23.08.2010

KARRIEREN„Seitenlang Petersilie“

Hans R. Beierlein, graue Eminenz des deutschen Musik- und Mediengeschäfts, über die Verlogenheit der von ihm miterfundenen Volksmusikbranche und die Freuden des Journalismus
Eine eierlikörgelbe Villa am Rande des Englischen Gartens in München: Kaum ein Dutzend Beschäftigte verwalten hier ein Millionenimperium, viele tausend Musikrechte, Werk und Wirken etlicher Schlagerstars von Udo Jürgens über Heino bis Hansi Hinterseer und die Anekdoten des Chefs: Hans R. Beierlein, 81, dessen Medienkarriere wohl bizarrer verlaufen ist als jede andere in Deutschland.
Den Zweiten Weltkrieg hat er als Hitlerjunge überlebt und gewann danach für die Produktion der Kino-Dokumentation "Wieder aufgerollt: Der Nürnberger Prozess" den Bundesfilmpreis. Er ist knochenkonservativ, hat aber jahrzehntelang an den Rechten der sozialistischen "Internationale" verdient, die er mal für wenige tausend Mark erwarb.
Beierlein hat die TV-Serie "Essen wie Gott in Deutschland" initiiert, lange bevor der Kochboom über die Republik hereinbrach; Schönheitskonkurrenzen organisiert, als Heidi Klum gerade erst geboren war, und dem Land eine ganz besondere Musikrichtung beschert.
SPIEGEL: In einer Ihrer vielen Karrieren haben Sie volkstümliche Musik und das TV-Geschäft drum herum erfunden - inklusive "Grand Prix der Volksmusik", der nun 25-Jahr-Jubiläum feiert und am Samstag zum Finale wieder Millionen Zuschauer ins ZDF lockt. Sind Sie mit 81 in einem Alter, diese Art der Ruhestörung selbst zu genießen?
Beierlein: Ach, wissen Sie, es gibt ebenso schlechte Opern wie gute Schlager - und umgekehrt. Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler, hat der frühere RTL-Chef Helmut Thoma in einem Anfall von Weisheit mal gesagt. Ich kann ihm nur uneingeschränkt recht geben.
SPIEGEL: Sie sind Zyniker.
Beierlein: Oh nein, da missverstehen Sie mich. Wenn sich ein Regenbogen in einer Pfütze spiegelt, dann ist für mich der Regenbogen das Thema, nicht die Pfütze.
SPIEGEL: Die Welt der von Ihnen mitprotegierten Stars wie Florian Silbereisen oder Stefan Mross ist das bizarre Paralleluniversum einer Heile-Welt-Lüge.
Beierlein: Ja, und? Sollen die über Taliban singen statt über Brückerl und Bacherl? Es gibt viele mediale Linienrichter, die das Genre niedermachen, dann aber die Ersten sind, die beim Oktoberfest auf der Bank stehen und "Ein Prosit der Gemütlichkeit!" anstimmen. Unterhaltung ist ein Menschenrecht.
SPIEGEL: Mit Ihnen als hochbezahltem Anwalt der Massen?
Beierlein: Nehmen Sie nur mal den Song "Patrona Bavariae" …
SPIEGEL: … der Ihnen auch gehört …
Beierlein: … und sich weltweit 17 Millionen Mal verkauft hat. Für irgendwas ist das ja ein Zeichen. Und was ist die erfolgreichste Zeitschriftenneugründung der vergangenen Jahre? Das Garten- und Gemüseblatt "Landlust" mit mittlerweile 700 000 verkauften Exemplaren, herausgegeben in Münster, auch nicht gerade die Lifestyle-Metropole. "Landlust" liefert keinen Sex, keine Affären, nur Idylle. Da geht es seitenlang um Petersilie. Auf die Idee wäre ich auch noch gern gekommen, dass man damit Geld verdienen kann.
SPIEGEL: Sie selbst haben mal gesagt, dass hinter den Sperrholzkulissen der Volksmusik die heile Welt schnell zu Ende sei.
Beierlein: Die Branche ist nicht verlogener als andere.
SPIEGEL: Muss man an die Idylle glauben, um sie vermitteln zu können?
Beierlein: Nicht unbedingt, aber man muss das Publikum ernst nehmen.
SPIEGEL: Wer verdient mehr Geld in der Volksmusik-Ehe Stefanie Hertel und Stefan Mross, die Sie beide managen?
Beierlein: Momentan er, einfach weil er mit der Show "Immer wieder sonntags" zurzeit ein eigenes TV-Format hat. Fernsehen bringt Geld. Für die gleichen Summen muss man bei Tourneen eine Menge Mehrzweckhallen beschallen.
SPIEGEL: Ist es wichtig, dass Sie auch das Privatleben Ihrer Künstler kennen?
Beierlein: Sehr wichtig.
SPIEGEL: Und wenn jemand schwul oder lesbisch ist?
Beierlein: In der Volksmusik gibt es sowohl Schwule als auch Lesben, wie überall. Keiner von denen wird das an die große Glocke hängen. Als Manager sollte ich davon schon wissen. Wenn derlei ungesteuert publik würde - das wäre in unserem Genre dann doch gefährlich.
SPIEGEL: Da Sie auch alle Chefredakteure der Regenbogenpresse kennen, würden Sie denen die Schlagzeilen sicher gleich selbst schreiben.
Beierlein: Ich bemühe mich, in meinem Sinne und zu deren Nutzen tätig zu werden. Die Addition der Yellow Press ist eine der größten Machtkonstellationen in diesem Land. Diese Blätter erreichen zusammen rund 30 Millionen Menschen jede Woche. Ein guter Journalist ist in diesem Krieg der Gefühle unbezahlbar.
SPIEGEL: Wie viele der Storys rund um Ihre Schützlinge sind wahr?
Beierlein: Was ist schon Wahrheit? Ich würde sagen: 75 Prozent. Ich gehöre aber auch nicht zu denen, die dann gleich Anwälte losschicken. Ich löse das anders. Pack schlägt sich, Pack verträgt sich.
SPIEGEL: Sie selbst fingen nach dem Zweiten Weltkrieg als Journalist an. Warum wollten Sie ausgerechnet in diesen Job?
Beierlein: Es gibt zwei ehrliche Gründe. Der seriöse ist: Journalismus war in Deutschland nach dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes die wichtigste Spielwiese der noch jungen Demokratie. Der private Grund war: Dieser Journalismus war für mich damals voller Abenteuer. Können Sie sich vorstellen, wie ich damals Korrespondent der gerade gegründeten Münchner "Abendzeitung" wurde?
SPIEGEL: Na?
Beierlein: In Fürth fand damals die wohl erste Miss-Wahl nach dem Krieg statt. Das wollte ich mir nicht entgehen lassen und rief dort an. Als die wissen wollten, wer ich sei, sagte ich: Chefredakteur einer demnächst zu gründenden großen Illustrierten. Schon saß ich in meinem einzigen Anzug in der Jury, trank den ersten Champagner meines Lebens und erlebte auf der Damentoilette den handgreiflichen Zickenkrieg der jungen Schönheiten. Von der Hauptpost rief ich dann bei der "Abendzeitung" an und fragte: Haben Sie schon die Berichte von der Schlägerei bei der Miss-Wahl gehört? So bekam ich meine erste Schlagzeile und mein erstes Honorar: fünf Mark.
SPIEGEL: Sie wurden dann sogar Bayreuth-Kritiker, obwohl Sie angeblich C-Dur von d-Moll nicht unterscheiden können.
Beierlein: Stimmt beides und zeigt doch, wie herrlich offen der Journalismus und diese Gesellschaft damals waren. Ich hatte gar keine Lust, mir das alles anzuhören, und vergnügte mich lieber mit einer Bayreutherin, als das Publikum schon wieder den Hügel runterkam. Zufällig sah ich den Chefkritiker der "Nürnberger Zeitung". Ich ging hin, lobte die Inszenierung und musste mir anhören, dass der Dirigent die Tempi verschleppt hat. Es klang unglaublich sachkundig. Das hab ich dann durchtelefoniert: Tempi verschleppt. Später gab es mal ein Buch mit den 100 besten Kritiken zu Bayreuth, in dem ich mit mehreren vertreten war. Es war eine lustige Zeit.
SPIEGEL: Nebenher gründeten Sie das noch immer erscheinende Fachorgan "Musikmarkt" und schrieben fürs "Filmecho". So konnten Sie mit jungen Sängerinnen anbandeln, sie an Filmproduzenten weiterreichen, am Kinogeschäft mitverdienen, das wiederum den Plattenverkauf ankurbelte, und die eigenen Stars zugleich als Journalist loben, Musikrechte verwalten …
Beierlein: So in etwa sah mein Geschäftsmodell aus, ja. Eins passte zum anderen, nichts davon war ja kriminell. Copyrights sind eben ein wahnsinnig lukratives Geschäft, Frauen ein wahnsinnig schönes.
SPIEGEL: Angeblich haben Sie in Restaurants früher Kellner gebeten, Damen, die Ihnen gefielen, eine Visitenkarte zu bringen, auf der stand: "Ich will mit Ihnen schlafen. Wenn Sie das auch wollen, bitte lächeln Sie." Korrekt so weit?
Beierlein: Korrekt, ja.
SPIEGEL: Wie oft führte das zum Ziel?
Beierlein: Jedenfalls öfter, als dass ich mir einen Korb geholt habe. Ganz offensichtlich war diese Form der Kontaktaufnahme den Damen so unangenehm nicht. Auch die, die nicht lächelten, haben jedenfalls nie die Polizei gerufen.
SPIEGEL: Sie hatten auch Affären mit vielen Ihrer Klientinnen von der Schlagersängerin Alexandra bis zur Schauspielerin Vera Tschechowa. Gibt es noch Frauen, bei denen Sie sich entschuldigen müssten?
Beierlein: Meinen Beziehungen lag ja allesamt ein großes gegenseitiges Einverständnis zugrunde. Und ich habe nie irgendwelche Versprechungen gemacht, die ich nicht hätte halten können. Insofern gibt es auch nichts zu entschuldigen.
SPIEGEL: Ausgerechnet ein Konservativer wie Sie hat dann auch noch mit der sozialistischen "Internationale" ein kleines Vermögen verdient.
Beierlein: Das brachte weniger Geld als Aufsehen. Niemand hielt es für möglich, dass ein als Kapitalist eingestufter Deutscher sich die Rechte der Hymne der Arbeiterklasse aneignen könnte. Die "Internationale" stammte von einem belgischen Komponisten und einem französischen Texter. Für Deutschland wiederum gab es einen deutschen Dichter. Der starb und hinterließ einen Sohn, der lange gar nicht wusste, welchen Anspruch er da geltend machen konnte. Vor einigen Jahren liefen die Rechte allerdings aus.
SPIEGEL: Wer zahlte am pünktlichsten?
Beierlein: Ost-Berlin. Damals war der Vater von Gregor Gysi Kulturminister der DDR. Als ich bei dem die Gebühren anmahnte, fielen die erst aus allen Wolken. Aber dann zahlten sie immer pünktlich. Nur aus Nordkorea, China und Kuba bekam ich nie einen Cent. Aber was hätte ich tun sollen? Prozesse führen? Da säße ich heute noch vor Gericht.
SPIEGEL: Sie sind jetzt seit 60 Jahren im Mediengeschäft. Was vor allem hat sich verändert?
Beierlein: Das Showgeschäft hat fast alle Bereiche unseres Lebens erfasst. Politik, Wirtschaft, Banken, Sport, selbst die Kirchen haben die Spielregeln übernommen. Nur die Musik ist als Sparte weitgehend stabil geblieben. Meine Geschäftsführerin Bizzi Nießlein, die meine Firma in meinem Sinne mal weiterführen soll, wird es nicht leicht haben: Die Profis sterben aus, und die Arschlöcher vermehren sich wie die Kaninchen.
Von Thomas Tuma

DER SPIEGEL 34/2010
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