06.09.2010

ATOMKRAFTBrennstäbe unterm Dach

Wie groß ist die Terrorgefahr für deutsche Reaktoren? Ein neues Gutachten warnt vor dem Risiko durch entführte Flugzeuge.
Die Ingenieure, die Deutschlands Untergang abwenden wollen, vertrauen auf den "Pamela-Anderson-Effekt". Dem Gegner werde gleichsam "der Kopf verdreht". So erklären sie in ihren Werbebroschüren die Wirkung des sogenannten MASS-Täuschsystems. Sekundenschnell stößt das Gerät Nebelschwaden aus und verwirrt so den Angreifer.
Entworfen hat die Rüstungsfirma Rheinmetall ihre Vernebelungsanlage für Hochseefregatten. Doch nun installieren die Mechaniker sie, etwas modifiziert, an der Heimatfront, im beschaulichen Rheintal bei Philippsburg.
Dort steht ein Kernkraftwerk, und sein Betreiber, der Stromkonzern EnBW, will es gegen Terroristen schützen, die sich mit einem gekidnappten Verkehrsflugzeug auf den Reaktor stürzen könnten.
Experten befürchten in einem solchen Fall den nuklearen Super-GAU - eine Schreckensvision, die in der Atomdebatte plötzlich wieder eine Rolle spielt. Denn das Bundesumweltministerium fordert bei den alten, kaum geschützten Anlagen als Bedingung für ihren Weiterbetrieb einen wirksamen Terrorschutz.
Doch wie gefährdet sind die deutschen AKW wirklich? Lange Zeit galten Terroranschläge als Teil des unvermeidbaren "Restrisikos", vergleichbar mit dem Einschlag eines Kometen. Doch das sehen deutsche Gerichte mittlerweile anders; im Juni befanden Richter des Oberverwaltungsgerichts Lüneburg, von Restrisiko könne nicht die Rede sein.
Politiker, Juristen und Ingenieure müssen sich also wieder dem heiklen Thema stellen. Schon klagt Greenpeace auf Widerruf von Betriebsgenehmigungen.
Ein neues Gutachten, das die Umweltorganisation in Auftrag gegeben hat, stuft die "Erfolgswahrscheinlichkeiten einer Terrorgruppe", ein Flugzeug mit katastrophaler Wirkung in ein Atomkraftwerk zu lenken, hoch ein: "Die Barrieren eines integrierten Sicherheits- und Schutzkonzepts sind sowohl einzeln als auch in ihrer Gesamtwirkung gering."
Zunächst ist da die Sicherheitslage an den Flughäfen. Gutachterin Oda Becker listet seit dem 11. September 2001 weltweit 28 Flugzeugentführungen auf, trotz verschärfter Personenkontrollen. Bei Tests etwa am Frankfurter Airport seien nur 63 Prozent der gefährlichen Gegenstände gefunden worden.
Abfangjäger der Bundeswehr, die an zwei Militärflughäfen in Neuburg an der Donau und Wittmund ständig einsatzbereit sind, kämen viel zu spät bei einer entführten Maschine an. "Außerdem dürften sie gemäß Bundesverfassungsgericht die Maschine nicht abschießen", sagt die Sachverständige aus Hannover.
Bleibt also die Vernebelung als letzte Rettung vor dem Super-GAU. Die weißen Schwaden jedoch hüllen nicht die Kühltürme ein. Die aber reichen, um das Kraftwerk recht genau zu orten, so das Gutachten. Und selbst wenn ein Flieger nicht genau treffe, die Kernschmelze also ausbleibt, so könne doch gefährlich viel Spaltmaterial in dem aufgesprengten Reaktor freigesetzt werden. "In einigen Meilern lagern die Brennstäbe sogar unter dem Reaktordach", so Becker.
Das Bundeskriminalamt (BKA) scheint die Bedrohung früh erkannt zu haben. Schon sieben Tage nach den Anschlägen auf das World Trade Center schickte es eine geheime Einschätzung an das Bundesinnenministerium. Daraus geht hervor, dass die Sicherheitsdienste die Besucherliste der AKW geprüft haben. Prompt wurden sie fündig: Attentäter Mounir al-Motassadeq hatte mit Kommilitonen der TU Harburg den Reaktor in Stade besucht.
Aufgeschreckt durch die New Yorker Anschläge beeilten sich die Behörden, die Gefahr eines AKW-Angriffs auch praktisch zu studieren: So lud man an der TU Berlin Passanten in den dortigen Flugsimulator zum Kamikazefliegen auf Reaktoren ein.
Seit 2003 unterhält das BKA eine Abteilung mit dem sperrigen Namen "Zentrale Unterstützungsgruppe des Bundes für gravierende Fälle nuklearspezifischer Gefahrenabwehr". Vierteljährlich erstellt sie Berichte über die Gefährdungslage. Die sei, so steht in einem weiteren, streng vertraulichen Bericht aus dem Jahr 2007, "als gering anzusehen, muss aber letztendlich in Betracht gezogen werden".
Die Betreiber haben längst reagiert. Seit eineinhalb Jahren liegen fertige Pläne in der Schublade. Darin wird der schon in den achtziger Jahren durchgespielte Fall zugrunde gelegt, dass ein defekter Kampfjet auf eine Anlage stürzt - nur dass, wie bei einem A320, viermal so viel Kerosin in Brand geraten könnte.
Für neuere Reaktoren sieht das Konzept Drainagen vor, die den Treibstoff weg von der Anlage fließen lassen würde - eine billige Maßnahme. Für die Altanlagen rechnen die Betreiber mit Kosten von bis zu 400 Millionen Euro. Was genau sie umbauen wollen, bleibt geheim. Doch absturzsichere Schutzdecken könnte man davon nicht bezahlen.
Christoph Pistner, Physiker vom Darmstädter Öko-Institut, hält dies für ohnehin unmöglich: "Die Fundamente müssten erneuert werden, dafür ist in den Anlagen gar kein Platz."
In der Branche werden andere Gefahren allemal für bedeutsamer gehalten: "Wir denken nicht an den 11. September", sagt ein Aufsichtsbeamter, "sondern an den 18. September."
An diesem Tag findet in Berlin die große Anti-Atomkraft-Demo statt.
Von Michael Fröhlingsdorf und Gerald Traufetter

DER SPIEGEL 36/2010
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