliebte. David Miliband sei "dynamisch, vital, attraktiv und gebildet", er sei "so jung" und "groß und schneidig", einfach "ein toller Kerl".
Von Marco Evers

DER SPIEGEL 33/2010
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