23.08.2010

AFFÄREN„Unappetitliche Details“

Jörg Kachelmann kämpft nicht nur um seinen Ruf und seine Freiheit: Hinter den Kulissen tobt eine bizarre Schlacht um die Macht in seiner Wetterfirma Meteomedia. Schon kurz nach seiner Inhaftierung versuchten seine Geschäftspartner, ihn aus dem Unternehmen zu drängen.
Die Zukunft von Jörg Kachelmann wurde den Mitarbeitern seiner Firma Meteomedia am Freitag vergangener Woche in malerischer Kulisse präsentiert: Das Zentralgebäude des Unternehmens liegt idyllisch am Rande der Appenzeller Alpen unweit von Säntis, Hoher Kasten und Ebenalp. Es gab Gummibärchen, Waffeln und jede Menge Selbstbeweihräucherung.
Dann folgte quasi die Gewitterwarnung: Kachelmann wird seine Position im Verwaltungsrat der Firma ruhen lassen, um sich auf seinen Strafprozess vorbereiten zu können. Das Unternehmen verliert ihn aber nicht nur als Kopf, sondern wohl auch als Gesicht: Kachelmanns Rückkehr auf den TV-Schirm werde gegebenenfalls von den Kunden bestimmt und habe keine Priorität.
Was zunächst aussieht wie ein Rückzug auf ganzer Linie, ist für den Meteorologen-Promi in Wahrheit ein Etappensieg im Kampf um sein Lebenswerk.
Seine Meteomedia-Anteile werden vorerst von einem Vertrauten geführt, obwohl seine Miteigentümer Kachelmann gern ganz aus seiner eigenen Firma schmeißen würden.
Der Mann kämpft schließlich um seinen Ruf, darunter leide auch die Firma, und Kunden könnten abspringen. Egal wie Kachelmanns Vergewaltigungsprozess ausgehen mag: Er wird der Verlierer sein.
Sollten die Richter ihn schuldig sprechen, dürfte er für Jahre hinter Gittern landen. Wird er freigesprochen, werden die Vorwürfe und weidlichen Schilderungen seines Sexuallebens doch weiter an ihm haften bleiben. Die Rückkehr als Gute-Laune-Wetterfrosch dürfte sich nicht nur im öffentlich-rechtlichen Fernsehen schwierig bis unmöglich gestalten.
So tobt seit seiner Verhaftung hinter den Meteomedia-Kulissen eine Schlacht um Kachelmanns Firmen-Konglomerat, die Jörg Kachelmann Produktions AG (JKP) mit Firmensitz im schweizerischen Appenzell.
Das Wind-und-Wetter-Imperium Meteomedia setzte zuletzt rund zwölf Millionen Euro um. Die Hälfte des Geschäfts machen Vorhersagen für Fernseh- und Hörfunksender (Das Erste, WDR) aus, die andere Hälfte besteht vor allem aus Wetterdienstleistungen für große Unternehmen wie Versicherungen oder Energiekonzerne.
Kachelmann saß erst sechs Tage im Gefängnis, da wurden in seiner Firma schon Strategien ausgeheckt, die offenbar nur ein Ziel hatten: ihn aus dem Eigentümerkreis (siehe Grafik) zu drängen.
Dem SPIEGEL liegen umfangreiche Dokumente vor, die zeigen, dass Kachelmann nicht nur seine Firmenanteile, sondern sogar Autos verlieren sollte.
Kristina Schleß, Geschäftsführerin der Bochumer Meteomedia-Außenstelle, schrieb am 26. März an die Gesellschafter und Verwaltungsräte eine unmissverständliche Mail: "… was wir umsetzen müssen: 1. Aufhebung des Dienstverhältnisses … Beendigung der Tätigkeit als Moderator und Meteorologe. 2. Abberufung von JK als Verwaltungsrat JKP und MMCH … 3. Abtretung der Anteile an der JKP (zu klären: an wen? Gegenleistung? Vorschlag Frank: er kauft und übernimmt dafür die RA-Kosten) …"
Mit Frank war Frank-Bernhard Werner gemeint, der Kachelmanns Anteile an der Firma kaufen und im Gegenzug die Rechtsanwaltskosten übernehmen sollte.
Werner hatte 1990 den Finanzen-Verlag ("Euro", "Euro am Sonntag") gegründet und später an die Axel Springer AG verkauft. Im Mai dieses Jahres kaufte Werner den Verlag zurück. Seitdem ist er Chefredakteur, Geschäftsführer und Eigentümer in Personalunion. Zudem gehören ihm Teile des Münchner Finanzbuch-Verlags.
Vor allem aber: Er verfügt bereits über 38 Prozent an Meteomedia.
Am selben Tag wie die Geschäftsführerin Schleß meldete sich auch Werner bei den "Lieben Kollegen". In seiner Mail heißt es unter anderem:
"Nicht unerwartet drehen die Medien das Thema Kachelmann mit vielen unappetitlichen Details weiter … Heute bleibt mir nur zu sagen, dass ich überzeugt davon bin, dass es uns allen mit gemeinschaftlicher Anstrengung gelingen wird, die Schäden dieses Spuks für unser Unternehmen überschaubar zu halten.
Kopf hoch und beste Grüße fbw."
Vier Tage später, am 30. März, nahm Werner die Sache höchstpersönlich in die Hand und reiste zu Kachelmann ins Gefängnis nach Mannheim. Im Gepäck hatte er einen Stapel rechtsverbindlicher Erklärungen, die der Inhaftierte unterschreiben sollte. Es ging um den Rücktritt von allen Ämtern und den Verkauf seiner Firmenanteile an eine Gesellschaft namens Rotbach Beteiligungs AG.
Die Firma gehört mehrheitlich Werner, seine Lebensgefährtin Katja Hösli firmiert als Mitglied der AG. Selbst die Löschung seines Namens aus dem Handelsregister sollte Kachelmann unterschreiben und obendrein ein Papier, dass Werner nach "Gutdünken" mit seinen Fahrzeugen "verfahren" könne. Vorsichtshalber ließ der schon mal einen Mitarbeiter nachforschen, wie viel Kachelmanns Volvo denn so bringen könnte.
Das Gespräch verlief ergebnislos, Kachelmann unterschrieb die Papiere nicht. Werner beklagte sich tags drauf in einem dreiseitigen Schreiben an den Uneinsichtigen.
Daraufhin sollte am 20. April eine Generalversammlung einberufen werden - Ziel: die Abwahl Kachelmanns aus dem Verwaltungsrat. Der sollte nicht einmal erfahren, dass sich die anderen Firmeneigner ohne ihn treffen wollten.
Man hatte die Einladung einfach an seine Wohnadresse geschickt, was allerdings von Meteomedia-Geschäftsführerin Schleß dann doch beanstandet wurde. In einem internen "Memo zur Akte Kachelmann" warnte sie vor der Trickserei: "Ich gebe nochmals zu bedenken, dass nach deutscher Rechtsprechung die Zustellung der Einladung an seine Wohnadresse in Kenntnis der Untersuchungshaft nicht ausreichend wäre."
Zwischenzeitlich bekam auch Kachelmanns Rechtsanwalt Reinhard Birkenstock Wind von dem Putschversuch und schaltete den Schweizer Juristen Martin Kurer ein. Der vertritt Kachelmann jetzt auch im neuen Verwaltungsrat der Meteomedia. Für ihn gehört der Putschist Werner zu den ausgewiesenen Kachelmann-Gegnern. In den Büchern der Meteomedia stieß Kurer auf viele Ungereimtheiten - und eine sehr persönliche Dreiecksgeschichte. Dabei geht es auch um die Firma Katja Hösli Media Design. Hösli, bis vor kurzem Inhaberin der Firma, war einst mit Kachelmann verheiratet und ist mittlerweile die Lebensgefährtin von Werner. Laut Bilanzen der Meteomedia Schweiz schuldet ihr die Katja Hösli Media Design rund eine halbe Million Schweizer Franken.
Hösli, eine international anerkannte Mediendesignerin, hatte mit ihrer Firma seit Mitte der neunziger Jahre Kachelmanns Wetterdaten für deutsche Kunden aufbereitet. Vor 15 Jahren wurden die beiden geschieden. Privat hätten sie schon lange kein Wort mehr miteinander gewechselt, so Hösli.
"Die Erlöse wurden zunächst mit der Meteomedia geteilt", stellte Kurer fest, "ab 2007 nicht mehr." Meteomedia habe regelmäßig die Forderungen geltend gemacht, berichtet Norbert Steffen, der früher neben Werner nur zuständig war für die Finanzen. Inzwischen ist er Kachelmanns Vizepräsident und Vertrauter.
Zum 30. Juni entwickelte Meteomedia ein eigenes System, um die rund 30 deutschen Zeitungskunden direkt mit den aufbereiteten Wetterdaten versorgen zu können. Höslis Firma wurde nicht mehr gebraucht. Einen Tag später erklärte Werner seinen Rücktritt von allen Ämtern.
Eine emotionale Kurzschlusshandlung? "Ich spiele keine Rolle", betont Hösli, weitere Auskünfte könne aber nur ihr Lebensgefährte geben. Werner sagt: "Ich wollte bis zum 30. Juni abwarten, ob Kachelmann das aus meiner Sicht einzig Richtige tut, also seine Ämter niederlegt. Das hat er nicht getan, also trat ich zurück." Und weiter: "Mir geht es nicht um Macht, mir geht es um Geld."
"Wenn er jetzt weiter schlecht über unsere Firma spricht, kann er bald mit seinen Aktien seine Toilette tapezieren", sagt Kachelmanns Anwalt Kurer und schmunzelt. Offenbar versucht Werner, sein Aktienpaket auf den Markt zu bringen. Doch wer gibt schon ein paar Millionen Schweizer Franken aus, wenn er hinterher nichts zu sagen hat? Die Mehrheit der Meteomedia-Stimmen liegt nach wie vor bei Kachelmann. Und der denkt gar nicht daran, seine Firmen aufzugeben.
In einer Mail an die Mitarbeiter schreibt Werner derweil, man müsse "eine neue Galionsfigur für die Firma finden". Kachelmann werde es "unabhängig vom Ausgang des Verfahrens nicht mehr sein können". In Frage komme vor allem Wetter-Moderator Sven Plöger. "Er ist profilierter Meteorologe und ein bekanntes Gesicht", findet Werner.
Auch die Richter der 5. Großen Strafkammer am Landgericht in Mannheim scheinen in Kauf zu nehmen, dass Kachelmanns Rückkehr vor die Wetterkarten der Republik unmöglich wird: Zum Beginn des Prozesses Anfang September sollen erst mal etliche Ex-Geliebte des Stars aussagen.
Von Martin U. Müller und Barbara Schmid

DER SPIEGEL 34/2010
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