27.09.2010

FUSSBALLSo sehen Sieger aus

Hércules Alicante hat sich den Aufstieg in die erste spanische Liga offensichtlich erkauft. Doch der Schmiergeldskandal bleibt ohne Folgen.
Der kleine Verein Hércules Club de Fútbol aus Alicante wirkte immer ein wenig wie die spanische Ausgabe von Arminia Bielefeld. Eine dieser netten Fahrstuhlmannschaften, die nur für ein paar Jahre in der höchsten Spielklasse auftauchen, ein paar gute, viele schlechte Auftritte hinlegen, bevor sie wieder in der Versenkung verschwinden, und in finanzielle Schieflage geraten. Der Name Hércules klang, als hätte ihn sich ein Komiker ausgedacht.
Nun ist Hércules mal wieder ganz oben angelangt in der Primera División, nach 13 Jahren. Am zweiten Spieltag gewann der Aufsteiger 2:0 beim FC Barcelona, vorvergangenen Sonntag trotzte Hércules dem Tabellenzweiten FC Valencia und verlor unglücklich 1:2. Im Kader stehen Männer wie der Franzose David Trezeguet, der von Juventus Turin kam, der Paraguayer Nelson Valdez, für rund vier Millionen Euro aus Dortmund geholt, und der Niederländer Royston Drenthe, ausgeliehen von Real Madrid.
Etwas hat sich verändert bei Hércules, es läuft jetzt besser. Sie haben wohl verstanden, wie man im Land des Fußball-Weltmeisters ganz nach oben gelangen und mithalten kann. Mit Schmiergeld.
Hércules hat gegen Ende der vergangenen spanischen Zweitliga-Saison offenbar mindestens viermal versucht, gegnerische Mannschaften zu kaufen. Obwohl die Beweislage erdrückend ist, spielt Hércules weiter in der Primera División. Niemand scheint sich wirklich daran zu stören.
Die Verwandlung vom Verliererteam zur Siegermannschaft begann für Hércules mit Enrique Ortiz, einem rundlichen Mann, der rahmenlose Brillen mag und dem die Stadt Alicante faktisch gehört. Ortiz ist der größte Bauunternehmer der Provinz und Mehrheitseigner bei Hércules. In Alicante besitzt er 25 Prozent des städtischen Bodens, nimmt man seine vielen Beteiligungen hinzu, sind es rund 70 Prozent.
Seit einiger Zeit wird gegen Ortiz ermittelt, der seine Unschuld beteuert. Es geht um den Verdacht der Korruption, um Seilschaften mit Lokalpolitikern, um krumme Geschäfte mit Müll. Das Übliche, wenn man im spanischen Baugeschäft tätig ist. Ortiz' Telefonate wurden abgehört. Die Mitschnitte gelangten an die Tageszeitung "El País" aus Madrid, die sie veröffentlichte.
Während eines Gesprächs mit einem Verwandten kommt Ortiz auf den Sieg von Hércules am 36. Spieltag der vergangenen Saison gegen Córdoba zu sprechen. Hércules hat 4:0 gewonnen.
Demnach sagt Ortiz: "Fußballer sind nicht blöd, die wissen, ob sie sich bestechen lassen oder nicht … Bei dem Spiel kürzlich hat man nicht gemerkt, dass der Torwart geschmiert war …"
Verwandter: "Von was für einem Spiel redest du?"
Ortiz: "Das letzte Spiel, das wir hier gewonnen haben … Ich habe ihm 100 000 Euro gegeben ... Beim ersten Tor von Tote wirft er sich in die andere Ecke … Hast du es gesehen? … Erst wollten wir der Mannschaft 300 000 geben. Die Mannschaft sagte aber, sie sei nicht käuflich … Also haben wir den Torwart genommen."
Ein paar Tage später, das geht aus den Ermittlungsakten hervor, spricht Ortiz am Telefon mit Jorge López Marco, genannt Tote, dem Mannschaftskapitän von Hércules, einem ehemaligen Spieler von Real Madrid. Das Auswärtsspiel beim FC Girona war nur 1:1 ausgegangen, Ortiz will offenbar wissen, warum.
"Was ist los, Alter?", fragt Ortiz den Kapitän.
Da erklärt Tote dem Clubeigentümer, dass die Gegner von Hércules offenbar von weiteren Aufstiegskandidaten Geld geboten bekommen, damit sie sich gegen Hércules mächtig ins Zeug legen. "Damit du nicht sagst, dass die anderen keine Kohle springen lassen. Das hier ist ein Monsterkrieg", sagt der Kapitän laut dem Protokoll.
Der Skandal ist nun zwar in der Welt, doch Folgen für die mutmaßlichen Manipulateure hat er keine. Denn Spanien ist ein Rechtsstaat.
Unlängst entschied das Berufungsgericht in Alicante in letzter Instanz, dass die Ermittlungsakten mit den Abhörprotokollen nicht an den Fußballverband in Madrid weitergeleitet werden dürfen. Die Aufnahmen seien als Beweismaterial unzulässig, hieß es in der Begründung, weil die Fahnder den Hintergrund eines Müllskandals aufdecken sollten und nicht den Verdacht der Spielmanipulation, die in Spanien keine Straftat ist. Strenggenommen hätten die Ermittler das Band ausschalten müssen, sobald Ortiz das Thema Fußball anschnitt.
Für Spaniens Fußballfunktionäre wurde so aus handfesten Bestechungsvorwürfen eine lästige Geschichte, die in der Zeitung stand. Raúl Navas, der Torwart des FC Córdoba, wurde zu einer Befragung nach Madrid zitiert, genau wie Tote, der Kapitän von Hércules. Beide beteuerten ihre Unschuld, ebenso Ortiz. Dann schlossen die Liga-Bosse die Akten eines Falls, der für sie keiner ist.
Proteste gab es nur anfangs von zwei Zweitligisten. Betis Sevilla, punktgleich mit Hércules Vierter, hatte den Aufstieg verpasst. Der FC Cádiz hoffte, doch noch dem Abstieg zu entgehen. Aus der ersten Liga kam kein ernsthafter Widerstand.
Bei Hércules Club de Fútbol in Alicante muss sich niemand mehr sorgen. Sie gehören jetzt zum Establishment.
Von Juan Moreno

DER SPIEGEL 39/2010
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