27.09.2010

ITALIENTage der Angst

Drei Jahre nach seiner Entführung in Afghanistan legt der Kriegsreporter Daniele Mastrogiacomo ein Buch über seine Geiselhaft vor. Es ist ein einzigartiger Blick auf den Alltag der Taliban.
Da war die Stimme wieder, die er drei Jahre lang nur in seinem Kopf gehört hatte. Plötzlich, am frühen Morgen, war sie da, in seiner Wohnung, einfach am Telefon, 4700 Kilometer entfernt von dem Ort, an dem sich alles zugetragen hatte. "Kennst du mich noch, Daniele?", sagte die Stimme, "wir waren doch zwei Wochen zusammen in Helmand."
Daniele Mastrogiacomo, Kriegsreporter der italienischen Tageszeitung "La Repubblica", erkannte das schlechte Englisch sofort wieder. Es war Luthar, ein junger Talib, kaum 20 Jahre alt. Luthar, der die Videos gedreht hatte, in denen Mastrogiacomo die italienische Regierung anflehte, sein Leben und das seiner beiden afghanischen Kollegen zu retten. Luthar, der auch dann noch seelenruhig weiterdrehte, als sein Komplize den afghanischen Fahrer des Journalisten mit einem Messer köpfte.
Irgendwie hatte Mastrogiacomos Entführer die Nummer des italienischen Reporters ausfindig gemacht, und nun tat er, als verbinde die beiden ein Abenteuer, eine gemeinsame Gipfelbesteigung etwa, nicht aber eines der blutigsten Geiseldramen seit dem Einmarsch der westlichen Truppen in Afghanistan. Als Einziger hat Mastrogiacomo im März 2007 die 15-tägige Haft in der südafghanischen Provinz Helmand überlebt. Sein Fahrer und sein Dolmetscher wurden ermordet.
Als er zurückkam, war er ein anderer. Nachts warf er sich hin und her, weil er sich im Traum noch immer an Händen und Füßen gefesselt fühlte, im Restaurant achtete er auf jede Bewegung, die ihm verdächtig vorkam, manchmal verließ er wochenlang das Haus nicht.
Mastrogiacomo ist heute 56, blond, äußerlich ein bulliger Mann mit einer großen Nase und kantigen Wangenknochen, er trägt Jeans, Polohemd und ein ausgebeultes Sakko. Er schreibt wieder, vor allem über Afrika, nur nicht mehr über Afghanistan.
Es ist vor allem eine Geschichte von damals, die ihn bis heute aufwühlt, die Geschichte seines Freundes und Dolmetschers Ajmal Naqshbandi, erst mit Mastrogiacomo freigelassen und dann erneut gefangen genommen und am Ende, wie zuvor der Fahrer, enthauptet. Die Taliban wollten noch weitere Kämpfer aus dem Gefängnis freipressen. "In Wahrheit ließen uns die Entführer gar keine Zeit, über Naqshbandi zu verhandeln", sagt der damalige Außenminister und heutige Sicherheitsberater von Präsident Hamid Karzai, Rangin Dadfar Spanta, "sie töteten ihn noch vor Ablauf der Frist, er wusste zu viel über die Täter." Naqshbandis Ermordung löste in Afghanistan eine Welle der Empörung aus: Der Europäer wurde ausgetauscht, der Afghane nicht. Ist ein Afghane weniger wert als ein Ausländer?, fragten die Zeitungen in Kabul.
Über den Augenblick, als er mitten im Freudentaumel über seine Befreiung Gewissheit über Naqshbandis Tod erhielt, schreibt Mastrogiacomo in seinem Buch "Tage der Angst"(*): "Es war eine dieser Inszenierungen der Taliban, die wir schon während unserer Haft immer wieder erlebt hatten. Aus einem Fest wird ein Drama, dann kommt die Angst und schließlich die Trauer."
"Fühlen Sie sich schuldig?", fragen Journalisten Mastrogiacomo heute noch. Das schmerzt den Überlebenden.
Seine Erinnerungen schrieb er gleich nach der Rückkehr in nur drei Wochen nieder, wie eine Intensivtherapie sei das gewesen, sagt er. Entstanden ist ein Buch, das dem Leser den Atem raubt. Mastrogiacomo schildert, wie er und seine Begleiter in die Falle gerieten, wie er mit seinen Peinigern 15-mal das Versteck wechseln musste, dreckige Schafställe und Erdlöcher zumeist, aber auch, wie das Verhältnis zwischen Opfern und Tätern wechselte zwischen Phasen kumpelhafter Vertrautheit und solchen unfassbarer Brutalität.
Derselbe Mann, der seinem Fahrer Sayed Agha vor laufender Kamera die Kehle durchschnitt, forderte den Italiener am Morgen danach lächelnd zum gemeinsamen Sport auf. Die Entführer, die mit ihren Geiseln gerade noch über religiöse
Fragen und kulturelle Unterschiede bei Ehe und Erbrecht debattierten, peitschten sie Minuten später mit Gummischläuchen.
Mastrogiacomos Buch ist ein einmaliges Zeugnis über den Alltag der Taliban-Kämpfer. Ihre Guerilla-Trupps sind rastlos unterwegs, ein Leben unter Daueranspannung, trotzdem lachen die jungen Kämpfer viel, sie ahnen, dass sie jeden Augenblick sterben können, scheinen aber frei von Todesangst. Ihre Gewaltexzesse sind für sie kein Widerspruch zu ihrer Religiosität. Die fanatische Ablehnung von Nichtmuslimen, die sie als "unrein" betrachten, ist ein wesentlicher Bestandteil dieses Selbstverständnisses. Klar wird aus Mastrogiacomos Bericht auch, wie unmittelbar die Taliban den Anweisungen ihrer Führer folgen, die selbst kleinste Gruppen direkt über Mobiltelefon steuern.
Doch die Hintergründe von Mastrogiacomos Freilassung, die in Europa damals schwere Kontroversen auslösten, sind bis heute kaum bekannt und werden auch im Buch weitgehend ausgespart.
Wenige Tage vor seiner Befreiung hatte die Chefin des Krisenstabs des italienischen Außenamts Mastrogiacomos Chefredakteur Ezio Mauro zum Gespräch am Rande eines Treffens gebeten. Nach ihren Erkenntnissen hätten die Taliban seinen Reporter gerade getötet oder seien nun entschlossen, das zu tun. Falls er noch am Leben sei, müssten sie jetzt sofort handeln.
Wie weit aber darf sich ein Staat erpressen lassen? Gefordert hatten die Taliban zunächst den Rückzug des italienischen Militärs aus dem Isaf-Einsatz in Afghanistan, danach den Austausch von fünf besonders gefährlichen Taliban aus dem berüchtigten Gefängnis Pol-i-Charkhi bei Kabul.
Als zwei Jahre zuvor im Irak die italienische Journalistin Giuliana Sgrena entführt worden war, hatte der Chefredakteur geschrieben: "Es gibt eine Grenze, über die Verhandlungen nicht hinausgehen dürfen, wenn die Forderung der Erpresser die Demokratie und Sicherheit einer Nation untergräbt." Das Gleiche schrieb er nun, mit schwerem Herzen, über die Entführung seines eigenen Redakteurs.
Premierminister Romano Prodi rief in Kabul bei Präsident Hamid Karzai an, die beiden unterhielten ein besonders herzliches Verhältnis. Karzai prüfte die Namen der Gefangenen und stimmte dem Austausch schließlich zu - gegen den entschiedenen Protest der Amerikaner, der Briten und seines eigenen Außenministers. "Man rettet ein, vielleicht zwei Menschen und setzt danach eine endlose Kette von Entführungen in Gang", beharrt Spanta bis heute.
Die direkten Verhandlungen mit den Taliban führte schließlich der ehemalige Leiter des Notfallkrankenhauses in Lashkar Gah: Rahmatullah Hanefi gehörte in den neunziger Jahren selbst zu den Taliban, saß danach aber auch in einem ihrer Gefängnisse, weil er angeblich zu liberale Auffassungen vertrat - keine ungewöhnliche Karriere in Afghanistan. Er holte den Freigelassenen schließlich aus der Wüste ab.
Heute sitzt Daniele Mastrogiacomo auf der Terrasse des Caffè dell'Arte in Rom unter einem großen Sonnenschirm, es ist heiß, er nippt an seinem Espresso. Er sagt, er sei damals sicher gewesen, dass er sterben müsse. Er habe es sich bildhaft vorgestellt.
Er zeigt auf seine rechte Hand und erzählt, wie ihm die Taliban Ausweise und Wertsachen abnahmen, am Ende gar den goldenen Ehering vom Finger zogen. Darunter aber fanden sie eine Tätowierung, "ein Blutband", wie er es nennt, das ihn und seine Frau seit über 20 Jahren verbindet: "Das konnten sie mir nicht nehmen."
(*) Daniele Mastrogiacomo: "Tage der Angst. Entführt von den Taliban". Klett-Cotta Verlag, Stuttgart; 200 Seiten; 17,95 Euro.
Von Susanne Koelbl

DER SPIEGEL 39/2010
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