06.09.2010

GROSSBRITANNIENFremdwort Reue

Tony Blair zieht die Bilanz seiner zehn Regierungsjahre und verteilt Noten an Freund und Feind. Er jedenfalls habe fast alles richtig gemacht - vor allem den Feldzug gegen Saddam Hussein.
Ich Idiot. Ich naiver, dummer, verantwortungsloser Einfaltspinsel. Meine Dummheit spottet wirklich jeder Beschreibung." Warum, fragt der Ex-Premier, haben seine Spitzenbeamten nur zugelassen, dass er so versagte?
Nein, Tony Blair bereut nicht etwa, dass er an der Seite von George W. Bush in den Irak eingefallen ist. Er bedauert lediglich, dass er ein Wahlversprechen erfüllt und den Briten das Recht auf Informationsfreiheit gegeben hat, den "freedom of information act". Nun müssen britische Regierungsstellen, ähnlich wie in den USA, jedem Bürger auf Wunsch eine Fülle von Akten öffnen.
Der junge Blair war ein Verfechter dieser Idee gewesen, er hoffte, damit mache er die Arbeit der Regierung transparenter. Der heutige Blair, 57, verflucht sie. Das Volk nutze das Gesetz gar nicht, schreibt er, das täten nur die Journalisten, "wilde Tiere" allesamt. In den Händen des "Medienmonsters" sei Information eine "Waffe" gegen ordentliches Regieren. Von Anfang an sind die Frontlinien klar gezogen.
Zwischen Mai 1997, als Blair strahlend und dynamisch mit seiner E-Gitarre in die Downing Street zog, Cool Britannia in Person, und Juni 2007, als er fahl und desillusioniert abtrat, lag offenbar eine harte Dekade, die seine Feinde ihm so sauer gemacht haben wie nur möglich. Nun rechnet er ab und braucht dafür 784 Seiten Erinnerungen, die wenige Tage nach ihrem Erscheinen in Großbritannien diese Woche auch in Deutschland erhältlich sind(*). Er sieht sie als "Brief an das Land, das ich liebe".
Es ist ein merkwürdiger Brief, der oft recht muntere Töne anschlägt. Blair berichtet von "steifen Drinks" mit den Royals ("damit hätte man Raketen antreiben können"), von fröhlichen Gipfeltreffen ("Gebt einem Politiker ein oder zwei Drinks, und er wird fast menschlich"), von glamourösen Bekanntschaften wie der mit Lady Diana: "Ich mochte sie
wirklich und wurde bei einer schönen Prinzessin genauso schwach wie jeder andere Mann, aber ich war auf der Hut."
Zuweilen scheint er seinen Bekenntnisdrang gar nicht zügeln zu können. Er schildert nächtliche Begegnungen mit seiner Frau Cherie: "Ich verschlang sie, damit sie mich stärkte, ich war ein Tier, das seinem Instinkt gehorchte." Selbst an seinem Stuhlgang lässt er das Land teilhaben: "Ich nehme mir Zeit und liebe Komfort auf dem Örtchen. Die Toilette ist ein sehr wichtiger Raum."
Solche Mitteilungsfreude erstreckt sich Gott sei Dank auch auf politische Begegnungen, die er oft witzig schildern kann, etwa wenn sich Ex-Bundeskanzler Helmut Kohl den spanischen Kollegen José María Aznar vorknöpfen will. Das habe auf ihn gewirkt, schreibt Blair, "wie eine Dampfwalze auf der Suche nach einem Igel". Eine Konfrontation zwischen dem französischen Staatschef Jacques Chirac und dem japanischen Premier Junichiro Koizumi beendet Blair mit der Befürchtung, "Jacques würde seine Pistole holen und ihn erschießen".
Und doch, das gewichtige Werk ist nicht einfach nur die Erinnerung eines vor allem im Ausland geachteten Politikers, der sich mit einem radikalen Umbau seiner Partei eine eigene Wählermehrheit maßgeschneidert hat - eine ähnliche übrigens, die der Tory-Premier David Cameron jetzt hinter sich zu scharen sucht. Über weite Strecken lesen sich die Memoiren nicht einfach nur genregemäß wie eine nüchterne Rechtfertigung, sie führen passagenweise vielmehr laute Klage darüber, dass der Autor noch immer verkannt werde. Ein weinerlicher Unterton durchzieht ganze Kapitel, es ist der Ton eines Mannes, der weiß, wie viel Verachtung ihm im eigenen Land entgegenschlägt. Verachtung, die er, natürlich, nicht verdient hat.
Schnell sei ihm klargeworden, "dass die Episode Blair / Großbritannien vermutlich kein gutes Ende nehmen würde", schreibt er. Aber da stehe er halt und könne nicht anders. Habe er anfangs noch zu sehr auf gute Umfragewerte geachtet, so habe er sich doch mit jedem Amtsjahr sendungsbewusster gefühlt. Schließlich sei er nicht mehr bereit gewesen, "nur einen Millimeter von meiner Überzeugung abzuweichen". Im Fall des Irak hat solche Überzeugungstäterschaft zur Abwendung seiner Wähler geführt und auch dazu, dass viele Briten ihn heute eher für einen Kriegsverbrecher halten.
Nun begründet Blair ausführlich, dass er es für ein ethisches Gebot hält, Diktatoren notfalls mit Gewalt von Menschenrechtsverletzungen abzubringen. Dafür hat er seine Soldaten gleich in vier Kriege geschickt. In Sierra Leone und im Kosovo hat er damit viel Leid verhindert. Anders kam es in Afghanistan (bisher 332 tote britische Soldaten) und im Irak (179 gefallene Briten, über 100 000 tote Iraker). "So viel Blutvergießen", schreibt Blair, "so viele Menschenleben."
Aber Reue? Mitnichten. "Was ich jetzt weiß, schwächt nicht das Argument. Im Gegenteil, es ist mir jetzt noch klarer, dass die Schlacht mit allen Mitteln geschlagen werden muss, und zwar bis zum Sieg." Blair beharrt darauf: "Selbstverständlich ist der Irak heute ein besserer Ort als unter Saddam."
Auch seinem Freund Bush, der außerhalb der USA nur wenige Anhänger hat, hält er die Treue. "Nicht, dass es ihm an Intelligenz gemangelt hätte", schreibt Blair, die Vorstellung von einem "stumpfen Idioten, der ins Weiße Haus stolperte" sei "abwegig". Vielmehr zeichne sich sein Freund durch einen "ausgeprägten Sinn für Humor" und "Selbstironie" aus. Im Übrigen habe Bush eben "ein sehr klares Weltbild".
Misstrauisch beäugt Blair dagegen die Deutschen und die Franzosen, die zusammen mit den Russen die Ablehnungs-front gegen den Irak-Krieg bildeten. Blair lässt Zweifel an ihren Motiven aufkommen.
"Dieses Bündnis verwandelte sich de facto in ein alternatives Machtzentrum, das den USA die Stirn bot und den drei Staaten ein gewisses Wohlwollen in den arabischen Ländern und der islamischen Welt sicherte."
Von solcher Liebedienerei lässt er sich jedenfalls nicht anstecken. Blair bleibt dabei: "Ich tat, was ich für richtig hielt, selbst wenn die Bürger anderer Überzeugung waren."
Wenig verwunderlich, dass eine solche Haltung den Umfrageergebnissen schadet. Als Blair bekanntgab, alle Erlöse aus seinen Memoiren für die Rehabilitation von Verwundeten aus seinen Kriegen zu spenden, erntete er selbst damit Verachtung. Das sei, hieß es in vielen Kommentaren, ein billiger Trick, sich von der Schuld frei- zukaufen.
(*) Tony Blair: "Mein Weg". Verlag C. Bertelsmann, München; 784 Seiten; 29,99 Euro.
Von Marco Evers

DER SPIEGEL 36/2010
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