27.09.2010

EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTEMeister des Nichts

Wie ein Inder nur von Luft und Licht lebt
Als Mr. Gupta erfuhr, dass der heilige Mann in der Stadt sei, war er erst erschrocken, dann aber war er wütend und entschlossen, gegen ihn zu kämpfen. Er griff zum Telefon. Er würde Mitstreiter brauchen.
Sunil Gupta, 47 Jahre alt, ist Geschäftsmann, in Ahmedabad, einer Millionenstadt im Nordwesten Indiens. Er ist ein Gentleman, sanftmütig, er hat gern einen Kugelschreiber in der Hemdtasche und Prinzipien in seinem Leben. Die Gurus seiner Heimat, ihre Legenden, der Aberglaube, den sie verbreiten - das alles findet er widerlich, rückständig. Gupta, Vernunftmensch, kämpft für ein modernes Indien, für Wissenschaft und Wahrheit, ja, sie haben sogar einen Verein, die Gujarat Mumbai Rationalist Association, deren Ortspräsident er ist.
Gupta recherchierte: Der heilige Mann, Prahlad Jani, war gegen neun Uhr morgens eingetroffen, seine Anhänger hatten gemeint, er werde sich aus einer leuchtenden Wolke materialisieren, aber das stimmte nicht, er kam mit dem Auto. Vorm Haupteingang des Sterling-Krankenhauses warteten seine Anhänger, hysterisch-verzückt, eine Delegation der Ärzte kam herunter und empfing mit Verneigungen und Namaste-Grüßen den ehrwürdigen Mann - Prahlad Jani, 81-jährig, klein, zart, 42 Kilo, gewandet in ein rotes Hemd, das kosmische Zeichen auf der Stirn.
Prahlad Jani wurde dann aufs Zimmer geführt, zwei Videokameras waren in Raum 712 installiert, ein Metallbett, eine geblümte Decke, alles war bereit, hieß es, bereit für die strengen ärztlichen Tests, die 14 Tage lang an Prahlad Jani durchgeführt werden sollten - weil er ein menschliches Weltwunder sei, möglicherweise. Denn Prahlad isst nichts, trinkt nichts, er pinkelt nicht, er hat keinen Stuhlgang, seit 65 Jahren. Das behauptet er, das glauben seine Anhänger. Und Tests sollten das Rätsel oder Wunder klären.
Als Mr. Gupta, Kämpfer für Wissenschaft und Wahrheit, von der Pressekonferenz erfuhr, war er entsetzt. Der Fall habe durchaus nationale Bedeutung, so hatten es die Ärzte zu Protokoll gegeben - wenn man nämlich das Geheimnis lüfte, wie ein Mensch ohne Flüssigkeit und Nahrung überleben könne, jahrelang, könne man wahrscheinlich den Welthunger besiegen, Kriege gewinnen; Regierungsstellen seien hoch interessiert.
Die Leute hier, sagt Mr. Gupta, sind verrückt nach Märchen. Und jeder kann sein eigenes Märchen entwerfen, kann es bunt ausmalen und leben.
Prahlad Jani wurde unweit von Ahmedabad geboren, im Dorf Charada. Die Familie war arm, der Vater arbeitete als Koch, die Mutter schuftete auf dem Feld. Sechs Kinder, jedes Kind durfte genau drei Jahre zur Gujarati Primary School, Prahlad Jani lernte dort seinen Namen schreiben, sein Dasein schien vorgezeichnet.
Bis ihn eine Göttin besuchte.
Anzunehmen, dass Prahlad Jani eines Tages mehr wollte als ein Dasein knapp am Existenzminimum. Anzunehmen, dass er sich Beistand herbeiphantasierte. Jedenfalls habe er an seinem 16. Geburtstag göttlichen Besuch bekommen, so seine Legende.
Die indische Götterwelt ist, bei allem Respekt, unübersichtlich. 330 Millionen Gottheiten, Semi-Götter, Exzentriker, Dämonen, Avatare, Büffel, Ratten, Elefanten, Zaubertränke, kosmische Tänze. Die Theologie ist ein Supermarkt der Mythen, und man weiß nicht, wer Verkäufer ist, Kunde, Ware.
Die Göttin Durga erschien Prahlad Jani in einem weißen Licht und berührte seine Zunge. Von da an habe er keinen Hunger mehr verspürt. Bald gründete er seine Sekte, holte die Familie ins Geschäft; Jahrzehnte später ist daraus ein florierendes Unternehmen geworden. Er spendet als Guru Segen, Kranke und Bedürftige kommen und zahlen; es gibt inzwischen einen Tempel mit viel Marmor, Goldfarbe, Klimaanlage. Für Gupta ist klar, warum Prahlad Jani solch eine Story erfand: Der Mann wurde reich und berühmt.
Die Ärzte kamen zu dem Ergebnis, dass Prahlad Jani 14 Tage und Nächte hindurch nichts zu sich genommen, nicht uriniert habe. Gupta und seine Mitstreiter von der Association schlugen vor, den Test zu wiederholen, unter eigener Aufsicht, mit eigenen Ärzten. Die Ärzte des Krankenhauses gaben Interviews, was das Zeug hielt, und ließen gern durchblicken, dass an der Sache "irgendwie etwas Wunderbares" dran sei.
So ist Indien, sagt Gupta, er klingt erschöpft.
Er und seine Mitstreiter hatten am Ende sogar ein paar Augenzeugen aufgetrieben, die Prahlad Jani in der Vergangenheit beim Trinken und Rauchen ertappt hatten - aber niemand wollte davon hören, selbst wenn es die Wahrheit war, sie war glanzlos. So ging die Geschichte von Prahlad Jani als exotische Sensation um die Welt, zu Guptas Kummer. Und die kleinen Leute aus den Slums, den Dörfern hielten fest an dem tröstlichen Märchen und am Meister des Nichts.
Von Ralf Hoppe

DER SPIEGEL 39/2010
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EINE MELDUNG UND IHRE GESCHICHTE:
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