27.09.2010

GEHEIMDIENSTEVon Mielke zu Merkel

In einer Geheimoperation überführte die Kohl-Regierung einstige Stasi-Kryptologen in den Westen. Sie entwickeln heute geheime Chiffriertechnik für Bundesregierung und Nato.
Wenn Ralph W. in Berlin-Adlershof zu seinem Arbeitsplatz geht, kommt er jeden Morgen an seiner eigenen Vergangenheit vorbei. Der kleine Museumsraum im Erdgeschoss wirkt wie die Kommandozentrale des Klassenfeindes in alten James-Bond-Filmen. Dort stehen Verschlüsselungsgeräte aus mehreren Jahrzehnten, ein grünes Blechungetüm in der Größe eines Kühlschranks etwa, die T-310, mit der DDR-Behörden ihre Fernschreiben verschlüsselten.
Das Gerät war der Stolz der Stasi, für die W. einst gearbeitet hat. Heute ist W. Kryptologe bei der Rohde & Schwarz SIT GmbH (SIT). Er und seine Kollegen beschäftigen sich damit, sensible Informationen so zu verschlüsseln, dass nur Befugte sie lesen oder hören können. Ihre wichtigsten Kunden sind die Nato und die Bundesrepublik.
Rohde & Schwarz ist so etwas wie ein inoffizieller Hoflieferant des Bundes. Das Unternehmen entwickelt unter anderem abhörsichere Mobiltelefone für den Amtsgebrauch. Seit 2004 ist die Tochterfirma SIT "Sicherheitspartner" des Bundesinnenministeriums, das erst unlängst einige tausend Verschlüsselungseinheiten für Handys orderte, zu rund 1250 Euro das Stück. Auch die Bundeskanzlerin telefonierte schon mit Krypto-Handys von SIT. Aus Mielkes Chiffrierern sind Merkels Chiffrierer geworden.
Der Wechsel von der Stasi in die Bundesrepublik lief so zügig wie diskret - niemand sollte von der Integration der besten DDR-Kryptologen in den Westen erfahren. Die Geheimoperation der Bundesregierung blieb bis heute unbekannt.
An der Aktion, die im Bundesinnenministerium in Bonn geplant wurde, war nur eine Handvoll Beamter beteiligt. Am Ende entstand im Januar 1991 die Rohde & Schwarz SIT GmbH, gegründet vor allem aus einem Grund: als Auffanggesellschaft für besonders versierte Stasi-Kryptologen, die nach dem Willen der Bonner Regierung in Schlüsselpositionen bleiben sollten.
Fachleute wie Ralph W. zum Beispiel. Am 1. September 1982 hatte der promovierte Mathematiker seine Verpflichtungserklärung unterzeichnet, zuletzt zahlte ihm das Ministerium für Staatssicherheit 22 550 Ostmark jährlich für seine Dienste. Bei seiner Beförderung zum Hauptmann im Juni 1987 urteilte sein Vorgesetzter, W. gehöre zu den "leistungsfähigsten Genossen des Kollektivs". Seine Stasi-Abteilung XI nannte sich selbstbewusst auch "Zentrales Chiffrierorgan" (ZCO).
Die Geschichte führt in die aufregenden Tage der ostdeutschen Revolution zurück, ins Jahr 1990. Offiziell hatte die DDR-Regierung unter Hans Modrow ein staatliches Komitee zur Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit eingesetzt, das dann dem neuen Innenminister Peter-Michael Diestel unterstellt wurde. Tatsächlich mischte die Bundesrepublik aber in besonders sensiblen Fragen entscheidend mit. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) hatte seinen Staatssekretär Hans Neusel und den damaligen stellvertretenden Abteilungsleiter Eckart Werthebach beauftragt, sich um die besonders brisanten Altlasten aus 40 Jahren deutsch-deutschem Geheimdienstkrieg zu kümmern.
Der Kohl-Regierung ging es nicht nur um den politischen Sprengstoff, den manche Akten der Stasi enthielten, sondern auch um interessante Persönlichkeiten des Mielke-Ministeriums. Die Kryptologen rangierten weit oben: Wer gute Codes entwickeln kann, kann sie auch brechen. Die Stasi-Leute waren für beides ausgewiesene Spezialisten.
Aus Dokumenten der Stasi-Unterlagen-Behörde geht hervor, dass die Kryptologen unter anderem die bis in die achtziger Jahre hinein gebräuchlichen Vericrypt- und Cryptophon-Standards gebrochen hatten - und damit verschlüsselte Funksprüche von Verfassungsschutz, BND und Bundesgrenzschutz dechiffrieren konnten. Sogar BND-Befehle an die Untergrundtruppe "Gladio", die im Ernstfall unter feindlicher Besetzung operieren sollte, kamen in Ost-Berlin im Klartext an.
So ein Fachpersonal durfte keinesfalls auf den freien Markt kommen, das war die Direktive aus Bonn. Die Vorstellung, dass Spezialisten, die sich über Jahrzehnte mit bundesdeutschen Chiffriertechniken befasst und die Codes entschlüsselt hatten, in Länder des Nahen Ostens wie Syrien überlaufen könnten, war ein Alptraum. Dort konnte der BND größtenteils problemlos mitlauschen; das sollte sich durch mögliche Stasi-Überläufer nicht ändern. Zudem hoffte man auf Durchbrüche in Regionen, in denen man selbst nicht weiterkam. Die Stasi-Experten mussten deshalb gebunden werden, notfalls auch mit unkonventionellen Methoden.
Die Bonner Ministerialen holten sich Rat bei einem Experten. Otto Leiberich, ein promovierter Mathematiker und Kryptologe, der seit Mitte der Siebziger die entsprechende Abteilung beim BND leitete, das Gegenstück zum ZCO der Stasi. Leiberich wurde Teil der Geheimoperation, er sollte die MfS-Experten fachlich beurteilen.
Leiberich erinnert sich noch lebhaft an seine erste Dienstreise nach Hoppegarten bei Berlin. Einer der vortragenden Ost-Kryptologen habe die West-Delegation als "Genossen" begrüßt, amüsiert er sich noch heute. Er sei vom Können der Experten beeindruckt gewesen: "Das waren herausragende Mathematiker, die sich persönlich nichts haben zuschulden kommen lassen."
Am liebsten hätte Leiberich sie eingestellt, allen voran den bisherigen "Chef-Entzifferer" der Stasi, den ZCO-Abteilungsleiter und Kettenraucher Horst M. Der 1937 geborene, hagere Mann mit der Hornbrille hatte einst die Ost-Berliner Humboldt-Universität besucht und sie als Diplom-Mathematiker verlassen. Ansonsten interessierte sich der Westen vor allem für jüngere Leute, von denen man sich für das anbrechende Computerzeitalter viel erhoffte.
Leiberich hätte die Verstärkung gebrauchen können, denn 1990 war die westdeutsche Zentralstelle für Chiffrierwesen aus dem BND herausgeschnitten und per Bundesgesetz das neue "Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik" (BSI) ausgegründet worden. Leiberich wurde der erste Präsident, seine Mannschaft bestand zum Großteil aus ehemaligen Geheimdienstkollegen.
Staatssekretär Neusel verwarf die Idee als zu heikel. Zum einen hatte die Regierung beschlossen, belastete Funktionäre der Staatssicherheit nicht in den Beamtenapparat der Bundesrepublik zu übernehmen. Zum anderen galt für die Geheimdienste ein "heiliger Grundsatz", wie sich ein Beteiligter erinnert: "Kein Mann vom MfS in die westdeutschen Geheimdienste." Zu groß war die Angst vor Verrätern.
Es half auch nichts, dass das Zentralorgan für Chiffrierwesen formal noch schnell ins Innenministerium der DDR ausgegliedert worden war. Das Bundeskabinett hatte entschieden, auch keine Innenministerialen der DDR in Bundesbehörden zu übernehmen.
Aber die freie Wirtschaft hatte keinen solchen Beschluss, eine kreative Lösung musste her, und dafür war niemand so geeignet, wie Hermann Schwarz, einer der beiden Gründer von Rohde & Schwarz.
Das 1933 gegründete Unternehmen für Funk-, Mess-, und Sicherheitstechnik war abhängig von öffentlichen Aufträgen und ein zuverlässiger Lieferant für westdeutsche Sicherheitsbehörden. Zudem hatte Schwarz ein Herz für den Osten. Er hatte 1931 in Jena promoviert und dort auch seinen späteren Firmenkompagnon Lothar Rohde kennengelernt.
Doch mit dem eigenen Firmennamen als Tarnung für eine Stasi-Connection herzuhalten - das schien dem damals schon hochbetagten und inzwischen verstorbenen Schwarz zu heiß. Man habe den Unternehmer regelrecht bearbeiten müssen, sagt ein Kenner des Vorgangs: "Schwarz hatte eine Riesenangst, dass das eines Tages publik wird."
Der Unternehmer ließ sich schließlich doch noch überzeugen, wobei auch die Aussicht auf zusätzliche Forschungs- und Bundesaufträge geholfen haben dürfte, die dann auch in Fülle eintrafen.
Die Frage, wer in die Tarnfirma übernommen werden sollte, entschieden am Ende BSI-Präsident Leiberich und eine Oberregierungsrätin aus dem Bundesinnenministerium. Der ehemalige MfSAbteilungsleiter Horst M. wechselte nahtlos zu SIT in die Marktwirtschaft, seine Frau fing als Sekretärin an. Ralph W., damals in seinen Dreißigern und acht Jahre bei der "Firma", passte genauso in dieses Wunschprofil, wie seine alten und neuen Kollegen Wolfgang K. und Volker S. Insgesamt bekamen rund ein Dutzend ehemalige Stasi-Kollegen die Chance auf eine zweite Krypto-Karriere in der Bundesrepublik, vorwiegend Mathematiker.
Der Bund half, wo er konnte, nur unauffällig sollte es sein. Den Unternehmenssitz hatte SIT einst in Grünheide in Brandenburg, in einem ehemaligen Kinderheim des Ministeriums für Staatssicherheit.
Wie konspirativ selbst innerhalb der westdeutschen Sicherheitsgemeinde die Operation abgewickelt wurde, zeigt eine Episode aus den neunziger Jahren. Der BND brauchte einen "D-Kanal-Filter", einen Vorläufer einer Firewall, der Kommunikationsnetze schützen sollte, das zuständige BSI von Leiberich sollte sich kümmern. Doch die Arbeiten übernahm SIT, und die Pullacher wurden hellhörig. Eine Privatfirma sollte die Computer des deutschen Auslandsgeheimdienstes schützen? Das sei "schon okay", bekamen die BND-Leute als Antwort. Das BSI trage für SIT die Verantwortung.
Für Rohde & Schwarz wurde aus dem Sorgenkind im Brandenburgischen bald eine Erfolgsgeschichte. Unter anderem übernahm SIT die Krypto-Sparte von Siemens, mittlerweile arbeiten rund 150 Mathematiker, Ingenieure und Informatiker an drei Standorten für die Firma, die sich stolz "bevorzugter Lieferant von Hochsicherheits-Kryptografie" für die Nato nennt und Geräte bis zur höchsten Geheimhaltungsstufe "Cosmic Top Secret" im Sortiment hat. Die SIT-Lösung Elcrodat ist Nato-Standardausrüstung in U-Booten, Fregatten und Militärhubschraubern und sichert dem Unternehmen seit Jahren Millionenaufträge. Rohde & Schwarz möchte sich zu diesem, dem unbekannten Teil seiner Unternehmensgeschichte nicht äußern.
Die Bundesregierung zeigte sich für die Unterstützung bei der Operation nicht nur mit Aufträgen erkenntlich. Werthebach verlieh dem früheren Geschäftsführer von SIT, einem leitenden Angestellten von Rohde & Schwarz aus dem Westen, für seinen Einsatz in einer feierlichen Zeremonie in der Villa Hammerschmidt das Bundesverdienstkreuz.
Von Marcel Rosenbach und Holger Stark

DER SPIEGEL 39/2010
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