20.09.2010

GOLF„Ein Sechser im Lotto“

Martin Kaymers Sieg bei der PGA Championship soll, so hoffen die Funktionäre, seiner Sportart in Deutschland neuen Schub verleihen. Doch der Profi aus Mettmann hat längst einen anderen Plan - er sucht die Herausforderung in den Vereinigten Staaten.
Der Parkettboden funkelt, es läuft gedämpfte Loungemusik. Die Gäste im großen Saal der BMW Welt in München tragen dunklen Anzug, manche mit Einstecktuch in der Sakkotasche. Auf einem Podest stehen drei weiße Ledersessel. Der Moderator sagt: "Lassen Sie uns unseren Helden mit einem heftigen Applaus begrüßen." Ein junger Mann mit beigefarbenem Pulli und verwaschener Jeans betritt die Bühne. Martin Kaymer, 25, Golfprofi, Nummer fünf der Weltrangliste, wirkt, als hätte er sich hierher verlaufen, auf diesen Empfang, zwischen all den feinen Leuten. Er setzt sich in einen der Sessel und lächelt, beantwortet ein paar Fragen, so gut es geht.
Irgendwann will jemand wissen, was sein großer Major-Sieg neulich in den USA denn eigentlich genau bedeute für ihn, für Deutschland? Kaymer überlegt, zuckt mit den Schultern. Da müsse er selbst "erst mal nachdenken", sagt er dann.
Mitte August gewann Martin Kaymer eines der wichtigsten Profi-Turniere, die PGA Championship im US-Bundesstaat Wisconsin. Kaymer gehört nun endgültig zu den besten Spielern der Welt, er wird in zwei Wochen beim Kontinentalwettkampf zwischen Europa und den Vereinigten Staaten, dem Ryder Cup, für das Europa-Team starten. Bernhard Langer, vor 25 Jahren der erste deutsche Major- Sieger, wurde nicht nominiert.
In Deutschland passiert nun das, was immer passiert, wenn einem jungen Talent etwas Außergewöhnliches gelungen ist. Funktionäre und Lobbyisten erhoffen sich von dem neuen Star einen Schub für den Sport. So war es im Tennis, als Boris Becker als 17-Jähriger erstmals in Wimbledon gewann. So war es in der Formel 1, als Michael Schumacher 1994 seinen ersten WM-Titel einfuhr. Im Fall von Kaymer hoffen nun die deutschen Golfer.
Die Frage ist allerdings, ob Kaymer dem deutschen Golf überhaupt einen Schub verleihen will.
Deutschland und der Golfsport - das war schon immer eine schwierige Geschichte. Noch immer gilt das Spiel hier als elitärer Zeitvertreib. Deshalb hat Golf nie wie in Großbritannien oder in den USA den Sprung zum Breitensport geschafft.
Es gibt jedoch ein Projekt, das den Golfsport hierzulande nach vorn bringen soll. Deutschland hat sich um die Ausrichtung des Ryder Cup 2018 beworben neben Spanien, Portugal, den Niederlanden und Frankreich.
Florian Bruhns, der Geschäftsführer des Deutschen Golf Verbands (DGV), hat sein Büro in Wiesbaden. Anrufer müssen damit rechnen, von seiner Sekretärin nach ihrem Handicap gefragt zu werden. Bruhns lehnt sich in seinem Stuhl zurück und faltet die Hände hinter dem Kopf. Er hat gute Nachrichten. "Rund 700 000 aktive Golfer spielen in 750 Golfclubs in Deutschland", sagt Bruhns. Das ist eine Vervierfachung innerhalb der vergangenen 20 Jahre. Dass ein Drittel der Golfanlagen bei einer Untersuchung 2008 stagnierende oder sinkende Mitgliederzahlen beklagten, erwähnt er aber nicht.
Bruhns hat einen Auftrag. Er muss die internationale Golfgemeinde davon überzeugen, dass Golf in Deutschland eine große Sache ist, prosperiert, ansonsten könnte es schwierig werden mit dem Zuschlag für die renommierte Veranstaltung. Im April 2011 fällt die Entscheidung.
Aber Bruhns ist optimistisch. Er sieht die Chancen gestiegen. Wegen Kaymer. "Ein Sechser im Lotto für unser Land" sei dessen Major-Sieg. Kaymer sei der Beweis für die funktionierende Förderarbeit in Deutschland. "Martin wurde von unserem Verband erfolgreich getragen", sagt Bruhns und wippt vor Freude im Stuhl.
Nun muss Bruhns nur noch dafür sorgen, dass auch Kaymer dies so sieht.
Martin Kaymer sagt: "Natürlich wünsche ich mir, dass Deutschland den Ryder Cup ausrichtet." Dann will er nicht mehr über das Thema reden. Er lässt sich nicht gern vereinnahmen.
Kaymer stammt aus Mettmann, einer Kleinstadt nahe Düsseldorf. Mit zehn Jahren begleitete er seinen Vater Horst das erste Mal in den heimischen Golfverein, drei Jahre später wurde er in den Leistungskader Nordrhein-Westfalens berufen. Kaymer spielte auch Fußball für die Jugend von Fortuna Düsseldorf. Mit 15 Jahren verbesserte er sein Handicap auf null, er entschied sich gegen den Fußball, machte Abitur und begann 2006 die Karriere als Golfprofi. 2008 gewann Kaymer in Abu Dhabi sein erstes großes Turnier.
"Das Schöne am Golfen ist, dass man nicht alles mit seinen Mitspielern oder dem Trainer diskutieren muss, keiner redet mir rein", sagt er.
Kaymer arbeitet seit zwölf Jahren mit dem Golftrainer Günter Kessler, 53, zusammen. Der ist Stützpunkttrainer in Nordrhein-Westfalen, trainiert dort 80 Jugendliche. Dass der Golfverband Kaymers Erfolg jetzt für sich reklamiert, darüber schmunzelt Kessler. Er ist keiner, der sich in den Vordergrund drängt, am liebsten wäre ihm, wenn die Herren in Wiesbaden von selbst merkten, dass sie sich falsch verhielten. Dann spricht er es doch aus. "Im DGV wird Verbandsgeschacher betrieben."
Kaymer verdankt seinen Erfolg der intensiven Betreuung Kesslers, der für seinen Schützling Trainer, Freund und Vertrauter zugleich ist. Kessler hatte immer ein Auge darauf, dass Kaymer auf dem Teppich bleibt. "Die meisten Talente scheitern in Deutschland daran, zu früh zu hoch gelobt zu werden", sagt Kessler.
Man kann die Laufbahn Kaymers mit der des Basketballers Dirk Nowitzki vergleichen. Nowitzki ging als 19-Jähriger aus Deutschland weg, um in der US-Profiliga zu spielen. Auch Kaymer hat sich früh in Richtung USA orientiert. Er lebt in Arizona mit seiner Freundin. Hier arbeitet er an seinem Abschlag und Finessen wie dem Rechts-links-Flug, einem Schlag mit Effet, den er "noch immer nicht im Schlaf" beherrsche. Sein Coach kontrolliert die Schläge in Neuss per Videoanalyse.
Je erfolgreicher Kaymer wurde, desto weiter entfernte er sich von Deutschland. Er ist jetzt deutlich öfter in Arizona als in Mettmann. In den USA ist Golf schon lange Volkssport, Turniere werden im Fernsehen live übertragen. Es gibt keine größere Herausforderung für Profis als Amerika.
Mit dem Gewinn der PGA Championship hat Kaymer sich die Spielberechtigung an der US-Tour für die nächsten fünf Jahre gesichert. Laut Kessler wird er in der kommenden Saison elf Turniere in Amerika spielen. Kaymer könnte zu einem der großen Helden des US-Golfsports werden. Nach seinem Major-Sieg durfte er an der Technologiebörse Nasdaq am New Yorker Times Square die Eröffnungsglocke läuten, danach wurde er in die Redaktion von "Sports Illustrated" eingeladen, einer Sportzeitung, die wöchentlich 21 Millionen Menschen lesen.
Die Fans in Amerika schätzen Kaymer nicht nur für sein Spiel, sondern auch für seine Disziplin. Er scheint gegen die Verlockungen der Branche immun zu sein.
Bis vor drei Jahren wurde Kaymer von seinem Vater gemanagt. Irgendwann bekam er ein Angebot vom Sportvermarkter IMG, jener Agentur, die das Saubermann-Image von Tiger Woods kreierte, das im Zuge einer Sexaffäre so krachend implodierte. Kaymer lehnte die Offerte des Branchenführers ab und entschied sich für den Manager Johan Elliot, der eine kleinere Agentur in Stockholm führt. "Schweden sind ruhig, gelassen, fleißig und dabei locker. Das passt zu mir", sagt Kaymer.
Elliot gibt sich als Gegner aggressiver Vermarktung. Er ist 38 Jahre alt und sieht aus wie das männliche Pendant zu Kate Moss. Er ist schlank, seine Gesichtszüge sind zart wie die eines Kindes, er bewegt sich elegant. "Es gibt keinen Masterplan, nach dem ich Martin forme", sagt Elliot, an Kaymer schätze er dessen bodenständige und unprätentiöse Art.
Kaymers Sponsorenverträge sind für einen Weltranglistengolfer bislang überschaubar. In diesem Jahr soll er rund zwei Millionen Euro verdient haben. Tiger Woods nahm während seiner Glanzzeit rund hundert Millionen Dollar pro Jahr ein. Bislang sorgte Elliot dafür, dass das Privatleben seines Klienten nicht in der Öffentlichkeit ausgebreitet wurde.
Schwer zu sagen, ob das so bleibt.
Nach dem Major-Sieg in Wisconsin entstand ein irritierendes Bild. Nach der Siegerehrung stemmte Elliot gemeinsam mit Kaymer den zwölf Kilogramm schweren Wanamaker-Pokal in die Luft. Kaymer strahlte, Elliot strahlte. Das Foto wurde auf der ganzen Welt abgedruckt, und seither diskutieren Golffans in Internetforen, ob Elliot womöglich seine Bescheidenheit abgelegt habe, ob man sich Sorgen machen müsse um Martin Kaymer.
Dirk Schimmel fährt sich mit der Hand durch die gegelten Locken. Der Medienagent hat eingeladen zu einer Vernissage in ein Modegeschäft auf der Düsseldorfer Königsallee, es ist Freitagabend. Schimmel gehört neuerdings zu Kaymers PR-Beratern. Elliot, Kaymers Manager, hat Schimmel ins Team geholt. Schimmel soll sich um die "öffentliche Wirkung" Kaymers kümmern.
Am Sektempfang steht Ansgar, der Böse aus "Verbotene Liebe". Die ausstellende Künstlerin räkelt sich zwischen Isabel-Marant- und Juicy-Couture-Kleidchen auf einer Couch.
"Der Martin ist ja noch ein scheues Reh. Den müssen wir jetzt erst mal step by step entwickeln", sagt Schimmel. Seine erfolgreichste Entwicklung der letzten Jahre ist die ehemalige Talkmasterin Sabine Christiansen. Eigentlich wolle er nicht mehr mit Sportlern zusammenarbeiten, sagt Schimmel, die Fernsehbranche interessiere ihn mehr. Aber bei Kaymer mache er noch mal eine Ausnahme.
"Er ist jung, das ist Wahnsinn." Schimmels Stimme überschlägt sich. "Sollte es gut laufen, wird der Junge 20 Jahre Pro-Tour spielen."
Martin Kaymer ist nicht auf der Vernissage. Er interessiert sich nicht für B-Promis und Cocktailkleider. Er hat sich durch den Regen im holländischen Hilversum gekämpft. Es ist der zweite Turniertag bei den KLM Open. Kaymer wird am Ende mit vier Schlägen Vorsprung gewinnen. Sein dritter Turniersieg in dieser Saison, der siebte insgesamt.
Kaymer sagt, die größte Gefahr für einen Golfspieler sei, den "Hunger auf Verbesserung" zu verlieren.
Dann fliegt er nach Amerika.
Von Cathrin Gilbert

DER SPIEGEL 38/2010
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