20.09.2010

Anonyme Aggression

In den Meinungsforen großer Online-Portale sorgt der Fall Sarrazin für einen heftigen Ansturm verbaler Exzesse.
Normalerweise sind die Reizthemen in Online-Foren großer Medien-Webseiten von sueddeutsche.de über SPIEGEL ONLINE bis zu faz.net andere: Hartz IV, Islam, Nahost, USA. Aber seit Sarrazin beobachten viele Redaktionen einen selten zuvor erlebten Schub an verbalen Exzessen.
Die Tonalität ist oft die gleiche, nur die Einstellung eine andere: Extreme Sarrazin-Hasser tummeln sich eher bei liberalen Medien, extreme Befürworter (und dann auch Ausländerhasser) bei konservativeren.
Gefährlich wird's vor allem, wo die Meinung ungefiltert ins Netz schwappt. Wolfgang Blau, Chefredakteur von Zeit Online, findet deshalb, beim Thema Sarrazin müsse man besonders sensibel moderieren - rund um die Uhr. "Man kann ja auch den Bundestag nicht über Nacht für alle Passanten geöffnet lassen und glauben, dass dort dann ohne Moderation zivilisiert debattiert würde."
Ähnlich vorsichtig ist Kai Gniffke geworden, Chefredakteur von ARD-aktuell. Im "Tagesschau"-Blog müsse der Name Sarrazin "nur in der Überschrift auftauchen, schon geht eine Riesendiskussion los. Auch wenn es im Beitrag eigentlich um etwas anderes geht".
Der Polit-Blogger und Ex-Chefredakteur ("Bild am Sonntag") Michael Spreng will sich den Tort nicht mehr antun: Statt die Kommentare zu seinen Beiträgen zensieren zu müssen, schloss er kurzerhand die Debattenfunktion zum Sarrazin-Komplex. "Mein Blog wurde von Rechtsextremen und Antisemiten überschwemmt. Ich will nicht, dass das mit meinem Namen verbunden durchs Netz schwirrt", sagt Spreng.
Sueddeutsche.de lässt seine Leser zwar weiterkommentieren, mochte aber etwa jeden zehnten Beitrag nicht freigeben, so krass und inakzeptabel sei die Wortwahl gewesen. In den nicht freigeschalteten Kommentaren war vom "Nazi-Sarrazin" die Rede, es gab die Empfehlung, der umstrittene Buchautor solle sich "sein Bärtchen auf Nasenbreite stutzen", ein anderer blökte: "Tuerken bummsen ihre kusinien und treiben sich auf der strasse rum und deswegen lernens nie gscheit deidsch!"
"Das einfachste Mittel, um aufzufallen, ist die Polemik, die Zuspitzung, die anonymisierte Aggression, die so sehr über die Stränge schlägt, dass sich andere genötigt fühlen, Stellung zu nehmen", sagt Bernhard Pörksen, Medienwissenschaftler an der Universität Tübingen. Aber kann das die post-sarrazinsche Schlammflut erklären? Über Web-Seiten und Blogs aus dem rechten Spektrum wird derzeit gezielt zu Kommentarattacken auf die Foren größerer Medien aufgerufen. "Unsere Moderatoren lesen da auch mit, um noch schneller reagieren zu können", sagt Atila Altun, Leiter der Community-Redaktion von tagesspiegel.de.
Derweil hat sich stern.de schon von der Debatte zurückgezogen: Im August entschied man, die Kommentarfunktion komplett zu kappen. "Egal, wie viel Aufwand wir auch betrieben haben: Im Schutz der Anonymität haben sich immer ein paar Irre ausgetobt und damit auch die seriösen Kommentierer verschreckt. Das lässt sich überall im Netz beobachten", rechtfertigt stern.de-Chefredakteur Frank Thomsen den zunächst vorübergehenden Schritt. Leser könnten nun auf den Facebook-Seiten des News-Portals diskutieren. "Weil die Leute dort unter ihrem Klarnamen posten, geht es erheblich gesitteter zu."
Bei Ebay bot Mitglied "Meinungsfreiheit" zuletzt die Domain thilo-sarrazin-hat-recht.de an. Gepriesen wird sie als "Plattform, die für sich selbst spricht". Sofort-Kaufpreis: 9999 Euro.
Von Martin U. Müller

DER SPIEGEL 38/2010
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