27.09.2010

SPIEGEL-GESPRÄCH„Jenseits der Realität“

Deutschlands beste Tennisspielerin Andrea Petkovic, 23, über ihren Aufstieg in die Weltspitze, das absurde Verwöhnprogramm der Turnierdirektoren, das Selbstbewusstsein der Stars und ihr Praktikum in der hessischen Staatskanzlei
SPIEGEL: Frau Petkovic, ist es eine Ehre oder eine Belastung für Sie, in einer Reihe zu stehen mit Steffi Graf?
Petkovic: Sie meinen als beste deutsche Tennisspielerin? Eine Ehre, würde ich sagen. Mir ist das aber nicht wichtig. Steffi Graf war ein Ausnahmetalent, was sie geschafft hat, ist sehr schwer zu wiederholen. Das ist auch überhaupt nicht mein Ziel. Mir geht es nicht allein um Leistung. Für mich ist Tennis viel mehr.
SPIEGEL: Was denn?
Petkovic: Ich begreife mich in erster Linie als Entertainerin, nicht als Sportlerin. Der Tennisplatz ist meine Bühne. Die Leute bezahlen, um unterhalten zu werden. Der Profizirkus ist oft eindimensional, ich möchte für ein paar Farbtupfer sorgen.
Dazu gehört, die Menschen auch abseits des Platzes miteinzubeziehen. Wenn ein Kind sagt: Die Andrea ist cool, wegen der fange ich mit Tennis an, dann ist schon viel gewonnen.
SPIEGEL: Sie haben auf dem Gymnasium die elfte Klasse übersprungen und Ihr Abitur mit der Note 1,2 bestanden. Sie sind erst seit Anfang 2007 Profi, studieren nebenher Politik und stehen aktuell auf Platz 35 der Weltrangliste. Haben Sie jemals damit gerechnet, Deutschlands Spitzenspielerin zu sein?
Petkovic: Nein, ich war ja als Jugendliche in meinem Jahrgang auch nie die Beste, weil die Schule für mich immer Priorität hatte. Ich habe meistens nur in den Ferien Turniere gespielt, und je älter ich wurde, desto weniger konnte ich trainieren, weil ich immer länger Unterricht hatte, in der Oberstufe bis 17 Uhr. Ich habe deswegen Spiele verloren, die ich eigentlich hätte gewinnen müssen. Diesen Zusammenhang habe ich damals nicht erkannt, ich habe gedacht, ich sei einfach zu schlecht.
SPIEGEL: Ihnen war nicht klar, dass Sie das Zeug zum Profi haben?
Petkovic: In dieser Phase nicht. Auch wenn ich es zwischendurch gespürt habe. Im Januar 2003, da war ich 15 Jahre alt, bin ich bei den Australian Open der Juniorinnen bis ins Achtelfinale gekommen und habe auf dem Weg dorthin Ana Ivanović geschlagen, die spätere Nummer eins der Weltrangliste. Ich war total euphorisiert und dachte, ich bin der kommende Superstar. Fast wäre ich in diese Falle getappt.
SPIEGEL: In welche Falle?
Petkovic: Ich wurde zum ersten Mal mit den Oberflächlichkeiten der Szene konfrontiert. Es kamen die Sponsoren und Manager, die meinten, ich hätte sicher Potential für die Top Ten. Mit 15 kannst du nicht wissen, dass die nur Geld mit dir verdienen wollen, egal wie. Ich habe überlegt, die Schule abzubrechen. Mit der Zeit wuchs aber die Erkenntnis, dass es mir wichtiger war, zunächst einen vernünftigen Abschluss zu machen.
SPIEGEL: Warum war Ihnen die Schule so wichtig?
Petkovic: Ich wollte immer eine gute Schülerin sein, und ich habe immer gern gelernt. Es gibt in meinem Leben viele Dinge, die ich besser kann als Tennis spielen.
SPIEGEL: Warum sind Sie trotzdem Profi geworden?
Petkovic: Ich liebe diesen Sport. In einem Match empfinde ich Wut, Freude, Trauer, Stolz. Andere Menschen springen mit dem Fallschirm, nehmen Drogen, um Extreme zu leben. Ich spiele Tennis. Mich mit der Gegnerin zu messen gibt mir einen Kick.
SPIEGEL: Als Sie anfingen, haben Sie sich geschworen: Wenn ich es nicht innerhalb von zwei Jahren unter die besten 50 der Weltrangliste schaffe, höre ich auf. Wieso dieses Ultimatum?
Petkovic: Meine Eltern wollten, dass ich Jura oder Medizin studiere. Ich habe mir das Ultimatum gestellt, um sie zu beruhigen. Und weil ich vermeiden wollte, im Tennis im Durchschnitt zu versinken. Es gibt zu viele Frauen, die jahrelang um Platz 80 oder 90 herumgurken, die ständig hoffen, den Durchbruch zu schaffen - wie Sänger, die nicht aufhören zu glauben, irgendwann den einen Hit zu landen. Dieses Schicksal wollte ich mir ersparen.
SPIEGEL: Wie haben die anderen Spielerinnen Sie auf der Tour empfangen?
Petkovic: Die gucken dich genau an: Wie spielt sie? Kann sie mir gefährlich werden? Sieht sie gut aus? Was hat sie für ein Marktpotential? Es ist ein seltsames Gewerbe, schwer zu verstehen, aber faszinierend.
SPIEGEL: Was genau meinen Sie damit?
Petkovic: Es ist erstaunlich, wie knallhart die guten Mädels sind, wie erbarmungslos die ihren Weg gehen. Serena Williams etwa ist überzeugt, die beste Spielerin zu sein, und wenn sie mal verliert, dann denkt sie das immer noch. Oder Marija Scharapowa: Die trennt zwischen Privatleben und Arbeitswelt, die macht ihren Job und heuchelt keine Freundschaften vor. Ihr Selbstbewusstsein kommt allerdings nicht von innen, das ist auch nicht anerzogen, sondern antrainiert.
SPIEGEL: Fällt es Ihnen schwer, sich in diesem Milieu zu arrangieren?
Petkovic: Es hilft mir, dass ich die Rangliste nicht hochgeschossen, sondern langsam hochgeklettert bin. Ich bin wie Wasser, das stetig erwärmt wird, und ich kann mir vorstellen, wie es ist, wenn es kocht.
SPIEGEL: Wie ist es denn?
Petkovic: Der Druck ist riesig. Sie müssen mal drei Tage vor einem Grand-Slam-Turnier anreisen und das Training beobachten: Da wird geflucht, werden Schläger geschmissen, das ist Wahnsinn. In der Umkleide redet man nicht miteinander, und wenn mal jemand lacht, dann ist es so ein hysterisches Lachen. Je länger das Turnier dauert, je leerer die Umkleide wird, desto größer wird der Druck. Bei den Männern geht es lockerer zu, ich weiß aus verlässlicher Quelle, dass die häufig nackt in der Kabine rumlaufen.
SPIEGEL: Klingt, als seien Tennisprofis spezielle Typen.
Petkovic: Viele leben jenseits der Realität. Ich habe mal gesehen, wie jemand an der Kasse des Spielerzentrums sein Steak unter dem Reis versteckt hat, damit er nur den Reis bezahlen muss. Es gibt Profis, die regen sich über Kleinigkeiten auf, dabei werden sie verwöhnt ohne Ende. Da scheidet man in der dritten Runde aus und kriegt als Trostpflaster ein iPad geschenkt, zusätzlich zum Preisgeld. Das ist völlig absurd.
SPIEGEL: Warum werden Tennisspieler so verhätschelt?
Petkovic: Um sie bei Laune zu halten. Das Verrückte ist: Je besser du bist, je mehr du also schon hast, desto mehr bekommst du. Wertvollere Präsente, größere Hotelzimmer. Das ist der Matthäus-Effekt: "Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben." Statt denen unter die Arme zu greifen, die es gebrauchen können, den Qualifikanten zum Beispiel. Es ist eine verkehrte Welt.
SPIEGEL: Sprechen Sie da aus Erfahrung?
Petkovic: Wenn du im Hauptfeld stehst, wird dir das Hotel in der Regel spendiert, als Qualifikantin musst du es bezahlen. Einmal, bei den German Open in Berlin, war es ein Fünf-Sterne-Haus, das konnte ich mir nicht leisten, aber der Fahrdienst zur Anlage ging nur von dort aus. Also habe ich mich bei einer Kollegin als blinde Passagierin eingenistet.
SPIEGEL: Wie gut muss man sein, damit man vom Tennis leben kann?
Petkovic: Wenn du unter den ersten 100 der Weltrangliste bist, hast du keine Sorgen, aber es bleibt für später nichts übrig. Um das zu schaffen, musst du mindestens fünf, sechs Jahre unter den besten 50 stehen.
SPIEGEL: Warum haben Sie eigentlich keinen Manager?
Petkovic: Weil ich unabhängig bleiben will. Ich möchte selbst für mich verantwortlich sein und sagen dürfen, was ich möchte. Zu viele Spielerinnen sind gleichgeschaltet und werden über Erotik verkauft. Das ist mir zu banal.
SPIEGEL: Nervt es Sie manchmal, dass Sie als Tennis-Intellektuelle gelten?
Petkovic: Ich verbinde mit dem Begriff "intellektuell" nichts Professorales. Ich bin ein lebensfreudiger, neugieriger Mensch.
SPIEGEL: Abgesehen vom Studium - wie bilden Sie sich fort?
Petkovic: Ich habe den SPIEGEL und "Die Zeit" abonniert. Und ich lese immer einen Roman und ein Sachbuch parallel.
SPIEGEL: Welche Bücher sind es gerade?
Petkovic: "Der lange Weg zur Freiheit" von Nelson Mandela und "Effi Briest" von Theodor Fontane. Poetischer Realismus ist eigentlich nicht so mein Fall, aber die Geschichte ist interessant, wie ein sehnsüchtiges Mädchen so begrenzt wird.
SPIEGEL: Die meisten Profis verbringen ihre Zeit vorm Fernseher oder der Playstation.
Petkovic: Ich hänge auch herum und gucke DVDs, so ist es nicht. Aber auf Dauer ist mir das zu langweilig. Ich spiele Gitarre, lerne Schlagzeug, schreibe Liedtexte. Nach einem Turnier versuche ich, noch einen Tag in der Stadt zu bleiben, um mir etwas anzugucken. In New York war ich im Museum of Modern Art, in Paris im Louvre. Und ich kümmere mich auch noch um meinen Video-Blog.
SPIEGEL: Da nennen Sie sich Petkorazzi und berichten über Skurriles aus der Tenniswelt. Wie kam es dazu?
Petkovic: Ich versuche, das moderne Deutschland zu repräsentieren, und die junge Generation ist nun mal im Internet bei MySpace und Facebook unterwegs. Ich wollte den Leuten etwas bieten, das andere nicht haben, und Facetten meiner Persönlichkeit zeigen. Zunächst habe ich die Videos nur auf Deutsch gemacht, aber es gab so viele Anfragen, dass ich sie nun auch auf Englisch anbiete.
SPIEGEL: In einer Folge berichten Sie von einer Spielerparty in Dubai. Da amüsieren Sie sich darüber, wie gut es die Profis hätten, weil das Buffet so groß ist, und sagen, das Dessert sehe aus wie "Hundekacke". Wie findet die Profi-Organisation WTA das denn?
Petkovic: Die WTA ist ein Unternehmen, das wirtschaften muss. Je mehr Leute Tennis interessant finden, desto besser für sie. Ich denke, die wissen, dass ich mit dem Blog Leute erreiche, die sie nicht erreichen; ich mache Tennis möglicherweise für Leute spannend, die es vorher nicht spannend fanden. Deswegen unterstützt die WTA mich da, es gibt auf ihrer Web-Seite einen Link auf meine Homepage.
SPIEGEL: Sie sind bei den US Open im Achtelfinale ausgeschieden, vier Tage später haben Sie eine Klausur geschrieben über die Verfassungsgeschichte Deutschlands und Europas. Wie ist es gelaufen?
Petkovic: Ganz okay. Ich lerne jeden Tag mindestens ein bis zwei Stunden, auch auf den Turnieren.
SPIEGEL: Weil Sie wissen wollten, wie Politik wirklich funktioniert, haben Sie ein Praktikum in der hessischen Staatskanzlei unter dem damaligen Ministerpräsidenten Roland Koch absolviert. Was haben Sie von ihm gelernt?
Petkovic: Koch ist ein schwieriger Typ. Ein brillanter Kopf, den ich gern ein paar Mal gepackt und kräftig durchgeschüttelt hätte.
SPIEGEL: Weshalb?
Petkovic: Er fühlt sich offenbar nur wohl, wenn er mit Menschen zusammen ist, die aus seinem Universum kommen. Wenn er sich mit einem Vertreter der IG Metall trifft, ist er souverän und rhetorisch sensationell. Aber wenn er ein Altenheim besucht, weiß er nicht, wie er sich verhalten soll. Da hätte ich ihm am liebsten gesagt: Rolli, sei doch mal locker!
SPIEGEL: Fühlen Sie sich der CDU nahe?
Petkovic: Nicht wirklich. Es gibt keine Partei, in die ich eintreten möchte, darum kann ich mir vorstellen, nach der Tenniskarriere eine eigene zu gründen. Ich meine das ernst. Was fehlt, ist eine Partei, eher links angesiedelt und für Leute zwischen 25 und 40. Die kommen in unserer Gesellschaft zu kurz.
SPIEGEL: Sie sind mit Ihren Eltern vor 22 Jahren aus Jugoslawien nach Deutschland eingewandert. Wie bewerten Sie die Thesen von Thilo Sarrazin?
Petkovic: Ich möchte dazu nichts Neunmalkluges sagen, ich kann nur als Deutsche mit Migrationshintergrund über meine Erfahrungen reden.
SPIEGEL: Nur zu.
Petkovic: Ich war sechs Monate alt, als ich nach Deutschland kam. Dieses Land hat mir so viele Chancen gegeben. Das politische System beeindruckt mich sehr. Ich konnte kein Wort Deutsch, als meine Eltern mich mit drei in den Kindergarten steckten. Erst als ich die Sprache beherrschte, hatte ich auch Freunde. Sprache ist die Voraussetzung für Integration. Ohne Deutschkenntnisse hätte das Leben in Deutschland für mich keinen Sinn gemacht. Deshalb müssen wir in Bildung und noch mal in Bildung investieren. Man darf Integration nicht erzwingen, man muss den Einwanderern helfen, den richtigen Weg zu gehen - aber wir dürfen auch nicht zu lieb sein und tolerant bis zum Gehtnichtmehr.
SPIEGEL: Sie hören sich schon an wie eine Politikerin.
Petkovic: Früh übt sich.
SPIEGEL: Sie sind in den Top 50 angekommen, das heißt aber noch lange nicht, dass Sie auf Dauer da oben bleiben. Was tun Sie, wenn Sie in der Weltrangliste wieder fallen?
Petkovic: Im schlechtesten Fall braucht man ein Jahr, um von Platz 35 auf 90 zu rutschen. Wenn ich dann noch ein bis zwei Jahre da unten stünde, würde ich Schluss machen. Alles andere wäre charakterlos.
SPIEGEL: Frau Petkovic, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führte Redakteur Maik Großekathöfer.
Von Maik Großekathöfer

DER SPIEGEL 39/2010
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