13.09.2010

KINOFröhliches Weltenzertrümmern

Der japanische Regisseur Hayao Miyazaki hat den Animationsfilm zu einem erwachsenen Genre gemacht und es von seinem Übervater Walt Disney befreit. Dafür wird er sogar in Hollywood gefeiert.
Im Westen von Tokio, in der Vorstadt Mitaka, steht mitten in einem Park ein verwunschenes Schloss. Es ist vom Boden bis zum Dach mit Efeu überwuchert, die Natur scheint es schon lange von seinen letzten menschlichen Besitzern übernommen zu haben.
Man könnte es leicht übersehen, aber vor dem Schloss stehen Kinder und Mütter in einer langen Schlange und begehren Eintritt, voller Geduld, bei feuchtheißen 30 Grad im Schatten. Das Schloss ist ein Museum, und es ist wohl das einzige Museum auf der Welt, das einen lebenden Filmemacher als Thema hat und von diesem sogar entworfen wurde.
Er heißt Hayao Miyazaki, er dreht Animationsfilme. In Japan wird er verehrt wie ein Gott, und sein Museum ist wie eine Kirche, durch deren Bleiglasfenster spärliches Licht fällt. Die Bildmotive auf den Fenstern aber zeigen Figuren und Szenen aus seinen Filmen, Hexen, die auf einem Besen durch die Lüfte fliegen.
Dieses Ghibli-Museum, nach Miyazakis Filmstudio benannt, dieses verwunschene Schloss, ist ein Abbild seiner Zeichentrickwerke: auf den ersten Blick düster und furchterregend, von innen hell leuchtend und strahlend vor Vitalität und Phantasie.
"Wir sollten Kindern Mut machen und ihnen ihre Ängste nehmen", sagt Miyazaki, während er mit blitzenden Augen durch die Gläser seiner schwarzen Brille blickt. Er ist fast 70, seine Haare und sein Henri-Quatre-Bart sind schlohweiß. Er trägt eine Malerschürze. "Viele Erwachsene neigen dazu, die Kinder zu unterschätzen. Doch wir können ihnen viel abverlangen." Miyazaki sagt das, als wäre es das erste Gebot des Kinos.
Weil Miyazaki seine kindlichen Zuschauer genauso ernst nimmt wie Erwachsene, wurde er in den vergangenen drei Jahrzehnten zum wohl einflussreichsten Animationsfilmer der Welt. Er wird allerorten bewundert, vor allem in Hollywood. Steven Spielberg bezeichnete Miyazakis Frühwerk "Das Schloss des Cagliostro" (1979) als "größten Actionfilm aller Zeiten". John Lasseter, Chef der Pixar-Studios, studierte für seinen eigenen Film "Das große Krabbeln" (1998) Miyazakis Arbeit Bild für Bild.
Heute wird kaum noch ein Animationsfilm hergestellt, der sich nicht auf Miyazaki bezieht. Für seinen Film "Chihiros Reise ins Zauberland" erhielt er 2003 den Oscar. Er sei "Walt Disney, Steven Spielberg und Orson Welles in einer Person, verbunden mit Claude Monets Sinn für Landschaften und Roald Dahls Kenntnis der kindlichen Seele", beschrieb ihn das "Time Magazine". Und Miyazaki führte den Animationsfilm aus jener scheinbar ewigen Kindheit, zu der Walt Disney das Genre verdammt hatte.
Der 1966 verstorbene Amerikaner war der Übervater des Zeichentrickfilms, hatte ihn mit Klassikern wie "Schneewittchen und die sieben Zwerge" (1937) und "Bambi" (1942) geprägt. Doch er hatte auch über seinen Tod hinaus dafür Sorge getragen, dass das Genre nie erwachsen wurde. Disney fürchtete stets, das kindliche Gemüt zu verstören. Gut, Bambis Mutter musste sterben, aber mehr durfte an tragischen Ereignissen im seligen Disney-Universum nicht sein. Die Kinder sollten sich behütet fühlen.
Miyazaki dagegen nimmt sie mit auf die Schattenseite des Lebens. In seinen Filmen ereignen sich Katastrophen, Bombenkriege legen Städte in Schutt und Asche, riesige Wälder werden vernichtet, Tsunamis überfluten ganze Landstriche - wie in seinem neuen Werk "Ponyo - Das große Abenteuer am Meer", das in dieser Woche ins Kino kommt. Doch im Gegensatz zu den Erwachsenen verlieren die Kinder angesichts der Katastrophe selten die Contenance.
In seinem Fliegerepos "Porco Rosso" (1992) lässt sich eine Schulklasse von jungen Mädchen, die von Luftpiraten entführt wurde, selbst dann nicht die gute Laune verderben, als das Flugzeug abstürzt. Im Gegenteil, sie sind weit nervenstärker als die harten Männer und trocknen nach einer Notwasserung ihre Kleider lachend auf den Tragflächen. Miyazakis Filme beschreiben das Leben als eine einzige Reifeprüfung für die Kinder.
"Das geht möglicherweise auf meine eigene Kindheit zurück", sagt Miyazaki. "Als der Zweite Weltkrieg zu Ende ging, war ich gerade vier Jahre alt. Das Haus unserer Familie war zwar zum Glück unversehrt, aber die japanischen Städte waren wie die deutschen stark zerstört. Diese Bilder haben mich nie wieder verlassen. Seither lebe ich in dem Bewusstsein, dass alles Schöne jederzeit in Ruinen enden kann."
Vielleicht muss man Japaner sein, im Land der Erdbeben, der Tsunamis, der sintflutartigen Monsunregen und der ersten Atombombenabwürfe aufgewachsen sein, um dermaßen leidenschaftlich vom Untergang der Zivilisation erzählen zu können. In "Ponyo" lässt er Japans Küsten unter einer Riesenwelle verschwinden. Wenn er davon erzählt, wie er sie gezeichnet hat, strahlt er. Er ist ein fröhlicher Weltenzertrümmerer.
"Die Welle in ,Ponyo' säubert unsere Welt, sie schwemmt den Müll fort", sagt er. "Auch die Menschen werden innerlich gereinigt, indem sie gezwungen werden, auf die Annehmlichkeiten des modernen Lebens zu verzichten. Für die Kinder ist dies ein geringeres Problem als für die Erwachsenen, denn sie haben sich an diese Annehmlichkeiten meist noch gar nicht richtig gewöhnt."
"Ponyo" erzählt von einem kleinen Jungen, der in einer Hafenstadt lebt und eines Tages am Strand einen angeschwemmten Goldfisch findet. Er nimmt ihn mit nach Hause und stellt plötzlich fest, dass sich der Fisch nach und nach in ein kleines Mädchen verwandelt. Als ein Tsunami das Land überrollt und für einen Stromausfall sorgt, müssen sich die zwei im Dunkeln zurechtfinden.
Immer wieder konfrontiert Miyazaki die Kinder in seinen Filmen mit Dunkelheit, und die ist bei ihm ganz besonders dunkel. "Die Schwarzwerte bei Miyazaki sind enorm", sagt der deutsche Regisseur und Produzent Thilo Graf Rothkirch, der vor sechs Jahren mit seinem Film "Lauras Stern" den Spuren des Japaners folgte. "Von ihm haben wir gelernt, uns aus dunklen Grautönen in tiefes Schwarz hineinzuwagen."
Wie ein schwarzes Loch, das alles verschlingen kann, wirkt die Tür am Ende einer Treppe, vor der zwei Mädchen in Miyazakis Film "Mein Nachbar Totoro" (1988) stehen. Sie sind gerade mit ihrem Vater in ein neues Haus gezogen und wollen es erkunden. Sollen sie hinaufgehen oder nicht? Sie riskieren es und gelangen schließlich, wie Lewis Carrolls Heldin Alice, durch viele Tunnel in ein Wunderland. Wer sich ein Herz fasst im Angesicht der Finsternis, wird bei Miyazaki belohnt.
"Sehen Sie", erzählt Miyazaki, "im Zweiten Weltkrieg war das ständig so, da musste man immer wieder wegen der Bombenangriffe die Lichter ausmachen und sich im Dunkeln zurechtfinden. Wenn wir heute auf den Lichtschalter drücken, erwarten wir, dass es hell wird. Wir sollten uns ab und zu daran erinnern, dass auch wir von Einzellern abstammen. Dann wären wir bescheidener. Vielleicht sind wir nicht die Krone der Evolution."
Dies zu erkennen ist ziemlich viel verlangt, von Kindern allemal, aber auch von Erwachsenen. Wenn Miyazaki etwa die Evolution in seinem Film "Prinzessin Mononoke" (1997) einfach umkehrt und Affen zeigt, die im nächtlichen Urwald bloß noch aus glühend roten Augen zu bestehen scheinen und einzig und allein Menschenfleisch im Blick haben, wird jedem Zuschauer bange, egal ob 8 oder 80 Jahre alt. Tod und Zerstörung sind bei Miyazaki allgegenwärtig.
Sein Filmstudio befindet sich einige Kilometer nordwestlich vom Ghibli-Museum, in einem kargen Gewerbegebiet. Miyazaki hat dort für die Kinder seiner Mitarbeiter einen kleinen Kindergarten eingerichtet, mit Spielgeräten, an einem Teich. Die Anlage ist so konzipiert, dass die Kinder nach einem Erdbeben auch allein zurechtkommen würden. "Sie haben ausreichend Wasser und Nahrung. Es wird keine Panik geben."
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 37/2010
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