30.08.2010

AFFÄRENMoralischer Bankrott

Die HSH Nordbank und ihr Chef Dirk Jens Nonnenmacher stehen unter einem ungeheuerlichen Verdacht: Hat ein HSH-Team eine Kinderporno-Spur gelegt, damit die Bank den Leiter der New Yorker Filiale billig loswerden konnte? US-Fahnder und deutsche Bankenaufsicht ermitteln.
Die Mitteilung kam vom Vorstand, Freitag, 20. August, 16.18 Uhr, sie lief durchs ganze Haus, sie ging an die "Lieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter", und wer sie heute noch mal liest, muss sich fragen, was eigentlich schockierender an diesen 22 Zeilen ist. Die Chuzpe, mit der die HSH Nordbank ihre Mitarbeiter für dumm verkaufte. Oder der Zynismus zu behaupten, dass diese Bank ihre Mitarbeiter liebt.
Ausgerechnet eine Bank, die, wie es aussieht, keine Skrupel kannte, Mitarbeiter fertigzumachen. Beruflich. Und auch sonst.
Mit der Haus-Info bereitete die HSH-Spitze ihre Belegschaft darauf vor, dass der SPIEGEL am folgenden Montag eine Geschichte bringen würde: Bevor die Bank im April 2009 ihren Vorstand Frank Roth feuerte, fristlos, ohne Abfindung, jenen Frank Roth also, den Vorstandschef Dirk Jens Nonnenmacher schon lange hatte loswerden wollen, soll ein Abhörspezialist Roths Büro verwanzt haben, sogar in dessen Privatwohnung eingebrochen sein. Und: Die Beweise, die zum Sofortrauswurf führten, nämlich dass Roth Bankgeheimnisse an die Presse verraten habe, waren vermutlich falsch, gefälscht, waren ihm angehängt worden.
Von solchen Vorwürfen, so das Rundschreiben, habe auch die Hausspitze erst vor 14 Tagen erfahren, aber jetzt werde geprüft.
Doch der HSH-Sumpf scheint noch viel schlimmer: Es gibt noch einen Fall, in dem der Verdacht besteht, dass die Bank einen weiteren Top-Mann rauswerfen wollte. Diesmal mit der schmutzigsten aller Methoden.
Das geht aus einem Bericht der Anwaltskanzlei WilmerHale hervor, den die Bank selbst in Auftrag gegeben hat. Demnach läuft bei der New Yorker Staatsanwaltschaft dazu ein Strafermittlungsverfahren gegen Mitglieder eines HSH-Teams, darunter dem Justitiar der Bank. Sie waren an einer Razzia in der Filiale in Manhattan beteiligt. Zielperson: der Leiter der HSH New York, Roland K., von dem sich die Bank trennen wollte.
Bei der Durchsuchung am 17. September 2009 wurde der HSH-Trupp prompt fündig: Er entdeckte Kinderporno-Bilder, die er bei der New Yorker Polizei ablieferte. Das hätte Roland K. nicht nur um eine Millionenabfindung gebracht, sondern ihn in jeder Beziehung ruinieren können. Doch die Ermittlungen kippten überraschend in die andere Richtung. Aus Sicht der US-Fahnder, so WilmerHale, ist Roland K. vermutlich das Opfer einer Verschwörung. Und hinter allem soll sein Arbeitgeber stehen. Auch für die WilmerHale-Anwälte spricht vieles dafür, dass die Kinderporno-Spur vor der Razzia gezielt gelegt wurde.
Ein Desaster für die Bank: Die Staatsanwaltschaft New York führt nicht nur Justitiar Gößmann als Verdächtigen, sondern auch Bankchef Nonnenmacher. Die Bankenaufsicht BaFin hat in dieser Sache am Montag vergangener Woche eine Sonderprüfung eingeleitet. Auch der Staatsanwaltschaft Hamburg liegt der rund hundertseitige "Vorläufige Untersuchungsbericht" der US-Kanzlei vor; die Strafverfolger in Kiel interessieren sich ebenso dafür.
Es sollen daher auch erste Vorabergebnisse aus diesem Report gewesen sein, die zur Entscheidung führten, Justitiar Gößmann freizustellen - ein Zusammenhang, den Gößmann bestreitet. Jedenfalls sollte die Öffentlichkeit vom New-York-Verfahren aber nichts erfahren. Kein Wort dazu im Schreiben an die lieben Mitarbeiter, einzig zur Roth-Sache. Die war ohnehin nicht mehr geheim zu halten.
Natürlich rückt nun die amerikanische Affäre auch den Roth-Rauswurf in ein neues Licht - und in das Visier der Ermittler. Roland K., Frank Roth. Ist es dasselbe Muster, dieselbe Methode? Eine schmutzige Intrige, die möglicherweise hoch bis zu Nonnenmacher reicht, um einen Mitarbeiter auf so billige wie bösartige Weise zu schassen?
Die Kieler Staatsanwaltschaft hatte das Verfahren gegen Roth eingestellt - sie sah keine hinreichenden Verdachtsmomente, dass Roth der Presse tatsächlich geheime Bankinformationen zugespielt hatte. Nun steigen die Fahnder wieder ein, nur diesmal mit einem anderen Blick: Hat die HSH die Beweise gegen Roth fingiert?
Was dafür sprechen könnte: dieselben Namen in beiden Verfahren. Bei der Razzia in New York half eine Juristin aus der Kanzlei des Potsdamer Anwalts Joachim Erbe mit. Den aber hatte auch Frank Roth schon kennengelernt: Anwalt Erbe führte Protokoll, als die Bank ihm mitteilte, er sei gefeuert. Erbe arbeitet zudem eng mit der Münchner Sicherheitsfirma Prevent zusammen, die mit ehemaligen Polizeiführungskräften gespickt ist und von der HSH millionenschwere Aufträge bekommt.
Und auch diese Prevent spielt in beiden Fällen eine Rolle - in den USA, bei der Razzia, aber genauso bei Roth: Ein Sub-unternehmer der Prevent, Arndt Umbach, hatte sich, so mehrere Zeugen, selbst bezichtigt, Roths Büro verwanzt zu haben und in dessen Privatwohnung eingebrochen zu sein. Als Umbach am Sonntag vor zwei Wochen plötzlich bestritt, je so etwas gesagt oder gar getan zu haben, war es die Prevent, die seine Erklärung kurz danach verbreitete.
Man muss schon einen Moment innehalten: Ist das wirklich alles vorstellbar? Bei einer deutschen Bank, hervorgegangen aus zwei Landesbanken, immer noch zu 85,5 Prozent im Besitz der Länder Hamburg und Schleswig-Holstein?
Sicher, dass die HSH Nordbank eine HSH Notbank geworden ist, dass sie am Abgrund stand, das wusste jeder. Drei Milliarden Euro mussten die beiden Länder für das Überleben der Bank zahlen, weil sich deren Manager verspekuliert hatten, 40 Milliarden Euro Bürgschaften kamen noch dazu. Aber während die staatlichen Anteilseigner voller Panik in den Abgrund starrten und gerade noch verhinderten, dass ihre Bank hineinstürzte, hat keiner von ihnen gemerkt, dass die HSH noch ganz anders pleitezugehen drohte. Moralisch. Und vielleicht wollte das auch keiner merken.
So groß war nämlich die Not, dass sich die Kontrolleure der Bank bedingungslos dem Vorstandschef Nonnenmacher ausgeliefert hatten - um seiner Fachkompetenz willen, seiner angeblichen Fähigkeit, die Bank zu retten. Vor allem einer, der Aufsichtsratschef Hilmar Kopper, verschweißte sein Schicksal mit dem von Nonnenmacher: Wenn Nonnenmacher gehe, dann er mit, sagte Kopper, der damit vom Aufpasser zum Mitmacher wurde. Dass Nonnenmacher, der Mathematikprofessor, Analytiker, Zahlenmann, einen besorgniserregenden blinden Fleck hatten in der Frage, was sich gehört und was nicht, nahmen die Aufseher in Kauf. Er beharrte auf seiner Sonderzahlung von 2,9 Millionen Euro, ohne Rücksicht darauf, dass er damit Regierungskrisen in Hamburg und Schleswig-Holstein auslöste und tiefen Frust unter allen in der Bank, denen er selbst den Bonus in der Krise zusammenstreichen ließ.
Nonnenmacher geht so etwas vermutlich nicht sonderlich nahe, weil er kaum einen nahe an sich herankommen lässt. Er fremdelt mit Menschen, mag sich nicht öffnen, er muss sich zu Fototerminen quälen und sieht deshalb auf Fotos auch genauso aus. Nicht mal engen Mitarbeitern erzählte er, dass er zwischenzeitlich Vater geworden war; er hält Distanz, und vor allem: Er misstraut. "Geradezu pathologisch", sagt ein Bankmanager.
Schon im vergangenen Frühjahr hieß es im "Manager Magazin", er wolle alle anderen Vorstände austauschen; einer, der ihn erlebt hat, sagt auch: Er hat dann keine Hand für das, was Banker ein Settlement nennen, eine Einigung im Guten, im Frieden, mit Handschlag.
War der Bank in solchen Fällen tatsächlich alles recht, jedes Unrecht, hat sie dann wirklich ihren Machtapparat, insbesondere die Münchner Sicherheitsfirma Prevent und deren Zuarbeiter, hemmungslos auf Nonnenmachers Rausschmisskandidaten angesetzt? Die HSH Nordbank und Rechtsanwalt Erbe mochten sich dazu vergangenen Freitag auf Anfrage nicht äußern, Prevent nur insoweit, dass die Fragen in mehreren Punkten von "unrichtigen Voraussetzungen" ausgingen und sie aufgrund der Komplexität des Themas mehr Zeit benötige. Der von seiner Arbeit befreite Gößmann ließ schließlich ausrichten, er sei an keiner Aktion beteiligt gewesen, bei der es darum gegangen sein sollte, dem New Yorker Filialleiter Kinderporno-Material unterzuschieben. Das sei "abwegig und unzutreffend".
Klar ist: Bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung gilt immer die Unschuldsvermutung. Aber sollte es gleichwohl zu der Operation gekommen sein, dann würde das bei der HSH Nordbank, mit Nonnenmacher an der Spitze, zumindest weniger verwundern als anderswo.
Roland K., US-Amerikaner, war seit 2002 der Leiter der New Yorker Filiale. Als er dort 2007 Stellen abbauen sollte, mussten zwei Mitarbeiter gehen. Doch die wehrten sich mit Sex-Vorwürfen gegen K. Er habe sich nur gegen sie und für eine Kollegin entschieden, weil er mit ihr eine Affäre gehabt habe.
Die Bank ließ den Fall zweimal von Anwaltskanzleien untersuchen, beide Male mit dem Ergebnis, dass K. die geschassten Kollegen nicht diskriminiert habe. Mancher hielt die Gutachten damals für Reinwaschaktionen, andererseits: Eines der beiden Verfahren ist mittlerweile in den USA mit demselben Ergebnis zu Ende gegangen.
Die Lage für K. änderte sich, als im Mai 2009 deutsche Medien über die laufenden Gerichtsverfahren der beiden Ex-Mitarbeiter in den USA berichteten - und über Sex-Eskapaden in der Bank. Roland K. wurde zur Belastung. Eine neue Untersuchung, von der Prüfungsgesellschaft PriceWaterhouseCoopers (PWC), zielte vor allem auf Spesenrechnungen. Eine Reise mit Kunden zum Skifahren nach Wyoming sei auffällig teuer gewesen, so der Verdacht, aber wieder sah es am Ende so aus, als würde nichts dabei herauskommen. Das wäre nun eine schmerzhafte Niederlage für Nonnenmacher gewesen.
Folgt man dem streng geheimen WilmerHale-Bericht, wurde es jetzt grob: Schon im Mai 2009, als sich abzeichnete, dass PWC und eine weitere Kanzlei nicht genug Munition besorgen könnten, traf sich demnach HSH-Justitiar Gößmann mit Mitarbeitern der Sicherheitsfirma Prevent. Es war der Beginn des "Projekts Liberty", das sich die Bank gut 900 000 Euro kosten lassen sollte. Das Ziel von "Liberty", so soll Gößmann später reichlich unverblümt zu WilmerHale gesagt haben: Prevent sollte mehr Tempo machen, schneller ein Ergebnis liefern als PWC. Dazu stünden Prevent doch auch ganz andere Möglichkeiten zur Verfügung. Möglichkeiten, von denen er besser nichts wissen wolle, um seinen guten Glauben nicht zu verlieren.
Gegenüber dem SPIEGEL bestreitet Gößmann so eine Aussage. Außerdem habe sich die Ermittlung nicht gegen Roland K. gerichtet. Vielmehr sei es eine "neutrale und ergebnisoffene Untersuchung der Spesenpraxis der New Yorker Niederlassung" gewesen.
Auch Nonnenmacher traf sich, WilmerHale zufolge, früh mit dem damaligen Prevent-Vorstand Thorsten Mehles, um zu erfahren, wie es bei "Liberty" stand; später drängte er auf Resultate, unzufrieden darüber, dass auch Prevent nichts Handfestes gegen Roland K. zu finden schien. "Liberty" sollte die Bank von K. befreien; es war Nonnenmachers Projekt, ein Geheimprojekt, von dem Vorstandskollegen wie Peter Rieck nichts erfahren sollten.
Am 17. September 2009 war es so weit. Wie es bei WilmerHale hieß, hatte Nonnenmacher für zehn Uhr eine Videokonferenz mit K. angesetzt, um sicherzugehen, dass der im Büro sein würde. Gleichzeitig rückte ein 13-köpfiges HSH-Rollkommando in die New Yorker Filiale ein. An der Spitze Gößmann und der Personalchef Stefan B., dazu eine Partnerin aus der Rechtsanwaltskanzlei Erbe, der Prevent-Mann Mehles mit vier Mitarbeitern, außerdem Computerspezialisten einer IT-Firma, Sicherheitsleute.
WilmerHale schildert nun folgenden Ablauf: Roland K. war zwar doch nicht im Büro, aber das Team begann damit, das Chefzimmer zu durchsuchen, alles wie geplant. Gleich zu Beginn schlug ein Prevent-Mann vor, sich doch mal die Bilderrahmen im Zimmer genauer anzuschauen. So ein Rahmen sei ja ein beliebtes Versteck. Und tatsächlich: Als die Erbe-Anwältin den Rahmen mit dem Bild von K.s Tochter aufdrückte, fand sie einen Aufkleber mit einer E-Mail-Adresse, in der das Wort "kid", Kind, vorkam. Daneben stand ein Begriff, der ein Passwort sein könnte, "000ROBI".
Eine Information, mit der die IT-Spezialisten, die sich gerade am Arbeitsrechner von K. zu schaffen machten, schnell etwas anfangen konnten. Sie hatten zwei dubiose Mails eines "Jan Nowak" gefunden, in einer tauchte auch die E-Mail-Adresse von der Rückseite des Kinderfotos auf. Mit dem Passwort vom Aufkleber meldeten sie sich dort an und stießen gleich auf eine Mail mit Kinderporno-Bildern, Absender jener "Jan Nowak".
Umgehend, so WilmerHale, reichte das Team alles an die New Yorker Polizei weiter, die ein Ermittlungsverfahren einleitete, wegen der Kinderporno-Fotos. Doch am 22. April meldeten sich die Ermittler bei Anwälten der Bank mit dem Ergebnis zurück: Aus ihrer Sicht sei Roland K. das Opfer einer Intrige geworden.
Noch ist nicht klar, was die New Yorker Polizei so deutlich zu dieser Einschätzung hat kommen lassen. Gerüchten zufolge könnte sich ein Mitglied des Teams US-Fahndern anvertraut haben; bei WilmerHale findet sich darauf allerdings kein Hinweis. Doch was die grundsätzliche Bewertung angeht, folgt auch der Report den New Yorker Staatsanwälten: "Es gibt keinen belastbaren Beweis dafür, dass Herr K. die kinderpornografischen Bilder aus dem E-Mail-Account auf seinem Bürorechner angeschaut hat. Dagegen gibt es aber belastbare Indizien, dass Herrn K. eine Falle gestellt wurde. Dass der E-Mail-Account von jemand anderem erzeugt wurde. Dass der Aufkleber auf der Rückseite des Fotos von Herrn K.s Tochter ebenso wie die E-Mails des Jan Nowak platziert wurden."
Das Ziel laut WilmerHale: den "falschen Eindruck zu erzeugen", K. sei der Eigentümer des E-Mail-Postfachs mit den Kinderporno-Bildern. Doch wenn es eine Falle war, dann schnappte sie nicht zu. Unter anderem weil ein Unbekannter aus einem Internetcafé eine Mail von dieser E-Mail-Adresse abgesetzt hatte, als K. nachweisbar ganz woanders war. So schnappt die Falle jetzt nach denen, die sie vermutlich aufgestellt hatten.
Kaum hatte die Bank erfahren, dass die New Yorker Staatsanwälte Roland K. für das Opfer, nicht den Täter hielten, erklärten die Teammitglieder ihre Unschuld: Nein, sie wüssten nichts von einer solchen Verleumdungskampagne, schon gar nicht seien sie daran beteiligt gewesen. Anwalt Erbe hatte das Massendementi organisiert; nur einer aus dem Team schwieg lieber.
So mussten sich die internen Ermittler am Ende zwar damit zufriedengeben, niemanden eindeutig überführen zu können. Dennoch notierten sie Bemerkenswertes: Laut WilmerHale hat Gößmann schon am 22. April erfahren, dass die New Yorker Staatsanwaltschaft gegen ihn ermittelt, aber erst am 28. April Martin van Gemmeren darüber informiert, den für den Fall zuständigen Vorstand. In der Zwischenzeit, vermutlich am 23. April, habe Gößmann seinen Laptop reparieren lassen - danach seien alle Daten gelöscht gewesen.
Gößmann dementiert diesen Vorgang komplett. Erst durch van Gemmeren habe er von den Ermittlungen in New York erfahren. "Die Unterstellung", er habe "bewusst Daten gelöscht beziehungsweise löschen lassen", sei abenteuerlich.
Vor allem aber Prevent-Ermittler Mehles, früher mal Abteilungsleiter im Hamburger Landeskriminalamt, bekommt mit dem WilmerHale-Bericht ein Glaubwürdigkeitsproblem. Während Mehles behauptet, es sei nicht seine Entscheidung gewesen, mit den Porno-Fotos zur New Yorker Polizei zu gehen, steht in der E-Mail eines Mitarbeiters das glatte Gegenteil. Und während Mehles angab, erst im August von Kinderporno-Gerüchten um Roland K. gehört zu haben, sagten Nonnenmacher und Gößmann, das habe ihnen der Security-Mann doch schon im Juni oder Juli erzählt.
Das würde dann auch für die Vermutung im Zwischenbericht sprechen, dass es bereits lange vor der Razzia im Team eine geheime Absprache darüber gegeben habe, wonach sie tatsächlich suchen wollten: nicht nach Spesenbelegen, sondern nach Kinderporno-Spuren. Nur dann nämlich, so WilmerHale, ergebe das Zerlegen von Bilderrahmen einen Sinn.
Doch woher wollte Mehles eigentlich von Kinderporno-Gerüchten um K. im fernen New York gehört haben? Vom FBI, sagte Nonnenmacher; das habe ihm Mehles jedenfalls gesagt. Falsch, aus der deutschen Presseszene, so Mehles zu WilmerHale. Ständig neue Widersprüche.
Fest steht: Aus dem mutmaßlichen Versuch, Roland K. billig loszuwerden, wurde nun die wohl kostspieligste Trennung der Firmengeschichte. Auf 2,49 Millionen Dollar Abfindung klagte K., und noch mal auf 10 Millionen Schadensersatz. Kürzlich einigte sich die Bank mit ihm angeblich auf 7,5 Millionen Dollar, eine Summe irgendwo zwischen Schuldeingeständnis und Schweigegeld. Zusätzlich soll die Bank eine Million für seinen Anwalt gezahlt haben; zusammen mit dem, was all die eigenen Prüfer und Anwälte noch so gekostet haben, schätzt ein Insider das Paket auf 18,5 Millionen Dollar. "Und das nur, weil Nonnenmacher sich nicht vernünftig mit Leuten einigen kann", heißt es aus der Bank.
Selbst wenn unklar bleibt, welche Rolle Nonnenmacher in der von WilmerHale skizzierten Intrige spielte: Seit die Anwälte ihren Report präsentiert haben, ist er als Chef einer Krisenbank, die auf das Vertrauen ihrer Kunden und noch mehr auf das der öffentlichen Hand angewiesen ist, eigentlich nicht mehr zu halten. Aber die HSH wäre nicht die HSH, wenn sie es nicht doch versuchen würde. Schon vergangene Woche ließ der Aufsichtsrat wissen, er halte Nonnenmacher für entlastet; der Report bescheinige ihm, "jederzeit pflichtgemäß gehandelt zu haben". Wer bei WilmerHale nach so einer Aussage sucht, scheitert jedoch.
Auch Gößmann genoss Schonung. Obwohl freigestellt, behielt er nach eigener Auskunft Zugangskarte und Diensthandy. So blieb er zumindest für Nonnenmacher noch erreichbar, nachdem er sich in eine Klinik abgemeldet hatte.
Erst als die Bank meinte, auf öffentlichen Druck reagieren zu müssen, machte der Vorstand im Haus bekannt, dass Gößmann vorerst kaltgestellt war. Die Rettungsstrategie lautete nun offenbar: New York geheim halten, gleichzeitig im Fall Roth die Vorwürfe mit aller Macht zerstreuen. Also vor allem den Vorwurf, der Abhörspezialist Arndt Umbach habe Roth für die Bank bespitzelt, sei in dessen Wohnung eingebrochen, habe Beweise gegen ihn gefälscht.
Die Bank bestreitet, Druck auf Umbach gemacht zu haben. Doch Zufall oder nicht: Noch bevor der SPIEGEL vor einer Woche herauskam, fand Umbach an einem Sonntag einen Notar, um dort schriftlich zu erklären, er habe nie etwas Illegales getan und so etwas auch nie behauptet. Eine Kehrtwende, die der Bank gelegen kam.
Tatsächlich sind die Umstände im Fall Umbach aber nicht so, dass der Schwenk entlastend wirkt. Zu viel spricht dagegen, dass er jetzt die Wahrheit sagt. Und zu viel dafür, dass Roth übel mitgespielt wurde, dass auch er, wie K., offenbar das Opfer einer Bank außer Kontrolle ist.
So wie Konzernjustitiar Gößmann diesen Fall im Ermittlungsverfahren gegen Roth 2009 darstellte, hatte Nonnenmacher Ende 2008 darüber geklagt, dass geheime Informationen aus der Bank nach draußen sickerten. In Vieraugengesprächen hätten sie entschieden, dem Maulwurf eine Falle zu stellen, mit einer Vorstandsunterlage. Jeder Empfänger würde eine etwas anders markierte Kopie erhalten. Sollte das Papier an die Presse gehen und dann zurück an die Bank, wäre klar, wer Geheimnisse durchgesteckt hatte.
Wem aber sollte man die Falle stellen? Glaubt man Gößmann, und das ist bei Nonnenmachers Charakter durchaus plausibel, vermutete der Vorstandschef, dass der Maulwurf nicht der Bank schaden wollte, sondern nur ihm. Das traute er am ehesten seinen Vorstandskollegen zu. Auf Platz eins der Verdächtigenliste: Roth, weil "Herr Roth weiß, dass ich ihn loswerden will", zitierte Gößmann in der Vernehmung Nonnenmacher.
Das Präparieren der Papiere übernahm Wim de Jong-Niehoff, ein Spezialist für die Untersuchung von Handschriften. An einem Abend im Februar, gegen 21 Uhr, tütete Gößmann mit Nonnenmacher vier minimal veränderte Exemplare für die anderen Vorstandsmitglieder ein. Er selbst habe die Kopien angereicht, Nonnenmacher sie in weiße Umschläge gesteckt und die Kuverts danach beschriftet.
Gut drei Wochen später, offenbar war das Papier nicht bei der Presse gelandet, will Gößmann dann einen zweiten Versuch gestartet haben, diesmal mit einer Vorstandsunterlage, die per E-Mail verschickt wurde.
Und tatsächlich: Jetzt habe es das gewünschte Echo gegeben, einen anonymen Brief aus England an Nonnenmacher, darin: die erste Seite der Vorstandsunterlage aus dem Februar und das jüngst per E-Mail nachgeschobene Papier. In einem Begleitschreiben behauptete der Unbekannte, offenbar Journalist, er habe die Blätter bekommen, um sie zu veröffentlichen. Aber da die Papiere Geschäftsgeheimnisse der HSH enthielten, schicke er sie doch lieber an den Vorstandschef.
Die Markierungen, so Gößmann, hätten klar ergeben, dass es sich um die Unterlagen für Frank Roth gehandelt habe. Ein Arndt Umbach aber taucht in Gößmanns Version nicht auf.
Was so eindeutig wirkt, ist in Wahrheit so absurd, dass auch die Kieler Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen Roth wegen Geheimnisverrat längst eingestellt hat. Zu der Jagd nach einem unbekannten Maulwurf passt das ganze Vorgehen nämlich nicht, wohl aber dazu, etwas gegen genau eine Person in die Hand zu bekommen: Roth. Gut möglich, so die Staatsanwälte, dass Roth also Opfer einer gezielt gelegten Spur geworden sei. Allein schon, wie der Verdächtigenkreis begrenzt wurde: Die Aufsichtsräte, die Manager der zweiten Ebene - alle hätten auch das Leck sein können, doch sie erhielten keine markierten Dokumente. Nur die Vorstände.
Schon das passt alles nicht zusammen, aber am wenigsten das, was Justitiar Gößmann über den zweiten Köder aussagte, die Vorstandsvorlage, die per E-Mail auf den Weg ging. Auch sie, so Gößmann, habe Wim de Jong-Niehoff präpariert. Dagegen de Jong-Niehoff in seiner Aussage bei der Kripo Kiel: "Ich kann ausschließen, dass der Vorfall von uns bearbeitet wurde."
Wer war es dann?
Die markierte Mail erhielten die Vorstände von der damaligen Kommunikationschefin Michaela Fischer-Zernin Anfang März. Gößmann hatte sie zuvor eingeweiht, dass man versuchen wolle, eine undichte Stelle zu finden; auch Nonnenmacher hatte mit ihr gesprochen. Die Vorlage bekam sie dafür zugemailt. Ein Unbekannter präparierte sie dann in nicht mal einer Stunde. Wer konnte das, wenn es de Jong-Niehoff nicht gewesen ist?
Knapp fünf Monate später, am 29. Juli, traf sich Arndt Umbach in einer Hamburger Kanzlei mit den HSH-Aufsichtsräten Olaf Behm und Rieka Meetz-Schawaller sowie dem früheren Leiter der HSH-Konzernsicherheit. Glaubt man dem Protokoll, gab Umbach zu, er habe im Auftrag der Bank auch diese Mail präpariert und verschickt.
Dazu stand Umbach noch am Freitag vorletzter Woche. Aber er sprach da auch schon von Geld, das er brauche, um unterzutauchen. Zwei Tage später, am Sonntag, änderte er seine Darstellung, seitdem ist er unauffindbar.
Seine neue Version hat ein gravierendes Glaubwürdigkeitsproblem: Schließlich sind die Teilnehmer des Treffens nicht die einzigen Zeugen. Direkt danach fuhr Umbach nach Kiel zur Staatsanwaltschaft, zusammen mit dem früheren HSH-Sicherheitsexperten.
Eine Stunde lang saßen drei Staatsanwälte Umbach und seinem Anwalt gegenüber, es ging immer wieder um die Frage, ob Umbach bei einem Geständnis straffrei davonkomme. Zu einer Vernehmung kam es nicht, auch weil Kiel die Sache an die Hamburger Staatsanwaltschaft abgab. Aber warum sollte jemand über Straffreiheit verhandeln, wenn er gar nichts Strafbares getan hat? "Umbachs Rückzieher hat für uns kein Gewicht", heißt es deshalb bei Hamburger Ermittlern, und die Kollegen in Kiel prüfen jetzt sogar, ob sie ein Verfahren einleiten gegen Verantwortliche der Bank, wegen falscher Verdächtigung von Roth.
Diesem Vorwurf müsste auch noch ein anderer dringend nachgehen: Hilmar Kopper, der Aufsichtsratsvorsitzende. Doch Kopper steht, in Treue erstarrt, wo er immer schon stand: hinter Nonnenmacher. "Der Aufsichtsrat hat uneingeschränktes Vertrauen in die Entschlossenheit des Vorstandsvorsitzenden, derartigen rechtswidrigen Machenschaften Einhalt zu gebieten", ließ der Aufsichtsrat am Donnerstag nach einer Sitzung des Präsidialausschusses mitteilen. Er gehe davon aus, dass auch Gößmann nach allen Überprüfungen "vollständig rehabilitiert" sein werde.
Wieder muss man einen Moment innehalten: Haben Kopper und die anderen den WilmerHale-Bericht nicht gelesen? Oder hoffen sie nur, sie seien die Einzigen, die ihn jemals zu lesen bekommen? Und: Wäre das Vernichten von Existenzen durch getürkte Kinderporno-Vorwürfe in ihren Augen nur so ein Kollateralschaden des Krisenbankings?
Er habe auch nach wie vor keinen Anlass, daran zu zweifeln, dass Roth Bankinterna an die Presse weitergegeben habe, hatte Kopper schon einige Tage zuvor bockig behauptet. Dass Nonnenmacher in Amerika als Verdächtiger geführt wird und WilmerHale das Vorgehen gegen Roland K. und Frank Roth ausdrücklich als Parallelfälle bewertet, erwähnte Kopper erst gar nicht. So wenig wie die Tatsache, dass Nonnenmacher gegen deutsches Aktienrecht verstoßen haben könnte, als er seinen Mitvorständen Fallen stellte, ohne den Aufsichtsrat zu informieren. Dass er sie überging, ihre Kontrolle ausschaltete - für die Aufseher offenbar alles verschmerzbar, verzeihbar.
Nein, nie war diese Bank so am Ende wie heute.
Von Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch und Jörg Schmitt

DER SPIEGEL 35/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 35/2010
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

AFFÄREN:
Moralischer Bankrott