06.09.2010

ZEITGESCHICHTE„Überlebensgroßes Ego“

Der österreichische Jude Simon Wiesenthal fahndete mit großem Getöse und teils fragwürdigen Methoden nach Nazi-Verbrechern - doch wie bedeutend war er wirklich?
Die Gendarmen wollten zu Adolf Eichmann. Fischerndorf 8, das war die Adresse in Altaussee in der Steiermark, wo er sich versteckt halten sollte.
Doch die österreichischen Polizisten klopften versehentlich an die Haustür mit der Nummer 38. Dort trafen sie nicht wie erhofft den Organisator der Judenvernichtung an - sondern dessen Mitarbeiter und späteren Kommandanten des Konzentrationslagers Theresienstadt, Anton Burger.
Ein Irrtum. Ein glücklicher Beifang.
Der Tippgeber Simon Wiesenthal feierte den Zufallstreffer kurz nach Kriegsende: Natürlich sei er dabei gewesen, malte Wiesenthal aus, anschließend habe er Burger bei der US-Armee abgeliefert.
Aufhebens um sich und seine Erfolge zu machen war die Masche des Nazi-Jägers, der darob weltberühmt wurde. 60 Jahre lang stellte der Holocaust-Überlebende untergetauchten Mördern nach.
Seine unermüdliche Suche machte Wiesenthal zu einer gefeierten Person der Zeitgeschichte. Ein Spielfilm zeigte ihn als Helden, amerikanische Präsidenten empfingen ihn, Dutzende Universitäten verliehen ihm die Ehrendoktorwürde.
Der Rechercheur hatte aber noch eine andere Seite: Er arbeitete mit fragwürdigen Methoden, schmückte sich mit fremden Federn und brachte im Laufe der Jahre viele Menschen gegen sich auf, die eigentlich seine Ziele teilten.
Auch diesen Zug Wiesenthals zu beschreiben ist das Verdienst des israelischen Historikers und Journalisten Tom Segev in einer neuen Biografie, die in dieser Woche erscheint(*). Segev zeichnet Wiesenthal als "überaus mutigen Mann, der eine Reihe atemberaubender Aktionen initiierte". Zugleich attestiert er ihm ein "überlebensgroßes Ego" und eine schädliche "Neigung zu Phantastereien".
Wiesenthals Wirken ist eng verwoben mit dem Land, in dem er lebte. Denn noch nachsichtiger als die junge Bundesrepublik ging Österreich mit Nazi-Schergen um, die in eine bürgerliche Existenz geschlüpft waren. Geschützt wurden sie von braunen Seilschaften in Politik und Justiz sowie dem verbreiteten Wunsch nach Vergessen. Wiesenthal musste sehr laut sein, um gehört zu werden.
Er pflegte zu den Österreichern eine Hassliebe. "Ich bin ihr schlechtes Gewissen, weil jeder von ihnen dieselbe Aufgabe hätte haben müssen wie ich." Zum Dank bekam er körbeweise Schmäh- und Drohbriefe, einer wurde ihm zugestellt, obwohl er nur "An die Judensau, Österreich" adressiert war.
Wiesenthal, 1908 im ostgalizischen Buczacz geboren, entstammte einer Familie, die sich zum Habsburger-Reich bekannte. Der Vater, Vertreter für eine Zuckerraffinerie, fiel im Ersten Weltkrieg; Simon studierte Architektur in Prag, lebte dann in Lemberg, wo er 1936 die Jüdin Cyla Müller heiratete.
1941 besetzten deutsche Truppen die Stadt, und für Lembergs Juden begann eine Hölle. Nur 3400 aus der stolzen Gemeinde von einst 160 000 Mitgliedern überlebten. Wiesenthal wurde als Arbeitssklave in ein Ausbesserungswerk der Ostbahn geschickt, tauchte dann ab, wurde entdeckt und machte die Konzentrationslager Plaszow, Groß-Rosen, Buchenwald und Mauthausen durch, wo ihn am 5. Mai 1945 die Amerikaner befreiten.
Er fand heraus, dass auch seine Frau als Zwangsarbeiterin mit falschem Pass im rheinischen Solingen überlebt hatte. Als die Eheleute in einer Flüchtlingsunterkunft in Linz zusammenfanden, zählten sie 89 ermordete Verwandte.
Wiesenthal ging eine Aufgabe an, die zu diesem Zeitpunkt noch kaum jemand im Blick hatte. Er befragte für die US-Militärverwaltung jüdische Überlebende, ob sie sich an ihre Peiniger erinnerten.
Diese Kartei war der Grundstein für das Archiv, das Wiesenthal in Linz aufbaute und später in Wien fortführte. Er finanzierte es aus Spenden, außerdem ließ ihm der israelische Geheimdienst Mossad regelmäßig Geld zukommen. Nach Israel auszuwandern kam für Wiesenthal aber nicht in Frage: Er habe die Aufgabe eines "österreichischen Patrioten" zu erfüllen, schrieb er einmal, "alle Auswüchse des Nazismus zu bekämpfen".
Seine Tage verbrachte er in einem kleinen Büro voller Ordner, Karten und Meldeverzeichnisse. Im Vorzimmer saß eine Sekretärin, dazu beschäftigte er einige Volontäre, die Wiesenthal mit "Herr Ingenieur" anredeten - das war alles. "Im
Gegensatz zu dem Mythos, der sich um ihn rankte, koordinierte Wiesenthal niemals eine global tätige Verfolgungsorganisation, sondern arbeitete fast ganz auf sich allein gestellt", schreibt Segev. Mangelnde Ressourcen kompensierte der Fahnder mit einem ausgeprägten Sendungsbewusstsein. Gegen die Konkurrenz keilte er. Die Nazi-Jägerin Beate Klarsfeld etwa schwärzte er bei den deutschen Behörden an: Klarsfeld arbeite für die Stasi. Einen Beleg dafür gibt es nicht.
Als Mossad-Agenten Eichmann 1960 in Buenos Aires aufspürten und nach Israel entführten, legte Wiesenthal zu Prozessbeginn ein Buch vor mit dem Titel: "Ich jagte Eichmann". Zwar hatte nicht er allein, sondern eine Armada von Rechercheuren und Geheimdiensten den Nazi-Verbrecher verfolgt. Wiesenthals Verdienst war aber immerhin, schon 1953 an Israel berichtet zu haben, Eichmann lebe in Argentinien. Andererseits führten etliche von Wiesenthals Verlautbarungen in die Irre - etwa über den Verbleib des KZ-Arztes Josef Mengele. Einmal schickte er einen Reporter der "Quick" auf die griechische Insel Kythnos. Als der Journalist mit leeren Händen zurückkam, behauptete Wiesenthal, Mengele habe die Insel nur zwölf Stunden zuvor verlassen. Tatsächlich lebte Mengele bis zu einem Badeunfall im Jahr 1979 in Brasilien - einem Land, das Wiesenthal als eines von wenigen nie genannt hatte.
Auch der Geschichte des Holocaust und seinem eigenen Leidensweg fügte Wiesenthal Legenden hinzu. Seine Behauptung aus der Nachkriegszeit, die Nazis hätten aus den Leichen der Juden Seife gesiedet, korrigierte er erst spät. Aus den Lagern, die er überlebt hatte, wurden mit der Zeit immer mehr - bis er auf zwölf kam, einschließlich Auschwitz.
Selbst ein israelisches Memorandum befand, er sei ein "renommeesüchtiger Schreihals, der nicht selten Dinge behauptet, die er hinterher nicht beweisen kann". In seiner "Publicitysucht und Egomanie" habe er keine Hemmungen.
Das war auf dem Höhepunkt von Wiesenthals Fehde mit dem österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky, dem charismatischen Sozialdemokraten jüdischer Herkunft. Ausgerechnet mit Hilfe der rechtsliberalen FPÖ gelangte Kreisky 1970 an die Macht. Er holte sich dabei eine Reihe von Ministern mit unappetitlicher Vergangenheit ins Kabinett: Die Leiter der Ressorts Landwirtschaft, Bau, Verkehr und Inneres waren sämtlich ehemalige Parteigänger der Nazis.
Wiesenthal machte die Personalien publik. Er reizte damit Kreisky, der sich als volksnaher Tribun gefiel und die Schlussstrich-Stimmung im Volk spürte. Der Kanzler giftete: "Ich warte nur darauf, dass Herr Wiesenthal nachweist, dass auch ich bei der SS gewesen bin." Eine Zeitung zitierte ihn gar mit dem Satz: "Wiesenthal ist ein jüdischer Faschist."
Kreisky ließ seine Verwaltung nach belastendem Material über Wiesenthal suchen. Der habe, so Kreisky vor der Presse, nur überlebt, weil er mit den Nazis kollaborierte. Belege für diese Anschuldigung fanden sich nie. 1987 landeten die beiden Kontrahenten vor Gericht, die verordnete Geldstrafe wegen Verleumdung bezahlte Kreisky nicht mehr, weil er kurz darauf starb.
Segev wertet den Konflikt als Streit zweier Juden, die unbedingt "Teil der österreichischen Gesellschaft sein" wollten. Dass Wiesenthal sich nach Zustimmung sehnte, zeigte sein Verhalten in einer weiteren Nazi-Affäre: Als publik wurde, dass Präsident Kurt Waldheim Phasen seiner Wehrmachtsvergangenheit verschwiegen hatte, stellte sich Wiesenthal hinter den Politiker, zu dem er engen Kontakt pflegte.
Das Ansehen Wiesenthals litt. In internen Papieren des Jüdischen Weltkongresses tauchte er als "Sleazenthal" auf, von "sleazy", schäbig, niederträchtig. Der Chef der Sonderermittler gegen Nazi-Verbrecher im US-Justizministerium, Eli Rosenbaum, urteilte 1996 im deutschen Fernsehen über Wiesenthal: "unbegabt, egomanisch, verbreitet unzutreffende Informationen, eine tragische Gestalt". Seine Stelle schrieb nach Wien: "Nicht eine Bezichtigung von Seiten Ihres Büros hat zu einem Gerichtsverfahren geführt."
Es lässt sich kaum nachprüfen, ob Wiesenthal wirklich 1100 Täter der Justiz zugeführt hat, wie er selbst behauptete. Er war immer eher PR-Mann als seriöser Ermittler - aber genau darin bestand wohl sein eigentliches Verdienst in einer Nachkriegsgesellschaft, die den Blick strikt nach vorn richtete.
Die PR-Rolle führt nun das nach ihm benannte Simon Wiesenthal Center fort: Von Strafverfolgern belächelt, gibt das Zentrum eine Hitliste der meistgesuchten NS-Verbrecher heraus und benotet jedes Jahr die Fahndungsleistungen einzelner Staaten.
Wiesenthal starb im September 2005 mit 96 Jahren, zwei Jahre nach seiner Frau Cyla. Die hatte über ihr Leben an der Seite des berühmten Nazi-Jägers gesagt: "Ich bin nicht mit einem Mann verheiratet. Ich bin mit Tausenden, vielleicht Millionen von Toten verheiratet."
(*) Tom Segev: "Simon Wiesenthal. Die Biografie". Siedler, München; 576 Seiten; 29,95 Euro.
Von Jan Friedmann

DER SPIEGEL 36/2010
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