13.09.2010

SEXUALITÄT„Gott, war ich so unsensibel?“

Die Sexforscher William Masters und Virginia Johnson klärten einst das prüde Amerika auf. Eine Biografie enthüllt das pralle Leben des Ehepaars.
Ehrenwerte Absichten führten den amerikanischen Gynäkologen William Masters in den fünfziger Jahren in Peepshows und Bordelle. Den Professor lockte die Aussicht, eines der großen Rätsel der Menschheit zu lösen - zumindest für den männlichen Teil: Was spielt sich beim weiblichen Orgasmus wirklich ab?
Hinter Spiegelwänden verbarg sich Masters, stets im weißen Kittel und mit Fliege, und notierte alle Regungen der Prostituierten. Der Forscher wähnte sich bereits auf einer heißen Spur, als eine seiner Studentinnen mit einer beifälligen Äußerung alle bis dahin gewonnenen Erkenntnisse ins Wanken brachte: "Wissen Sie eigentlich, dass Frauen den Orgasmus häufig nur vortäuschen?"
Masters wusste es nicht. Es war an der Zeit, sich für den weiteren Fortgang der Untersuchungen einen kundigen Partner zu suchen. Am besten eine Frau.
Über einen Zettel am schwarzen Brett der Uni fand Masters, wonach er gesucht hatte - so kam eines der ungewöhnlichsten Paare der modernen Wissenschaft zueinander. William Masters, der renommierte Gynäkologe, erkor Virginia Johnson zur Komplizin seiner umstrittenen Sexrecherchen - eine durchaus ungewöhnliche Wahl. Johnson war zweifache Mutter, zweifach geschieden, Studienabbrecherin und Aushilfssekretärin. "Ich wurde einfach so die Prinzessin", wunderte sich die Erwählte später selbst.
Die abenteuerliche Geschichte dieses Duos hat der US-Journalist Thomas Maier nun erstmals aufgeschrieben(**1). Erst in jüngster Zeit war es möglich, profunde Erkenntnisse über das pralle Leben dieser prominenten Wissenschaftler zu gewinnen.
Masters blieb zu Lebzeiten selbst engsten Kollegen ein Rätsel. Nach seinem Tod im Februar 2001 hinterließ er immerhin einen unveröffentlichten Memoirenband, aus dem Maier jetzt geschöpft hat. Auch Johnson blieb lange verschwiegen; doch über Jahrzehnte angestauter Ärger bewegte die inzwischen 85-Jährige offenbar
erstmals umfassend über ihr Wirken an der Seite von Masters Auskunft zu geben.
Das Paar ergänzte sich zunächst erstaunlich gut: er ein vollkommen in seine Studien vernarrter Wissenschaftler, der zu anderen Menschen selten Zugang fand - sie eine auf merkwürdige Weise früh emanzipierte Frau vom Lande, die entgegen der gängigen Geschlechterrolle im Amerika der fünfziger Jahre regelmäßig auf sexuelle Beutezüge ging.
"Ich bin mit niemandem ausgegangen, mit dem ich nicht auch Sex hatte", gestand Johnson später. Von Verehrern trennte sich die Erotomanin auch nach mehrmonatigem Liebesgeflüster gern ohne ein Wort des Abschieds. "Gott, war ich wirklich so unsensibel?", wundert sie sich in der Rückschau über sich selbst.
Allmählich entwickelte sich Johnson, zunächst nur eine bessere Sekretärin, zur unentbehrlichen Hilfskraft von William Masters. Der betrieb seine Sexstudien an der Washington University in St. Louis von Ende der fünfziger Jahre an unter strengster Geheimhaltung. Dank ihres einnehmenden Wesens rekrutierte Johnson am laufenden Band Freiwillige, die im Labor ihres Chefs hinter verschlossenen Türen und zum Wohle der Wissenschaft kopulierten.
Mit Einfühlungsvermögen milderte Johnson Masters' mitunter allzu kühne Einfälle. Der Sexdoktor hatte einen Penis aus Plexiglas gebaut und eine Kamera darin installiert, um die Penetration der Vagina zu filmen. Johnson erwärmte den Dildo mit einem heißen Handtuch, um der Probandin das Experiment mit dem kühlen Arbeitsgerät zu erleichtern.
Während Universitätskollegen zunehmend über aberwitzige Praktiken hinter den Institutswänden spekulierten, arrangierten Masters und Johnson Hunderte Beischlafsitzungen mit Probanden. Ihre Erkenntnisse publizierten sie 1966 in dem Werk "Die sexuelle Reaktion".
Das Buch avancierte zum Bestseller, obwohl die Autoren ihre Leser mit allerhand Statistik und einem durchweg hölzernen Duktus quälten. Das Vorspiel firmierte bei Masters und Johnson etwa unter der Bezeichnung "anregende Annäherungsgelegenheit". Dennoch versprach die Lektüre für die prüden Amerikaner spannende Neuigkeiten.
Erleichtert vernahm das Publikum, dass Sex während der Schwangerschaft dem Fötus nicht schadet. Weniger erfreut reagierten insbesondere Männer auf die Entdeckung, dass sich der weibliche Orgasmus im Vergleich zum männlichen Höhepunkt ausnimmt wie ein Feuerwerk zu einem einzelnen Böllerschuss.
Mit solcherart provozierenden Enthüllungen waren jene Amerikaner überfordert, die derzeit so treffend in der TV-Gesellschaftsserie "Mad Men" porträtiert werden: Männer mit breitkrempigem Hut, die sich morgens mit einem Kuss von ihrer braven Ehefrau verabschiedeten, um die Welt zu retten - und zur Mittagspause die Sekretärin flachlegten.
Johnson besaß zwar keinen Universitätsabschluss, rührte ihr Wissen um weibliche Bedürfnisse und männliche Versagensängste im Bett aber munter zu einer recht erfolgreichen Sexualtherapie zusammen. Statt sich wie bei Freud über Jahre mit frühkindlichen Störungen und Neurosen zu befassen, kurierten Masters und Johnson daheim in St. Louis binnen weniger Wochen Sexmüde mit sogenannten Surrogaten - hilfsbereiten Damen, die die Libido der zumeist männlichen Patienten mit geduldigen Zuwendungen und Liebkosungen wieder aufrichteten. Diese Praxis hätte dem Duo beinahe ein Verfahren wegen Prostitution eingebracht.
Johnson selbst litt unter den unkonventionellen Methoden ihres Partners. Regelmäßiger Sex mit Masters gehörte für sie lange zum Jobprofil. Masters und seine Ehefrau Elizabeth schliefen zwar in getrennten Betten, mit Johnson wollte Masters jedoch "effektive Methoden, zum Orgasmus zu kommen oder eine vorzeitige Ejakulation zu verhindern", ausprobieren.
"Es war vielleicht sexuelle Belästigung", gestand Johnson nun ihrem Biografen, "aber wenn man 200 000 Dollar im Jahr verdient, geht man nicht einfach."
Das kuriose Verhältnis der beiden Forscher mündete nach mehr als zehn Jahren Zusammenarbeit sogar in der Ehe. Amerikanische Zeitungen berauschten sich an der Traumhochzeit, und in Interviews flötete Johnson pflichtschuldig: "Ohne ihn bin ich rastlos. Ich bedaure nur, dass wir uns nicht früher gefunden haben."
Erst jetzt, im Greisenalter, gibt die Ikone der Sexforschung ihre wahren Gefühle für William Master preis: "Es kam alles von Bill - ich wollte es nicht. Ich habe ihn wohl nie geliebt." Auch für Masters war die Vermählung mit Johnson keine Liebesheirat. Der Professor sah jedoch die gemeinsam geführte Sexklinik in Ge-
fahr, als Johnson mit einem Duftstofffabrikanten durchzubrennen drohte.
Aus demselben Grund verhinderte Masters auch, dass seine Partnerin doch noch einen Abschluss an der Uni machte. Das sei gar nicht nötig und störe nur den Betrieb, wiegelte Masters ab. Tatsächlich firmierte die Autodidaktin in der Fachwelt auch ohne Diplom als "Doktor Johnson".
Masters kompensierte die Entbehrungen seiner zweiten Gattin auf eigene Weise: Er bot ihr großzügig das größere Büro an und nannte Johnson stets als Co-Autorin der entweder von ihm oder anderen Mitarbeitern verfassten Bücher.
Der wissenschaftliche Unterbau blieb die schwache Flanke der Seiteneinsteigerin. Vor Interviews musste Johnson sorgfältig mit Infokärtchen geschult werden, um sich nicht in medizinischen Details zu verheddern. Weil ihr zur echten Forschung die Grundlagen fehlten, kultivierte sie ihre Rolle als Medienstar.
Solange William Masters seriöse Wissenschaft betrieb, war der Erfolg des Gespanns gesichert. Ende der siebziger Jahre langte der Eigenwillige jedoch gründlich daneben. In dem Buch "Homosexualität" behauptete er allen Ernstes, Schwule könnten in seiner Praxis binnen 14 Tagen zu Heterosexuellen "umgeformt" werden. Johnson schäumte: "Ich will nicht, dass man sich wegen dieses Schwachsinns an mich erinnert." Einem Bekannten gegenüber schimpfte sie über ihren Ehemann: "Er hat das alles erfunden und jetzt diesen Müll geschrieben!"
Lange versuchte Johnson, sich aus der erodierenden Beziehung zu lösen. Was sie nicht schaffte, besorgte dann Bill Masters. 76-jährig reichte er die Scheidung ein und heiratete wenig später - bereits schwer an Parkinson erkrankt - seine Jugendliebe. Johnson reagierte jedoch nicht erleichtert, sondern gekränkt.
Kurz darauf, 1994, brach das Masters and Johnson Institute auseinander. Das ganze Land war inzwischen übersät mit Sextherapeuten. Den Pionieren von einst war die Kundschaft davongelaufen.
Einkünfte hatten die beiden stets in ihr Institut investiert und deshalb kaum Geld zurückgelegt. Masters starb 2001 als Sozialfall. Johnson versuchte zeitweilig, mit Liebestipps besprochene Kassetten über das Internet zu verkaufen.
Inzwischen wirft die einstige First Lady der Aufklärung, die zu besten Zeiten stets elegante Kleidung trug, meist auch tagsüber nur noch einen Bademantel über. Ehemalige Weggefährten machen einen großen Bogen um sie, berichtet Biograf Maier. Denn wenn sich mal jemand meldet, kennt Johnson oft nur ein Thema: bittere Klagen über ihren früheren Partner Bill Masters.
(*1) "Das Wunder der Liebe", Oswalt Kolle, BRD 1968.
(**2) Thomas Maier: "Masters of Sex". Basic Books, New York; 412 Seiten; 22,99 Euro.
(*3) Aus dem Dokumentarfilm "Private Practices" (1986) über das Leben von Maureen Sullivan, die als Sex-Surrogat für William Masters und Virginia Johnson tätig war.
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 37/2010
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