27.09.2010

FOTOBÄNDE„Ich bin der Typ, der weint“

SPIEGEL: Herr Schapiro, Ihre Ausstellung mit Aufnahmen aus dem Film "Der Pate" haben Sie soeben in Stockholm eröffnet, ein Buch mit Bildern aus "Taxi Driver" erscheint in diesen Tagen - Sie waren oft als "Special Photographer" bei Dreharbeiten zugegen, als berühmte Filme entstanden. Wie ist es, wenn solch ein Meisterwerk entsteht?
Schapiro: Man spürt eine eigenartige Konzentration und Intensität. Wissen Sie, ein Film ist Zusammenarbeit, und irgendwie wurden alle davon angesteckt, für mich war das eine tolle Erfahrung, eine Ehre.
SPIEGEL: Wie kamen Sie dazu?
Schapiro: Ich war ursprünglich Reportage-Fotograf, ganz gut vernetzt mit Blättern wie "Life" und "Look". Mein Job: das Cover. Und so kam ich zu den Dreharbeiten von "Chinatown" oder "Der Pate", begegnete Genies wie Francis Coppola.
SPIEGEL: Woran erkannten Sie sein Genie?
Schapiro: Tausend Faktoren! Aber entscheidend war vielleicht die Fähigkeit, absolut präzise zu planen und dennoch zu improvisieren. Zum Beispiel die Sache mit der Katze …
SPIEGEL: Katze?
Schapiro: Beim ersten Teil vom "Paten" gibt es diese Szene, in der Marlon Brando als Vito Corleone in seinem Büro sitzt. Das drehte Francis, und irgendwie war eine Katze ständig am Set, schlich da herum, vielleicht war sie auf Mäusejagd, jedenfalls sagte jemand halblaut: "Scheuch mal einer dieses verflixte Viech weg!", und Francis hörte das - er ließ sich die Katze bringen und gab sie Marlon Brando, und die Szene, in der der mächtige Don Vito die Katze streichelt, während er sein Reich regiert, war viel intensiver. Zu solchen Beobachtungen hatte ich Zeit, ich durfte ja nur zu gewissen Zeiten knipsen.
SPIEGEL: Wie viele Bilder machten Sie von einem Film?
Schapiro: Ich drückte während der Dreharbeiten ungefähr 2000-mal den Auslöser, davon waren etwa 350 Bilder gut. Und von denen waren vielleicht 50 oder 100 ikonografisch. Es war eben auch die große Zeit des amerikanischen Kinos.
SPIEGEL: Sie sprechen von der Vergangenheit?
Schapiro: Die meisten Filme, die heute in Amerika entstehen, sind mir zu laut, zu platt, Explosionskino, eine Computer-Animation folgt der nächsten.
SPIEGEL: Warum ist das so?
Schapiro: Weiß ich nicht, angeblich ist die Aufmerksamkeitsspanne so geschrumpft. Wenn nicht alle fünf Sekunden eine Riesenwelle kommt, hat der Film keine Chance, heißt es.
SPIEGEL: Sie gehen aber noch ins Kino?
Schapiro: Klar! Aber wissen Sie, früher ging ich ins Kino, weil ich mich berühren lassen wollte von der Story, ich bin der Typ, der im dunklen Saal weint. Heute passiert das seltener.
Steve Schapiro, Paul Duncan (Hg.): "The Godfather Family Album". Taschen-Verlag, Köln; 528 Seiten; 49,99 Euro. Steve Schapiro, Paul Duncan (Hg.): "Taxi Driver". Taschen-Verlag, Köln; 328 Seiten; limitierte und signierte Ausgabe, 500 Euro.

DER SPIEGEL 39/2010
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