27.09.2010

KULTURPOLITIKHamburger Hungerkunst

Deutschlands größtes Sprechtheater kostet 25 Millionen Euro im Jahr, so hoch ist der Etat des Hamburger Schauspielhauses. Allein für die Gehälter und den Unterhalt des Bühnenbetriebs sind rund 22,7 Millionen nötig, bleiben 2,3 Millionen für die Kunst: So hat Jack Kurfess, Finanzchef des Theaters, bisher kalkuliert, nun soll er mit 1,2 Millionen Euro weniger auskommen. Das Altonaer Museum in Hamburg wird gleich ganz geschlossen, die öffentlichen Bücherhallen müssen 1,5 Millionen Euro einsparen.
Diese drastischen Einschnitte hat der schwarz-grüne Hamburger Senat unter seinem Ersten Bürgermeister Christoph Ahlhaus (CDU) in der vergangenen Woche beschlossen und damit zornige Proteste ausgelöst. "Das ist der Anfang vom Ende", sagt Kurfess. Er fürchtet, dass das Schauspielhaus, dessen Intendant Friedrich Schirmer Mitte September nach fünf Jahren glückloser Amtszeit zurücktrat, von den Stadtpolitikern mittelfristig ganz aufgegeben werde. Die Kürzung um mehr als die Hälfte des künstlerischen Etats bedeute, dass die gutbesuchte und hoch gelobte Jugendtheatersparte des Schauspielhauses geschlossen werden müsse, so der Finanzchef. Auch werde kein ernstzunehmender Kandidat den Intendantenposten unter diesem Spardiktat übernehmen wollen.
Bürgermeister Ahlhaus war schon mit der Überlegung vorgeprescht, man könne das einst unter Intendanten wie Gustaf Gründgens, Peter Zadek und Frank Baumbauer glanzvolle Schauspielhaus vom gleichen Chef wie das konkurrierende Thalia-Theater leiten lassen. Die jetzt beschlossene Einsparung stelle "eine unglaubliche Demütigung durch eine ignorante Politik" dar, sagt Ex-Intendant Baumbauer. "Statt stolz zu sein auf eine einmalige Kulturinstitution, nutzt man rücksichtslos eine vorübergehende Schwäche aus." Während die Hamburger Politik in das Nobelprojekt Elbphilharmonie Hunderte Millionen Euro investiere, setze sie mit ihrem Sparkurs ein Signal für viele andere, ärmere Kommunen. "Deshalb ist diese Strafaktion durch den Senat nicht bloß ein Skandal", so Baumbauer, "sondern eine Katastrophe."

DER SPIEGEL 39/2010
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