27.09.2010

INTEGRATIONEinmarsch der Italiener

Rund tausend Gastarbeiter bauen seit Monaten eine Pipeline entlang der Oder. Doch von Völkerverständigung keine Spur: Der Uckermärker wahrt Distanz.
Zu Beginn war sich Elke Knie nicht sicher, ob sie das überhaupt machen sollte. Bekannte hatten abgeraten. Ihre schönen Ferienwohnungen an Fremde vergeben, an Ausländer? Mitten in ihrer schönen Uckermark? Nur zögernd unterschrieb die Bauersfrau den Mietvertrag, Laufzeit: eineinhalb Jahre.
Nun wohnen die drei Italiener schon seit sechs Monaten in Knies Unterkünften und sorgen noch immer für Aufsehen in Kerkow, einem Angerdorf am Rande der Schorfheide. Denn Antonio Disanto und seine beiden Kollegen kamen nicht zur Erholung in die Hügel der Uckermark, von Tourismuswerbern auch als "Toskana des Ostens" vermarktet. Sondern um zu arbeiten und so ein bisschen Aufschwung in die Region zu bringen.
So wie Kerkow ergeht es derzeit etlichen der entlegenen, schwach besiedelten Landstriche im Osten, die normalerweise mit hoher Arbeitslosigkeit zu kämpfen haben. Knapp tausend Italiener bauen hier für den Rohrbauer Ghizzoni aus der Nähe von Parma eine Erdgasleitung, von Greifswald an der Küste bis an die Südgrenze Sachsens, die Verlängerung der Ostsee-Pipeline auf dem Lande. Ab Herbst 2011 soll sie Gas aus Sibirien bis nach Tschechien pumpen.
In der Uckermark und Umgebung gibt es deshalb jetzt ein kleines Wirtschaftswunder - und eine ganz eigene Debatte um Migranten und Integration. Wie uckermärkisch, könnte die Leitfrage heißen, müssen Italiener sein, selbst wenn sie nur ein paar Monate bleiben?
Die Einheimischen sehen die Entwicklungshilfe von jenseits der Alpen mit gemischten Gefühlen. Einerseits sind sie froh über den Aufschwung durch die vielen Gastarbeiter, fast alle Ferienunterkünfte sind ausgebucht. "Für die Region ist es ein kleiner Hauptgewinn", sagt Ramona Fischer von der Kreisverwaltung.
Andererseits wollen die Fremden nicht so recht zur uckermärkischen Leitkultur passen, die zu nahezu 100 Prozent von deutschen Einwohnern geprägt ist.
Disanto, einer der Mieter von Elke Knie, stammt aus der süditalienischen Hafenstadt Bari und kam im vergangenen Herbst als einer der ersten Pipeline-Verleger ins Land. Er hat ein wenig Deutsch gelernt, aber so richtig warm ist der 31-Jährige mit der Region und ihren Bewohnern nicht geworden. "Wie kann man in einem Ort leben, wo die Menschen nur zu Hause hocken und selbst im Sommer abends um sieben niemand mehr auf der Straße ist?", fragt er und gestikuliert wild mit seinen Händen.
Auch Kontakt zu Einheimischen zu finden sei schwierig. Sie seien freundlich, aber distanziert, dazu komme die Sprachbarriere. "Hat hier eigentlich keiner, auch von den Jüngeren, richtig Englisch gelernt?", fragt sich Disanto.
Und was ist mit der Arbeitsmoral der Landbevölkerung? Wieso reden hier alle so oft von "Artze Vvvierrr"? Ist dieses Hartz IV wirklich besser als ein Job?
Dabei wurde das Integrationsexperiment in der Uckermark sogar von staatlichen Hilfen flankiert. Mit einer "Italienischen Woche" versuchte die Volkshochschule Templin Ende März, den Einheimischen die Kultur der Fremden zu vermitteln und sie mit den Gastarbeitern zusammenzubringen. Ein italienischer Koch zeigte, wie man Auberginen und Zucchini zu Antipasti verarbeitet. Ein Tanzlehrer versuchte, den Uckermärkern die Tarantella nahezubringen, einen feurigen Volkstanz aus Süditalien.
Gefruchtet hat das alles kaum - nicht nur, weil kaum Italiener zur "Tarantella-Party" erschienen. "Die Leute hier scheinen wahnsinnig festgefahren zu sein", sagt Antonio Epifania, Mitbewohner auf dem Bauernhof Knie.
Die Missverständnisse fangen im Straßenverkehr an, wo nun preußischer und italienischer Fahrstil aufeinandertreffen. Auch in den Supermärkten herrschen jetzt andere Sitten, abends sprechen die meisten Kunden Italienisch: schnell und viel und nicht wie sonst in der Region Deutsch, langsam und wenig. Viele von ihnen decken sich als Selbstversorger mit Pasta und Mozzarella ein, weil sie der Brandenburger Kost nicht trauen, sie ist ihnen zu schwer.
Womöglich hat die Distanz zueinander auch mit der Rollenverteilung im Arbeitsalltag zu tun. Die qualifizierten Jobs werden von Italienern besetzt. Sie dirigieren die 18 Meter langen Rohre, fügen sie mit speziellen Schweißautomaten zu mehreren hundert Meter langen Leitungen zusammen, die dann drei Meter tief in der Erde versenkt werden. Die Uckermärker stellen oft nur ein paar Hilfskräfte. Einheimische Facharbeiter sind rar, eine Entwicklung, die Demografen mittelfristig in ganz Deutschland erwarten.
So bleiben die Italiener auch nach Feierabend unter sich, treffen sich in ihren Unterkünften, oft auf dem Bauernhof von Familie Knie. Dann sitzen sie zusammen und diskutieren über die Deutschen.
Im Westen, in Kaiserslautern etwa, sei alles anders, sagt Epifania, 53, er hat dort schon einmal vor 20 Jahren gearbeitet. "Das war viel offener und lebendiger als in der Uckermark." Allerdings seien Italiener und Türken dort schon seit fast einem halben Jahrhundert heimisch.
"Hier sind die Menschen einfach nicht an Ausländer gewöhnt", sagt sein Kollege Stefano de Franceschi. Vielleicht liege das an der "kommunistischen Vergangenheit". In der DDR seien die Bürger "wohl immer unter sich geblieben".
Es ist ein milder Abend, auf dem Hof sitzen, keine 20 Meter entfernt, Elke Knie, ihr Mann und ein Freund aus dem Ort. Vor ihnen steht ein Grill, es gibt Bratwurst. Kontakt zu ihren Mietern habe sie kaum, sagt die Bäuerin, die seien "doch sehr zurückgezogen".
Von Andreas Wassermann

DER SPIEGEL 39/2010
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