27.09.2010

KIRGISIENDas Rätsel von Osch

Mindestens 2000 Menschen kamen im Juni bei Unruhen um, seither herrschen Gewalt und Rechtlosigkeit. Jetzt soll Kirgisien die erste parlamentarische Republik Zentralasiens werden - Amerikaner, Russen und die Nachbarstaaten warnen. Von Erich Follath und Christian Neef
ZENTRALASIEN (1) Der Pamir, der Hindukusch und das Tianshangebirge, die Ströme Syr-Darja und Amu-Darja begrenzen ein Gebiet, in dem die Weltreligionen Islam und Christentum aufeinanderprallten, die Astronomie blühte, hervorragende Ärzte lehrten. Zentralasien ist einer der ewigen Brennpunkte der Weltgeschichte: Dareios I. und Alexander der Große, Dschingis Khan und Tamerlan hinterließen hier ihre Spuren. Herrscher, auf die später die britischen und russischen Kolonialmächte folgten, angetreten zum "Great Game", dem erbitterten Kampf um Bodenschätze und strategische Basen.
Das Große Spiel wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts vertagt. Aber bald drückte der Region ein noch brutalerer Diktator den Stempel auf: Josef Stalin zeichnete nach 1920 die Grenzen Zentralasiens neu. Er schuf fünf Sowjetrepubliken, zerschnitt traditionelle Handelsräume und Siedlungsgebiete. Sein Ziel war es, die muslimischen Völker zu schwächen und gegeneinander aufzuwiegeln, damit sie Moskau nicht gefährlich werden.
Die Saat des Hasses war gelegt, mit der Auflösung des Weltreichs brach er sich Bahn. Aus den sowjetischen Teilrepubliken wurden unabhängige Staaten, zerrissen von unnatürlichen Grenzen. Einen "eurasischen Balkan" hat der ehemalige amerikanische Präsidentenberater Zbigniew Brzezinski den Konfliktherd genannt - für den US-Politiker eine der strategisch wichtigsten Weltregionen.
Für die großen Mächte geht es jetzt in diesem Gebiet um Militärbasen im Krieg gegen die Taliban, um Öl- und Gas-Pipelines, um Rauschgiftprävention - einige der wichtigsten Routen für Heroin liegen dort, von Islamisten kontrolliert.
Deshalb erlebt die Welt jetzt eine Neuauflage des Großen Spiels, mit den früheren Akteuren Russland und Großbritannien sowie den neuen Spielern USA, China, Iran. Keines der Länder, die in ihrem Blickfeld liegen, ist stabil, fast überall herrschen exzentrische Diktatoren, die Korruption blüht, jeder liegt mit dem Nachbarn im Streit: Kirgisien ist nach mehreren Staatsstreichen und ethnischen Unruhen führungslos, das rohstoffreiche Kasachstan fühlt sich von China bedrängt, in Tadschikistan haben Islamisten ihren Kampf gegen das Regime wieder aufgenommen, und in der Baumwollrepublik Usbekistan wird die Opposition grausam verfolgt.
In einer neuen Serie wird der SPIEGEL die besorgniserregende Situation in Zentralasien beschreiben. Dort "könnte ein gewaltiges Unwetter heraufziehen", fürchtet der amerikanische Historiker Kenneth Weisbrode.
Die Sonne steht hoch über Osch, direkt über dem That-i-Suleiman, dem riesigen Felsen mitten in der Stadt, auf dem einst der biblische König Salomon gepredigt haben soll. Sie strahlt so unbarmherzig, dass die schneebedeckten Berge des Tianshan hinter einem Vorhang aus flimmernder Hitze verschwunden sind. Irgendwo ruft ein Muezzin.
Orientalische Idylle?
An diesem Morgen haben sie in einer der Moscheen von Osch, im Keller, mitten im Schutt, vier tote Mädchen gefunden. Ihre Körper waren vollständig verbrannt, bei einigen die Köpfe abgetrennt. Die Leichen waren in Teppiche gewickelt. Kirgisische Mädchen. Aus Osch. Wenig später wurden aus Andischan, einer Stadt im nahen Usbekistan, 13 Leichen gebracht, ein Kinderarzt war darunter. Auch diese Toten stammten aus Osch; sie waren, an den Händen gefesselt und ebenfalls furchtbar verstümmelt, den Fluss Ak-Bura hinab über die Grenze getrieben. Alle 13 - Kirgisen aus Osch.
Für die Männer und Frauen, die sich in dem Zeltstädtchen neben dem mächtigen weißen Gebäude der Gebietsverwaltung versammelt haben, ist der Fall klar: "Die Mörder waren Usbeken", sagt Gumira Alykulowa, eine 35-jährige Kirgisin. Jene ethnische Minderheit also, die in Osch die Mehrheit stellt. Der die meisten Märkte, Restaurants oder Ackerflächen gehören und die die Kirgisen, so glauben die aufgebrachten Leute, von hier verdrängen möchte.
Die kleine Zeltstadt ist seit den viertägigen blutigen Unruhen vom Juni dieses Jahres eine der Nachrichtenbörsen der Stadt. Eine kirgisische allerdings. Wer die andere Seite der Wahrheit hören will, muss zwei Kilometer weiter in usbekische Wohnviertel wie Schark fahren.
Schark sieht aus, als hätten feindliche Flieger einen Bombenteppich gelegt. Das Viertel ist komplett niedergebrannt, selbst von den Schulen stehen nur noch rauchgeschwärzte Grundmauern. Das waren die Kirgisen, sagen die Usbeken dort.
Über 370 Menschen sind laut offiziellen Angaben bei den Pogromen ums Leben gekommen, als die Kirgisen Usbeken jagten und die Usbeken Kirgisen. Es waren aber wohl mindestens 2000. Über 75 000 Menschen flüchteten nach Usbekistan. Die Welt war schockiert.
Was ist in Osch passiert? Warum antworten weder Bürgermeister, Provinz-, Polizei- noch Geheimdienstchef auf die Frage, wie das Morden begann? Warum meiden die Zeitungen dieses Thema?
Das Schweigen, das sich nach den sogenannten Ereignissen über Osch gelegt hat, macht den Menschen Angst - Bewohnern einer Stadt, die jahrhundertelang weltoffen war, ein Ort friedlichen Handels, Kreuzungspunkt an der legendären Seidenstraße.
3000 Jahre alt ist Osch, älter als Rom. Karawanen aus China zogen hier durch, auch Alexander der Große soll auf dem Weg nach Indien am That-i-Suleiman Station gemacht haben.
Seit Juni aber ist diese Stadt mit ihren 250 000 Einwohnern nur noch ein Schatten ihrer selbst. Der Vier-Tage-Krieg hat eine breite Spur aus Asche hinterlassen. Magistralen wie die Kirgisien-Straße sind verwüstet, alle Geschäfte auf der rechten Seite, Cafés, Restaurants, eine muslimische Klinik niedergebrannt. Die linke Seite ist unversehrt, dort wohnen Kirgisen.
Eine Version der Ereignisse geht so: Usbeken haben ein Wohnheim der Universität von Osch überfallen und kirgisische Studentinnen vergewaltigt. Das hat die Rache der Kirgisen ausgelöst.
Eine andere lautet: Die Vergewaltigungen hat es nie gegeben, die Unruhen sind gezielt provoziert worden.
Osch ist jetzt eine Stadt im rechtsfreien Raum. Jede Nacht, wenn die Straßen in pechschwarzer Dunkelheit liegen, regieren Männer in Camouflage-Uniformen ohne Schulterstücke, es sind Stunden der Rache und der Willkür. 3000 Usbeken sollen verhaftet worden sein, andere wurden entführt oder sind untergetaucht. Alle Usbeken wurden aus staatlichen Funktionen entlassen.
Es ist kein Provinzdrama, das sich hier abspielt. Osch ist zum Menetekel geworden. Für ein ganzes Land, aber vielleicht auch für eine ganze Region.
Die Pogrome waren eine Folge des jüngsten Machtwechsels in der Hauptstadt Bischkek: Im April hatten Demonstranten nach blutigen Protesten den korrupten Staatschef Kurmanbek Bakijew außer Landes gejagt. Die Regierung, die danach ins Amt gelangte, gibt es ebenfalls schon nicht mehr; Übergangspräsidentin Rosa Otunbajewa, früher Außenministerin, dann Oppositionelle, lenkt das Land mit Dekreten. Sie will am 10. Oktober ein Parlament wählen lassen, aber schon wird in Bischkek wieder demonstriert, wieder geht die Polizei mit Tränengas vor, wieder werden Andersdenkende verhaftet.
Kirgisien, die muslimische Bergrepublik mit ihren gerade 5,3 Millionen Einwohnern, ist unregierbar geworden. Das wäre eine Fußnote der Weltgeschichte, wenn dieses Land, in dem die Orte Toru-Aigyr oder Kurkurëu heißen und die Einwohner Momun oder Oroskul, nicht das Herz einer Region wäre, die den Mächtigen der Welt erhebliche Sorgen macht.
Es ist ein Abstieg von historischem Ausmaß, denn die Kirgisen waren im frühen Mittelalter die größte Macht Zentralasiens. Dann fiel Dschingis Khan über sie her, die Chinesen kamen, 1876 die Russen. Stalin zog die Grenzen der späteren Sowjetrepublik quer durch die Siedlungsgebiete von Kirgisen und Usbeken. Heute ist Kirgisien ein armes Land. Es exportiert Gold und Uran, aber das Durchschnittseinkommen liegt bei etwa 60 Euro monatlich.
Ein Staat ohne Führung ist ein idealer Rückzugsort für Extremisten und Kriminelle. Fundamentalisten, die gegen die Regierung im benachbarten Tadschikistan kämpfen, sammeln sich hier ebenso wie uigurische Aktivisten aus der chinesischen Unruhe-Provinz Xinjiang. Drogenhändler wiederum nutzen Kirgisien als wichtige Rauschgifttrasse - sie verläuft von Afghanistan direkt über Osch. Für die Großmächte ist dieses Land die gefährlichste Weichstelle der Region.
Aber auch sie brauchen das kleine Kirgisien. China will hier einen Teil seines Rohstoffhungers stillen. Moskau benötigt das Gebiet als Pufferzone gegen das Vordringen des fundamentalistischen Islam, und Amerika benutzt es als Nachschubbasis für seinen Krieg gegen al-Qaida und die Taliban. Chaos und Anarchie in Kirgisien sind das Letzte, was Amerikaner, Russen und Chinesen brauchen. Ausgerechnet dieses Land soll vor kurzem noch "die Schweiz Zentralasiens" gewesen sein, von der der Westen so gern schrieb?
Das schöne Bild vom demokratischen Gemeinwesen im Herzen Asiens geht auf den Physiker Askar Akajew zurück, der Kirgisien nach dem Zerfall der Sowjetunion führte - ein aufgeklärter Mann, der, anders als die Herrscher in Kasachstan, Turkmenistan und Usbekistan, nicht vorher schon kommunistischer Parteichef gewesen war. Er regierte mit einem Parlament, das seinen Namen halbwegs verdiente, mit Opposition und freier Presse. Seine Amtskollegen dagegen herrschten von Anfang an autoritär - in der Überzeugung, ihre über Nacht entstandenen Länder, in denen turk- und persischsprachige Völker, Russen, Koreaner und Chinesen auf engstem Raum nebeneinander leben, ließen sich anders nicht regieren.
Doch auch Akajew schnitt sich später die Verfassung zurecht und ließ zu, dass sich sein Familienclan bereicherte. Der ärmere Süden erhob sich gegen den reicheren Norden, 2005 wurde Akajew gestürzt. Nachfolger Bakijew machte dieselben Fehler, er hielt sich nur fünf Jahre.
Nach dem Umsturz vom April sollte nun alles anders werden. Die provisorische Regierung entwarf ein Grundgesetz nach deutschem Vorbild und ließ es sich per Referendum bestätigen. Die Rechte des Präsidenten wurden beschnitten, kein Amtsmissbrauch und keine Clanwirtschaft mehr, lautete die Parole. Nach der Wahl im Oktober wäre Kirgisien Zentralasiens erste parlamentarische Republik.
Aber da geschah der Massenmord von Osch. Seither ist Kirgisien paralysiert.
Ist ein bitterarmes Land, das alle paar Jahre als Trophäe an einen anderen feudalen Familienclan weitergereicht wird, reif für eine parlamentarische Demokratie? Kaum, sagen politische Beobachter. Ein Kirgisien, das nach westlichem Muster funktioniert, würde zur Gefahr für sie selbst, sagen auch die Nachbarn und bauen vorsorglich ihre Grenzen aus.
Russlands Präsident Dmitrij Medwedew sieht das kaum anders - ähnlich wie sein amerikanischer Kollege Barack Obama. Er befürchtet, die Wahl im Oktober werde "Radikale" an die Macht bringen, "auf absolut legalem Wege. Dann bekommen wir ein Kirgisien, das sich nach afghanischem Muster der Taliban-Zeit entwickeln wird - und das wäre extrem gefährlich für unser Land und Zentralasien".
Noch könne die Situation gerettet werden, glaubt Medwedew: wenn die kirgisische Führung "Mut und Taktgefühl" zeige und das Gespräch mit den anderen ethnischen Gemeinschaften suche.
Tut sie das? Warum spricht die im Westen hoch gelobte Übergangspräsidentin nur von "dunklen Kräften", die das Blutvergießen in Osch verschuldet hätten? Warum nennt sie Ross und Reiter nicht, warum lässt sie es zu, dass ihre Umgebung den Einsatz einer internationalen Polizeitruppe im Krisengebiet torpediert?
Vier Menschen versuchen seit Wochen, die Wahrheit über die Vorgänge in Osch herauszufinden: die Kinder eines weltbekannten Schriftstellers, eine couragierte Juristin und ein früherer Vizegouverneur.
Die Geschwister Schirin und Eldar, sie 32, er 30 Jahre alt, sind in Bischkek geboren, sie seien "Kinder des Nordens", sagt Schirin, sie hätten mit den ländlich orientierten Leuten im Süden wenig gemein. Außerdem haben sie fast die Hälfte ihres Lebens im Westen verbracht. Osch ist für sie eine Stadt aus Tausendundeiner Nacht.
Vielleicht ist ihre Reise gerade deswegen so wichtig.
Die beiden stehen am Rande des zerstörten Markts, wo kirgisische Frauen auf nackter Straße den Rest ihrer Ernte ausgebreitet haben, Melonen, Gurken und Tomaten. Einige der Frauen erkennen Schirin und Eldar. Vor allem Schirin.
Sie trägt ein weißes Kleid mit großen bunten Blumen, ihre schwarzen Haare fallen bis auf die Schultern und umrahmen ein volles, rundes Gesicht: Es ist das Gesicht ihres Vaters, dem sie weit mehr ähnelt als Bruder Eldar. Das Gesicht von Tschingis Aitmatow.
Aitmatow war zu Sowjetzeiten der "geistige Vater des kirgisischen Volkes" und als "Stimme Zentralasiens" bekannt. Er war unter Stalin Steuereintreiber, Lagerarbeiter und Maschinist gewesen, hatte Tiermedizin und Literatur studiert und stieg dann zum populärsten sowjetischen Schriftsteller auf. Seine Bücher "Der weiße Dampfer" und "Dschamilja" - laut dem französischen Dichter Louis Aragon "die schönste Liebesgeschichte der Welt" - wurden in 80 Sprachen übersetzt.
16 seiner letzten Lebensjahre hatte Aitmatow als Botschafter Kirgisiens in Frankreich und den Benelux-Staaten verbracht; bis kurz vor seinem Tod 2008 lebte er in Brüssel, meist zusammen mit den Kindern.
Ihr Vater habe gegen die Zerstörung der kulturellen Traditionen angeschrieben, sagen Schirin und Eldar. Den Regierenden traute er zum Schluss nicht mehr, in seine Bücher zog tiefer Pessimismus ein - Aitmatow war auf der Suche nach einer "vernünftigen Religion", die den Menschen neuen moralischen Halt zu geben vermag.
"Als es 1990 hier in Osch schon einmal wegen eines Streits um Ländereien zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Usbeken und Kirgisen kam, mit mehr als tausend Toten", sagt Eldar, "da flog unser Vater sofort hierher. Er trat vor die erregten Menschen und beruhigte sie. Kein Politiker hat sich das damals getraut."
Eldar, ein wortkarger junger Mann mit Brille und pockennarbigem Gesicht, ist vom Vater als Alleinerbe eingesetzt worden, er leitet jetzt in Bischkek die Internationale Aitmatow-Stiftung. "Wir mussten in seinem Sinne etwas tun", sagt er.
Als im Juni die Unruhen ausbrachen, sind die Geschwister durch Bischkek gefahren, sie haben zusammen mit Freunden Medikamente, Lebensmittel, Kleidung und Zelte gesammelt, die Spenden zum Flughafen gebracht und dort eine ganze Nacht gewartet, bis Frachtmaschinen sie mit nach Osch nahmen.
Jetzt sind die beiden das zweite Mal da, mit mehreren Kamerateams; sie wollen, so sagen sie, die Ungeheuerlichkeiten, die in Osch passierten, dokumentieren - "damit die Nachwelt irgendeine Lehre aus den traurigen Ereignissen ziehen kann".
Schirin und Eldar sind auch heute wieder unterwegs, in kirgisischen wie usbekischen Vierteln, sie treffen Frauen wie Aigul Dscholdubajewa. Die Kirgisin ist klein und stämmig, 39 Jahre alt, früher hat sie Schuhe auf dem Markt verkauft, sie war Unternehmerin. Sie steht auf dem Hof ihres abgebrannten Hauses, es war eines der besseren im Ort, mit Säulen vor dem Aufgang und insgesamt elf Zimmern, die Decken sind jetzt eingestürzt. "Über zehn Jahre habe ich 350 000 Dollar zusammengespart", schreit Dscholdubajewa erregt über den Hof, "und muss erleben, wie alles in einer Stunde zu Asche wird."
Am 10. Juni abends habe alles begonnen, sagt sie, am 11. habe ihr Haus gebrannt, aber selbst am 13. seien weder Feuerwehr noch Polizei zu sehen gewesen. "Was hat die Regierung in dieser Zeit gemacht? Nicht einen Ziegelstein dieses Hauses hat sie bezahlt, und sie kümmert sich auch jetzt einen Dreck um uns."
Ob sie gesehen habe, wer mit den Brandstiftungen begonnen habe? Nein, sagt Dscholdubajewa, aber jeder wisse es doch: 3000 Usbeken hätten sich zusammengerottet, "Allahu akbar" hätten sie geschrien, dann seien sie mit Fackeln losgezogen. "Die haben das lange geplant und ihre eigenen Frauen und Kindern rechtzeitig aus der Stadt geschafft."
Der Usbeke Isatullah Sakirow, 49, erzählt alles genau andersherum. Im Viertel Schark hätten ebenfalls am 11. schon zwei Häuser gebrannt. Junge Kirgisen, kaum älter als 18, seien mit Kalaschnikows bewaffnet durch die Gassen gezogen. Am nächsten Tag standen bereits zehn Häuser in Flammen. "Wir haben aus Containern Barrikaden errichtet und bei der Polizei und beim Bürgermeister angerufen. Die nahmen nicht mal den Hörer ab."
Am dritten Tag, erzählt er, seien 500 Mann von Süden her gekommen, 200 von Norden. Sie hätten wild um sich geschossen, seien in die Häuser eingedrungen und hätten alles Wertvolle auf Lastwagen geladen. Dann seien die Brandstifter nachgerückt, um die Häuser abzufackeln. Zehn Leute in seinem Viertel starben, sein Bruder erhielt einen Schulterdurchschuss, drei Usbeken sind vermisst.
Sakirow trägt blaue Hose und blaues Hemd, die Sachen sind vom Roten Kreuz. Auch sein Haus liegt in Asche, selbst die Weinreben im Innenhof sind verdorrt. Mitten im Schutt liegt sein aufgebrochener, ausgeglühter Safe. "Ich habe nichts gegen Kirgisen", sagt er und stochert mit dem Fuß im Schutt, "wir hatten bis zum Juni einen als Nachbarn und nicht mal einen Zaun zwischen uns. Die Streitereien damals, 1990, wurden - wenn auch mit hartem Militäreinsatz - schnell geklärt."
"Aber was jetzt hier passiert ist, verstehe ich nicht", sagt Sakirow. Er sei Fernfahrer mit eigenem Lkw, er sei durch die halbe Welt gekommen, nach Hamburg, Riad, Moskau: "Ich dachte, ich kenne die Menschen." Jetzt wolle er mit seiner siebenköpfigen Familie nur noch weg, allerdings seien alle Papiere verbrannt. Um neue zu bekommen, würden die kirgisischen Beamten in Kirgisisch ausgefüllte Anträge verlangen, Kirgisisch aber sprächen die Usbeken nicht.
Schirin und Eldar, die Aitmatow-Kinder, haben Aussagen wie diese gefilmt. Welche Hand Hass und Sadismus gesteuert hat, verstehen die im beschaulichen Brüssel aufgewachsenen Geschwister noch weniger als Sakirow. Eines aber haben sie begriffen: "Kirgisen und Usbeken reden nicht mehr miteinander. Es wird keine Versöhnung geben."
Es ist völlig egal, wer angefangen hat", sagt Tscholpon Dschakupowa, "viel schlimmer ist, dass wir dieses Land in ein zweites Afghanistan verwandeln."
Die Juristin Dschakupowa, 51 Jahre alt, ist Kirgisiens bekannteste Bürgerrechtlerin, sie leitet die Organisation "Adilet". Auch sie ist seit Tagen in der Stadt, auf der Suche nach den Opfern der Pogrome.
Seit dem frühen Morgen hat sie die Klinken von Polizei- und Beamtenstuben geputzt und vergebens versucht, in die Keller unterm Schauspielhaus zu gelangen, wo ein Teil der verhafteten Usbeken sitzen soll, sie ist vorbeigehetzt an den bettelnden Usbeken-Frauen, die neben der Universität ihre allerletzte Habe verkaufen, und hat selbst in der Nachbarstadt Dschalal-Abad noch Zeugen gesucht.
Jetzt sitzt sie erschöpft vor ihrer Unterkunft und raucht Kette, sie muss verarbeiten, was sie tagsüber erfahren hat. Bei den Usbeken seien wesentlich mehr Menschen umgekommen als bei den Kirgisen, sagt sie. Aber die Polizei verhafte vor allem Usbeken. Sie habe heute einen Mann getroffen, der habe gerade seinen Sohn zurückgekauft - für 5000 Dollar. "Hier herrscht absolute Rechtlosigkeit", sagt Dschakupowa. "Die Gegend ist in der Hand von Warlords."
Das viertägige Morden sei keine spontane Aktion gewesen. Blutjunge kirgisische Männer, die in den angrenzenden armen Bergdörfern als Viehzüchter lebten, seien in die Stadt gekommen. Deren Plünderungswut habe man mit Erzählungen vom usbekischen Reichtum angefacht - da seien zwei unterschiedliche Lebenswelten aufeinandergetroffen.
"Die neuen Politiker in Bischkek haben vier Tage lang die Augen zugemacht", sagt Dschakupowa und zieht heftig an ihrer Zigarette - "ja wahrscheinlich sogar mehr: Sie haben die ethnischen Minderheiten in die Machtspiele hineingezogen, die das Land seit Bakijews Sturz lähmen."
Es sei womöglich ein ausgeklügeltes Spiel gewesen. "Einige Leute aus der Regierung von Präsidentin Otunbajewa haben die neue Verfassung durchgedrückt, um dann ins Parlament zu wechseln, das ab Oktober Kirgisiens neue Machtzentrale sein wird. Sie werden später bestimmen, was im Land passiert, nicht Otunbajewa. Die Verfassung aber wäre nie durchgekommen, hätte es nicht die Pogrome in Osch gegeben: Die Menschen wollten danach nur noch Ruhe und haben mit Ja gestimmt. Es war eine Farce."
Und die Usbeken? Es habe im April eine Abmachung gegeben, sagt Dschakupowa: Sie stimmen für die neue Führung und erhalten dafür eine bestimmte Zahl an Parlamentssitzen und den Bürgermeister- oder den Gouverneursposten in Osch. Jetzt sind die Usbeken kaltgestellt. Aber gleichzeitig ist das Korn für eine usbekische Nationalbewegung gelegt, die über die Grenzen der Region schwappen könnte - denn die Usbeken machen in ganz Zentralasien ein Drittel der Bevölkerung aus.
Ein Land, in dem auf so menschenverachtende Art Politik betrieben werde, sei nicht reif für eine parlamentarische Demokratie, sagt die Juristin.
Dschakupowa kennt die neue Präsidentin aus den Zeiten, als sie in der Opposition gewesen war. Vor kurzem ist sie zu ihr gegangen und hat ihr den selbstverfassten Entwurf eines Erlasses vorgelegt.
"Unterschreiben Sie ihn, dann lässt sich der Zerfall des Landes stoppen, habe ich zu Otunbajewa gesagt." "Was steht drin?", habe die Präsidentin wissen wollen.
"Dass Sie sich der selbstherrlichen Leute in Ihrer Umgebung entledigen, die hinter den Pogromen stecken." "Die zerreißen mich", habe die Präsidentin geantwortet.
Dschakupowa: "Sie sind nach dem Verfassungsreferendum die einzig legitime Politikerin im Land, alle anderen sind nicht mal vom Parlament bestellt."
"Sie hat nichts getan, sie ist eine unentschlossene Frau", sagt Dschakupowa. Inzwischen hätten die meisten dieser Männer die Regierung verlassen, um Wahlkampf zu führen. Jeder habe seine eigene Partei und verkaufe Listenplätze für bis zu 500 000 Dollar. Junge Parteianhänger würden zu "Ordnungskräften" erklärt und bekämen Waffen. "Das sind Milizen - doch niemand schreitet ein."
Es ist Mitternacht geworden in Osch. Draußen sind Schüsse zu hören.
Bischkek heißt nicht nur die Stadt, sondern auch jenes Gefäß, in dem die Kirgisen ihr Nationalgetränk Kumys zubereiten - vergorene Stutenmilch. Kirgisisches Flair bietet die Metropole aber nicht, sie sieht aus, als hätte der Kreml eine seiner Sowjetstädte 3000 Kilometer weit nach Osten exportiert.
In den letzten Monaten ist Bischkek heruntergekommen, der "Revolution" vom April fiel auch der Bürgermeister zum Opfer. Er galt als tüchtiger Mann, jedoch als Anhänger des gestürzten Präsidenten. Nun sind die Straßen mit Schlaglöchern übersät, die Hausfassaden verwahrlost, in stillgelegten Springbrunnen schwimmt Müll. Nur abends, wenn die Dunkelheit Bischkeks Wunden verhüllt, wirkt die Stadt freundlicher.
In der abklingenden Hitze des Sommertags flanieren dann ärmlich gekleidete Leute über den zentralen Tschui-Prospekt, sie kaufen chinesisches Spielzeug für ihre Kinder, spielen "Haut den Lukas" und singen Karaoke oder lassen sich für sechs Cent auf mobilen Waagen wiegen.
Die Tore vorm "Weißen Haus", dem Regierungssitz, hängen seit dem Umsturz schief in ihren Angeln. An ihren schmiedeeisernen Gittern klebten jüngst Zettel mit düsteren Losungen: "Für dreckige Juden ist kein Platz in Kirgisien", stand da.
Dahinter steckt eine Geschichte: Der verhasste Sohn des gestürzten Staatschefs, Maxim, der mit einer Schattenregierung Kirgisiens Wirtschaft kontrollierte, hatte vor allem mit jüdischen Bankiers gedealt. Aber geht es wirklich um die Juden?
Kaum. Aber ein Volk, das sich über eine jahrhundertealte Kultur definiert, den Niedergang des Landes jedoch nicht zu begreifen vermag, liebt verlogene Parolen. Auch Koreaner, Uiguren, die Usbeken ohnehin sind in Bischkek jetzt zur Zielscheibe geworden. Von "Parasiten" ist die Rede, von einer "Mafia, die unsere Mädchen für ein Butterbrot kauft", und "Volksfeinden, die über das Schicksal unseres Volkes entscheiden". Die Kirgisen seien die Ärmsten im eigenen Land, weil sie nicht nach Reichtum strebten wie die 700 000 Usbeken, die zudem immer mehr Kinder in die Welt setzten, schrieb die Zeitung "Alibi": "Solange noch ein Fünkchen Stolz in uns ist, sollten wir den Usbeken den Kulturkrieg erklären."
Für Kalnur Ormuschew sind die Hetzreden eine Bankrotterklärung seines Volkes. "Alle um uns herum sind ehrgeizig", sagt er. "Die Kasachen haben Öl und wollen eine Weltmacht werden, die Usbeken halten sich für die Führungskraft der Region." Die Kirgisen aber? Die hätten jede Menge Präsidenten und verbrannte Städte. Nur kein Ziel. "Wir sind ohne Leidenschaft. Viehzüchter eben, die zu anderen Weiden ziehen, wenn die alte leergefressen ist. Kirgise sein ist eine Diagnose."
Ormuschew, 60 Jahre alt, ein schmaler Intellektueller mit Brille, war früher Vizegouverneur in Osch und Vizeminister in Bischkek, dann verließ er die Politik. Er sitzt zur Mittagszeit in einem der türkischen Restaurants von Bischkek, er ist jetzt Generalvertreter für Havanna-Zigarren in der Region.
"Auch wir hätten für unsere fünf Millionen Einwohner genug Ressourcen", sagt Ormuschew, "aber über eine halbe Million Menschen haben Kirgisien verlassen: Die Ingenieure sind weg, alle guten Ärzte, die Wissenschaftler. Wir sind in einer geistigen Krise." Einer wie Tschingis Aitmatow, sagt er, hätte alles noch richten können. Aber solche Männer gebe es nicht mehr. Und nun wollten sie in Bischkek die Volksherrschaft ausrufen.
Glaube er an die Theorie angelsächsischer Ökonomen, wonach Demokratie in verarmten Ländern zu einem Anstieg politischer Gewalt führen kann?
"Das mag so sein", sagt Ormuschew. Und es sollte auch den Westen beunruhigen. "Warum fuhr die deutsche Bundeskanzlerin zum Fußball nach Kapstadt statt nach Osch, nachdem dort 2000 Menschen gestorben waren?" Habe ihre Regierung nicht Zentralasien zum Schwerpunkt erklärt? Sie hätte eine gute Figur als Friedensstifterin machen können.
"Aber wir spielen im Westen keine Rolle", sagt der Zigarrenvertreter und zieht an einer kleinen Habano. "Ihr Deutschen seid abgestumpft. Ihr begreift nicht: Wenn die Kirgisen nichts mehr zu essen haben, produzieren sie Waffen und Heroin. Und ziehen zusammen mit Kim Jong Il nach Europa."
Eine gläserne Hauptstadt in der Steppe und ein gottgleich herrschender Präsident: Das menschenleere, aber ölreiche Kasachstan will Führungsmacht in Zentralasien werden - und ein zweites Singapur.

Im nächsten Heft: Kasachstan
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